Samstag, September 30, 2006

Therese und der klare Blick auf sich



„Die Beschäftigung mit sich selbst könnte mein Herz zerstreuen.“

 
Diese Befürchtung äußerte Therese ihrer Priorin gegenüber, die ihr aufgetragen hat, Memoiren zu schreiben. Sie befürchtete, dieser Auftrag könnte sie in der Sammlung auf den Herrn behindern.
Dass sie diese Befürchtung nicht völlig zu Unrecht hatte, zeigt der Umstand, dass das Kreisen um sich selber tatsächlich schlimme Auswirkungen haben kann. Bedenken wir nur, wie Egoismus uns abhält von der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen. Unter diesem Egoismus hatte Therese selber zu leiden. Von ihm wurde sie in der Weihnacht 1886 befreit: „in jener lichten Nacht, die die Wonnen der Dreifaltigkeit bescheint, wandelte Jesus, das liebliche, kleine neugeborene Kind die Nacht meiner Seele in Sturzbäche von Licht... In jener Nacht, in der Er sich schwach und leidend machte aus Liebe zu mir, machte Er mich stark und mutig. Er legte mir seine Waffenrüstung an, und seit jener gesegneten Nacht wurde ich in keinem Kampf mehr besiegt, im Gegenteil, ich schritt von Sieg zu Sieg und begann sozusagen «wie ein Riese zu laufen!“ (Ps 18,5) In dieser Nacht half Jesus Therese, dass sie sich von den Fehlern der Kindheit – also von ihrer kindlichen Egozentrik – befreien konnte. So wurde Therese befähigt zu zeigen, dass die Beschäftigung mit sich selber auch segensreich ist. Was macht es also bei Therese zu einer Wohltat für sie selber und für andere, dass sie die Autobiographie ihres Lebens schreibt?

Sie geht an diese Aufgabe heran mit einem Herzen, das bereits auf Jesus hingeordnet ist: Sie will mit dem Schreiben über ihr Leben die Erbarmungen des Herrn besingen. Das Ziel dieser Schrift ist nicht ihre Selbstverherrlichung sondern die Verherrlichung Gottes. Sie kreist nicht um sich, als eine Gefangene ihrer selbst sondern sie kreist um den Herrn, von dem sie sich völlig abhängig und beschenkt erlebt; als Ergebnis dieses Kreisens gewinnt sie die Erkenntnis, dass alles Gnade ist!

Sie hat diese Aufgabe nicht aus eigener Willkür begonnen sondern im Auftrag ihrer Oberin. Therese erging es so wie den 70 Ältesten in der 1. Lesung: Die gerieten in prophetische Verzückung nicht aus eigenem Antrieb sondern weil der Herr vom Geist des Moses nahm und auf sie legte. (Num 11,25) Oder wie im Evangelium der Dämonenaustreiber: Der hat das nicht eigenmächtig getan sondern im Namen Jesu. (Mk 9,38f.) All diesen Beispielen ist gemeinsam, dass die Akteure nicht eigenwillig handeln sondern nach dem Willen eines Höheren, nach dem Willen des Herrn. Sie gehorchen und werden zum Segen; sie gehorchen, weil sie den lieben, dem sie gehorchen. An ihnen erfüllt sich das Wort des Apostels Paulus: „Bei denen, die Gott lieben, führt alles zum Guten.“ (Röm 8,28)
Welches ist nun das Gute, zu dem Therese durch ihr Schreiben geführt wurde?
Von Gott erleuchtet erkennt sie tiefer den geistlichen Reichtum ihres Lebens.

Diesen Reichtum behält sie nicht für sich – im Schreiben ihrer Memoiren teilt sie aus an unzählige Menschen. Sie lässt ihren Reichtum nicht verfaulen, indem sie ihn für sich behält (Jak 5,2); sie vergräbt ihn nicht in der Erde, wie der schlechte Diener sein Talent (vgl. Mt 25,24-28). Vielmehr beginnt sie bereits auf diese Weise ihre Rosen auszustreuen.

