Sonntag, Januar 29, 2006

Mit Jesus zu tun haben


Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1:21 – 28


Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.
Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.
In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:
Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.
Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!
Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.
Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.



I

„Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret?“ Damit fragt der unreine Geist, was sie denn mit Jesus gemein hätten; was Jesus denn von ihnen wolle; was er bei ihnen verloren habe. Mit dieser Frage verschließen sie sich Jesus; sie verweigern ihm Eintritt in ihr Leben.
Dieser Geist ist auch heute lebendig, wenn Jesus der Zugang zum Leben verweigert wird. Wenn ihm Bereiche des Lebens entzogen werden; wenn ihm gesagt wird: Hier hast du nichts zu sagen.
Dieser Geist ist dort lebendig, wenn versucht wird, das Leben ohne Jesus zu gestalten; sich selbst zu erlösen. Wo man entweder sich selber überschätzt oder Jesus unterschätzt. Auch das Leben von uns Gläubigen ist nicht automatisch vor diesem Geist sicher. Auch wir geraten immer wieder in die Versuchung, eigenständig zu denken, zu reden und zu handeln gerade so als gäbe es Jesus nicht, als hätte er uns nichts zu sagen, als hätte er in seinen Weisungen und in seinem Vorbild keinen Maßstab für unser Leben; als wüsste er nicht den Weg, der zum wahren Glück führt. So sehen wir ihn etwa sehr wohl zuständig, wenn es uns schlecht geht und wir über unser Leben zu klagen haben. Dann brauchen wir ihn als Watschenmann. Wie schnell aber hört seine Zuständigkeit auf, wenn es uns wieder gut geht.
Ja sogar bis in die innersten Bereiche unseres Betens machen wir dem Herrn seine Kompetenz streitig – einfach dadurch, dass wir ihn in seiner Zuständigkeit nicht ernst nehmen. Dies zeigt sich darin, dass wir mit geringem Glauben ins Gebet gehen und mit schwachem Vertrauen uns immer wieder ihm zuwenden, nachdem die zahlreichen Zerstreuungen uns von ihm weggezogen haben. Ähnlich ist es bei der hl. Messe: Was beschäftigt uns da nicht alles während wir die Worte der hl. Schrift hören, die Worte Jesu selber; wo gehen unsere Gedanken hin, während er selber zu uns spricht? Womit sind unsere Empfindungen beschäftigt, während er selber bei der Wandlung in den Gestalten von Brot und Wein unter uns gegenwärtig wird? Und was geht nicht alles in uns vor, während wir zur Kommunion gehen, um ihn selber leibhaftig zu empfangen. In all dem meldet sich jener Geist zu Wort, der im Evangelium Jesus fragt: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret?
Wie sollen wir mit diesem Geist bloß umgehen? Sollen wir uns auf endlose Diskussionen mit ihm einlassen? Aber genau das möchte er ja, damit er sein Ziel erreicht, uns von Jesus abzuziehen und uns von ihm fern zu halten!
Behandeln wir ihn wie Jesus: Hat der lang mit ihm diskutiert? Hat der lang gefackelt mit diesem Geist? Keine Rede! Jesus hat vielmehr kurzen Prozess mit ihm gemacht: Schweig und verlass ihn!
Ebenso müssen auch wir uns diesem Geist gegenüber verhalten, sobald er uns plagt und von Jesus entfernen möchte: Schweig und verlass mich! Indem wir dabei an Jesus denken und jene Worte verwenden, die aus seinem heiligen Munde gekommen sind, dürfen wir gewiss sein, dass sie auch jetzt in mir jene Kraft haben wie im Evangelium und mich von diesem unreinen Geist befreien werden. Damit werde ich frei für eine erneute, ganze Zuwendung zum Herrn. Verfahren wir mit diesem Geist nicht nur im Gebet und bei der hl. Messe auf diese Weise sondern ebenso im alltäglichen Leben, dann werden wir sehr bald merken, wie erlöst unser Leben durch die Kraft Jesu wird. Wir werden uns zunehmend als eine neue Schöpfung in Christus entdecken, als Menschen der Gnade Gottes, als seine geliebten Kinder. Unser Leben wird frei, damit der Geist Gottes in ihm wirken kann. Wir werden mit den Worten aus der 2. Lesung dem Herrn in rechter Weise und ungestört dienen können.
Danken wir dem Herrn, dass wir mit unserem zerrissenen Herzen und unserem aufgeteilten Leben immer zu ihm kommen dürfen, damit er Herz und Leben ganz machen kann in der Ausrichtung auf ihn, der unsere wahre Freude sein möchte, unser Friede und unsere Versöhnung, unser Weg, unsere Wahrheit, unser Leben.
Maria, seine Mutter, sei uns Fürsprecherin und Vorbild darin, wie auch wir unser Herz ungeteilt bei ihm haben können, wie auch wir tun können, was er uns sagt, da nur er allein es erfüllen, nur er allein seine Sehnsucht stillen kann in der Liebe zu Gott und zu den Menschen.


