Donnerstag, Juli 06, 2006

Kommt und ruht ein wenig aus ...


 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 6:30 – 34

Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.
Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.
Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.
Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an.

Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.




Nicht nur die meisten von uns machen in diesen sommerlichen Tagen Urlaub - auch die Jünger machen im heutigen Evangelium Ferien, Jesus schickt sie auf Erholung indem er zu ihnen spricht:

Kommt mit an einen einsamen Ort,
wo wir allein sind,
und ruht ein wenig aus. (Mk 6,31)
Es ist bezeichnend, dass die Zeit der Erholung für die Jünger nicht eine Zeit ohne Jesus ist, sondern vielmehr eine Zeit, in der sie mit Jesus allein sind, und diese Erholung findet statt an einem Ort, an den Jesus mitkommt; noch genauer: Jesus führt sie an den Ort der Erholung und sie kommen mit Jesus mit.

Unterscheidet sich dieser Urlaub der Jüngern nicht diametral vom Urlaub vieler Christen, den sie allzu leicht auch als eine Freizeit von ihrem religiösen Leben das Jahr über verstehen, als eine Zeit also, die frei ist von einem regelmäßigen Gottesdienstbesuch, die frei ist vom regelmäßigen Beten morgens, abends und bei Tisch?

Bei den Aposteln zählt nicht der Urlaub auf dem Lande, in den Bergen, am Meer, oder sonst wo; in dieser lokalen Hinsicht ist im Evangelium nur allgemein von einem einsamen Ort die Rede, der nicht näher be¬stimmt wird.
Viel wichtiger als Urlaubslokalitäten ist für die Jünger, dass sie die Zeit der Erholung mit Jesus verbringen - das zählt. Ja, ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass es nicht dieser oder jener bestimmt Ort ist, der ihnen zur nötigen Erholung verhilft; es ist vielmehr die Gegenwart des Herrn, die ihnen die Urlaubszeit zu einer Zeit der Erholung macht.
Die Devise bei den Jüngern lautet also: Urlaub mit Jesus! - Basta!
Wie ist ihnen aber diese christliche Urlaubshaltung möglich?
Sie fällt ihnen nicht von ungefähr in den Schoß. Sie hängt wesentlich zusammen mit der Arbeit, die sie vor ihrem Urlaub verrichten und von der sie sich im Urlaub erholen sollen:
in jener Zeit versammelten sich die Apostel, die Jesus ausgesandt hatte, wieder bei ihm
und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. (Mk 6, 30)
Die Arbeit, die sie vor ihren Ferien tun, tun sie im Auftrag Jesu; Jesus hat sie ausgesendet; sie haben diese Arbeit von Jesus empfangen; sie haben im Namen Jesu gearbeitet; auf Grund dieses Auftrages waren die Jünger auch bei ihrer Arbeit mit Jesus verbunden; sie haben mit Jesus gearbeitet; darum ist es logisch, dass sie jetzt auch mit Jesus Urlaub machen.

Und wir? Arbeiten auch wir das Jahr über mit Jesus? Denken wir in der Frühe beim Aufstehen daran, dass wir die Arbeit des kommenden Tages aus den guten Händen Jesu empfangen? Dass er es ist, der uns in diesen neuen Tag schickt: in die Arbeit, in den Beruf, zu unseren Mitarbeitern? Und dass mir keiner kommt und sagt, derartige Gedanken bräuchte sich nur der Pfarrer und ähnliche geistliche Gefäße zu machen!
Die Taufe ist mehr als ausreichend für derartige Überlegungen und für die Lebenshaltung, die sich daraus ergibt.
Wenn nun also einer das Jahr über nicht mit Jesus arbeitet, ist es dann nicht logisch, dass er auch ohne Jesus Urlaub macht?
Urlaub mit Jesus ist darum nur möglich wenn Jesus auch Arbeitgeber ist.

