Montag, März 31, 2008

Es ist der Herr!


Das Evangelium am 3. Sonntag nach Ostern:
Johannes 21: 1 – 14


1 In jener Zeit offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal. Es war am See von Tiberias, und er offenbarte sich in folgender Weise.

2 Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.

3 Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.

4 Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.

5 Jesus sagte zu ihnen: Meine Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.

6 Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es.

7 Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr sei, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.

8 Dann kamen die anderen Jünger mit dem Boot - sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen - und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.

9 Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot.

10 Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr gerade gefangen habt.

11 Da ging Simon Petrus und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.

12 Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und esst! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.

13 Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.

14 Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.



Wenn Petrus heute sagt: „Ich gehe fischen!“ (Joh 21:3), dann klingt das wie: „Diese ganze Geschichte mit Jesus war für die Fisch!“ Eine Seifenblase ist zerplatzt. Und die Jünger finden sich dort wieder vor, wo Jesus sie einmal abgeholt hat – bei ihrem Fischerhandwerk. (vgl. Mt 4:18-22) Jesus ist für sie gestorben.
Die Stimmung, in der sie sind, kommt überdeutlich im „Nein“ zum Ausdruck, mit dem sie Jesus antworten auf seine Frage: „Meine Kinder habt ihr nicht etwas zu essen?“ (Joh 21:5) Diese Frage meint eigentlich: Wovon lebt ihr? Was hat euer Leben für einen Sinn? Mit ihrem „Nein“ gestehen die Jünger, dass sie leer sind, dass ihr Leben sinnlos ist; dass sie wie ausgebrannte Ruinen sind. Sie können Jesus nicht erkennen, weil er für sie gestorben ist!
Wie gut, dass sie für ihn nicht gestorben sind! Dass er ihnen nachgeht und sie aufsucht, dort wo sie sind; dass er sie abholt, wo und wie sie sich gerade befinden. Das „Nein“ des Todes, in dem die Jünger sich befinden beantwortet er mit dem „Ja“ des Lebens. Und auf sein Wort hin ist dort auf einmal Leben in Überfülle wo eben noch gähnende, tödliche Leere war.
Es ist diese nachgehende Hirtenliebe, es ist dieses Licht in der Dunkelheit, es ist diese Lebensquelle in tödlicher Resignation, es ist dieses kraftvolle Leben in enttäuschter Schwäche an der der Lieblingsjünger erkennt: „Es ist der Herr!“ (Joh 21:7) Und mit dem lebendigen Herrn am Ufer werden auf einmal all die Geschichten wieder lebendig, die sie erlebt haben; es wachen die Worte zu neuem Leben auf, die er zu ihnen gesprochen hat: Das Leben mit Jesus – es war keine Seifenblase sondern lebendige Wirklichkeit, die weitergeht, ohne jemals wieder zu enden.
Einmal mehr werden die Worte Jesu klar: „Nicht ihr habt mich erwählt sondern ich habe euch erwählt und ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt!“ (Joh 15:16a) „Denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15:5c)

Wir dürfen jeden Gottesdienst als Ufer verstehen, an dem der Herr steht und uns sein Wort in unser alltägliches Leben zuruft, damit er in diesem Wort lebendig gegenwärtig werde mitten in unserem Leben.
Mit diesem Wort fragt er auch uns, wovon wir leben und was denn der Sinn unseres Lebens ist.
Mit diesem Wort will er auch uns sagen, was wir tun und wie wir leben sollen, damit unser Leben nicht leer bleibt und wir unser Geld nicht in einen löcherigen Beutel hineinverdienen.
Mit seinem Wort will er auch uns erinnern, dass die Gemeinschaft mit ihm das Nonplusultra unseres Lebens ist. Und er lädt uns ein, diese Gemeinschaft mit ihm zu erleben, zu feiern, zu genießen: In der hl. Messe am Sonntag, am Tag des Herrn, also an SEINEM Tag, im Gespräch mit ihm, also im Gebet, in geschwisterlicher Gemeinschaft, bei der Arbeit und beim Feiern, wo wir Leid und Freude miteinander teilen.

Und übersehen wir nicht, dass beim Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern hält, nicht nur sein Beitrag verzehrt wird sondern auch von dem gegessen wird, was die Jünger mit vereinter Mühe gefangen haben – wenn auch auf sein Wort hin. Sie leben nicht nur vom Fisch allein sondern vom Wort, das aus seinem Mund kommt.