II

Ein merkwürdiger Geist, der uns da im Evangelium begegnet: Er weiß um die Heiligkeit Gottes in diesem Jesus von Nazaret – und will dennoch nichts mit ihm zu tun haben; ja, er hat sogar Angst, von diesem Jesus vernichtet zu werden! Ein Geist im Widerspruch, in der Zerrissenheit von Wissen und Streben.
Ein Gegenbeispiel mag uns die Unmöglichkeit dieses Geistes vor Augen führen: Bartimäus, der blinde Bettler an der Straße. Wie dieser weiß, dass da eben Jesus vorbeigeht und er in ihm den Sohn Davids, also den Messias, erkennt führt ihn dieses Wissen sogleich zum Ruf: Hab Erbarmen mit mir! Dieses Wissen zieht ihn in die Nähe Jesu; dieses Wissen erweckt seinen Glauben und sein Vertrauen, dass dieser Jesus ihn retten kann (vgl. Mk 10, 47 – 52).
Was können wir dem entnehmen? Dass Wissen um Jesus allein nicht genügt! Dass dieses Wissen allein nicht glücklich macht! Dass dieses Wissen allein nicht zu Jesus führt! Dass dieses Wissen allein nicht erlöst und befreit.
Es muss dazukommen die Ergriffenheit des Herzens im Glauben, dass dieser Jesus der Heilige Gottes ist um uns Menschen willen; zu unserer Erlösung und Befreiung; es muss dazukommen das Vertrauen, das mich mein Leben so wie es ist in die Hände Jesu legen lässt. Das diesem Jesus alle Türen meines Lebens öffnen will – gerade die Kellertüren meines Lebens. Keinen Winkel darf es in meinem Leben geben, der mit dem Ungeist des heutigen Evangeliums sagen könnte: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus von Nazaret! Jener Geist soll vielmehr in uns sein, der spricht: Jesus, ich weiß, du bist der Heilige Gottes! So komm, und heilige auch mich! Ich weiß, du bist das Licht der Welt! So komm, und erleuchte auch mich! Ich weiß, du bist der Heiland! So komm, und heile auch mich! Ich weiß, du bist der gute Hirt! So komm, und führe auch mich auf den Weg des Lebens! Ich weiß, du bist die Auferstehung und das Leben! So komm und löse auch mich aus den Fesseln des Todes! Ich weiß, du bist der Sohn des lebendigen Gottes! So komm, und führe auch mich zu deinem Vater!
Dieser Geist muss in uns sein und in uns reden und in uns beten! Und wir wissen es ist diese der Geist des Herrn, der Heilige Geist, der Geist, in dem wir bekennen: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes des Vaters!
Meine Lieben! Wir müssen uns dessen klar sein, dass dieser in sich gespaltene Geist nicht umsonst vor unsere Augen tritt. Damit soll uns gesagt sein, dass auch wir Christen keineswegs vor ihm sicher sind. Ja, ich wage sogar die Behauptung, dass dieser Geist in uns lebendiger ist als wir meinen und als uns lieb ist.
Denn es ist genau der Geist, der weiß, dass wir zum Gottesdienst kommen, dass wir das Wort des Herrn hören, dass wir dem Geheimnis der eucharistischen Wandlung beiwohnen, dass wir den Herrn bei der Kommunion zu uns nehmen, dass wir zur Beichte gehen, dass wir beten. Dieser Geist weiß das alles und dennoch spricht er dann im alltäglichen Leben: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret! Da haben wir diese Widersprüchlichkeit greifbar in unserem eigenen Leben vor uns: Auf der einen Seite das liturgische und fromme Wissen um Jesus – und auf der anderen Seite das praktische Verleugnen Jesu im Alltag. Wir sind Wissende – aber wir tun unser Wissen nicht! Darum macht uns dieses Wissen nicht glücklich und unser Tun führt nicht zum Frieden! Wir wissen, dass wir ein Tempel des Herrn sein sollen – aber wir lassen ihn nicht darin wohnen! Solange aber der Herr nicht in uns Heimat findet, werden auch wir heimatlos und ruhelos sein unser Leben lang. Darum ist es so wichtig, dass wir gerade mit dieser Uneinigkeit unseres Lebens immer und immer wieder vor den Herrn treten, damit er diesem Ungeist in uns gebiete: Schweig und verlass ihn! Im heutigen Evangelium leuchtet auf, was in einem Lied über Jesus so besungen wird: O Jesus, all mein Leben bist du, ohne dich nur Tod. Meine Nahrung bist du, ohne dich nur Not. Meine Freude bist du, ohne dich nur Leid. Meine Ruhe bist du, ohne dich nur Streit!
Es wird deutlich: Wir sind berufen, in Jesus Christus eine neue Schöpfung zu sein! Danken wir für diese Berufung und lassen wir keine Gelegenheit aus, uns die Einheit von christlichem Wissen und christlichem Handeln von Jesus erneuern zu lassen und diese Einheit durch unser Leben in Kirche und Welt zu bezeugen.
 

