Mittwoch, Januar 30, 2008

Selig, die arm sind vor Gott!


Das Evangelium Matthäus 5: 1 – 12a

1 In jener Zeit als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.

2 Dann begann er zu reden und lehrte sie.

3 Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.

5 Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.

6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.

7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.

8 Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.

9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genant werden.

10 Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.

11 Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.

12 Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.



I

Im Evangelium preist Jesus nicht die Reichen glücklich oder die Lustigen; nicht die Gesunden oder die Gescheiten oder jene, die sich behaupten und durchsetzen können – das würden wir verstehen, denn nach all dem streben wir in der Regel.
Es sind die Armen, die Trauernden, die Gewaltlosen, die Jesus heute anspricht. Ob wir heute also zu jenen gehören, die Jesus meint?
Diese Frage stellt sich uns noch einmal anders, wenn wir die heutigen Worte Jesu als eine programmatische Rede verstehen. In diesem Fall sind es nämlich grundsätzlich die Armen, die Jesus ansprechen will, an die er sich mit seiner Botschaft wendet.
Paulus sagt das in der Lesung so: „Das Törichte in der Welt hat Gott erwählt ... und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt ... und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist.“ (1Kor 1:27f)
Ob wir wohl zum Törichten, zum Schwachen, zum Niedrigen, zum Verachteten in der Welt gehören wollen, zu dem also, was in dieser Welt nichts ist? Wollen wir dazu gehören – bloß deshalb damit und weil Gott dann auch uns erwählt?

Wir merken, vor welch radikale Entscheidung wir auf diese Weise gestellt sind. Wir tun uns furchtbar schwer, uns für das Erwählt sein von Gott und gegen das Starksein und Geachtetsein in dieser Welt zu entscheiden. Wir finden uns vor dieser Frage in einem heftigen Zwiespalt. Das allein weist uns schon darauf hin, dass wir nicht arm sind vor Gott; dass wir also unseren Reichtum, unser wahres Glück nicht von ihm erwarten. Und dennoch nennen wir uns seine Kinder und Jünger seines Sohnes. Auf den Punkt gebracht stellt das heutige Evangelium uns die Frage: Sind wir, was wir uns nennen? Können und wollen wir angesichts der heutigen Frohbotschaft noch sein, was wir uns nennen?

Das heutige Evangelium will aber nicht allein schmerzhafte Ernüchterung sein. Das wäre gewiss zuwenig für eine Frohbotschaft. Es will uns genauso Weisung und Ermutigung sein auf den Weg zum wahren Glück.
Dazu gibt uns der Herr einen klaren Hinweis in welcher Richtung das wahre Armsein zu suchen ist. Es bedeutet nicht äußere Armut, die wir wie ein Kleid überziehen. Es geht um das Armsein vor Gott oder wie es im französischen Text heißt um das Armsein im Herzen. Armut als Haltung des Herzens ist also gefragt und damit eine Haltung, die sich das wahre und große Glück des Lebens zuerst, zuletzt und allein von Gott erwartet; eine Haltung also, die sich im Wesentlichen des Lebens von Gott abhängig und beschenkt weiß.

Und das ist weiß Gott nicht einfach. Denn diese innere Haltung des Herzens heißt es zu leben im Umgang mit dem Reichtum und dem Wohlstand und dem Überfluss, den wir alle mehr oder minder besitzen.

Damit wir nun aus dem oben genannten Zwiespalt herausgelangen und zum Frieden finden müssen wir unsere innere Haltung der Abhängigkeit von Gott auch leben, in dem wir unser Abhängigkeit von den äußeren Umständen wie Reichtum, Wohlstand und Überfluss immer wieder lösen durch Großzügigkeit im Helfen und Schenken und durch einfachere Lebensgestaltung.

Damit uns das leichter gelingen kann liegt noch ein zweiter Hinweis im heutigen Evangelium: Wie Jesus nämlich die Armen zu seinen besonderen Freunden erwählt sollen auch wir gerade auch den Armen um uns besondere Aufmerksamkeit schenken. Das wird uns in dem Maße gelingen wie auch wir uns vor Gott als Arme erleben, die von ihm überreich beschenkt wurden mit allen möglichen Gütern des Leibes, der Seele und des Geistes; die von ihm vor allem aber beschenkt wurden mit jener herzlichen Liebe, die Jesus uns erweist. In dem Maße wir uns von Gott beschenkt erleben erkennen wir, dass wir für die Anderen beschenkt wurden – und wir werden fähig, andere zu beschenken. Es ist die Eigenart der Gaben Gottes, das sie unser sind je mehr wir sie mit den anderen teilen.