Und vergessen wir zu guter Letzt eines nicht: Wenn ihr dann am Ende der Messe sagt: „Wir gehen nach Hause!“ dann ist das nicht jenes trostlose „Ich gehe fischen“ des Petrus sondern es ist ein fieberndes Zustreben dem Ufer; denn zu Hause erwartet uns genau so wie hier im Gottesdienst der, von dem auch wir sagen dürfen: „Es ist der Herr!“

Er bereitet uns die Mahlzeit des Alltages wie er uns hier das Mahl seiner Liebe bereitet hat. So erfüllt sich sein Wort: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ (Mt 28:20b)

Beten wir gemeinsam aus dem „Gotteslob“ 6/4
Herr Jesus Christus, du hast mich berufen, dass ich mit dir zum Vater gehe. Mit dir will ich allezeit auf dem Wege bleiben. Sei das Wort, auf das ich höre und dem ich folge. Sei das Licht, das mich erleuchtet. Sei die Kraft, die mich erfüllt. Sei der Beistand, der mich nicht verlässt. Mach mich vollkommen eins mit dir und lass mich zur ewigen Vollendung gelangen.

Sonntag, März 23, 2008

Er sah und glaubte!


Das Evangelium Johannes 20: 1 – 9

1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.

2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat.

3 Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab;

4 sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab.

5 Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein.

6Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen

7 und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.

8 Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.

9 Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.



Ein Abwesender, eine Liebende, Petrus und ein Geliebter begegnen uns im eben gehörten Evangelium.

Der Abwesende ist Jesus; er ist anwesend in seiner Abwesenheit. Er sollte eigentlich da sein – aber er ist es nicht. Seine Abwesenheit ist der zündende Funke, sie bringt alles in Bewegung!

Zuerst die liebende Maria Magdalena. Sie ist ganz aus dem Häuschen, als sie das Grab offen und leer findet. Von Auferstehung noch keine Rede! Das menschlich Nächstliegende wird angedacht: man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen und ihn wo anders hingelegt – aber wo!? Sie hat eine besondere Beziehung zum Herrn;
war sie doch unter seinem Kreuz, an dem er gestorben ist.
Hat sie doch ganz nah miterlebt, wie es mit Jesus zu Ende gegangen ist.
War sie doch zutiefst im Herzen erschüttert über die schrecklich qualvolle Weise seines Sterbens.
Diese Maria Magdalena ist nun freilich völlig durcheinander, als sie den Herrn – fast möchte man anfügen: ihren Herrn nicht mehr im Grabe vorfindet. Zuinnerst erschrocken beginnt sie gleich zu laufen! Aber wohin? Natürlich zu dem, der schon zu Lebzeiten Jesu von IHM selber als der Erste der Apostelschar aufgebaut wurde: zu Petrus. Und dann freilich zu dem, der mit ihr unter dem Kreuz gestanden hat, zum Jünger, den Jesus liebt – zu Johannes, wie wir annehmen! Im Herzen wird sie sich gewiss eher zu Johannes hingezogen gefühlt haben, denn von der Verleugnung des Petrus wird sie gewiss schon erfahren haben – so was spricht sich ja in Windeseile herum!
Und mit Johannes wird durch das gemeinsame Erleben und Erleiden des Sterbens Jesus gewiss so was wie eine Seelenverwandtschaft gewachsen sein.
Dennoch wird dem Petrus eine eigenartige Vorrangstellung eingeräumt: Er wird im Bericht zuerst genannt und er wird namentlich erwähnt. Ich meine aus Respekt vor Jesus, der dem Petrus den Vorrang eingeräumt hat und der damit wohl hinweist darauf, dass die Kirche nicht zuerst auf Regungen des Herzens und auf Gefühlen aufgebaut ist sondern auf die konkrete Berufung durch ihn.
Und es spricht Bände, dass Jesus dem Petrus die Berufung, der Erste der Apostel zu sein, nach seinem Verleugnen nicht abgesprochen sondern ihn dreimal erneut in diesem Amt bestätigt hat: Weide meine Schafe!
Vielleicht hat Jesus gerade den Petrus seinen Verrat durchleben lassen, um unmissverständlich anzudeuten, dass nicht der Bravere der Erste ist, sondern der, den ER, Jesus, dazu berufen hat!