Samstag, Januar 21, 2006

Kommt, folgt mir nach!




Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1:14-20

Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes
und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!
Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer.
Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.
Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her.
Sofort rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.







Jona und Jesus! Diese beiden Gestalten werden uns heute durch die liturgischen Texte nebeneinander vor Augen gestellt. So hören wir denn, was sie uns zu sagen haben. Entdecken wir, was beide gemeinsam haben und was beide unterscheidet.
Beide wissen sich von Gott gesandt; beide haben eine Botschaft auszurichten.
Jona verkündet: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!
Jesus verkündet: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!
Wie reagieren die Zuhörer Jonas? „Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten.“ (Jona 3,5.10)
Wie reagieren die Zuhörer Jesu? „Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.“ (Mk 1,18) und etwas später: „ Sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.“ (Mk 1,20) Damit sind Petrus und Andreas, Jakobus und Johannes gemeint.
Jona bewegt die Leute von Ninive zur Umkehr durch die Androhung eines gewaltsamen Untergangs der Stadt.
Jesus bewegt zur Umkehr durch die Einladung in die Gemeinschaft mit ihm: Kommt, folgt mir nach!
Bei Jona wenden sich die Leute von ihren bösen Taten ab.
Bei Jesus kehren die vier Fischer zu einem Leben um, das von Jesus geprägt wird.
Durch die Botschaft Jonas schrecken die Leute Ninives vor dem Untergang ihrer Stadt zurück.
Durch die Botschaft Jesu werden die vier Fischer von einem Leben mit Jesus angezogen.
Jona übermittelt eine Drohbotschaft an die Leute von Ninive.
Jesus ist selber der Inhalt der Botschaft, die er verkündet: Mit ihm ist die Zeit erfüllt. Mit ihm ist das Reich Gottes nahe gekommen. Denn in ihm ist der geliebte Sohn Gottes zu uns gekommen.