So wird möglich, worum wir gebetet haben: Gib, o Gott, dass wir dich mit ungeteiltem Herzen anbeten und die Menschen lieben, wie du sie liebst. Durch Christus, unseren Herrn! Amen.




II


Mit den Seligpreisungen des heutigen Evangeliums beginnt Jesus die Bergpredigt – seine erste programmatische Rede. Dabei wendet sich Jesus an Arme, Trauernde, Gewaltlose, Verfolgte.

Das erweckt den Eindruck, als machte es Jesus den Politikern gleich, die sich ja auch an die große Masse der Benachteiligten wenden, um sie durch Versprechungen auf ihre Seite zu bringen. Bei näherem Zusehen erweist sich dieser Eindruck jedoch als falsch; Jesus beginnt nämlich zu reden, nachdem er sieht, dass ihm so viele Menschen folgen. Die Politiker jedoch reden, damit ihnen die Leute folgen. Jesus laufen die Leute zuerst nach, dann redet er; die Politiker reden zuerst und dann laufen ihnen die Leute nach – oder auch nicht.

Ich will damit sagen, dass Jesus eine ganz andere Absicht mit seinem Reden verfolgt als die Politiker das tun. Jesus sieht, dass viele Menschen ihm folgen; das drängt ihn, diesen Leuten zu sagen, was er ihnen zu bieten hat, was sie von ihm erwarten können, wo der Weg hinführt, auf dem sie ihm folgen. Das Verhalten der Leute ist wie eine Anfrage an Jesus, auf die er mit der Bergpredigt eine Antwort gibt. Die Leute sollen sich mit ihm auskennen soweit das eben möglich ist.
Die Politiker wollen mit ihrem Reden die Leute auf ihre Seite bringen, um sich sammeln, wollen sie von ihrer Linie, von ihren Absichten und Ideen überzeugen.
Das hat Jesus nicht nötig; er braucht sich nicht zu profilieren und in den Mittelpunkt zu stellen, da er bereits im Mittelpunkt steht.
So frei von sich selber kann er sich ganz der Botschaft widmen, die er zu verkünden hat. Jesus braucht nicht zu überzeugen – er kann unbeschwert Zeugnis ablegen. Dadurch ist bei ihm die Gefahr ausgeschlossen, offen oder verdeckt seinen eigenen Vorteil zu suchen im Umgang mit den Menschen; er kann frei und ungeniert für die Leute da sein. Die Politiker hingegen sind permanent dieser Gefahr ausgesetzt und nur allzu oft erliegen sie ihr.

Ich empfinde das Verhalten Jesu als ein starkes Plädoyer für eine politische Kultur, die sich am Menschen orientiert, deren Weg der Mensch ist, in deren Zentrum der Mensch und sein Wohlergehen steht. Damit sind Politiker aller Farben angesprochen aber ebenso Eltern im Hinblick auf ihre Kinder oder die Lehrer hinsichtlich ihrer Schüler oder wir Seelsorger in unserer pastoralen Arbeit.

Zu dieser Politik Jesu gehört zu allererst einmal das Zeugnis durch das Leben. Am Anfang sind nicht die vielen Worte sondern das Leben, das durch seine Ausstrahlung anspricht und anzieht. Die Leute sind dem lebenden Jesus gefolgt und haben dann den sprechenden Jesus gehört; und was Jesus dann gesprochen hat, das hat sein Leben ausgelegt und erklärt, das hat den Leuten den Grund seines Lebens nahe gebracht. Auf diese Weise hat Harmonie geherrscht zwischen dem Leben und den Worten Jesu und das ist ein wesentlicher Beitrag zur Autorität, mit der Jesus gesprochen hat und die die Leute sehr wohl bemerkt haben.

In den Seligpreisungen zählt Jesus dann seinen Zuhörern verschiedene Haltungen auf, die durchaus positiv sind für andere und für sie selber: Gewaltlosigkeit, Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit. Diese Haltungen haben Zukunft; darum sollen seine Zuhörer sich bemühen. Das politische Wirken Jesu hat zum Ziel, den Menschen zu diesen positiven Einstellungen zu verhelfen. Wir erkennen zwar im Hinblicken auf die Krisenherde der Welt dass diese Haltungen keineswegs selbstverständlich sind.
Zugleich wissen wir aber aus der Erfahrung bei uns in Österreich und in anderen Ländern, dass es möglich ist und gut tut, diese Werte wenigstens annähernd zu erreichen. Unser politischer Alltag zeigt uns aber auch, dass um diese Haltungen ständig gerungen und diese Werte ständig bewahrt und verteidigt werden müssen.

