Freitag, Februar 24, 2006

Christlicher Fasching



Das Evangelium nach Markus 2:18-22

Da die Jünger des Johannes und die Pharisäer zu fasten pflegten, kamen Leute zu Jesus und sagten: Warum fasten deine Jünger nicht, während die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer fasten?
Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.
Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; an jenem Tag werden sie fasten.
Niemand näht ein Stück neuen Stoff auf ein altes Kleid; denn der neue Stoff reißt doch vom alten Kleid ab und es entsteht ein noch größerer Riss.
Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche; der Wein ist verloren und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuer Wein gehört in neue Schläuche.

„Warum fasten deine Jünger nicht, während die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer fasten?“

Mit dieser Frage zeigen die Leute, dass sie Jesus noch nicht kennen. Sie wissen noch nicht, wer er ist. Sie wissen nicht, dass Jesus mehr ist als Johannes und mehr ist als die Pharisäer. (vgl. Mt 12,41f.) Sie kennen nicht seine Beziehung zu Gott und haben keine Ahnung von seinen eigentlichen Qualitäten. Sie können in der menschlichen Gestalt des Jesus von Nazareth noch nicht den Sohn des lebendigen Gottes erkennen. (vgl. Mt 16,13-17) Die Menschheit Jesu ist für sie noch wie eine Maske, hinter der sie seine Gottheit nicht erkennen können. So können sie auch das Neue nicht kennen, das mit ihm begonnen hat. Sie können nicht den neuen Maßstab sehen, den er setzt und der er selber ist. Für die Jünger Jesu kann deshalb auch nicht mehr maßgeblich sein, was die Jünger des Johannes oder der Pharisäer tun. Der neue Maßstab für die Jünger Jesu ist Jesus selber. An IHM richtet sich ihr Verhalten aus. Das versucht Jesus zu erklären im Bild vom Bräutigam und den Hochzeitsgästen. Seine Gegenwart verursacht festliche, üppige Freude – mag die Welt rundum auch fasten. Und seine Abwesenheit verursacht Fasten und Trauer – mag die Welt rundum sich auch unbändig freuen. Die Verbundenheit mit Jesus bedeutet auch Absonderung und Entfremdung vom Denken, Reden und Tun der Welt rundum.

Wie die Leute damals so kommen sie auch heute zu Jesus und fragen ihn: Die Jünger des Kapitalismus scheffeln Geld; warum nicht auch deine Jünger? Und Jesus antwortet ihnen: Solange ich bei ihnen bin können sie nicht Geld scheffeln; denn sie können nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon! (vgl. Mt 6,24 par.)
Oder die Leute fragen ihn: Die Jünger der Genusssucht genießen die Welt in vollen Zügen; warum nicht auch deine Jünger? Und Jesus antwortet ihnen: Solange ich bei ihnen bin können sie die Welt nicht in vollen Zügen genießen; denn sie genießen mich, damit meine Freude in ihnen ist und ihre Freude vollkommen wird. (vgl. Joh 15,11)
Oder die Leute fragen ihn: Die Jünger der Esoterik kreisen um sich selber in verschiedenen fernöstlichen und heidnischen Übungen; warum nicht auch deine Jünger? Und Jesus antwortet ihnen: Solange ich bei ihnen bin, können sie nicht um sich selber kreisen, denn ich bin ihre Mitte, ich bin ihr Meister, ich ihr Herr! (vgl. Mt 23,8-10)

Der heutige Faschingsonntag führt zu der Frage: An welchem Maskenumzug nehmen wir Christen teil: An dem, wo wir unsere eigensüchtigen Ziele hinter der Maske christlicher Frömmigkeit verbergen oder auf dem, wo wir unser Christsein hinter der Maske der Weltlichkeit verbergen, weil wir uns scheuen, als Christen aufzufallen? Oder sind wir womöglich auf beiden Umzügen daheim – je nach Vorteil auf dem einen oder dem anderen? Dass wir also unsere Farben wechseln wie ein Chamäleon – je nach Umgebung?