Sie läuft also zu dem Jünger, „den Jesus liebte.“ Eben dieser Jünger steht auch unter dem Kreuz des sterbenden Jesus; und dieser ist es auch, der beim Letzten Abendmahl ganz nahe an der Brust des Herrn ruhen darf. Von der Seelenverwandtschaft zwischen Magdalena und Johannes hörten wir bereits. Noch ein anderer Grund macht diesen Jünger zum Ziel ihres eiligen Weges: Der, den Jesus liebte, wird ihr auch am ehesten Gehör schenken. Bei ihm wird sie am ehesten jene Liebe finden können, die ihr glauben und ihr helfen wird.
Wäre Petrus allein gewesen – ohne den Jünger, den Jesus liebte – sie wäre gewiss nicht zu ihm gelaufen.
Dürfen wir das auch so deuten, dass wir bitten, Petrus nie ohne die Liebe anzutreffen, die allein uns den Zugang zu ihm eröffnet! Ohne die Liebe, die vom Herrn herkommt und die zum Herrn hingeht!

So machen sich die beiden auf den Weg. Anfangs ist es nur ein Gehen. Man kann auf der einen Seite geradezu die Skepsis des Petrus mit Händen greifen: Ob man diesem Weibe wohl glauben kann?
Und auf der anderen Seite das Drängen des Lieblingsjüngers: So sei doch nicht so schwerfällig, Petrus, und schau dass weiterkommst!
So wurde aus dem zögerlichen Gehen schließlich ein Laufen. Und es darf wahrlich nicht verwundern, dass der geliebte und liebende Jünger zuerst am Grabe ankommt. Die Liebe verleiht tatsächlich Flügel! Wer von uns könnte dies nicht bestätigen!?
Jedoch betritt er nicht das Grab sondern wartet auf Petrus und lässt diesem den Vorrang. Es ist keine unbeherrschte, ungestüme Liebe, die Johannes beseelt; jene Liebe, die sagt: Ich und Jesus – und sonst niemand! Vielmehr ist es eine „kirchliche“ Liebe; eine Liebe, die sagt: Wohl ich und Jesus – aber in jener Ordnung, die der Herr gewollt hat! Johannes liebt nicht den Vorrang, den Petrus hat; er liebt im Vorrang den Herren selber, der diesen Vorrang dem Petrus anvertraut hat.

Und schließlich heißt es von dem Lieblingsjünger, der nach Petrus das leere Grab betritt: Er sah und glaubte! Die Liebe, die Jesus meint, will nicht die Erste an einem bestimmten Ort sein; sie will die Erste im Glauben sein! Der Glaube ist der „Ort“ an den die Liebe, die Jesus schenkt, hinführen will – und nicht das leere Grab! Die Liebe Jesu will im Glauben die Erste sein! Denn es wird gewiss eben diese Liebe gewesen sein, die dem Johannes eher als dem Petrus in Erinnerung gerufen hat, was Jesus selber über seine Auferstehung gesagt hat, als sie noch beisammen waren. Und während er vor dem Grab auf Petrus gewartet hat wird er sich mit diesen Andeutungen Jesu beschäftigt haben, die ihm dann die Tür zum Glauben geöffnet haben, als er das leere Grab betreten und gesehen hat!

Jetzt habe ich eigentlich überhaupt nicht über die Auferstehung Jesu gesprochen und auch von IHM selber nicht direkt. Und dennoch war er gegenwärtig – in der Botschaft der Magdalena, im Geliebtsein des Johannes, im Vorrang des Petrus, im jesuanischen Zusammenspiel dieser drei Personen; nennen wir dieses Zusammenspiel „Kirche“ – und wir haben genau den Zustand, in dem wir auch heute die Auferstehung Jesu erleben.
Öffnen wir uns für den Abwesenden, der in seinen Zeugen anwesend ist, indem wir ihrer Botschaft glauben, dass auch wir Geliebte sind. Möge diese Liebe Jesu auch uns zum Glauben führen, dass der Herr wahrhaft auferstanden ist und lebt! Amen! Halleluja!

Freitag, März 21, 2008

Jesus geht hinaus ...


Das Evangelium Johannes 18: 1 – 11

1 Jesus ging mit seinen Jüngern hinaus, auf die andere Seite des Baches Kidron. Dort war ein Garten; in den ging er mit seinen Jüngern hinein.

2 Auch Judas, der Verräter, der ihn auslieferte, kannte den Ort, weil Jesus dort oft mit seinen Jüngern zusammengekommen war.

3 Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und der Pharisäer, und sie kamen dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen.

4 Jesus, der alles wusste, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr?

5 Sie antworteten ihm: Jesus von Nazaret. Er sagte zu ihnen: Ich bin es. Auch Judas, der Verräter, stand bei ihnen.

6 Als er zu ihnen sagte: Ich bin es! wichen sie zurück und stürzten zu Boden.

7 Er fragte sie noch einmal: Wen sucht ihr?

8 Sie sagten: Jesus von Nazaret. Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr mich sucht, dann lasst diese gehen!

