Sonntag, November 26, 2006

Sein Reich geht niemals unter



Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 18: 33b – 37

Pilatus ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?
Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?
Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?
Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.
Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.




Erst vor Pontius Pilatus nennt Jesus sich selber einen König; und das auch erst, nachdem Pilatus ihn direkt danach fragt. Als ein machtlos Gefangener und den Tod vor Augen nennt sich Jesus einen König. Er macht auf diese Weise deutlich, dass sein Königtum nicht von dieser Welt ist. Und meint damit, dass seine Macht keine irdische sondern eine himmlische, keine vergängliche sondern eine unvergängliche, keine menschliche sondern eine göttliche Macht ist. Von dieser königlichen Macht Jesus berichten nicht nur die beiden Lesungen des heutigen Tages sondern auch die Berichte des Evangeliums von seinem Wirken vor seiner Gefangennahme.

Diese Berichte erzählen uns, wozu Jesus Macht gegeben wurde (vgl. Dan 7,14): Damit er heile, damit er befreie, damit er Schuld vergebe, damit er neues Leben schenke, damit er die Frohe Botschaft vom Reich Gottes verkünde, damit er auf diese Weise das tue, was er als seine königliche Aufgabe im heutigen Evangelium bezeichnet: Von der Wahrheit Zeugnis abzulegen (Joh 18,37); von der Wahrheit nämlich, dass Gott uns liebt und zwar so sehr, dass er seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit die Welt durch ihn gerettet wird. (vgl. Joh 3,16)

Jesus ist also nicht nur König für mich und für uns Menschen – er ist König der ganzen Schöpfung. Darum haben wir gebetet: „Befreie alle Geschöpfe von der Macht des Bösen, damit sie allein dir dienen und dich in Ewigkeit rühmen.“ Dazu wurde er in seiner königlichen Macht zum Haupt der neuen Schöpfung gemacht. Diese königliche Sorge Gottes um die ganze Schöpfung ist hochaktuell. Sie lädt uns ein, uns in der Sorge um unsere Schöpfung, Christus, dem König anzuvertrauen. In ihm allein werden wir zu einem Umgang mit ihr finden, die sie und uns in ihr erhalten wird. Warum dies?

Weil Jesus in uns die Liebe ordnet (Hl 2,4) und unser Begehren so ausrichtet, dass es seinem Begehren ähnlich wird: „Sodass wir danach trachten, nicht, dass wir getröstet werden sondern dass wir trösten; nicht, dass wir verstanden werden, sondern dass wir verstehen; nicht dass wir geliebt werden sondern dass wir lieben.“ (GL 29,6)
So kann Jesus eine weitere königliche Aufgabe erfüllen: „Uns zu Königen zu machen und zu Priestern vor seinem Gott. (vgl. Offb 1,6) So werden wir bereits hier auf Erden „mit ihm herrschen“ (2Tim 2,12) und brauchen damit nicht bis an unser Lebensende warten.

Es ist unverkennbar: das Herz des Königseins Christi ist das Dienen aus Liebe. Nur so kann sein Königtum ein Herrschen sein, das lebendig macht, das Leben gibt und am Leben erhält. Leider Gottes ist dieses Königtum nicht von dieser Welt. Aber es soll und kann und muss von dieser Welt werden – ansonsten steht es schlimm um diese Welt. Wie auch soll das „Projekt Erde“ zu einem guten Ende kommen, wenn nicht über das Königtum Christi, wenn nicht dadurch, dass die Mächtigen dieser Welt ihre Macht im Sinne und nach dem Vorbild Jesu ausüben.

Es ist zum Verzweifeln: Aber die Machthaber hier auf Erden werden für die Herrschaft Christi immer blinder und unempfänglicher; dafür stützen sie sich um so mehr auf irdische Machtfaktoren wie Energie, Waffengewalt, Geld – und dabei sieht bereits jeder Blinde, dass diese Stützen einbrechen und vergehen werden. Es ist dies die Macht des Bösen, die diese Leute mit Blindheit schlägt – solange sie sich dieser vergänglichen Machtmittel bedienen können. Sind sie ihnen genommen, dann gehen dem einen und anderen von ihnen auf einmal die Augen auf.