Bevor sie zur Feder griff, ist sie vor der Marienstatue niedergekniet (vor jener, die ihr so viele Beweise der mütterlichen Vorliebe der Himmelskönigin für ihre Familie geschenkt hat) und hat sie angefleht, ihre Hand zu führen, damit sie keine Zeile schreibe, die ihr nicht angenehm wäre. Therese vertraute sich der Mutter Jesu an, die eine Meisterin darin war, im Herzen zu bewahren, was an ihr geschehen war, und darüber nachzudenken. In ihrem Magnifikat haben wir die reine Frucht einer reinen Beschäftigung mit sich selber – und welch ein Lobpreis der Größe Gottes ist daraus geworden!

Auch wir werden zur Beschäftigung mit uns selber gedrängt – durch die Nationalratswahl, zu der wir heute aufgerufen sind. Nicht, dass wir unsere Memoiren schreiben sollten; wohl aber, dass wir darüber nachdenken, wie es uns ergangen ist seit der letzten Wahl; und wie wir heute dastehen; und was uns im Hinblick auf die Zukunft bewegt. Bei dieser Bestandsaufnahme dürfen wir uns nicht von schmissigen Werbeslogans blenden lassen, die simplifizieren, eng führen und Angst machen. Vielmehr wollen wir mit Mose bitten, „dass der Herr seinen Geist doch auf uns alle legen wolle“ (Num 11,29) damit wir so wählen, dass es von uns dann nicht mit den Worten der 2. Lesung heißen möge: „Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze. Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere. Ihr habt auf Erden ein üppiges und ausschweifendes Leben geführt und noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet.“ (Jak 5,3-5) Unsere Wahl soll möglichst die Gerechtigkeit und den Frieden fördern. Sie soll eine Antwort des Dankes und des Lobpreises sein auf das, was der Herr bisher Großes an uns getan hat. Und das ist sie, indem wir durch diese Wahl uns solidarisch erklären gerade mit den benachteiligten Menschen unserer Zeit und mit den kommenden Generationen. Auf die Fürsprache der Gottesmutter und der hl. Therese segne der Herr uns alle und den heutigen Wahlgang!

Donnerstag, September 21, 2006

Das Schweigen der Jünger



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 9:30 – 37

Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr;
denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.
Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen.
Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?
Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei.
Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.
Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:
Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.




Im heutigen Evangelium erleben wir, wie die Jünger zweimal auf die Anrede Jesu schweigen.

Die Jünger schweigen, da sie den Sinn seiner Worte nicht verstehen und sich scheuen, ihn zu fragen.
Angst verschließt ihnen den Mund; erinnern wir uns nur an das Evangelium am letzten Sonntag: dort hat Petrus Jesus heftig widersprochen, als der, so wie heute, über sein Schicksal in Jerusalem sprach; und wie hat Jesus ihm auf diesen Einspruch geantwortet: Weg mit dir Satan! Geh mir aus den Augen! Denn du willst nicht, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. (Vgl. Mk 8,32f)
Diese Zurechtweisung haben sich Petrus und die Jünger gewiss gut gemerkt; niemand von ihnen wollte von Jesus „Satan“ genannt werden. Das Thema von Jesus Leiden, Tod und Auferstehung ist ihnen zu heiß geworden. Sie wollten sich nicht noch einmal die Finger daran verbrennen.
So haben sie Jesu Worte unverstanden und unbefragt stehen lassen und haben sich wieder ihren Themen zugewandt. Es bleibt etwas Beklemmendes zurück: ein Gefühl von Angst, von Isoliertheit, von mangelndem Interesse. Womöglich hat sich keiner so recht wohl gefühlt.