Jeder erfährt in seinem persönlichen Leben, wie schwer es ist, das Programm der Seligpreisungen zu verwirklichen. Wie schnell wir etwa empört sind zu gnadenloser Härte, wenn wir von Gräueltaten im Krieg oder von sonst einem gemeinen Schwerverbrechen hören. Wenn wir nach solchen Erregungen ausnüchtern, gestehen wir uns im Stillen vielleicht ein, dass wir eben vorhin von Jesus und seinen Seligpreisungen meilenweit entfernt waren.
Jesus hat diese unsere Schwierigkeiten mit seinem politischen Programm zweifellos vorausgesehen. Darum hat er auch eine besondere Seligpreisung allen anderen vorangestellt: Selig, die arm sind vor Gott! Die Besonderheit dieser Seligpreisung ist, dass sie uns vor Gott hinstellt; dass sie unsere Beziehung zu Gott ausdrückt. Sie steht an erster Stelle, als wollte Jesus sagen: mit dieser Seligpreisung stehen und fallen alle folgenden. Oder als wollte er sagen, dass wir zuerst und grundsätzlich vor Gott stehen und dass wir darauf achten sollten wie dieses Stehen vor Gott ausschaut, welche Grundhaltung in diesem Stehen vor Gott zum Ausdruck kommt. Und Jesus meint nun, wir sollten arm vor Gott stehen. Dabei ist dieses Armsein vor Gott nicht eine Wirklichkeit, die wir erst schaffen müssten. Vielmehr holen wir durch unser Streben danach die Wirklichkeit ein und vollziehen sie nach; und die Wirklichkeit ist, dass wir vor Gott eben arm sind. Und es ist in der Tat unser Reichtum, unser Besitz in seiner schillernden Vielfalt das Haupthindernis für die Verwirklichung der übrigen Seligpreisungen.
Es ist also zutiefst Reichtum Gottes, wenn wir im Geist der Seligpreisungen miteinander leben können. Diesem Reichtum Gottes wollen wir uns in dieser Eucharistiefeier erneut bewusst öffnen – er besteht in Jesus Christus, in seinem Wort und in seinem Fleisch und Blut.
Amen!

Mittwoch, Januar 23, 2008

Das Himmelreich ist nahe!


Das Evangelium: Matthäus 4: 12 – 23

12 Als Jesus hörte, dass man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, zog er sich nach Galiläa zurück.

13 Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali.

14 Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist:

15 Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa:

16 das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.

17 Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.

18 Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen ihre Netze in den See, denn sie waren Fischer.

19 Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.

20 Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.

21 Als er weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie,

22 und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus.

23 Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.



Kirche wird! Kirche wächst! Davon berichtet das heutige Sonntagsevangelium. Sehen wir zu wie sie wächst, wo sie wächst und vor allem: durch wen sie wächst!

Wir hören, wie Jesus Menschen in die Gemeinschaft mit ihm ruft – vorerst vier Männer. Jesus beginnt auf diese Weise die Botschaft zu entfalten, mit der er sein Wirken beginnt: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ (Mt 4:17) Das ist die Überschrift, die er seinem Wirken voranstellt; das ist das Programm, das er sich vornimmt. Und alles Weitere ist die Entfaltung dieses Programms, so dass die Leute zunehmend eine Antwort bekommen auf die Frage: Ja, was ist denn das: das nahe gekommene Himmelreich?

Was will Jesus also sagen, wenn er Menschen in seine Nähe ruft? Offenbar nicht, dass das Himmelreich nur etwas für Berufene und Auserlesene ist; denn Jesus schließt sich nicht in diesen Kreis von Männern ein, den er nun zusammen mit den vier Jüngern bildet. Im Gegenteil: Kaum in seine Nachfolge berufen, verschwinden sie wieder von der Bildfläche; denn wir hören: 
Er zog in ganz Galiläa umher,
lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden. Das klingt ganz so sich, als wäre er nach wie vor alleine. Doch will Jesus damit sagen, dass nun, wo sich eine Gemeinschaft um ihn bildet, er nicht verschwindet sondern im Gegenteil ER die Mitte bleibt und die Mitglieder seiner Gemeinschaft – gerade sie! – ihm zuschauen sollen und von ihm lernen sollen, was es heißt: das Himmelreich nahe kommen und nahe sein lassen! Jesus ruft Menschen in seine Nähe und in seine Nachfolge, damit sie eines vor allem anderen lernen: Dass sie Lernende sind und bleiben! Und zwar Lernende von IHM!