9 So sollte sich das Wort erfüllen, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.

10 Simon Petrus aber, der ein Schwert bei sich hatte, zog es, schlug nach dem Diener des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab; der Diener hieß Malchus.

11 Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide! Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat – soll ich ihn nicht trinken?



In der Passion des Johannes haben wir Jesus auf seinem Leidensweg begleitet. Wir sind einem leidensstarken, kreuzesmutigen Herrn begegnet, der wusste, was auf ihn zukommt und was er auf sich nimmt.

Im Garten „wusste Jesus alles, was mit ihm geschehen sollte.“ (Joh 18:4) So wartet er nicht, bis seine Gegner zu ihm kommen; er geht hinaus – ihnen entgegen – gefasst und entschlossen. Er begibt sich in ihre Hände. Die Initiative geht von IHM aus. ER ist der Herr!

„Ich bin es!“ (Joh 18:5ff.) Sagt er zu ihnen und die Wucht dieser Worte lässt sie zurückweichen und wirft sie zu Boden. Hier spricht nicht nur Jesus von Nazaret; vielmehr spricht hier derjenige, der sich dem Mose im brennenden Dornbusch gezeigt hat als der „Ich bin da!“ (vgl. Ex 3:14) Wie damals der Allmächtige aus seiner Verborgenheit herausgetreten ist aus Mitleid mit seinem gequälten Volk Israel und um es zu befreien aus der Knechtschaft Ägyptens so tritt nunmehr derselbe Gott in diesem Jesus von Nazaret hinaus seinen Widersachern entgegen um nunmehr sein gequältes Volk aus der viel heftigeren Gefangenschaft der Sünde und des Todes zu befreien.

Dieser Jesus geht bereits im Anfang hinaus als das Wort, das bei Gott war und das selber Gott war; das Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat. (vgl. Joh 1:1-14)

Er geht hinaus wie der barmherzige Vater, der seinem Sohn entgegenläuft welcher aus Ferne und Verlorenheit zu ihm zurückkehrt. (vgl. Lk 15:20)

Er geht hinaus wie der Hirte, der sein verlorenes Schaf sucht bis er es findet (vgl. Lk 15:4) und der so sein Leben hingibt. (vgl. Joh 10:11)

Er geht hinaus wie er dann gleich anschließend hinausgehen wird vor die Tore der Stadt auf die Schädelhöhe (Joh 19:17) und trägt dabei selber sein Kreuz – getreu seinem Auftrag an seine Jünger, täglich ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihm zu folgen. (vgl. Lk 9:23)

Am Kreuz geht er hinaus aus seinem Leiden, sieht das Leiden seiner Mutter unterm Kreuz und sorgt für sie. In besonderer Weise erleben wir ihr gegenüber Jesu Hinausgehen in seiner heilvollen Dimension als ein Eingehen in den anderen Menschen zu dessen Heil. Was Wunder, dass gerade Maria Jesu getreueste Nachfolgerin wird – eine, die über die Zeiten hinweg unablässig heraustritt hinein in das Leben vieler Menschen zu deren Heil und Segen. Deswegen gibt er seine Mutter uns zur Mutter. (vgl. Joh 19: 25-27)

Am Kreuz geht er hinaus aus dem Bereich dieses Lebens und hinein in den Tod.

Schließlich geht er aber auch hinaus aus dem Schattenreich des Todes hinein in das immerwährende Leben beim Vater und als der Lebende und Auferstandene wird seinen Freunden entgegengehen.

Im Hinausgehen wird er der Eingehende in das Leben der Menschen, der Entgegenkommende. Freunden und Feinden gleichermaßen geht er entgegen und bezeugt so die Liebe seines „Vaters im Himmel, der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten und der es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt 5:45)
Jesus stirbt für alle, denn „Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen um sich aller zu erbarmen.“ (Röm 11:32)

Lassen wir den Bericht der Johannespassion wie süßen Honig träufeln in den bitteren Schmerz und in die Not unserer Tage; lassen wir sie Kraftquelle sein, aus der wir begierig trinken in unserer Schwachheit; lassen wir sie Licht sein in der undurchdringlichen Finsternis unseres Lebens.
Jesus geht hinaus! Es ist ein Gehen zu uns! Es ist ein Gehen für uns! Gehen wir mit! Gehen wir ihm entgegen! Folgen wir ihm nach. Lassen wir IHN sein, was er so sehr für uns sein möchte: Weg, Wahrheit und Leben! (vgl. Joh 14:6) Amen!

Donnerstag, März 20, 2008

... und nahm den Leichnam ab.


Das Evangelium Johannes 19: 38 – 42

38 Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden nur heimlich. Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es. Also kam er und nahm den Leichnam ab.