Jesus möchte nicht durch Drohung zur Umkehr bewegen sondern durch das Angebot seiner Nähe und durch die Einladung in die Lebensgemeinschaft mit ihm; so als würde er sagen: kommt mit mir und ich zeige euch einen tieferen Sinn in eurem Leben, ein höheres Ziel, einen größeren Reichtum. Er schaut dabei nicht auf das, was in der Vergangenheit an Bösem geschehen ist; er schaut auf die Menschen und traut ihnen grundsätzlich diese Umkehr, diese Wandlung zu. Dabei ist es jedoch nicht so, dass die Leute bei dieser Umkehr sich auf ihre eigene Kraft verlassen müssten. Er weiß, das würde mit Sicherheit schief gehen. Vielmehr dürfen und sollen sie die Kraft zu dieser Umkehr aus der Gemeinschaft mit ihm schöpfen. Wenn also Jesus nach seinem Ruf zur Umkehr sogleich in seine Nachfolge ruft dann sagt er damit: Habt keine Angst vor dieser Umkehr – ich gehe diesen Weg eurer Bekehrung mit – vom mühsamen Anfang bis zum seligen Ende! Fürchtet euch nicht, denn ich bin mit euch; bei mir findet ihr die Kraft, das Licht, die Freude für diesen Weg. Jesus weist nicht nur den Weg zur Umkehr und setzt sich wie Jona dann auf einen Hügel nahe der Stadt Ninive, um zu sehen, was nun geschieht. (vgl. Jona 4,5) Nein, Jesus will diesen Weg vielmehr mitgehen – so sehr, dass er später einmal sagen wird: „Ich bin der Weg! Niemand kommt zum Vater außer durch mich!“ (Joh 14,6)

Es kommt noch ein weiteres dazu: Jesus hat die Umkehr, zu der er einlädt, selbst vollzogen! Nicht, dass er von einem Weg der Sünde umgekehrt wäre! Aber er ist von einem vollkommenen Leben im Verborgenen umgekehrt zu einem vollkommenen Leben in der Öffentlichkeit. Die große Wende war seine Taufe am Jordan und die anschließende Zeit in der Wüste. Die Liebe Gottes, des Vaters und die Kraft des heiligen Geistes haben ihn zur Umkehr geführt. Beides verkörpert er vollkommen. Und er ist gekommen, beides den Menschen weiterzugeben – als Inhalt des Reiches Gottes. In beidem steht er fest und kann deshalb mit Vollmacht seine Botschaft verkünden und die Menschen unwiderstehlich anziehen. Möge auch uns sein Ruf zur Umkehr von neuem treffen und mögen wir im Reich Gottes vor allem anderen die Fülle der Gemeinschaft mit ihm erkennen und anstreben, die jedes Begreifen übersteigt.

Samstag, Januar 14, 2006

Seht das Lamm Gottes



Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 1: 35 - 42


35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm.
36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.
38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du?
39 Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.
40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte (Christus).
42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus).