So wollen wir Christus, den König bitten: Herr der Welt, gib uns einen Blick für die Zeichen der Zeit und ein klares Urteil gegenüber den politischen Ereignissen und allem Neuen in unserer Welt. Bewahre uns vor trügerischer Hoffnung und hilfloser Angst. Gib uns Mut und Bereitschaft zu politischem Einsatz. Zeige uns, wie wir in unserem Staat verantwortlich leben und ihn mitgestalten können. Amen! (GL 31,3)

Samstag, November 18, 2006

Kommen in großer Macht und Herrlichkeit



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 13: 24 – 32

Aber in jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen;
die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen.
Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.
Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.
Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht.
Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.
Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.





Das Ende des Kirchenjahres fällt zusammen mit dem Ende des Jahreskreises, der gerade dabei ist, vom Herbst in den Winter überzugehen. Dem entsprechen in den liturgischen Texten dieser Sonntage Berichte der Schrift über das Ende der Weltzeit überhaupt.
Und wie in der Natur Bilder des Ausatmens, des zur Ruhe sich Begebens, des zu Ende Gehens und des Sterbens die Stimmung prägen so ist auch in den heutigen Schrifttexten vom Untergang die Rede: „die Sonne wird sich verfinstern, der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werde erschüttert werden.“ (Mk 13,24f)

Nun wissen wir zwar, dass der natürliche Verlauf eines Jahres sich wiederholt und nach jedem November wieder ein März kommt und nach jedem Winter ein Frühling, wobei aber durch den Klimawandel wir auch nicht mehr sicher wissen, wie genau diese Abfolge verlaufen wird; wir befürchten unangenehme bis katastrophale Veränderungen in der bisher gewohnten, harmonischen Abfolge der Jahreszeiten.
Diese Befürchtungen bringen uns dem radikalen Wandel näher, von dem im Evangelium die Rede ist: Tatsächlich sind die Verfinsterung der Sonne und des Mondes sowie das Fallen der Sterne vom Himmel Ereignisse, die wir noch nie erlebt haben und die allem Sein hier auf Erden ein Ende bereitet. Die kosmische Ordnung bricht zusammen. Damit verbunden gerät die globale Ordnung völlig aus den Fugen. Wir können die Situation mit den Worten Teresas zusammenfassen: Todo se pasa – Alles vergeht!

Neben dieser kosmischen und globalen Krise werden wir durch das Gedenken an Elisabeth von Thüringen an die existentielle Krise erinnert, in der sich nicht wenige unserer Landsleute befinden, weil sie verarmt sind und um ihre alltägliche Existenz kämpfen müssen. Die Inlandcaritas unterstützt sie bei diesem Ringen und bittet heute, dass wir sie durch unseren Beitrag zur Elisabethsammlung in diesem Kampf unterstützen.
Was durch diesen unseren Beitrag mitbewirkt werden soll, kommt in der Antwort zum Ausdruck, die das Evangelium auf alle eben angeführten Krisen gibt: „Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.“ (Mk 13,26f.)

Wir sind berufen, durch unseren Beitrag diese Engel zu sein, damit unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Not der Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit begegne durch jene Hilfe, die sie in ihrer Not erfahren und zu der wir die Caritas durch unsere Spende befähigen.
Mit dem Erscheinen in großer Macht und Herrlichkeit möchte der Herr also nicht warten bis zum Ende der Weltzeit. Dieses Erscheinen möchte er verwirklichen bereits heute durch das Gute, das wir tun oder zu dem wir andere durch unseren Beitrag befähigen. Und ich meine, wenn auch wir am Ende der Zeit zu den von IHM Auserwählten gehören und von seinen Engeln zusammengeführt werden wollen, dann sollten wir heute aus Liebe zu Engeln werden, die ihren Mitmenschen in Not nach Kräften helfen wollen. Denn es steht außer Frage, dass die von IHM Auserwählten an der Liebe zu erkennen sein werden, in der sie gelebt haben.