Und dass Jesus ein guter Arbeitgeber ist, zeigt sich daran, dass die Apo¬stel ihm alles berichten dürfen, was sie getan und gelehrt hatten.
Ist es nicht etwas wunderschönes, jemand zu haben, dem wir alles be¬richten dürfen, was wir getan und gesagt haben? Gibt es etwa jemanden in unserer Nähe, dem wir alles - wirklich alles - berichten dürfen? Unse¬rem Ehepartner? Unserem besten Freund? Unseren Eltern? Ist es nicht so, dass wir selbst dem Vertrautesten gegenüber ein Restgeheimnis für uns bewahren, das wir ihm beim besten Willen nicht sagen können? Jesus aber dürfen wir alles berichten, was wir getan und gesagt haben! Was ist doch in so einer Beziehung zu Jesus für ein Potential an Befreiung, an Freiheit und an Frieden enthalten!
Ganz recht hat darum Paulus, wenn er in der zweiten Lesung schreibt: Er, Jesus, ist unser Friede! (Eph 2,14a)

Es spricht auch für Jesus, als einen guten Arbeitgeber, dass es bei ihm nicht nur heißt: Dalli, dalli! Zack, zack! Und: Arbeiten, dass die Fetzen fliegen! Jesus verordnet die Zeit der Erholung auch nicht mit der Stoppuhr in der Hand. Es ist vielmehr wohltuend zu erfahren, dass im Reich Gottes und das heißt mit anderen Worten: auf dem Bauplatz "Kirche" das "Ruht ein wenig aus" seinen angemessenen Platz hat. Und dass dies auch für Priester gilt, geht aus dem heutigen Evangelium klar hervor: Auch die Hirten der Kirche brauchen einen Hirten, der ih¬nen ein wenig Ausruhen verordnet. Auch hierin atmet die Botschaft Jesu den Atem der Menschlichkeit.
Merkwürdig ist nun aber zu guter Letzt, wie Jesus sich verhält, als er an den einsamen Ort kommt, an dem er mit seinen Jüngern allein sein wollte. Dieser Ort ist nämlich nicht einsam und er ist mit seinen Jüngern nicht allein: als er nämlich ausstieg, sah er viele Menschen;
man sah sie abfahren und viele erfuhren davon;
sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin - nämlich in die einsame Gegend, wo er mit seinen Jüngern allein sein wollte -
und kamen noch vor ihnen an. (Mk 6, 33)
Als Jesus nun die vielen Mensch sieht, lässt er das Boot nicht ärgerlich abdrehen, um es mit einer anderen einsamen Gegend zu versuchen, sondern:

Als er ausstieg und die vielen Menschen sah,
hatte er Mitleid mit ihnen;
denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Und er lehrte sie lange. (Mk 6,34)

Urlaub bedeutet bei Jesus nie und nimmer Urlaub vom Menschen und Urlaub von der Menschlichkeit. Die Menschen dürfen mit ihrer Not immer zu Jesus kommen und zwar deshalb, weil seine Beziehung zu diesen Menschen keine amtliche, sondern eine herzliche, eine menschliche ist. Für die Jünger bedeutet das Verhalten Jesu, dass das Zusammenleben mit Jesus auch in den Ferien keine geschlossene sondern eine offene Gesellschaft ist.

Und er sandte sie aus ...



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 6:7 – 13

Er rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben,
und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,
kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.
Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst.
Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.
Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf.
Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.





In der ersten Lesung erleben wir heute eine Auseinandersetzung zwischen einem etablierten Priester und einem Propheten. Amos heißt dieser Prophet und er hat im Tempel in Bet-El gepredigt, dass das Reich Israel untergehen werde, weil seine religiösen und politischen Führer und in ihrer Gefolgschaft dann das ganze Volk von Gott abgefallen sind.

Der Priester verjagt Amos aus dem Tempel und aus dem Land:
Flüchte in das Land Juda!
Iß dort dein Brot und tritt dort als Prophet auf!
In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden! (Am7,12.13a)
Anstatt sich der Kritik des Propheten zu stellen und sie auf ihre Berechtigung hin zu durchleuchten jagt der Priester den unbequemen Mahner fort.