Es ist bemerkenswert, wie bei Johannes die ersten Jünger zu Jesus kommen. Bei den anderen drei Evangelisten ergreift Jesus die Initiative und geht auf die Leute zu: Er spricht sie mitten unter der Arbeit an und fordert sie auf: „Kommt, folgt mir nach!“ (Mk 1,17 parr.) Und sie lassen ihre Arbeit sein und folgen Jesus.
Nicht so bei Johannes: Da geht Jesus vorüber, fällt nicht weiter auf, ist wie die anderen Menschen auch. Nur einen gibt es, der weiß von Jesus mehr, als nach außen sichtbar ist: Johannes der Täufer! Und er behält sein Wissen von Jesus nicht für sich. Er teilt es seinen beiden Jüngern mit, die gerade bei ihm stehen – Andreas heißt einer von ihnen: Siehe, das Lammes Gottes! Dieser Hinweis ist eine Zusammenfassung vom Zeugnis, das der Täufer am Vortag über Jesus abgelegt hat: Dass er das Lamm Gottes ist, das die Sünde der Welt hinweg nimmt; dass er auf ihn den Geist in der Gestalt einer Taube herab fahren und bleiben hat sehen; dass Gott zu ihm gesagt habe, dieser Jesus werde mit dem Heiligen Geist taufen; dass dieser Jesus kurz und gut der Sohn Gottes sei!
Es ist also nicht Jesus, der die beiden einlädt: Kommt, folgt mir nach!
Es ist Johannes, der die beiden indirekt auffordert: Kommt, folgt ihm nach!
Und als Jünger des Johannes haben sie jene religiöse Neugierde gehabt, die sie sogleich diesem Jesus nachlaufen lässt!
Darf ich noch einmal auf den Täufer hinweisen und sein Verhalten in Bildern festhalten: Er ist wie eine Brücke, auf der seine Jünger zu Jesu Jüngern werden. Er zündet gleichsam die Lunte, die ihr ganzes Leben hindurch nicht mehr verlöschen wird. Er ist wie ein Verkäufer in seinem Brotladen, der seine Kunden auf das beste Stück in seinem Sortiment hinweist. Und die beiden Jünger greifen zu und lassen nicht mehr los.
Wie sehr spricht doch dieses Verhalten des Täufers gegen jede Privatisierung der Beziehung zu Jesus; wie sehr lädt doch sein Verhalten dazu ein, über das Wissen und die Erfahrung mit Jesus zu sprechen, es zu verkünden und zu bezeugen. Vielleicht fallen uns gerade jetzt jene Menschen ein, die wie der Täufer uns ihren Glauben an Jesus vorgelebt und mitgeteilt haben, die uns erzählt haben, was sie von Jesus erfahren, geglaubt und gewusst haben. Wir können nicht genug für diese Menschen danken.
Der Täufer fragt uns durch sein Verhalten auch, wie es mit unserem Wissen um Jesus und um unsere Erfahrung mit ihm steht? Was machen wir damit? Behalten wir es für uns? Teilen wir es mit in Wort und Tat?
Wir haben in der Lesung aus dem 1. Buch Samuel ja ein weiteres Beispiel dieser Offenheit. Der alte Priester Eli behält seine Erfahrung und sein Wissen auch nicht für sich sondern hilft damit dem jungen und noch unerfahrenen Samuel zu einer persönlichen Gottesbegegnung.
Eli und Johannes haben dies gemeinsam: Sie führen ihre Jünger vom Gespräch über den Herrn zum Gespräch mit dem Herrn! Wir dürfen daraus wohl grundlegend erkennen, dass jedes Denken und Reden über Gott zur persönlichen Begegnung mit Gott hinführen muss; ansonsten bleibt es leer und fruchtlos. Das ist bei jeder religiösen Erziehung und Unterweisung zu bedenken.