Die Herausforderung des heutigen Evangeliums an uns Christen steht unüberhörbar, unübersehbar im Raum: Ist Jesus der Maßstab unseres Lebens? Wenn ja, in welchem Umfang? Und sogleich werden wir entdecken die Widersprüchlichkeit dieser 2. Frage nach dem Umfang; denn entweder ist Jesus das Maß unseres christlichen Lebens oder er ist es nicht. Halbes Maß ist in diesem Fall kein Maß! Bin ich unmäßig hart in meinen Forderungen? Keineswegs! Denn es ist die Forderung des Herrn: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ (Lk 11,23). Da gibt es kein dazwischen; da gibt es kein halbe halbe; Da gibt es nur ganz oder gar nicht! Diese Maßlosigkeit, ganz Jesus anzugehören, ist der einzige Weg, der aus unserer christlichen Mittelmäßigkeit herausführt – aus einer Mittelmäßigkeit, die im Kern Unchristlichkeit, ja Widerchristlichkeit ist und der jenes Schicksal bestimmt ist, das der Apostel in der Offenbarung schildert: „Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ (Offb 3,16)

Unsere Berufung ist es aber, zu Christus zu gehören (vgl. 2 Kor 10,7 u.a.) und dass Christus in uns lebe. (vgl. Gal 2,20) Darum beten wir mit dem hl. Pierre Olivaint: „Wachse, Jesus, wachse in mir. In meinem Geist, in meinem Herzen, in meiner Vorstellung, in meinen Sinnen. Wachse in mir in deiner Milde, in deiner Reinheit, in deiner Demut, deinem Eifer, deiner Liebe. Wachse in mir mit deiner Gnade, deinem Licht und deinem Frieden. Wachse in mir zur Verherrlichung deines Vaters, zur größeren Ehre Gottes. Amen.

Donnerstag, Februar 23, 2006

Jesus, der Allheiland



Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 6: 17-19

Jesus stieg mit seinen Jüngern den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon strömten herbei. Sie alle wollten ihn hören und von ihren Krankheiten geheilt werden. Auch die von unreinen Geistern Geplagten wurden geheilt. Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte.

 