Dies erinnert uns daran, dass auch unsere Kirche eigentlich zu jeder Zeit ihre mahnenden Propheten hatte und dass auch sie nicht immer bereit war auf diese Frauen und Männer zu hören. Oft genug hat sie sich dieser lästigen Leute entledigt durch Methoden, die nicht immer glimpflich und bisweilen gar unmenschlich waren - um es einmal gelinde auszudrücken.

Eines wird jedoch aus dieser Lesung klar: Die Kirche, das Volk Gottes, ist immer wieder in Gefahr sich zu etablieren, zu erstarren in den Umständen von Macht, Reichtum und Wohlstand und so taub und blind zu werden für ihren eigentlichen Auftrag in dieser Welt und in der jeweiligen Zeit. Deshalb braucht die Kirche auch immer wieder Frauen und Männer, die ihr prophetisch heimleuchten, d.h. auf den Weg leuchten, den Gott von ihr will, dass sie ihn geht. Solche Leute sind unbequem aber notwendig. Sie haben mit Widerstand und mit Verfolgung zu rechnen. Diese Widrigkeiten bewirken, dass diese Leute sich diese Aufgabe nicht selber aussuchen; sie wissen sich vielmehr von Gott berufen und gesandt.

Das meint auch Amos wenn er sagt: Was, Ich? ER!
Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler,
sondern ich bin ein Viehzüchter,
und ich ziehe Maulbeerfeigen.
ER, der Herr, hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel. (Am7,14f.)

Es ist schon sehr stark wie radikal, ja, wie rücksichtslos Gott in das Leben des Amos eingreift. Von seiner gewohnten Arbeit, von seiner gesicherten Lebensexistenz holt er ihn weg und wirft ihn hinein in das Haltlose, in das Ungewisse, in das Gefährliche eines Prophetenlebens. Gleiches geschieht ja auch im Evangelium: Jesus schickt seine Jünger aus - die hat er übrigens auch mitten aus ihrer Arbeit herausgerissen und sie von ihrem Beruf weggeholt - er schickt sie also aus ohne Brot, ohne Vorratstasche, ohne Geld, ohne zweites Hemd - ohne materielle Absicherung. Nur Sandalen dürfen sie tragen und einen Wanderstab. Anstelle materieller Güter gibt Jesus ihnen die Vollmacht, unreine Geister auszutreiben, die Botschaft zur Umkehr und die Gabe zu heilen. An diesen Gaben des Herrn sollen sie sich festhalten, für ihre Weitergabe sollen sie ganz frei sein.

Dieses Verhalten Gottes in der ersten Lesung und durch seinen Sohn im Evangelium sollte uns nachdenklich stimmen - uns als einzelne und uns als Kirch des Herrn.

Denn wer von uns könnte angesichts dieses unberechenbaren Gottes sagen: Ich bin sicher vor seinem Anspruch, vor seinem Zugriff, vor seinem Auftrag, weil ich Kinder zu Hause habe, weil ich verheiratet bin, weil ich eine Frau bin, weil ich mehr als genug zu tun habe, weil ich eine große Gemeinde habe oder weiß Gott aus was noch für Gründen.

Niemand von uns kann sich vor diesem Gott verschanzen - hinter seinem Beruf, hinter seiner Bedürftigkeit, hinter seinem Geschlecht, hinter seiner Rasse. Was beim Propheten Amos bereits angeklungen ist wird bei Jesus klar: Dieser Gott hat jeden von uns im Visier; er meint jeden von uns.