Doch schauen wir nun auf Jesus und die beiden Jünger, die ihm folgen. Jesus spricht sie auf der sachlichen Ebene an: „Was sucht ihr?“ Die beiden stellen jedoch gleich klar: Nicht etwas wollen sie von ihm; ihn selber wollen sie; allerdings nicht direkt sondern über sein Zuhause: Deshalb die Frage: „Wo wohnst du?“ Etwa nach dem Schema: Sage mir wo und wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist. Diese Frage nach der Wohnung Jesus ist die Frage nach seiner Herkunft; die Frage nach seiner Lebensweise; die Frage nach seiner Lebensmitte.
Und Jesus verweigert sich nicht. Er ist offen für sie und bereit, ihnen seine Wohnung zu zeigen. Dabei ist er völlig ungeniert und muss sie nicht erst hinhalten, weil er vorerst zuhause aufräumen müsste. Er lebt offenbar so, dass er jederzeit jedem, den es interessiert, zeigen kann, wo er wohnt; mit anderen Worten: Jesus ist bereit, sein Leben zu teilen, mitzuteilen, herzugeben. Wir bemerken bei Jesus im Grunde die gleiche Offenheit, sein Leben zu teilen, wie bei Johannes und bei Eli. Der Lebensraum Jesu ist offen für alle, die zu ihm kommen; damit sie sich darin niederlassen und sich in der Gemeinschaft mit ihm entfalten. Das Wenige, das Johannes bereits von Jesus gesagt hat lässt erahnen, welch unermessliche Fülle jene erwartet, die sich ihm anschließen.
Der Frage Jesu an die beiden Jünger müssen auch wir uns immer wieder stellen: Was sucht ihr? Wir müssen uns immer wieder fragen lassen, was wir von Jesus wollen; ob wir nur irgendetwas von ihm wollen; ob wir überhaupt bewusst und gezielt etwas von ihm wollen; oder – ob wir ihn selber wollen; und wie sehr wir ihn wollen; wie ungeteilt; wie ausschließlich? Fragen, deren Antwort uns zu einer lebendigen, weil persönlichen Begegnung mit ihm führen wollen; von Angesicht zu Angesicht und von Herz zu Herz.
Sollten diese Fragen jedoch im Hinblick auf Jesus eine große Leere in uns aufzeigen, dann gehen wir doch schleunigst dorthin, wo Jesus wohnt: In die hl. Schriften, die von ihm berichten, in die Gemeinde, die ihn feiert, zu Menschen, die Zeugnis von ihm ablegen, in die Räume des Gebetes, die er erfüllt. Lernen wir dort den Herrn wieder bewusst kennen, lassen wir uns dort von ihm mit ihm füllen.
Und sehen wir doch wie schnell die beiden Jünger von Jesus lernen; kaum sind sie einen Tag bei ihm und schon werden auch sie zu Menschen, die erzählen, dass sie in ihm den Messias, Christus, gefunden haben und die andere zu Jesus hinführen. So sollen auch wir Christen werden: Brunnen, die Christus enthalten und aus denen Christus fließt.

Donnerstag, Januar 12, 2006

Die Taufe Jesu




 Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1: 7-11

   7       Johannes verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.
   8       Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
  
   9       In jenen Tagen kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.
   10       Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.
   11       Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.
 