Von Jesu Seite aus müssen wir sagen: Dieser Mitteilungsversuch ist missglückt. Die Jünger sind nicht darauf eingestiegen. Wir wissen nicht, ob Jesus für das Verhalten der Jünger Verständnis hatte. Der zweite Versuch, mit den Jüngern ins Gespräch zu kommen, lässt einen verständnisvollen Jesus vermuten. Denn nun setzt er ihnen nicht mehr die Botschaft von seinem Lebensende in Jerusalem unvermittelt vor; denn das ist ihnen offenbar zu steil.
Vielmehr fragt er sie nun, worüber sie unterwegs gesprochen haben. Mit dieser Frage gibt Jesus ihnen Gelegenheit, über das zu sprechen, was sie bewegt hat. Er möchte auf diesem Weg in ihre Welt einsteigen. Er gibt ihnen Gelegenheit das Gespräch mit ihm von ihrer Seite aufzubauen, indem er sie einlädt, ihm von ihrer Unterhaltung zu erzählen.
Nun möchte man meinen, die Jünger hätten diese Gelegenheit erfreut wahrgenommen. Wie damals als sie von der Missionsreise zurückgekommen sind, zu der Jesus sie zu zweit ausgesandt hat (Mk 6,7-13) „Da versammelten sich die Apostel wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.“ (Mk 6,30).

Aber auch diesmal schweigen sie. Offenbar haben sie über etwas gesprochen, wozu Jesus sie nicht „ausgesandt“ hat; etwas, was nicht zu Jesus passt. Sie haben geschwiegen, denn ihr Gewissen sagt ihnen: Ihr müsst euch dessen schämen, worüber ihr gesprochen habt. Jesus sieht in ihr Herz und erkennt, was der Evangelist als Grund für ihr Schweigen angibt: „Sie hatten unterwegs darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei.“ (Mk 9,34)
Wie reagiert Jesus? „Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ (Mk 9,35) Er verbindet ihre Welt mit der seinen; ihr Gespräch mit seinen Worten; ihr Bestreben, der Erste sein zu wollen mit seinem Bestreben, das Leben in den Tod hinzugeben; und er verbindet es so, dass er diese Hingabe als Dienst für alle mit dem ersten Platz gleichsetzt.
Auf diese Weise deutet Jesus an, dass sein Leiden, Sterben und Auferstehen in Jerusalem nicht ein isoliertes Geschehen ist, das nur ihn allein und sonst niemanden betrifft. Vielmehr ist es eine Hingabe für alle, ein Dienst an allen. Es ist der Lebens- und Liebesdienst an seinen Jüngern und an der ganzen Welt. Zugleich stellt er ihnen diesen Weg der Hingabe als Weg der Nachfolge dar, von der er am letzten Sonntag im Evangelium sprach: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mk 8,34)
In der Kreuzesnachfolge Jesu öffnen wir uns diesem Dienst Jesu, erlauben wir es ihm, unser aller Diener zu werden – so wie es Petrus Jesus erlaubt hat, ihm die Füße zu waschen. (Joh 13,9). Durch diesen Dienst Jesu wird sein Leben unser Leben, und unser Leben wird jenen Dienstcharakter bekommen, der uns nicht nur auf das eigene Wohl achten lässt sondern auch auf das der anderen. (vgl. Phil 2,4)
Und einmal mehr wird gerade im Angesicht der heutigen Probleme deutlich, dass die Welt nur einen wahren Erlöser hat und haben wird: Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt und wirkt; und seine Kirche sind wir, wenn wir ihm folgen in der Bereitschaft, wie er zum Diener aller zu werden.

Mittwoch, September 20, 2006

Ihr aber - für wen haltet ihr mich?



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 8:27 – 35

Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen?
Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten.
Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias!
Doch er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen.
Dann begann er, sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen.
Und er redete ganz offen darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe.
Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.
Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.





„Ihr aber – für wen haltet ihr mich?“ (Mk 8,29)