„Alle Leute versuchten ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte.“

Diese Worte sagen uns etwas über Jesus; etwas sehr wichtiges: sie sagen uns, dass Jesus ein Heiland ist. Aber sie sagen noch mehr: denn die Kraft, die von ihm ausgeht, heilt nicht nur diesen oder jenen; nicht nur bestimme Menschen und andere nicht; nicht nur eine Klasse von Menschen und andere nicht: die Kraft, die von IHM ausgeht, heilte alle! Jesus ist der Heiland für alle; seine Kraft heilt alle. Er ist der Allheiland! Er ist der Heiland schlechthin. Denn seiner Macht müssen sich alle beugen; seiner Kraft müssen sogar die unreinen Geister weichen. So kann Paulus schreiben „wie überragend groß Gottes Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke. Er hat sie an Christus erwiesen, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat, hoch über alle Fürsten und Gewalten, Mächte und Herrschaften und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen genannt wird. Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt.“ (Eph 1,19-22)
Warum ist die Kraft Jesu eine heilende Kraft für alle? Weil sie aus einem Herzen kommt, das alle liebt; weil sie aus einem Herzen kommt, das Mitleid hat mit den leidenden Menschen. Weil sie aus einem Herzen kommt, das in dem schlägt, den Gott gesandt hat, damit er „den Armen eine gute Nachricht bringe; damit er den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit er die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4,18f.)
Diese Kraft ist eine allheilende Kraft, weil sie aus einem allliebenden Herzen kommt. Darum hat diese Kraft nicht nur die Kranken zurzeit Jesu geheilt sondern die Kranken aller Zeit; auch die Kranken unserer Zeit.
Nur fragen wir uns dann: Warum sind dann nicht alle gesund? Warum gibt es dann überhaupt noch Kranke?
Weil diese Kraft zwar jeden Kranken heilen möchte aber nicht jeden Kranken erreicht! Es gibt nämlich Kranke, die wissen nicht, dass sie krank sind; und dann gibt es Kranke, die er nicht heilen kann, weil sie nicht wissen oder nicht glauben, dass Jesus sie heilen kann.
Die sind wie Leute, die neben einem Kraftwerk erfrieren, weil sie ihren Ofen nicht anstecken.
Diese Kraft ist keine Zwangsbeglückung, die wie Flugblätter von einem Hubschrauber abgeworfen werden.
Wir kennen ja die Geschichte von der blutflüssigen Frau bei Mk 5,24-34: Die litt schon 12 Jahre an Blutungen; kein Arzt konnte ihr helfen; es wurde immer schlimmer; sie nun berührt Jesus! Aber hat sie das unbedacht getan, so etwa – wie ihr den Sessel berührt auf dem ihr gerade sitzt oder die Nachbarin neben euch? Nein! Sie hat sich etwas gedacht, als sie Jesus berührte: Sie sagte sich nämlich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. „Sofort hörte die Blutung auf und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?“ Jesus nennt diese Haltung der Frau Glaube: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.“
Seht ihr! Es nützt nichts, wenn wir unmittelbar vor der Wasserpiepe stehen; dadurch wird unser Durst nicht gelöscht. Wir müssen die Piepe berühren und an ihr drehen, dann beginnt das Wasser zu fließen und wir können unseren Durst löschen.
So müssen auch wir wie die Frau in der Geschichte und die Leute im Evangelium danach streben, Jesus zu berühren, weil auch wir glauben, dass Jesu Kraft uns heilen kann. Gerade in diesen Exerzitien habt ihr zahllose Möglichkeiten, Jesus zu berühren: In der hl. Messe, bei der Beichte, bei der Anbetung, beim Lobpreis, beim Segnen, im Dienst aneinander. Nützt diese Gelegenheiten mit aller Kraft eures Glaubens.
Aber so wie Jesus euch mit seiner Kraft nicht vergewaltigen will so versucht auch ihr nicht, Jesus mit eurem Glauben zu vergewaltigen! Was ich damit meine?
Nun: Da hat es einen Mann gegeben, dem wurde ein Stachel ins Fleisch gestoßen: Ein Bote Satans schlägt ihn mit Fäusten! Alles andere als ein kleines Wehwehchen. Einige werden schon wissen, wen ich meine: den Völkerapostel Paulus! Dreimal hat er den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von ihm ablasse. Was muss das für ein Beten gewesen sein! Ein Gebet, das den Himmel erstürmt hat und bis an das Herz Jesu gelangt ist! Paulus hat wahrhaftig mit aller Kraft seines Glaubens den Herrn berührt! Und? Hat der Herr ihn erhört? Hat der Herr ihn befreit? Hat der Herr ihn geheilt?
Der Herr antwortete ihm: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.
Der Herr hat ihn nicht befreit und nicht geheilt! Das wäre dem Paulus nämlich zum Unheil geworden; denn diesen Stachel hat der Herr in sein Fleisch gestoßen, damit er sich wegen seiner einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe. Hätte also der Herr ihn vom Unheil dieses Stachels befreit wäre Paulus in das viel größere Unheil des Stolzes gefallen. Dafür hat der Herr ihm die Augen geöffnet für die Macht seiner Gnade, die alles vermag: Meine Gnade genügt dir. Denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit!
Seht ihr, das meine ich, wenn ich sage, dass wir den Herrn mit unserem Glauben nicht vergewaltigen sollen: Wir sollen ihm nicht vorschreiben, wie, wann und wo er uns zu heilen habe! Begegnen wir dem Herrn mit reinem Glauben. Rein ist unser Glaube, wenn er bei aller Stärke dem Herrn absolute Freiheit lässt im Umgang mit uns. Der Herr weiß nämlich viel besser als wir selber, was uns gut tut. Bei uns selber besteht nämlich aufgrund unserer Blindheit allzu sehr die Gefahr, dass wir von einem Übel befreit werden möchten, um gerade dadurch in ein noch viel schlimmeres Übel zu geraten.
Die Reinheit unseres Glaubens kommt zum Ausdruck, wenn wir beten können: „Jesus, mein Heiland! Du siehst mein Elend und kennst meine Not! Ich möchte dich mit aller Kraft meines Glaubens berühren und mich so öffnen für deine heilende Kraft. Heile mich! Befreie mich! Erlöse mich! Sei mein Heiland! Doch sollst du eines wissen: Wie immer du auf mein Flehen antwortest: Ich werde nicht mehr von dir lassen. Ob du mich erhörst oder nicht: ich werde den Saum deines Gewandes mein Leben lang nicht mehr loslassen! Lieber sterbe ich!“
Glücklich wer so beten kann, denn er hat von der Gabe zum Geber gefunden und wird in dieser Gemeinschaft mit dem Herrn die wahre Freude und den vollkommenen Frieden finden.Gepriesen sei der Herr! Halleluja!