I

Wenn im Evangelium eben die Taufe Jesu von Nazaret erzählt wird, dann kommt man sich fast wie ein Zaungast vor und wie ein zufälliger Beobachter von einem persönlichen Geschehen an und mit diesem Jesus. Denn genau besehen sieht eigentlich nur Jesus den geöffneten Himmel und den Geist wie eine Taube auf sich herabkommen; und die Stimme aus dem Himmel spricht ihn persönlich an: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Das ist eine persönliche Mitteilung; und keine öffentliche Proklamation an die umstehenden Leute.
Diese Erfahrung stellt Jesus selber zuerst einmal vor die Frage: Was hat der offne Himmel zu bedeuten? Was ist das für ein Geist, der in Gestalt einer Taube auf mich herabgekommen ist? Und wer nennt mich da einen geliebten Sohn, an dem er sein Wohlgefallen hat?
Da Jesus die Bibel gekannt hat, wird ihm bei der Beantwortung dieser Fragen jener Text aus dem Propheten Jesaja geholfen haben, den wir in der ersten Lesung gehört haben: „So spricht Gott, der Herr: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt.“ Was heißt hier geholfen haben!? In diesem Prophetenwort steht bloß von einem Knecht und einem Erwählten! Jesus aber hört in dem Zuspruch vom Himmel: Du bist mein geliebter Sohn! Zwischen Erwähltem und Knecht einerseits und geliebtem Sohn andererseits liegen Welten! Und das ist es, was Jesus als gläubigen Juden zutiefst erschüttert haben muss: dass da Gott zu ihm gesprochen hat – und ihn „meinen geliebten Sohn“ nennt! Jesus wird mit der Aussage konfrontiert, dass er geliebter Sohn Gottes ist! Ich glaube, wir sind zu weit von jener Ehrfurcht vor Gott entfernt, um die niederschmetternde Wucht dieser Aussage zu empfinden. Wir denken und empfinden zu oberflächlich von Gott, um uns von der Aussage, geliebtes Kind Gottes zu sein, durcheinander zu bringen und aus der Bahn werfen zu lassen. Jesus hingegen wurde nachhaltig erschüttert und für sein weiteres Leben geprägt: Einmal dadurch, dass er sofort nach der Taufe vom Geist in die Wüste getrieben wurde; und später dann dadurch, dass sein bisheriger Lebenslauf völlig auf den Kopf gestellt wurde, völlig aus allen Fugen geraten ist: Lebte er bisher unscheinbar, normal, verborgen wie jeder andere auch so beginnt er nun öffentlich aufzutreten durch sein Predigen und sein Wirken. Und auch dabei wird ihn das Prophetenwort der heutigen Lesung inspiriert haben: „Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Er öffnet blinde Augen, holt Gefangene aus dem Kerker und befreit alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft.“ (Jes 42, 2.7) Und tatsächlich seine Worte waren kein Schreien und Lärmen sondern Reden mit Vollmacht in der Öffentlichkeit und bewegendes Gespräch von Angesicht zu Angesicht; und von seinem Handeln hören wir im zusammenfassenden Rückblick aus der zweiten Lesung, „dass er umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.“ (Apg 10, 38)
Was hat das alles für uns zu bedeuten?
Das Tagesgebet gibt uns Antwort: Zuerst fasst es kurz zusammen, was bei der Taufe am Jordan an Jesus geschehen ist: Allmächtiger ewiger Gott, bei der Taufe im Jordan kam der Heilige Geist auf unseren Herrn Jesus Christus herab und du hast ihn als deinen geliebten Sohn geoffenbart.
Und dann bitten wir in diesem Gebet: Gib, dass auch wir, die aus dem Wasser und dem Heiligen Geist wieder geboren sind,
in deinem Wohlgefallen stehen und als deine Kinder aus der Fülle dieses Geistes leben.
Wir werden an unsere eigene Taufe erinnert und daran, dass auch wir diesen Hl. Geist empfangen haben zum Zeichen, dass auch wir im Wohlgefallen Gottes stehen; dass auch wir seine Kinder sind – und dass dies auch in unserem Leben sichtbar werde!
Das heutige Evangelium möchte uns also zutiefst erkennen lassen, wer dieser Jesus von Nazaret ist – nämlich der geliebte Sohn Gottes; und wer wir zutiefst sind auf Grund der Taufe – nämlich auch geliebte Kinder eben dieses Gottes Jesu.
Das heutige Evangelium möchte auch uns so wie Jesus hinführen zur revolutionären Erkenntnis, dass wir geliebte Kinder Gottes sind.