Was hat den Petrus angeregt, im Namen der übrigen Jünger zu bekennen: Jesus, „du bist der Messias?“ (Mk 8, 29) War es ein pastorales Programm zur Ordnung des kirchlichen Lebens? War es eine Krisensituation der Kirche wie etwa Glaubens- und Sittenverfall, Mangel an geistlichen Berufen, Spannungen zwischen Hirten und gläubigem Volk, Anfeindung der Kirche von außen? Nichts von all dem hat Petrus zu seinem Bekenntnis geführt! Es war allein der Wunsch Jesu, zu erfahren, für wen sie ihn halten und was er für sie bedeutet.
Diese ausdrückliche Bitte Jesu beantwortete Petrus mit seinem ausdrücklichen Bekenntnis. Um es noch deutlicher zu sagen: Jesus bittet seine Jünger persönlich darum, dass sie ihm doch sagen möchten, für wen sie ihn halten. Petrus antwortet mit dem persönlichen Bekenntnis: „Du bist der Messias.“
Ich erkenne darin einen ursächliche Zusammenhang: Ohne die Bitte Jesus kein Bekenntnis des Petrus. Der Wunsch Jesu hat das Bekenntnis des Petrus ermöglicht, hervorgerufen, zum Leben erweckt. So banal das klingen mag so wesentlich ist es für das Leben des Petrus: Sein gesamtes Leben wird Antwort auf den Anruf Jesu: Er lässt die Fischernetze liegen und folgt Jesus nach, weil der ihn ruft (vgl. Mk 1,17f) Nach der Verleugnung Jesus weint Petrus nachdem Jesus ihn angeschaut hat. (Mk 14,72) Und schließlich geht Petrus hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium von Jesus, nachdem dieser ihn und die übrigen Jünger dazu aufgefordert hat (vgl. Mk 16, 16-20) Das Leben des Petrus und das der übrigen Jünger wird gewandelt von einem Leben nach dem eigenen Willen in ein Leben nach Jesu Willen. Ihr Leben wird zu einer Antwort auf Jesu Frage: Ihr aber, für wen haltet ihr mich! Jesus Wunsch und Wille wird zum Fundament und zum Maßstab ihres Lebens.

Bei uns Christen muss das auch so sein: Unser christliches Leben muss Antwort sein auf die Frage, die Jesus heute auch uns stellt: Ihr aber – für wen haltet ihr mich? Wie im Evangelium bei den Jüngern ist es auch bei uns so, dass Jesus von uns eine andere Antwort erwartet als von jenen Menschen, die ihm nicht so nahe stehen können wie wir, weil sie keine Christen sind.
Aber sind wir ihm so nahe, dass wir ihn fragen hören: „Ihr aber – für wen haltet ihr mich? Du aber – für wen hältst du mich?“ Wenn wir ihm so nahe sind, dann erst wird mir, wenn ich mich zum Gebet begebe, das Bekenntnis möglich sein: Du bist der, der mich zum Gebet ruft, damit ich mit ihm spreche und einfach bei ihm bin. Oder wenn ich zur hl. Messe gehe: Du bist es, der mich zum Mahl geladen hat, um sich mir selber als Speise des ewigen Lebens zu reichen. Oder wenn ich aus der hl. Schrift lese: Du bist es, der mich im Wort des Evangeliums ansprechen möchte. Oder wenn ich einen Liebesdienst erweise: Du bist es, der sich im Nächsten von mir verwöhnen lassen möchte. Oder in der Stunde des Leidens: Du bist es, der mein Kreuz mit mir tragen möchte oder derjenige, der in seinem Leiden von mir getröstet werden möchte. Oder wenn ich an meine Arbeit gehe: Du bist es, der mir meine Talente gegeben und mich zu dieser Arbeit berufen hast.
Oder wenn wir an die kommende Wahl am 1. Oktober denken: Du bist es, dessen Stimme ich aus den Wahlprogrammen der Parteien hören möchte; und wir also jene Partei wählen, aus deren Programm wir am deutlichsten den Herrn fragen hören: Ihr aber – für wen haltet ihr mich? Ohne diese Frage des Herrn ist uns ein Bekenntnis zu Jesus nicht möglich; ohne diese Frage des Herrn hat unser Bekenntnis keinen Rückhalt und somit auch keinen Bestand. Das Bekenntnis zu Jesus ist dermaßen persönlich, dass es nur abgelegt werden kann im Angesicht dieses Jesus, der mir die Frage stellt: Du aber – für wen hältst du mich. Durch mein Bekenntnis drücke ich zugleich aus, was es für mich bedeutet, dass Jesus der Messias ist.
Diese Frage ist wie die Sonne, die morgens die Blumen mit ihrer Wärme berührt, so dass sie bereitwillig ihre Blüten öffnen und ihre Schönheit und ihren Duft an die Umwelt verbreiten. Durch diese Frage Jesu erfahren wir mit den Worten des Tagesgebetes die Macht der Liebe Gottes an uns; das befähigt uns, ihm mit ganzem Herzen zu dienen. Mit dieser Frage beruft uns Gott, vor ihm zu stehen und ihm zu dienen. Wir wollen nicht aufhören, für diesen Ruf zu danken und unablässig jene Nähe zu Jesus zu suchen, in der wir ihn deutlich fragen hören: Ihr aber – für wen haltet ihr mich?