Samstag, Februar 18, 2006

Wie kann der so reden




Aus dem hl. Evangelium nach Markus 2:1-12

Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er (wieder) zu Hause war.
Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort.
Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen.
Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab.
Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!
Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im Stillen:
Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?
Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? örtlich: Jesus merkte in seinem Geist sofort, dass sie so dachten.
Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben! oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh umher?
Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten:
Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!
Der Mann stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.



Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Die vier Träger haben sich wirklich was einfallen lassen, um ihren Gelähmten zu Jesus zu bringen. Nichts konnte sie von Jesus abhalten: Nicht die unpassierbare Menschenmenge; nicht die Mauern des Hauses, in dem Jesus sich aufhält. Sie haben sich wahrlich sehr viel Mühe gegeben, um ihren Gelähmten schließlich durch eine Lücke im Dach des Hauses vor den Herrn herabzulassen. Sie haben sehr viel geleistet, um zu Jesus zu gelangen; und Jesus konnte mit recht an ihren Taten den Glauben an ihn ablesen. Der Glaube an Jesus hat diese vier Träger zu einer außerordentlichen, zu einer filmreifen Aktion bewegt. Was werden sie nun von Jesus wohl anderes erhofft haben, als dass er den Gelähmten heile! Aber Jesus beantwortet ihren Glauben nicht, indem er zum Gelähmten sagt: Steh auf und geh! Er sagt zu ihm: mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! Womöglich sind sie sich vorgekommen, wie einer der Gold und Edelsteine bestellt hat – dafür aber bloß Kieselsteine bekommt! Die Menschen sehen nur die Krankheit des Leibes, Jesus sieht die Krankheit des Herzens. Die Menschen sehen nur die Lähmung der Glieder; Jesus sieht die Lähmung des Herzens durch die Sünde. Die Menschen sehen nur die mühsame Last der körperlichen Krankheit; Jesus sieht die viel schwerere Last der Sünde im Herzen des Gelähmten. Und wir wissen ja sehr gut, wie Jesus von der Sünde denkt und wie er sie einschätzt: „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt.“ (Mt 5,29f.) Jesus sieht, dass die Sünde ein viel größeres Übel ist als körperliches Handicap; dass die Krankheit der Seele viel schlimmer ist als die Krankheit des Leibes; darum vor allem anderen die Worte Jesu im heutigen Evangelium: Mein Sohn! Deine Sünden sind dir vergeben! Diese Worte spricht der, „der am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18); der in einer Nähe zu Gott lebt, die wir uns nicht vorstellen können; der mit Gott in einer Weise verbunden und eins ist, die unser Begreifen übersteigt. Diese Worte spricht der, der wie kein Mensch sonst mit Gott lebt, in Gott lebt, von Gott her lebt und der von dieser Einheit mit Gott her beurteilen kann, was die Sünde bedeutet, die eben diese Einheit mit Gott zerstört; darum im heutigen Evangelium vor allem anderen: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!
Diese Worte spricht der, der gerade deshalb gekommen ist, „die Sünde der Welt hinweg zu nehmen.“ (Joh 1,29) Der, „der sich für unsere Sünden hingegeben hat, um uns aus der gegenwärtigen bösen Welt zu befreien, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters.“ (Gal 1,4) Der, „der in die Welt gekommen ist, um die Sünder zu retten.“ (1Tim 1,15) Der, „der die Sühne ist für unsere Sünden.“ (1Joh 2,2) Auf dem Hintergrund dieser Worte ist die Schwere der Sünde für uns ablesbar an dem, was Jesus erlitten hat und wie er gestorben ist – um uns alle von der Sünde zu befreien; um uns alle wieder mit Gott zu versöhnen.
Mit den Augen Jesu und mit den Augen des Glaubens besehen haben die vier Jesus bloß um einen Sack Kieselsteine gebeten, indem sie um die körperliche Heilung des Gelähmten baten und Jesus hat ihnen dafür einen Sack voll Gold und Edelsteinen gegeben, indem er zu dem Gelähmten sagte: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“
Die Botschaft Jesu liegt auf der Hand: Wir tun gut, wenn wir uns um die Heilung des Leibes bemühen! Aber noch viel besser tun wir, wenn wir uns um die Heilung unserer Seele bemühen! Wir tun gut, wenn wir auf die Gesundheit unseres Leibes achten; aber wir tun noch viel besser, wenn wir uns die Gesundheit der Seele bewahren, indem wir uns vor jeglicher Sünde hüten! Es ist wichtig, dass wir zum Arzt gehen, um die Krankheiten unseres Leibes heilen zu lassen; aber es ist noch viel wichtiger, dass wir zur Beichte gehen, um uns unsere Sünden vergeben zu lassen von dem, der dort durch den Priester der wahrer Arzt unserer Seele sein möchte: Jesus unser Erlöser, Befreier und Heiland, der uns je und je in eine Freiheit und in einen Frieden führen möchte, der unser Begreifen übersteigt. Seine erbarmende Liebe kennt keine Grenzen und sei gepriesen jetzt in Ewigkeit! Amen!