So stellt Jesus sich dar als die Mitte der kirchlichen Gemeinschaft. Und es gilt, ihm zuzuschauen und von ihm zu lernen, wie das geht: das Himmelreich nahe kommen lassen! Und wie macht das der Jesus: „Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.“ (Mt 4:23)
Das Himmelreich hat somit nichts mit kirchlicher Nabelschau zu tun sondern mit den Krankheiten und Leiden der Menschen, mit den Nächten und Dunkelheiten also, in denen sich die Menschen befinden. Und damit sind beileibe nicht nur und nicht zuerst die körperlichen Dunkelheiten und Leiden gemeint. Viel schwerer wiegen die Dunkelheiten des Geistes auf Grund von Unwissenheit und die Depressionen des Herzens wegen Hoffnungslosigkeit. Deswegen ist dem Heilen von allen Krankheiten und Leiden das Lehren in den Synagogen und das Verkünden der Frohbotschaft vom Reich vorgeordnet.

Die Vier, die Jesus ruft, sollen Menschenfischer sein! Sie sollen Menschen sammeln und nicht zerstreuen! Menschen in ihre Nähe holen und sie nicht von sich stoßen! Sie sollen Gemeinschaft bilden und nicht Gemeinschaften verlassen! Mit diesem Wort müssen sich alle konfrontieren – jene, die unsere Kirche verlassen haben, die mit diesem Gedanken spielen und jene, die in ihr verbleiben. Habe sie dieses Wort des Herrn als Auftrag gehört, verstanden und verwirklicht – und wie habe sie es verwirklicht – oder nicht verwirklicht!

Eines macht Jesus heute klar: Das Himmelreich wird dort, wo ER ist und eine Gemeinschaft wird dort zum Reich Gottes, wo ER die Mitte ist und bleibt.
Hingegen löst sich jene Gemeinschaft auf, die IHN nicht mehr als ihre Mitte erlebt und lebt; die ihn nicht mehr sieht und seine Stimme nicht mehr hört.
Darum ist die Kirche dort auch Reich Gottes, wo sie die Verbundenheit mit IHM pflegt und lebendig hält, wo sie den Menschen in ihrer Richtungslosigkeit Orientierung schenkt und wo sie sich einsetzt, alle Krankheiten und Leiden der Menschen zu heilen. Wo sie nach dem Wort der Mutter Jesu lebt: „Was er euch sagt, das tut!“

Nur so hilft die Kirche mit, dass sie selber und alle Menschen Jesus als das Licht sehen können, das unsere Finsternis heute erhellt und das uns alle als Kinder des Lichtes ausweisen will! (vgl. 1 Thess 5:5) Amen!

Mittwoch, Januar 16, 2008

Seht, das Lamm Gottes!


Das Evangelium Johannes 1: 29 – 34

29 In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt.

30 Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war.

31 Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekannt zu machen.

32 Und Johannes bezeugte: Ich sah. dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb.

33 Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft.

34 Das habe ich gesehen. und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.



„Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt!“ (Joh 1:29)
Mit diesen Worten stellt Johannes Jesus vor – seinen Jüngern damals und uns heute.
Wir kennen diese Worte von der hl. Messe: Der Priester spricht sie unmittelbar vor der Kommunion; er zeigt der Gemeinde dabei die Hostie und den Kelch mit dem kostbaren Blut Jesu. Und die Antwort, die wir geben, lautet: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“

Damit wird noch einmal deutlich gemacht, worum es geht bei der Kommunion, bei der hl. Messe, bei der Begegnung Gottes mit uns Menschen: Es geht um die Gesundheit unserer Seele; es geht um das Heil und das Wohl unseres inneren Menschen. Es geht um unsere Kerngesundheit: Dass der Kern unserer Person im Frieden und in der Freude sein kann. Diese Gesundheit ist nicht etwas, getrennt vom Herrn! Sie ist mit dem Herrn da und verlässt uns auch wieder mit dem Herrn!
Darum hat jeder Gottesdienst so was wie Ewigkeitswert in dem Sinn, dass er nicht als singuläres Ereignis gelebt werden darf, wenn er wirklich greifen soll. Er ist vielmehr auf ein endloses Dauern angelegt. Er ist ein immer wieder geschenkter Einstieg in das Zusammenleben mit Gott. Ein immer wieder erneuertes Angebot Gottes, mit uns, für uns sein zu wollen – das auf unsere Bereitschaft wartet, auch mit ihm und für ihn leben zu wollen.

Das wird ja über deutlich in den Evangelien: Die Nähe des Herrn berührt die Menschen und sie werden heil und frei, erlöst und froh. Und die Menschen suchen die Nähe des Herrn, sie bleiben bei ihm und folgen ihm nach. Jeder Gottesdienst will wie ein leuchtender Stern sein, der uns klar macht, dass der Herr bei uns sein will bis ans Ende der Zeit. Und jeder Gottesdienst möge doch auch unsere frohe Bereitschaft ausdrücken, die Verbundenheit mit dem Herrn zu erneuern und zu vertiefen.