Samstag, September 09, 2006

Effata! - Werde geöffnet!


 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 7:31 – 37

Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.
Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.
Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata! das heißt: Öffne dich!
Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.
Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.
Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.




Es ist beeindruckend wie Jesus den Taubstummen heilt. Mit Gesten, Seufzen und mit einem Befehl rückt er dem Behinderten wortwörtlich zu Leibe. Zuvor aber „nahm er ihn beiseite, von der Menge weg.“ (Mk 7,33)
Dieses Beiseitenehmen ist zu beachten, denn es weist darauf hin, dass dieser Mann in der persönlichen Begegnung mit Jesus geheilt wurde. Nichts und niemand sonst haben diesem Mann geholfen – außer Jesus allein.
Dieses beiseite Gehen mit Jesus deute ich als ein Jesus Begegnen von Angesicht zu Angesicht und von Herz zu Herz. Es ist ein Begegnen, wie es im Gebet stattfindet.
Zu diesem Gehen in das Gebet gibt Jesus den Impuls: er ist die ziehende, treibende Kraft. Er ist es, der das Verlangen weckt, ihm in die Abgeschiedenheit des persönlichen Betens zu folgen. Dies entspricht dem, dass Jesus zum Gebet zum Vater sich ja auch in die Einsamkeit der Nacht oder eines abgelegenen Ortes begeben hat. Auch Jesus ging zum Beten beiseite. Auch bei ihm war es so, dass der Vater ihn beiseite genommen hat.
Und was in diesen Zeiten des Gebetes dann geschieht ist nicht nur Geistig/Geistliches! Auch der Körper wird in das Gebet genommen – und wie: „Er stieß ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit seinem Speichel.“ (7,33) Es sind sehr persönliche Berührungen; zuerst die Ohren, weil die Taubheit das Grundübel ist und die mangelnde Sprechfähigkeit nach sich gezogen hat. Und dann die Zunge.
Es ist eines der Grundanliegen im Gespräch zwischen Gott und Mensch: das rechte Hören des Menschen! Mose war 40 Tage und 40 Nächte auf dem Berg Sinai damit er schließlich die Weisungen Gottes hören konnte; (Ex 34,28) Jesus hat 40 Tage und 40 Nächte gefastet, damit er dann in der Versuchung durch Satan auf die Stimme Gottes hören konnte; (Mt 4,1-11) ehe Jesus die Zwölf erwählte hat er die Nacht hindurch gebetet; (Lk 6,12f) ehe er ins Leiden ging, hat er auf dem Ölberg gebetet, damit er in den folgenden schrecklichen Stunden nicht den Willen seines Vaters überhöre! (Lk 22,42) Und schließlich die Jünger: Nach der Himmelfahrt des Herrn beteten sie einmütig in Jerusalem bis sie der Herr bereit fand, auf die Stimme seines Geistes zu hören, den er dann in überreichem Maße über sie ausgoss. (Apg 1,12ff)
Wenn ich dem Herrn folge und mit ihm beiseite gehe, dann deshalb, damit er meine Taubheit, meine Schwerhörigkeit überwinde, die heute vor allem auch darin besteht, dass ich auf zu viele andere Stimmen höre; es sind diese anderen, fremden Stimmen, die mich taub machen für die Stimme des Herrn: Die Stimmen meiner Begehrlichkeiten, die Stimme der Menschenfurcht, die Stimme der Bequemlichkeit, die Stimme zahlreicher Modeerscheinungen, die Stimme selbsternannter Heilbringer. Alle diese Stimmen wollen im Grunde eines: sich ausgeben als die Stimme des Herrn, als die Stimme des guten Hirten, der allein uns auf die Weide ewigen Lebens führen kann. (vgl. Joh 10, 2-4)
Wenn wir zudem die Fähigkeit zu hören umfassender verstehen als Wahrnehmung, dann gilt es die Taubheit für unsere Sündhaftigkeit einerseits und für die uneingeschränkte Liebe des Herrn andererseits zu überwinden, in die wir beim Beten eintreten; und da muss er seine Finger wohl besonders tief in unsere Ohren stoßen.
Nach dem Geschenk des Hörens heilt Jesus auch die Sprachstörung des Behinderten, indem er „die Zunge des Mannes mit Speichel berührt, so dass die Zunge von ihrer Fessel befreit wurde und er wieder richtig reden konnte.“ (Lk 7,33.35)
Was mit diesem „richtig reden“ eigentlich gemeint ist, erklärt sich aus dem Verbot Jesu, „jemand davon zu erzählen.“ (Lk 7,36) Die Leute sollen von dem, was sie mit ihm erleben nicht etwas erzählen, indem sie nach ihrer Phantasie davon wegstreichen und dazufügen; sie sollen vielmehr das sagen, was sie von ihm gehört und mit ihm erlebt haben. Und die Leute halten sich daran, indem sie es bekannt machen, mit anderen Worten, indem sie es verkünden und somit dem Auftrag des Herrn entsprechen, den er als der Auferstandene später dann seinen Jüngern und seiner Kirche geben wird: „Geht zu allen Völkern ... und lehrt sie alles zu halten, was ich euch geboten haben.“ (vgl. Mt 28,19f)
Aus dem rechten Hören auf Jesus erwächst das rechte Sprechen über Jesus; ein Sprechen, das sich seinem Wort angleicht, wie es aus dem Evangelium und aus der Lehre der Kirche zu uns spricht.
Zu guter Letzt wollen wir noch bedenken, das Jesus beim Setzen der beiden Heilungsgesten zum Himmel blickt, dabei seufzt und spricht: Werde geöffnet! (vgl. Mk 7,34) Auf diese Weise lässt Jesus wissen, dass er nicht im Alleingang handelt sondern in Verbindung mit seinem Vater im Himmel und das heißt: in dessen Auftrag und in dessen Kraft. Indem wir uns durch Jesus beiseite nehmen lassen und betende Menschen werden, gewinnen wir durch ihn Zugang zum Vater und der Vater gewinnt Zugang zu uns.
Suchen wir als Jesu getreue Jünger in unablässigem Gebet das Gespräch mit ihm, damit im Heiligen Geist er – und durch ihn der Vater – in uns sprechen kann und unser Reden und Tun uns ausweise als seine Jünger. Amen!