Samstag, Februar 11, 2006

Wenn Jesus will



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1: 40 - 45

Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.
Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es - werde rein!
Im gleichen Augenblick verschwand der Aussatz und der Mann war rein.
Jesus schickte ihn weg und schärfte ihm ein:
Nimm dich in Acht! Erzähl niemand etwas davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, das Mose angeordnet hat. Das soll für sie ein Beweis (meiner Gesetzestreue) sein.
Der Mann aber ging weg und erzählte bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die ganze Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch außerhalb der Städte an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.


Der Aussatz war zurzeit Jesu eine unheilbare Krankheit. Als Aussätziger war man den Toten gleichgestellt. Das Krankheitsbild ist entsetzlich. Schlimmer aber als der körperliche Schmerz war wohl die Aussonderung aus der menschlichen Gemeinschaft; die erste Lesung berichtet davon. Sie war nicht gegen den Kranken gerichtet sondern zum Schutz für die Gemeinschaft. Zudem wurde dieses Leiden als Zeichen angesehen, von Gott verworfen zu sein. Ich möchte nun aber nicht die Aufmerksamkeit auf den erbärmlichen Zustand des Aussätzigen im Evangelium richten. Nicht seine Armut fasziniert mich sondern – sein Reichtum. Nur keine Sorge: ich werde nicht zynisch und ich werde auch nichts schön reden.
Ich möchte euch den Reichtum der Haltung entdecken, mit der dieser Aussätzige zu Jesus kommt.
In ihm ist das Vertrauen da, dass Jesus ihm helfen kann. Und dieses Vertrauen muss bei dieser unheilbaren Krankheit sehr, sehr groß sein. Dieses Vertrauen stärkt ihn, ein Tabu zu brechen – nämlich, sich als Aussätziger gesunden Menschen zu nähern. Dieses Vertrauen lässt ihn Jesus um Hilfe bitten.
Doch sehen wir hin, wie er Jesus um Hilfe bittet, sehen wir genau hin: Er stürzt sich nicht auf Jesus; er packt ihn nicht am Gewand; er schreit ihn nicht an: Wie kannst du mir so was antun? Wie kannst du so was zulassen? Warum gerade ich diese Krankheit? Auf der Stelle machst du mich hier und jetzt gesund! Nichts von all dem!
Wie also bittet er Jesus um Hilfe? Er sagt vorerst überhaupt nichts. Er setzt ein Zeichen: er fällt vor ihm auf die Knie! Mit dieser Geste drückt er aus, was er mit Worten nicht sagen kann: du bist so groß – ich bin so klein! Du bist so heil – ich bin so furchtbar unrein! Du bist so stark – ich bin so erbärmlich schwach! Du bist so gut – ich bedarf so sehr deiner Güte!
Seht ihr: dies alles ist in dieser Geste drinnen; und noch kam kein Wort über seine Lippen. Aber die Anerkennung Jesus und die Annahme seiner selbst, die in diesem Kniefall zum Ausdruck kommen sind der Grund, aus dem sein Vertrauen erwächst, das ihn zu Jesus hinführt.
Und erst nach dieser stillen Geste spricht er zu Jesus: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde! Bedenken wir die edle Schönheit dieser Worte! Kein Befehl: Mach mich rein! Sofort! Hier und Jetzt! Keine aufdringliche Bitte: Du musst mich rein machen, Jesus! Unbedingt! Ich leide schon so lange an dieser Krankheit – oder weiß Gott welche Gründe er noch anfügen könnte! Nein! Sondern: Wenn du willst kannst du mich rein machen! Maßgeblich für diesen Kranken ist nicht sein Wunsch nach Gesundheit, der weiß Gott groß genug gewesen sein mag! Maßgeblich war für ihn der Wille des Herrn: Wenn du willst! In diesen Willen legt er sich voll Vertrauen hinein – und lässt dem Herrn die Freiheit, auch nicht zu wollen!
Erkennt ihr nun den Reichtum dieses Aussätzigen: Die Anerkennung der Größe Jesu; die Annahme seiner Bedürftigkeit; sein Vertrauen auf Jesus; die Bereitschaft, Jesus in seiner Freiheit nicht einzuschränken; die Offenheit, das annehmen zu wollen, was Jesus will. Es ist das ein Reichtum seines Herzens und steht in krassem Gegensatz zur Armseligkeit seines Leibes.
Und ich kann es mir nicht anders vorstellen; ja ich bin überzeugt: dieser Herzensreichtum des Aussätzigen hat Jesus angezogen und fasziniert. Wir können diesen Reichtum auch Reinheit des Herzens nennen, die durch das Verhalten des Aussätzigen mächtig zum Herrn hin drängt und sich in der Reinheit des Körpers niederschlagen möchte.
Es spricht hier eigentlich das Herz des Aussätzigen zum Herzen Jesu. Und der Herzensreichtum des Aussätzigen in seinem Vertrauen ruft den Reichtum im Herzen Jesu hervor in dessen Barmherzigkeit.
Und so spricht auch bei Jesus zuerst das Herz und der Körper ehe der Mund redet; wir hören nämlich: Jesus hatte Mitleid mit ihm – die Sprache des Herzens; er streckte die Hand aus und berührte ihn – die Sprache des Körpers; und dann erst redet Jesus: Ich will es. Werde rein!
Augenblicklich verschwand der Aussatz, und der Mann war rein!