Es ist auch auffallend, dass in diesem Wort des Täufers der Sünde der Welt ein Lamm gegenübergestellt wird. Wollen wir diese Gegenüberstellung recht verstehen, müssen wir das begreifen, was mit Sünde der Welt gemeint ist: Begriffe wie Abhängigkeit, Krankheit, Enge, Unterdrückung, Kälte, Lieblosigkeit, Zynismus, Hass, lassen uns die böse Macht dieser Kraft erahnen, die Johannes „Sünde der Welt“ nennt. Und dem gegenüber nun keine irgendwie geartete Macht militärischer, technischer oder medizinischer Art, sondern ein Lamm in all seiner Wehrlosigkeit und seiner Ohnmacht.

Dieses Lamm ruft Erinnerungen wach an jenes Lamm, von dem bei Jesaja 53:7 die Rede ist: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ Verbunden mit der Erinnerung an das Paschalamm, das ja auch geschlachtet wurde, um dann von der feiernden Gemeinde verzehrt zu werden, weist Johannes darauf hin, wie Jesus als das Lamm, die Sünde der Welt hinweg nehmen wird: Indem er ein Opfer der Sünde wird; indem er von der Sünde der Welt geschlachtet wird. Das allein wäre aber zuwenig; so wäre er nur eines von den zahllosen Opfern, das die Sünde der Welt verschlungen hat.

Er ist das Lamm Gottes! Das heißt: Seine Kraft und Stärke kommt nicht aus ihm sondern ganz von Gott. Dessen bewusst hat er bis in den Tod hinein sein Vertrauen auf diesen Gott nicht verloren und hat noch im Gefühl tiefster Verlassenheit von diesem Gott sein Leben in die Hände eben dieses Gottes hinein gegeben: „Vater in deine Hände lege ich meinen Geist!“ (Lk 23:46a)

Wem kommen da nicht die Worte des Apostels in den Sinn: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!“ (2 Kor 12:10) Oder: „Ich will mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt!“ (2 Kor 12:9) Wen wundert es, dass dieses Vertrauen auf die Kraft des Herrn schließlich sagen kann: „Ich vermag alles durch ihn, der mir Kraft gibt!“ (Phil 4:13)

Meine lieben Freunde! Das Zeugnis des Täufers will uns ermutigen im Kampf gegen die Sünde der Welt, unter der wir alle leiden – jeder auf seine Weise. Der Täufer will uns einladen, dass wir uns ganz diesem Lamm Gottes anvertrauen und das heißt, dass wir ganz seiner Kraft vertrauen. Nicht dass wir unsere eigenen Kräfte missachten und das übersehen, was wir tun können. Aber dass wir unsere Kräfte in seiner Kraft gründen und einsehen, dass wir ohne ihn nichts vermögen. (vgl Joh 15:5c)

Die Sünde der Welt ist ja nur deshalb so mächtig in unserem Leben, weil unser Vertrauen so schwach ist, dass der Herr bei uns, mit uns ist. Und die Sünde der Welt hatte im Leben Jesu keine Chance, weil er wusste, dass er ganz Gott gehörte und er vertraute, dass dieser Gott ihn nie verlassen würde.

So wollen wir jede Mutlosigkeit und Verzagtheit ablegen und unser Vertrauen erneuern, dass der Herr unser Hirte ist und uns nichts fehlen wird. (vgl. Ps 23:1) Wir wollen uns so durch unser Lebenszeugnis jener großen Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen anschließen, die niemand zählen kann und die in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm stehen und Palmzweige in den Händen tragen und die mit lauter Stimme rufen: „Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.“ (vgl. Offbg 7,9-10) Amen!

Mittwoch, Januar 09, 2008

Du bist mein geliebter Sohn!


Das Evangelium Matthäus 3: 13 – 17

13 Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.

14 Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden, und du kommst zu mir?

15 Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn nur so können wir die Gerechtigkeit (die Gott fordert) ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.

16 Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.

17 Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.


I

Ganz selbstverständlich sehen wir Jesus im heutigen Evangelium in der Reihe jener stehen, die sich von Johannes im Wasser des Jordan taufen lassen zur Vergebung ihrer Sünden. Dabei drängt er sich nicht vor sondern wartet bis er dran kommt – wie die anderen auch. (vgl. Mt 3:13)
Wir erleben Jesus völlig solidarisch mit den Menschen um ihn. Er tut sich in keiner Weise besonders hervor. Er ist einer von ihnen. Oder wie es Paulus ausdrückt: Er ist in allem uns gleich geworden. (vgl Heb 2:17; Phil 2:7)

Das Außerordentliche, das ihn aus allen anderen um ihn herum heraushebt kommt nicht von ihm selber; es kommt vom Himmel, es kommt von Gott, den Jesus seinen Vater nennen wird: „Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen,
da öffnete sich der Himmel,
und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. 
Und eine Stimme aus dem Himmel sprach:
Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.“ (Mt 3:16f.)