Zu dieser Liebe möchte der Herr uns selber anregen durch ein weiteres verborgenes Kommen in großer Macht und Herrlichkeit. Ich meine damit zum einen sein Kommen hier im Gottesdienst und in den Sakramenten aber zum anderen auch sein Kommen in unserem Herzen. Mit diesem Gedanken möchte ich unseren nächsten großen Karmelheiligen im Dezember ankündigen: Johannes vom Kreuz. Der schreibt in seinem geistlichen Gesang (CB1,8): „Was willst du noch, o Seele, und was suchst du noch außer dir, da du doch in dir drinnen deine Reichtümer hast, deine Freuden, deine Befriedigung, deine Sättigung und dein Königreich – deinen Geliebten, den du begehrst und den du suchst? Ergötze und erfreue dich in innerlicher Sammlung an ihm, denn du hast ihn ja so nahe. Hier begehre ihn, hier bete ihn an und gehe ihn nicht außerhalb deiner suchen, denn dort wirst du dich zerstreuen und ermüden; du wirst ihn nicht sicherer, nicht schneller, nicht näher finden und dich an ihm erfreuen, als in dir drinnen.“

Was bedeutet das alles? Nun, dass sein Kommen am Ende der Weltzeit in großer Macht und Herrlichkeit nicht sein erstes und einziges Kommen in diese Welt ist und dass dieses Kommen vorbereitet wird durch sein vorausgehendes Kommen in diese Welt: Durch seine Menschwerdung und seine Geburt, durch sein Kommen im Gottesdienst und in den Sakramenten, durch sein Kommen in die Seele eines jeden Menschen, durch sein Kommen in der Gestalt unseres Liebens.

Der Herr, der da kommt in großer Macht und Herrlichkeit wird also durchaus kein Unbekannter sein. Sondern er ist der, den wir mit allen Kräften unseres Herzens lieben, und dem wir unsere Liebe auf tausend Weisen zeigen wollen, dessen Nähe wir suchen, dessen Kommen wir mit Sehnsucht erwarten. Der unser Friede ist und unsere Freude; unsere Kraft und unsere Stärke.

Der Herr schenke uns, dass wir sein Kommen im Verborgenen mit jenem Glauben wahrnehmen, feiern und genießen können, der uns am Ende der Zeit unter seinen Auserwählten sein lässt, wenn er kommt in großer Macht und Herrlichkeit. Amen!

Samstag, November 11, 2006

Das Scherflein der Witwe



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 12:38 – 44

Er lehrte sie und sagte: Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Straßen und Plätzen grüßt,
und sie wollen in der Synagoge die vordersten Sitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben.
Sie bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Aber umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.
Als Jesus einmal dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel.
Da kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. örtlich: und warf zwei Leptá hinein, das ist ein Quadrans.
Er rief seine Jünger zu sich und sagte: Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern.
Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.



„Nur mache zuerst für mich ein kleines Gebäck und bring es zu mir heraus! Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten.“ (1 Kg 17,13)