Meine lieben Freunde: Lernen wir von diesem Aussätzigen für unser Hingehen zu Jesus; für unsere Begegnung mit Jesus. Ob wir uns in sein Wort vertiefen in der Schriftlesung oder in der Vorbereitung auf die Predigt; ob wir zur Beichte gehen; ob wir eine Kirche betreten; ob wir an einer hl. Messe teilnehmen; ob wir einem Menschen begegnen; ob wir beten: Sagen wir zuerst einmal gar nichts – so sehr es auch in uns rumort; bleiben wir zuerst einmal still und werden wir uns inne der liebevollen Größe unseres Herrn und nehmen wir unsere eigene Bedürftigkeit, unseren „Aussatz“ an – mag er noch so schlimm sein. Es ist das ein Geschehen vor allem in unserem Herzen und weniger in unserem Kopf; es geht auch bei uns um jenen Reichtum, um jene Reinheit des Herzens, die sich in unserem Vertrauen auf Jesus ausdrücken möchte. Denn das Herz Jesu können auch wir nur von unserem Herzen aus erreichen und berühren. Wir müssen ein Gespräch von Herz zu Herz mit Jesus anstreben. So werden auch wir zu jener Größe des Aussätzigen im Evangelium wachsen, die dem Herrn freie Hand lässt in dem, was er uns wie, wann und wo schenken möchte. Diese Größe ist es, die uns in dem, was der Herr uns gibt, seinen Willen erkennen lässt, seine Gabe für uns, die hier und jetzt das Beste für uns ist. Diese Größe führt uns zu einem tiefen Frieden in allem, was uns geschieht, denn diese Größe lässt uns von Herzen beten: Dein Wille geschehe – nicht der meine!
Um diese Größe anzustreben können wir keine bessere Begleiterin haben, als jene Frau, die gesagt hat: Ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Wort! Es ist Maria, die Mutter unseres Herrn Jesus Christus, dessen Wille geschehe jetzt und in Ewigkeit. Amen!