Was da vom Himmel her mit Jesus geschieht, sagt uns, warum Jesus sich von Johannes taufen hat lassen. Es ging bei ihm nicht darum, Sünden abzuwaschen, wie bei den übrigen Leuten. Es ging bei Jesus darum, den Leuten zu zeigen und zu sagen, wer dieser Jesus eigentlich ist – nämlich der Sohn Gottes. Dies geschieht bei der Taufe.

Dadurch wird für uns dieses Geschehen um eine ganz wesentliche Dimension erweitert: Sie ist nicht bloß ein Abwaschen von Sünden sie ist in der Folge ein heiliges, wirkmächtiges Zeichen, in dem der Getaufte Kind Gottes wird.
In der Taufe wird uns nicht nur etwas genommen – nämlich unsere Sünde; in der Taufe wird uns vor allem etwas geschenkt – nämlich die Gotteskindschaft.
Mit Johannes wäre die Taufe auf halbem Weg stehen geblieben: Ja schon, Freiheit von Sünden – aber was nun?
Durch Jesus erreichte die Taufe ihr Ziel, ihre Vollendung – im Kindsein vor Gott.
Das ist das Große, das uns in der Taufe durch Jesus geschenkt wird: Wir werden Söhne im Sohn, wie es ein Kirchenvater einmal ausdrückte. Wir werden durch Jesus in der Taufe Töchter und Söhne Gottes. Wir werden dem Bösen entrissen und Gott geschenkt. Das meint Paulus, wenn er schreibt: Durch die Taufe sind wir der Sünde gestorben und leben für Gott in Christus, Jesus unserem Herrn. (vgl. Röm 6:1-8)

Die Taufe ist der Zeitpunkt, an dem wir für das Leben in Gott geboren werden. Da wir alle schon als Babys getauft wurden und nicht erst als Erwachsene, wie das in der Urkirche selbstverständlich war, haben wir nie so richtig in unserem Inneren realisiert, was die Tauf eigentlich bedeutet, was uns da eigentlich geschenkt wurde und dass der Tag der Taufe die Krönung und Vollendung unseres Geburtstages ist.

Darum sollte der Tauftag eigentlich genauso, ja, noch mehr gefeiert werden als unser Geburtstag; aber vermutlich wird niemand von uns das Datum seines Tauftages kennen. Auch ich musste erst in meiner Taufurkunde nachschauen.
Dass wir getauft sind ist leider zu selbstverständlich geworden, als dass wir dafür noch danken könnten. Die Taufe ist für uns ein Begriff so leer wie manchmal das Weihbrunnkrügel zu Hause, wenn wir dort überhaupt noch eines hängen haben.

Der alte Fließer Pfarrer, er lebte im 19. Jahrhundert, hat zum Zeichen seiner Dankbarkeit für das Geschenk der Taufe immer wieder einmal das Taufbecken seiner Pfarrkirche umarmt und so seine Freude über dieses Sakrament ausgedrückt.
Ja, seine Beziehung zum Sakrament der Taufe war dermaßen tief, dass sich folgendes zugetragen hat:

Er geht gerade auf einen Bauernhof in seiner Gemeinde zu. Die Leute dort sehen ihn kommen. Sie bemerken, dass im Weihbrunnkrügel kein Weihwasser mehr drinnen ist. Da sonst auch kein Weihwasser im Haus ist holen sie schnell etwas Wasser vom Brunnen. Kommt der Pfarrer in die Stube, taucht den Finger ins Krügel und will sich bekreuzigen – zögert, taucht noch einmal ein und bemerkt dann: Wohltan a seichtes Wosserle hobets es do!

Nehmen wir das heutige Fest der Taufe des Herrn zur Neubesinnung auf unsere Taufe. Beginnen wir einen Weg der uns aus unserem seichten religiösen Leben in die Tiefe des Christentums führt, in den Reichtum und in die Macht der Gotteskindschaft, die uns in der Taufe geschenkt worden ist, damit wir daraus leben in Zeit und Ewigkeit. Amen!

II

Wir feiern die Taufe des Herrn. Jesus wird von Johannes in das Wasser des Jordan getaucht. Durch dieses Eintauchen wird das Wasser des Jordan geheiligt, denn dieser Jesus ist der geliebte Sohn, an dem Gott, der Vater sein Wohlgefallen hat.