Ein erster Eindruck kann sein, dass mit diesem Wunsch sich Elia gar nicht wie ein Gentleman benimmt nach dem Motto: Ladies First! Eher lässt er an die Schriftgelehrten denken, von denen Jesus im Evangelium sagt, sie bringen die Witwen um ihre Häuser. (Mk 12,40) Wenn wir jedoch bedenken, wie hoch das Gebot der Gastfreundschaft in der hl. Schrift steht und wie sehr es fordert, dem Gast entgegenzukommen, dann ist die Bitte Elias überaus frauen- und menschenfreundlich, indem er nämlich von der Witwe nur jenes Maß an Entgegenkommen fordert, das auch ihr und ihrem Sohn noch zum Essen und Trinken übrig lässt. Er fordert also jenes Maß an Gastfreundschaft, das auch das eigene Wohl noch im Auge behalten darf.
Auf der anderen Seite sehen wir das Wort Jesu in Erfüllung gehen: „Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.“ (Mk 9,41) Denn der Mehltopf wurde nicht leer und der Ölkrug versiegte nicht, so dass die Frau mit Elia und ihrem Sohn viele Tage zu essen hatte. (1 Kg 17,15f.)
Betrachten wir nun die Witwe bei Sarepta zusammen mit der armen Witwe im Evangelium: Beide geben sie das Letzte her: Die Witwe in der Lesung die letzten Lebensmittel, die Witwe im Evangelium „ihren ganzen Lebensunterhalt“ (Mk 12,44) Die eine gibt es Elia, dem Propheten des Herrn; die andere gibt es in den Opferstock im Tempel des Herrn! Beide ehren sie durch ihre Gabe den Herrn, der sowohl in seinem Propheten wie auch in seinem Tempel wohnt. Durch die Gabe beider soll der Wohnstatt des Herrn geholfen werden: dem Elia, damit er überleben kann und dem Tempel, denn das Geld im Opferstock wird für die Erhaltung des Tempels verwendet. Beide geben so auf berührende Weise dem Herrn den absoluten Vorrang vor ihren eigenen Bedürfnissen. Beiden Witwen ist der Lohn des Herrn gewiss, wobei die Lebensfülle, die die Witwe von Sarepta sogleich erhält ein Hinweis ist auf jene weit größere Fülle der Witwe im Evangelium, die darin besteht, dass sich ihr Verhalten der Aufmerksamkeit und dem Herzen des Sohnes Gottes eingeprägt hat. Und es ist meines Erachtens unaussprechlich, welches Gebet für diese Witwe aus dem Herzen Jesu zu seinem Vater im Himmel emporgestiegen ist und welchen Segen dieses Gebet auf die Witwe herabgezogen hat.
Diese beiden Witwen lassen mich mit erneuter, tiefer Dankbarkeit an jene Frauen und Männer denken, die auch Gott die Ehre gegeben haben, indem sie mich und die Gotteshäuser unterstützten, für die ich als Seelsorger bisher zuständig war. Möge ihnen der Herr reichlich jenen Witwenlohn zukommen lassen, von dem wir in Lesung und Evangelium gehört haben.
Zugleich bitte ich den Herrn, dass alle, die seine Diener und sein Haus nach dem Vorbild aus dem Evangelium unterstützen (vgl. Lk 8,1-3) immer tiefer erfassen mögen, wie sehr sie dadurch recht eigentlich dem Herrn selber die Ehre geben, die ihm allein gebührt.
Schauen wir schließlich auf den Propheten und den Opferstock: Aus dem Opferstock nimmt man heraus, was die Leute hinein werfen; der Opferstock behält nichts für sich. Gerade so muss auch der Prophet sein: Was die Leute in ihn hinein geben, damit er zum Leben hat, das muss der Herr aus ihm herausnehmen dürfen. Und was nimmt der Herr heraus? Natürlich den Dienst, den sein Prophet und jeder seiner Diener am Volk zu tun hat – jeder gemäß seiner Berufung und seinem Auftrag. Sei es der Dienst der Leitung oder der Verkündigung; der Caritas oder der Unterweisung, der Heilung oder der Prophezeiung (vgl. Eph 4,7-16). Alle diese Dienste zielen auf die Verherrlichung des Herrn, die darin besteht, dass sein Volk den Weg geht, den ihm die Diener des Herrn in Wort und Tat zeigen und dass es auf diesem Weg Gerechtigkeit, Frieden und Freude im heiligen Geist findet und lebt (vgl. Röm 14,17). So wird sein Volk bereit sein, den Herrn bei seinem zweiten Kommen zu erwarten, damit er es für immer erretten kann. (vgl. Heb 9,28)

Freitag, November 03, 2006

Gott lieben mit ganzem Herzen


Aus dem hl. Evangelium nach Markus 12:28b – 34

Ein Schriftgelehrter ging zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,
und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.