Darum sollten wir uns auch lieber fragen: Welchen Auftrag hat der Herr für mich - trotz oder gerade wegen meiner momentanen Befindlichkeit. Welche Botschaft von ihm soll ich der Welt mitteilen in meiner Situation und durch meine momentane Situation. Dies ist unser einzig richtiges Verhalten vor diesem unberechenbar auswählenden Gott, der gerade deshalb so unberechenbar ist, weil
er uns alle erwählt hat vor der Erschaffung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor IHM;
weil er uns alle aus Liebe im voraus dazu bestimmt hat,
seine Töchter und Söhne zu werden durch Jesus Christus;
weil er uns alle bestimmt hat, zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,
zum Lob seiner herrlichen Gnade. (vgl. Eph 1,4-6a)

Kennzeichen seiner Sendung ist aber gemäß dem heutigen Evangelium ein Leben in Einfachheit, Freiheit und Gewaltlosigkeit. Diese Strukturen in unserem Leben und durch unser Leben in der Welt von heute zu verwirklichen - das ist sein Auftrag an die Jünger von damals und an uns, die Kirche von heute. Wenn wir aber sehen, wie sehr diese Strukturen des Reiches Gott in unserer Welt und auch in unserer Kirche noch fehlen, dann wissen wir, dass wir noch mitten in der Arbeit sind; und es kann nur heißen: An die Arbeit in unserem persönlichen Leben, in unseren Familien, in unseren Gemeinden, in unserer Kirche - bauen wir ab die dämonischen Strukturen eines aufwendigen, eines unfreien und eines gewalttätigen Lebens und sorgen wir, dass unser Leben auf den Säulen der Einfachheit, der Freiheit und der Gewaltlosigkeit zu ruhen kommt.

Ist das nicht der Zimmermann?





Aus dem hl. Evangelium nach Markus 6:1 – 6

Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn.
Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!
Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.
Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.
Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.