Wir können auch sagen: bei der Taufe geht Jesus baden! Er geht baden als Zeichen dafür, dass er „baden gehen wird,“ d.h. dass er Schiffbruch erleiden wird, indem er untertaucht im bitteren Meer des Leidens und des Todes.
Wie er nun aber die Fluten des Jordan durch sein Eintauchen heiligt, geradeso heiligt er auch die Fluten des Todes, indem er dem Tod seine vernichtende Macht raubt in der Auferstehung von den Toten. Seitdem führt Leiden und Sterben nicht mehr in die Endstation der Vernichtung sondern es wird Durchgang zum Leben – zum Leben im Herrn.
In der Taufe, die an uns vollzogen wird, sterben wir mit dem Herrn grundsätzlich dem Tod und der Sünde, um in der Wirklichkeit des neuen Lebens zu leben das ER uns in der Auferstehung schon hier auf Erden erworben hat.

An dieses grundlegende Geheimnis unseres christlichen Glaubens werden wir am Fest der Taufe des Herrn erinnert. Wir werden daran erinnert durch die Feier dieser hl. Messe und durch jede Begegnung mit dem Herrn: Der Herr taucht ein in unser Leben; ein berückender Gedanke: ER lässt sich taufen mit unserem Leben – in seinem Glück und in seinem Elend; in seiner Erhabenheit und seiner Erbärmlichkeit, in seinem Reichtum und in seiner Armut. Auch auf diese Weise Menschwerdung Jesu: Mensch wie wir, Mensch mit uns.
Und er taucht ein in unser Leben, damit es geheiligt werde. Nichts und niemand bleibt von seinem Eintauchen unberührt – mag er sich dessen nun bewusst sein oder nicht. Diese Begegnung mit dem Herrn verändert auf jeden Fall. Wir gehen anders von diesem Eintauchen des Herrn in unser Leben weg als wir hergekommen sind. Der Herr lässt durch sein Eintauchen Gesegnetes zurück – überreich Gesegnetes. Und unser Anteil? In dem Maße, wie wir uns dieses Segens bewusst werden, kann er sich entfalten, kann der Herr durch diesen seinen Segen in unserem Leben wirksam und präsent werden.

Halten wir uns die Unbegreiflichkeit dieses Geschehens vor Augen, um auch in rechter Weise dieses Tun des Herrn würdigen zu können.

Sein Eintauchen in unser Leben bedeutet, dass ER sich in seiner göttlichen Macht mit allem befasst, was unser Leben beeinträchtigt, behindert, beschädigt, zerstört, unterdrückt. Er entlässt Gefangenes, er macht Blindes sehend, Zerschlagenes setzt er in Freiheit, er ruft ein Gnadenjahr des Herrn aus (vgl. Lk 4:18f.) „Er löscht den glimmenden Docht nicht aus und das geknickte Rohr zerbricht er nicht“ (Mt 12:20; Jes 42:3) Er ist der gute Hirt, der dem Verlorenen nachgeht, bis er es findet (vgl. Lk 15: 4-7) und der die fetten Tiere auf gute Weide führt. (vgl. Ez 34:16) Er gibt sein Leben hin. (vgl. Joh 10:11) Das Gute in uns veredelt er; das Verwundete heilt er; das Böse vernichtet er. So schenkt er uns die Fülle seines göttlichen Lebens.

Verschließen wir ihm unser Leben nicht; lassen wir ihn ganz eintauchen; taufen wir ihn mit unserem ganzen Leben und wir werden das Wunder der Erlösung erleben: Wir finden uns ganz in den versenkt, der sich zuvor ganz in uns versenkt hat; den wir ganz in unser Leben eingelassen haben, der hat uns ganz in sein Leben hineingelassen; der sich durch sein Eintauchen ganz uns anverwandelt hat der verwandelt uns in den neuen Menschen, der ihm ähnlich ist.

Wir spüren hier die Kraft der Liebe am Werk. Denn der da bei der Taufe in unser Leben eintaucht ist der geliebte Sohn des Vaters im Himmel; (vgl. Mt 3:17; Mk 9:7) darum kann er nur und ganz aus diesem Geist der Liebe heraus in uns wirken. Weil er ganz geliebt ist von seinem Vater kann er auch uns ganz lieben; und weil wir so ganz vom Herrn geliebte sind haben auch wir die Kraft, ganz Liebende zu werden aneinander. In dieser Liebe besteht die Macht, Kinder Gottes zu sein! (vgl. Joh 1:12) Lassen wir diese Macht zu einem Segen werden für uns, unsere Kirche und unsere Welt. Amen!


Freitag, Januar 04, 2008

Sie sahen das Kind und seine Mutter


Das Evangelium Matthäus 2: 1 – 12

1 Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem

2 und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.

3 Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.

4 Er ließ alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes zusammenkommen und erkundigte sich bei ihnen, wo der Messias geboren werden solle.