Sonntag, Februar 05, 2006

Jesus für alle



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1:29-39

Sie verließen die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes gleich in das Haus des Simon und Andreas.
Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie,
und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie sorgte für sie.
Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt,
und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war.
In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,
und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.
Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Einen Sonntag im Leben Jesu schildert uns das heutige Evangelium. Das ist damals bei den Juden freilich der Sabbat. Vormittags der Gottesdienst in der Synagoge; davon hörten wir letzten Sonntag. Heute nun der weitere Verlauf: der Aufenthalt im Haus des Petrus. Jesus befreit die Schwiegermutter des Petrus vom Fieber, indem er sie an der Hand fasst; sie bereitet hierauf das Essen zu und serviert es ihnen. Jesus kann den restlichen Sabbat dann zusammen mit den vier Jüngern, die er von ihrer Fischerarbeit am See weggerufen hat, mit Muße und Ruhe verbringen – bis die Sonne untergegangen ist. Bis zu dieser Zeit waren unnötige Arbeiten und Wege nicht erlaubt, um den Sabbat nicht zu entweihen.
Wir sehen: Jesus weiß den Sabbat zu feiern, wie es Gottes Wille im Gesetz des Mose wünscht: Durch die Feier des Gottesdienstes in der Synagoge und durch das gemütliche Beisammensein in der Familie des Simon.
Wie jedoch die Sonne untergegangen ist, wird es lebendig: Die ganze Stadt versammelt sich vor der Tür und die Leute bringen alle Kranken und Besessenen. Und viele Kranke heilte er und viele Dämonen trieb er aus. Es ist bemerkenswert: Die Leute bringen alle Kranken und Besessenen – er aber heilt zwar viele von ihnen und treibt viele Dämonen aus – aber eben nicht alle! Es bleibt sein Geheimnis, warum er viele heilt aber nicht alle.
Es steht nicht, wie lange in die Nacht hinein das Zusammensein mit den Leuten von Kafarnaum gegangen ist. Jedenfalls steht er nächsten Morgen sehr zeitig auf und geht an einen einsamen Ort, um zu beten. Wir dürfen mit Gewissheit annehmen, dass Jesus den Gottesdienst in der Synagoge mit ganzer Hingabe seines Herzens gefeiert hat und dass es nicht bloß eine lästige Pflichterfüllung für ihn war: die Vollmacht, mit der er lehrte und mit der er den Dämon ausgetrieben hat, bezeugen diese Herzenshingabe beim Gottesdienst. Dennoch war ihm dies nicht genug; seine Beziehung zu Gott war damit für den Rest der Woche nicht erledigt und abgehackt. Er hatte Bedürfnis nach mehr – darum das Gebet frühmorgens an einem einsamen Ort; Es leuchtet auf die Beziehung Jesu zum Gott Israels, der nicht nur in der Synagoge da ist sondern auch anderswo; etwa mitten unter den Leuten mit ihren Krankheiten und Dämonen – deshalb die Heilungen und Befreiungen; oder eben in der Einsamkeit – deshalb zieht Jesus sich dorthin zurück. Dieser Gott und Vater Jesu ist überall. Und die Begegnung mit diesem Gott im Gebet veranlasst Jesus, nicht in Kafarnaum zu bleiben, sondern anderswohin zu gehen, um auch dort zu predigen und zu heilen! Es zeichnet sich von Beginn an ab: Der Gott und Vater Jesu ist ein Gott nicht nur für einen Ort, nicht nur für ein Volk; er ist ein Gott für überall, an jedem Ort und für jedes Volk. Jesus nimmt hier bereits vorweg, was er seinen Jüngern sagen wird, ehe er in den Himmel zu seinem Vater zurückkehrt: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,18b-20). ER, dem alle Macht gegeben ist auf Erden, beginnt im heutigen Evangelium, diese Macht räumlich zu entfalten, indem er anderswo hingeht und sich nicht in Kafarnaum festnageln lässt.
So können wir zum Beispiel zweierlei aus der heutigen Frohbotschaft mitnehmen: Zum einen, dass Jesus Hand anlegt beim Heilen Kranker. Er scheut es nicht, sich einzumischen und hangreiflich zu werden: Er fasst die Schwiegermutter des Petrus an der Hand und heilt sie. Ein Jesus, der angesichts der Krankheiten und Leiden der Menschen keine Berührungsängste hat und sich auch nicht fürchtet, angesteckt zu werden. Der selber vielmehr strotzt vor Heil, so dass er die Kranken ansteckt mit seiner Gesundheit, mit seinem Heil. So ein Jesus zieht uns an; so einem Jesus können wir geradewegs in die Arme laufen! Und dies umso mehr als er – und das ist das andere, das wir uns merken sollten – ein Jesus ist auch für die anderen. Er ist nicht reserviert für bestimmte Menschen, er ist nicht gesandt zu bestimmten Menschen. Er macht sich immer auf den Weg auch anderswohin; er ist grundsätzlich ein Jesus auch für die anderen und deshalb ist er auch immer schon unterwegs zu mir. Er ist mein Jesus; er ist dein Jesus; er ist unser aller Jesus jetzt und in Ewigkeit. Amen!