Samstag, September 02, 2006

Hört und ihr werdet leben!



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 7:1 – 23

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf.
Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt.
Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft und haltet euch an eure eigene Überlieferung.
Mose hat zum Beispiel gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter verflucht, soll mit dem Tod bestraft werden.
Ihr aber lehrt: Es ist erlaubt, dass einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Was ich dir schulde, ist Korbán, das heißt: eine Opfergabe.
Damit hindert ihr ihn daran, noch etwas für Vater oder Mutter zu tun.
So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.
Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage:
Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes.
Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Seht ihr nicht ein, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann?
Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.
Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,
Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.
All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.



„Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung von Menschen!“ (Mk 7,8)

Dieser Vorwurf Jesu erwächst aus einem Konflikt mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, die den Jüngern zum Vorwurf machen, dass sie sich zum Essen nicht die Hände waschen. Dabei bemängelten sie aber nicht, wie wir es heute sehen würden, eine hygienische Missachtung sondern die Übertretung einer Tradition ihrer Vorfahren.
Wir können den Vorwurf Jesu persönlicher fassen und sagen: „Ihr hört auf das Reden der Menschen und überhört dabei die Stimme Gottes.“ Oder auch: „Euch ist es wichtiger, was die Menschen euch sagen als was Gott euch sagt!“
Auf diese Weise können wir leichter entdecken, dass dieser Vorwurf auch uns heute trifft und dass er mit den Gegnern seiner Zeit auch uns anspricht. Schauen wir nach ob zu Recht.