5 Sie antworteten ihm: In Betlehem in Judäa; denn so steht es bei dem Propheten:

6 Du, Betlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.

7 Danach rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und ließ sich von ihnen genau sagen, wann der Stern erschienen war.

8 Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige.

9 Nach diesen Worten des Königs machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.

10 Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt.

11 Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.

12 Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.



Man möchte es kaum glauben – aber das Jesuskind in der Krippe bereitet nicht nur Freude: König Herodes und mit ihm ganz Jerusalem erschrecken, als sie von diesem Kind hören. Sie erschrecken, weil dieses Kind nach dem Bericht der Sterndeuter der neugeborene König der Juden sein soll. Sie haben Angst, dieser neugeborene König könnte ihnen etwas nehmen. Und in dieser Angst kommen sie gar nicht auf die Idee, dass dieses Kind ihnen auch etwas schenken könnte.

Wir haben die Situation vor uns, dass ein Geschenk nicht ankommt: Die mit diesem Kind beschenkt werden sollten erleben es als eine Gefahr. Denen Gott mit diesem Knaben Gutes tun will fühlen sich durch eben dieses Kind bedroht. Die Ursachen sind klar: Herodes und mit ihm ganz Jerusalem sind verliebt in die Macht und in die Lebensweise, die sie gerade führen. Und sie führen ein bequemes, ja, luxuriöses Leben. Dieses Leben erlaubt es ihnen nicht, verliebt zu sein in Gott. Aber gerade dies wäre die Voraussetzung, von diesem Kind beschenkt zu werden.
Deswegen wissen sie zwar von ihrem Verstand her, dass aus Bethlehem ein Fürst hervorgehen wird, der Hirt des Volkes Israel. Aber dieses Wissen bleibt im Kopf. Es sinkt nicht ins Herz. Deswegen könne sie nicht voll Freude mit den Sterndeutern mitgehen sondern bleiben voll Angst und mit verschlossenem Herzen in Jerusalem. Die Anhänglichkeit an ihr Leben lässt sie erstarren, macht sie unempfänglich für das neue Leben, das Gott ihnen in diesem Kind schenken möchte: Sie sind wie lebende Tote.

Wie so anders die Sterndeuter aus dem Osten: Menschen, empfänglich für die Anregungen von oben, bereit auf die Stimme ihres Herzens zu hören, auf der Suche nach der Gabe Gottes, unterwegs zum neugeborenen König der Juden: Menschen, die leben!
Mit dieser Geschichte will Matthäus gleich zu Beginn seines Evangeliums andeuten, was dann am Ende traurige Wirklichkeit wird: Dass das jüdische Volk Jesus als seinen Messias ablehnt, die Heiden ihn aber aufnehmen. Matthäus stellt uns Jesus als den Erlöser für Juden und Heiden vor Augen.

Ich stelle mir nun die Frage, ob die Sterndeuter auf der einen Seite und Herodes mit Jerusalem auf der anderen Seite nicht auch in unserem Herzen da sind; dass also auch in uns „jemand“ da ist, der sich über das Jesuskind freut und seine Nähe sucht und „jemand“, der Angst hat vor diesem Kind und seine Nähe meidet. Dieser „jemand“ will das Kind töten durch Gleichgültigkeit, in dem er lebt, als gäbe es dieses Kind nicht, als wäre es nie geboren, als hätte dieses Kind mit ihm überhaupt nichts zu tun.
Mit diesem „jemand“, der Angst hat, meine ich die Bereiche der Eigenmächtigkeit in unserem Leben, in denen wir uns auch vom Kind in der Krippe nichts dreinreden lassen wollen und wo wir uns fürchten, unsere Herrschaft an dieses Kind zu verlieren. Wir kommen mit diesen Bereichen vor allem in der Gewissenserforschung in Berührung, mit der wir uns etwa auf die Beichte vorbereiten.

Wir sind wie ein Scheiterhaufen, bei dem noch nicht alle Scheiter ergriffen sind von der Liebe zu Gott und den Menschen; etliche Scheiter liegen noch zu weit vom Feuer der Liebe entfernt.
Und die Aufgabe unseres christlichen Lebens ist es, auch diese Scheiter in das Feuer zu legen – eine Aufgabe, die uns wohl Zeit unseres Lebens beschäftigen wird.

Auf jeden Fall könnten wir in diesen Scheitern jene Gaben sehen, die wir den Sterdeutern gleich dem Kind bringen könnten, um es zu verehren und ihm zu sagen, dass wir ihm zutrauen, dass es die Berufung und das Zeug zum Herrn nicht nur über alle Menschen sondern auch über unser ganzes Leben hat.