„Jesus antwortete: Das erste Gebot ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“ (Mk 12,29f)
Je öfter wir uns diese Antwort Jesu wiederholen und je tiefer wir sie in unser Leben und in unser Herz sinken lassen umso deutlicher wird uns bewusst: Das ist nicht unser erstes Gebot – mögen wir darüber erschrecken oder nicht. Wissen wir überhaupt, was es bedeutet zu lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, mit allen Gedanken und mit aller Kraft? Haben wir jemals schon so geliebt? Und wenn ja – wer möchte die Hand erheben und behaupten, er habe Gott so geliebt? Ich kann das jedenfalls von mir leider nicht behaupten.
Kann es denn anders sein, als dass dieses Gebot uns von Anfang an als Mangelhafte vor Gott stehen lässt im Bekenntnis: Diese Liebe zu Gott hatten wir nicht, haben wir nicht und werden wir hier auf Erden nie haben. Und gebe Gott, dass wir sie im Himmel haben dürfen!
Allein schon wenn wir uns noch so fest vornehmen, mit Andacht zu beten oder die hl. Messe mitzufeiern, werden wir nach geraumer Zeit uns zerstreuen und mit den Gedanken abschweifen zu dem, was unser Herz eigentlich bewegt. Und beschämt werden wir vieles andere aufzählen müssen, das wir inniger lieben als den Herrn. Wir werden entdecken, dass die Liebeskraft unseres Herzens zerrissen und aufgeteilt ist auf vieles andere. Wir können die Schätze aufzählen, an denen unser Herz hängt (vgl. Mt 6,21) und oft genug ist Gott bloß einer, der unter anderen Schätzen unser Herz bewegt.
So ist diese Antwort des Herrn eine heilsame Korrektur für eine eingebildete Liebesfähigkeit ihm gegenüber, die wir in Wirklichkeit nicht haben. Sie ist eine sichere Lampe, mit der wir die Götzen unseres Lebens entdecken können, denen wir eigentlich dienen – oft sogar unter dem Vorwand, Gott zu dienen. Diese Antwort des Herrn hilft zu einer realistischen Selbsterkenntnis unserer Kraft, unserer Fähigkeit und unserer Innigkeit zu lieben und führt uns die wahren Götter unseres Lebens vor Augen.
Mit dieser oft genug schmerzlichen Einsicht in unser „liebendes“ Herz ist aber auch der erste Schritt getan zum Guten, zur Umkehr, zur Besserung. Denn diese Antwort des Herrn setzt zugleich allen Kräften unseres Lebens ein Ziel, das es wert ist, angestrebt zu werden. Es setz ihnen jenes Ziel, auf das hin wir Menschen geschaffen sind. Dieses Ziel ist Gott. „Und dass dieser Gott es wohl wert ist, ihn ein ganzes Leben lang zu suchen“ (Teresa von Avila) zeigt uns die Geschichte des Volkes Israel im Ersten Bund. Er berichtet vom unermesslichen Segen, den es gebracht hat, wenn Einzelne oder das ganze Volk diesen Gott liebten mit ganzem Herzen – und diese Liebe im Gehorsam Gott gegenüber ausdrückten. Unsere heilige Mutter Teresa selber hat vielfach erfahren, dass Gott allein tatsächlich genügt. In ihren Werken hat sie diese Erfahrungen auch für uns aufgeschrieben.
Abschließend möchte ich die Aufmerksamkeit jedoch auf eine Karmelitin richten, deren 100sten Todestag wir am kommenden Mittwoch feiern: Elisabeth von der Dreifaltigkeit. Eine besondere Erfahrung hat ihr geholfen, Gott mit allen Kräften ihres Lebens zu lieben; die Erfahrung ihres Namens „Elisabeth;“ er bedeutet „Wohnung Gottes.“ Die Wahrheit, vom dreifaltigen Gott bewohnt zu sein, hat ihre Liebe stark gemacht, hat alle Kräfte ihres Lebens auf diesen Gott hin gesammelt. Was dem Volk Israel von der Weisung des Herrn gesagt wurde: „Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“ (Deut 30,14) Was Teresa im Bild von der Seelenburg erlebt hat, das hat Elisabeth in der Einwohnung des dreifaltigen Gottes erfahren. Diese Erfahrung hat sie jedoch nicht abgehoben – ganz im Gegenteil: Sie hat erkannt: diesen Gott aus ganzem Herzen zu lieben ist gleichbedeutend damit, ihre Mitschwestern aus ganzem Herzen zu lieben. So konnte ihre Priorin Mutter Germaine von ihr sagen, dass sie Elisabeth nie ungehalten oder ungeduldig den Mitschwestern gegenüber erlebt habe. Dabei war diese mitschwesterliche Liebe oft genug mit Tränen in den Augen erkämpft. Die Kraft, so zu lieben, ist ihr ohne Zweifel zugewachsen aus den Zeiten des Gebetes, in denen sie sich vertiefte in den dreifaltigen Gott in ihrem Herzen, den sie anbetete, dem sie sich hingab, dessen Lob der Herrlichkeit sie auf Erden und im Himmel mehr und mehr sein wollte. Amen!