II

Im Evangelium erleben wir die Taufe als einen markanten Wendepunkt im Leben Jesu. Nicht eine Wende von einem schlechten Leben zu einem guten Leben; von einem Irrweg auf den rechten Weg; von Gottferne in die Gottnähe!
Wir erleben die Wende von einem vollkommenen Leben zu einem vollkommenen Leben: Bis zur Taufe hatte Jesus ein vollkommenes Leben im Verborgenen geführt: Zu Hause in Nazaret bei seiner Mutter Maria und seinem Ziehvater Josef, bei seinen Verwandten und Freunden. 30 Jahre hat er ein Leben geführt wie du und ich – in allem uns gleich außer der Sünde!
Was geschieht nun bei seiner Taufe: Er sieht den Himmel offen! Er sieht den Geist auf sich herabsteigen wie eine Taube! Er hört die Stimme aus dem Himmel zu ihm sprechen: Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Gefallen gefunden! So wie es uns das Evangelium berichtet, hat nur Jesus diese Phänomene wahrgenommen;
Ihm selber und uns zeitlich Fernstehenden wird geoffenbart, wer dieser Jesus eigentlich ist: Kein bloßer Mensch, nicht nur der Jesus von Nazaret; nicht nur der Sohn des Zimmermanns und der Maria – Er ist geliebter Sohn Gottes! Er ist der geliebte Sohn Gottes! So wurde von Gott bisher noch niemand angeredet; und so wurde seither auch niemand mehr von Gott angeredet. Diese Einsicht hat ihn wie eine Faust gepackt und aus seinem bisherigen Leben herausgerissen; von einem Augenblick auf den nächsten war nichts mehr so wie bisher. Treibende Kraft bei all dem war der Geist; der trieb ihn dann auch nach der Taufe in die Wüste, in jenen Freiraum, in dem er sich mit dieser neuen Einsicht in sein Leben auseinander setzen konnte und auseinander setzen musste. Dabei dürfen wir gewiss sein, dass der Geist ihn nicht bloß in die Wüste geführt hat, um ihn dort sich selber zu überlassen mit dem neuen Leben, das da bei der Taufe über ihn hereingebrochen und aus ihm heraus gebrochen ist. Vielmehr wird ihn der Geist bei der Auseinandersetzung mit diesem neu Erkannten in seinem Leben begleitet haben und ihn vor allem auch zu jenen Worten aus der hl. Schrift geführt haben, die ihm bei der Suche seines neuen Lebensweges helfen sollten. Und da mag dann wohl auch das Wort des Propheten Jesaja in seinem Herzen gesprochen haben, das wir eben in der ersten Lesung gehört haben: „So spricht Gott, der Herr: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt.“ Und bei der weiteren Frage: Wozu das alles? wird ihm dann den Weg gewiesen haben, was Jesaja weiter schreibt: „Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Er öffnet blinde Augen, holt Gefangene aus dem Kerker und befreit alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft.“ Oder jenes andere Prophetenwort aus Jes 61, 1-3: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung.“
So hat ihn der Geist dazu geführt weiterhin ein vollkommenes Leben zu führen – nur eben jetzt im öffentlichen Dienst an den Menschen, indem der mit den Worten der 2. Lesung herumzieht und Gutes tut und alle befreit, die in der Gewalt des Bösen sind. Diese Befreiung erwirkt er zuletzt und endgültig durch sein Sterben am Kreuz und durch sein Auferstehen – zu unserem Heil!
Was uns betrifft, so hat Jesus durch seine Taufe auch unsere Taufe zu einem Wendepunkt in unserem Leben gemacht. Zu jenem Punkt, an dem uns geschenkt wird, was uns an ihm geoffenbart wurde: die Gotteskindschaft und wesentlich damit verbunden die Gabe des hl. Geistes. Nicht dass wir uns erneut der Taufe unterziehen müssten: uns ist ein für allemal das gnadenhafte Kindsein vor Gott geschenkt! Aber unterziehen müssen wir uns der Auseinandersetzung mit diesem Geschenk; den Konsequenzen, die sich aus dieser Gabe ergeben; dem neuen Leben, das auch aus uns herausbrechen möchte und uns als Kinder Gottes vor unseren Mitmenschen und vor aller Schöpfung offenbaren möchte, indem auch wir in der Nachfolge Jesu umhergehen und Gutes tun und alle befreien, die in der Gewalt des Bösen sind; denn Gott ist mit uns!