Gewiss hat Jesus sich in seiner Heimatstadt einen anderen Empfang vorgestellt, ganz sicher hat er sich und den Seinen einen anderen gewünscht als den, dass sie Anstoß an ihm nehmen und ihn ablehnen.
Wie kommen die dazu, nach dem, was wir letzten Sonntag gehört haben: die Heilung der Frau und die Erweckung des toten Mädchens?
Die haben ganz genau gewusst von seinen Wundertaten, von seiner beeindruckenden Predigt, von seiner Ausstrahlung! Sie fragen ja: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen? So was spricht sich in Windeseile herum!
Die Antwort auf unsere Frage steckt in ihrer Frage: Woher hat er das alles?
Sie wissen nicht woher, denn sie kennen ihn nur als Zimmermann, als Sohn der Maria und als Bruder von etlichen Geschwistern.
Das aber, was ihnen in Jesus begegnet geht über ihren menschlichen Horizont hinaus; es kommt von jenseits dieses Horizontes - aus dem Unbegreiflichen, aus dem Unfassbaren. Es ist nirgendwo ausdrücklich da, aber zwischen den Zeilen ist es zu spüren: Durch Jesu Worte und Taten berührt sie Göttliches. Das, was sie nicht wissen, was sie nicht begreifen und verstehen - sie ahnen es: es kommt von Gott; und es kommt von Gott als eine Herausforderung, den Raum ihres Vertrauten, ihres Bekannten zu öffnen für das Unbegreifliche, das Gott ihnen durch Jesus geben möchte; aber dazu braucht es Vertrauen und Glauben - und dazu konnten sie sich nicht durchringen.
Deswegen, nahmen sie Anstoß an ihm und lehnten ihn ab!
Eigentlich meinten sie damit Gott: An ihm nahmen sie Anstoß und ihn lehnten sie ab.
Das Bekannte an Jesus wurde ihnen zum Hindernis für das Unbekannte in Jesus.
Das Menschliche an Jesus versperrte ihnen das Göttliche in Jesus!
Sie haben Probleme mit ihrem Bild, mit ihrer Vorstellung von Gott. Ihr Gott soll so und so sein - und anders durfte er nicht sein. Sollte er sich dennoch erlauben, anders zu sein als sie ihn sich vorstellten - nehmen sie Anstoß an ihm und lehnen ihn ab! So einfach ist das!
Ihr habt es sicher schon gemerkt: Indem ich von den Bekannten und Verwandten Jesu sprach, sprach ich auch von uns selber, von uns Christen; denn ihre Probleme mit Gott sind auch die unseren.
Auch wir glauben, Gott zu besitzen; deswegen warten wir auch nicht mehr auf ihn, weder beim Gottesdienst noch im Leben.
Dabei vergessen wir aber, dass wir stärker sind als Wartende denn als Besitzende. Indem wir Gott besitzen, reduzieren wir ihn auf den kleinen Ausschnitt, den wir von ihm erfahren und begriffen haben, und wir machen aus ihm einen Götzen. Nur in der Götzenverehrung kann man glauben, Gott zu besitzen. Aber wenn wir wissen, dass wir ihn nicht kennen, und wenn wir auf ihn warten, um ihn zu erkennen, dann wissen wir wirklich etwas von ihm, dann hat er uns ergriffen und erkannt und besitzt uns. Dann sind wir Glaubende in unserem Unglauben und dann sind wir von ihm bejaht trotz unseres Getrenntseins von ihm.
Wer ist dieser Jesus? Um diese Frage geht es! Und das heutige Evangelium antwortet uns: Er ist mehr, als was wir von ihm gelernt haben im Laufe unsres Lebens, mehr als wir von ihm wissen, mehr als wir uns von ihm vorstellen.
Für dieses "Mehr" müssen wir uns öffnen.
Dann wird Jesus wieder attraktiv für uns. Dann wird er wieder lebendig. Dann werden wir beim Hören des Evangeliums nicht mehr mit einem verschlafenen Blick abschalten und sagen: Kenn ich schon! Wir werden uns nicht für unsere Fingernägel und die Uhrzeit daneben, auch nicht für die bunten Bänder des „Gotteslob“ und nicht für die Wände der Kirche interessieren.
Sondern dann werden wir uns wieder fragen: Was hat Jesus mir heute zu sagen?
Und dieses "Mehr" wird uns zum Bekenntnis des Hauptmannes unter dem Kreuz Jesu führen: dieser Mensch ist wirklich Gottes Sohn! Zugleich werden wir offen für einen Gott, der oft andere Gedanken und Pläne hat, als wir. Wir werden offen für einen lebendigen Gott, der nicht als toter Götze begraben liegt im Gefängnis unserer Vorstellungen, sondern da ist in unserem Leben - mitten drin; und der uns Leben gibt im Sterben, Sicherheit im Ungewissen, Frieden und Freude.

Sonntag, Juli 02, 2006

Wenn ich auch nur sein Gewand berühre ...



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 5:21 - 43

Jesus fuhr im Boot wieder ans andere Ufer hinüber und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,
kam ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen
und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.
Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.
Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt.
Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.
Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand.
Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.
Sofort hörte die Blutung auf und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.
Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?
Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?
Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.
Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.
Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jaïrus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?
Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur!
Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten,
trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.
Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag.
Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.
Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.





„Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?“ (Mk 5,31)