Es gehört in der Regel zu unserem Bestreben, mit unseren Mitmenschen gut auszukommen, indem wir sie respektieren und auf ihre Bedürfnisse soweit Rücksicht nehmen, als uns dies gut möglich ist. Dieses Bedürfnis wird getragen von einem Harmoniebedürfnis, das jeden Konflikt möglichst meidet im Bestreben: „Mei Rua will i haben!“ Nun kann jedoch dieses Bedürfnis nach Gleichklang mit unseren Mitmenschen dermaßen stark werden, dass es alles andere übertönt. Mit anderen Worten: Die Stimme unserer Mitmenschen wird uns so wichtig, dass alle anderen Stimmen, inklusive der Stimme unseres Gewissens und somit der Stimme Gottes, uns nichts mehr zu sagen haben. Das hat in Sachen Mode in den verschiedenen Ausfaltungen noch scheinbar harmlose Konsequenzen; denn dabei werden etwa die Bedachtsamkeit auf gefällige Schicklichkeit und auf die Bewahrung unserer Gesundheit und andere Rücksichtnahmen bisweilen sträflich außer acht gelassen – ohne sich dabei was zu denken, denn alle machen es so und es ist so toll „in“ zu sein.
Gehen wir einen Schritt weiter und bedenken wir den Umgang mit dem Menschen zu Beginn und am Ende des Lebens. Wie sehr ist er da doch in Gefahr, dass seine unveräußerliche Eigenwertigkeit zunehmend verwischt und aufgelöst wird zugunsten einer Verzweckung im Sinne der Forschung, oder der Wissenschaft, oder späterer Generationen – oder, zumeist verschwiegen oder hartnäckig verleugnet, im Sinne egoistischer Interessen. Diese Verdinglichung des Menschen am Anfang und am Ende seines Lebens zeigt nur besonders markant an, dass sein ganzer Lebenslauf von einer zunehmenden Instrumentalisierung bedroht ist. Es bedarf tatsächlich einer besonderen persönlichen Kraftanstrengung gegen diese Flut aufzustehen und von den maßgeblichen Instanzen das göttliche Gebot einzufordern, den Menschen uneingeschränkt als Person zu würdigen und gemäß dieser Würde zu behandeln.
Wenn wir noch einen Schritt weiter gehen und eine Dimension tiefer blicken, nehmen wir mit Schrecken war, was da eigentlich geschieht, wenn wir der Stimme der Menschen hörig werden und Gottes Stimme in unserem Herzen zuerst und dann in unserem Leben verstummt: ohne uns dessen bewusst zu sein delegieren wir die Verantwortung für unser Tun und Lassen auf das, was die da oben sagen oder auf das, wie die große Mehrzahl der Menschen sich verhält.
So kommt es schließlich soweit, dass eine Handlung, von einem einzigen getan zu Recht als verbrecherisch beurteilt, jedoch als normal erachtet und „geheiligt“ wird, sobald sie von den Mächtigen oder von der großen Masse getan wird. Auf schreckliche Weise wurde uns dieser Prozess im vorigen Jahrhundert im Dritten Reich und im Kommunismus vor Augen geführt. Und es war von Beginn an abzusehen, dass der Kapitalismus in den gleichen Abgrund läuft.
So verstehen wir jetzt besser wenn Jesus aufzählt, was aus einem Herzen kommt, das nur mehr die Stimme der Menschen und nicht mehr die Stimme Gottes hört: „Böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt aus diesem Herzen und macht den Menschen unrein.“ (Mk 7, 21 – 23) Und wir können anfügen: Es macht ihn nicht nur unrein – es vernichtet ihn auch! Es ist lebensnotwendig, uns vom Wort aus der 1. Lesung voll treffen zu lassen: „Und nun, Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört und ihr werdet leben.“ (Dtn 4,1) Amen!