Es gibt offensichtlich verschiedene Weisen, Jesus zu berühren. Da ist einmal die Weise, wie die Menge ihn berührt, die sich um Jesus drängt. Das können Menschen sein, die durch das Gedränge Jesus nahe kommen: geschoben von der Masse der Menschen geraten sie eher zufällig in die Nähe Jesu, gehen eine Zeit lang neben, hinter oder vor ihm her und werden dann vom Gedränge wieder von Jesus getrennt. Ob nahe bei Jesus oder sonst wo unter den vielen Leuten – sie gehen mit der Menschenmenge mit, lassen sich mit treiben.
Dann wird es Leute geben, die Jesus Nähe suchen, weil er die Mitte dieser Menge ist, weil sich die Menschen ja seinetwillen versammelt haben. Sie wollen ihm nahe sein, wie man gerne berühmten Leuten nahe ist. Man will sich sonnen in der Berühmtheit dieser hervorragenden Menschen. Vom Glanz dieser Menschen möge etwas auf sie fallen und ihnen eine Bedeutung verleihen, die sie selber in sich nicht finden. Sie schmücken sich mit fremden Federn und wie ein Leihkostüm legen sie die Nähe dieses Menschen wieder ab, wenn ihnen seine Nähe zum Nachteil gereicht. (vgl. Mt 13,21)
Schließlich werden auch Leute in seine Nähe gekommen sein, die Arges im Sinn haben, die ihm nachstellen, die ihn beobachten, die ihn verfolgen, weil sie ihn töten wollen.
Alle diese Menschen berühren Jesus – aber er fühlt sich nicht von ihnen berührt. Berührungen ohne Tiefgang sind es, die deshalb in den Augen Jesu auch nicht den Namen „Berührung“ verdienen. In seinen Augen sind es zufällige Kontakte aus x-beliebigen Gründen – weiter nicht der Rede wert; Kontakte, die eigentlich nicht ihn selber meinen. Darum treffen und berühren sie ihn auch nicht. Diese Kontakte sind wie Samen, der nicht in die fruchtbare Erde eindringen können, um von dorther vielfältig Frucht zu bringen. (vgl. Mt 13,1-23)

Und dann die Berührung durch jene Frau, die schon 12 Jahre unter Blutungen litt. Diese Berührung war geplant: „Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.“ (Mk 5,28) Diese Berührung wurde bewusst und gezielt angestrebt; da war eine Haltung dahinter: die Haltung des Vertrauens und des Glaubens. Die Haltung der Hoffnung, nach einem langen Leidensweg endlich durch die Berührung Jesu geheilt zu werden. Was ist da geschehen, dass Jesus die Berührung dieser Frau wahrnimmt? Was hat diese Frau da eigentlich angerührt in Jesus? Sie hat ihn in seiner Berufung angerührt; in seiner Sendung, hier auf Erden zu heilen, zu befreien, zu erlösen. Sie hat durch ihr Berühren das erlösende Potential des Sohnes Gottes zum Fließen gebracht. Und den Schlüssel zu diesem Potential nennt der Herr dann selber beim Namen: „Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen“ (Mk 5,34)

Die drängende Menge um Jesus und diese Frau: Beide fragen jede/n von uns: Und du, wie berührst du Jesus?
Etwa wenn ich zur Kommunion gehe: Gehe ich da, weil eben alle gehen und es vielleicht auffallen könnte, wenn ich in der Bank bleibe? Oder geh ich, weil ich es so gewohnt bin? Herdentrieb? Gewohnheitstrieb? Oder gehe ich gläubig mit der gezielten Absicht, mich von ihm heilen, stärken, erleuchten, führen zu lassen? Bin ich bereit, alles, was mich beschäftigt und was mich bedrückt nicht als lästige Ablenkung vom Herrn zu betrachten sondern als Last, von der ER mich befreien möchte, als Krankheit, die ER in mir heilen möchte, als Dunkelheit, aus der ER mich herausführen möchte, als Abhängigkeit, aus der ER mich lösen möchte?
Nicht nur in der Kommunion haben wir Gelegenheit, den Herrn zu berühren. Das Kleid, in dem der Herr durch unsere Zeit schreitet ist vielgestaltig: Sein Wort ist es, durch das ER uns erleuchtet und belehrt; das Sakrament der Buße ist es, in dem ER uns befreit und versöhnt; der Nächste ist es, in dem wir den Herrn durch unser Lieben berühren. Und auch heute ist das Gedränge dicht, in dem der Herr durch unsere Zeit schreitet und die Absichten, in denen ER kontaktiert wird sind auch heute oberflächlich, hinterlistig, feindlich. Lassen wir uns davon nicht beirren. Der Blick auf unsere Armut und auf seinen Reichtum soll uns zu jenem gläubigen Vertrauen führen, das uns sprechen lässt: „Wenn ich auch nur sein Gewand berühre...“ (Mk 5,28)