39 Es kam auch Nikodemus, der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund.

40 Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.

41 An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war.

42 Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.



Wir haben eben gehört, wie Josef aus Arimathäa, Nikodemus und die Frauen, die unter dem Kreuz gestanden sind, den Leichnam Jesu vom Kreuz abgenommen und in ein Grab gelegt haben. Sie haben Jesus nicht hängen lassen.

Wenn wir sagen, dass wir einen nicht hängen lassen, dann verbindet sich damit die Vorstellung, es kommt für einen Menschen Hilfe in einer Not, aus der er sich selbst nicht mehr befreien kann. Er fühlt sich gebunden, angehängt, unfrei, angewiesen auf einen anderen, der hilft. Was die Freunde Jesu vollziehen ist das Grundanliegen seines Lebens. Sie bewegen sich ganz in dem Programm und auf dem Weg, den er selbst gegangen ist. Sie lassen ihn nicht hängen.

Die Menschen, mit denen Jesus zu tun hat, "hängen" alle irgendwo. Die einen hängen im Netz ihrer Schuld und kommen nicht frei: Maria von Magdala, Petrus, der Zöllner Zachäus, die Frau am Jakobsbrunnen. Andere leiden schwer unter der Last einer Krankheit oder einer Behinderung, die Aussätzigen, die Blinden und Lahmen, die von ihrem Volk Ausgestoßenen. Sie alle kommen ihm vor müde und erschöpft "wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Mk 6,34). Die Sünderin, die sie ihm vorführen, hatte eigentlich nichts mehr zu erwarten, zumal in einer Welt, die eindeutig von Männern kontrolliert wurde. Er überlässt sie nicht denen, die kein Mitleid kennen und die bereit sind, sie zu steinigen. Er lässt sie nicht hängen.

Besonders deutlich wird dies etwa in der Begegnung mit der Witwe von Nain, die eben, als er dort vorbeikommt, ihren toten Sohn zu Grabe trägt. In Tränen aufgelöst, allein gelassen von Gott und den Menschen, folgt sie der Bahre. Jesus greift ein, er lässt den Zug anhalten, er redet den Toten an, er richtet ihn auf, er übergibt den Lebenden seiner Mutter (vgl. Lk 7,12 ff). Er lässt sie nicht hängen.
Eindrucksvoll auch das Gespräch Jesu mit dem rechten Schächer: "Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!" bittet, er und Jesus lässt ihn in seiner Not und in seiner Hoffnung nicht allein: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein" (Lk 23,43). Er lässt ihn nicht einfach hängen.

In der Liturgie des Karfreitags lässt die Kirche Gott aufzählen, wie oft er das Volk nicht hat hängen lassen in Unterdrückung, Verfolgung, in Verirrung, in Hunger und Durst.

Ich habe dich aus Ägypten herausgeführt und den Pharao versinken lassen im Roten Meer -
Ich habe dir einen Weg durch das Meer gebahnt -
In einer Wolkensäule bin ich dir voran gezogen -
Ich habe dich in der Wüste mit Manna gespeist -
Ich habe dir Wasser aus dem Felsen zu trinken gegeben -
Deinetwegen habe ich die Könige Kanaans geschlagen -
Ich habe dir ein Königszepter in die Hand gegeben -
Ich habe dich erhöht und dich ausgestattet mit großer Kraft.

Die Freunde, die Jesus nicht hängen haben lassen, haben begriffen, was er für die Menschen bedeutet hat, was sich verändert hat dadurch, dass er auftrat. Sie stehen in seiner Nachfolge, und so wird ihr Verhalten zur Botschaft an uns, heute, am Karfreitag.

Wenn wir zu denen gehören, die sich vorkommen als von den Menschen vergessen und hängengelassen, dann dürfen wir ihm vertrauen, der jedem Verlorenen nachgegangen ist, um ihn aus aller Verstrickung herauszuholen.

Vielleicht aber gehören wir zu den anderen, die Zeugen werden, wie man einen Menschen hängen lässt in seiner Not. Oder lassen wir gar Gott hängen? Dann ist ihr Verhalten aktuell, dann gilt es hinzugehen und ihn abzunehmen.

... wie ich an euch gehandelt habe!


Das Evangelium Johannes 13: 1 – 15

1 Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.

2 Es fand ein Mahl statt, und der Teufel hatte Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, schon ins Herz gegeben, ihn zu verraten und auszuliefern.

3 Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte,

4 stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch.

5 Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war.

6 Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen?

7 Jesus antwortete ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen.

8 Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir.

9 Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.

10 Jesus sagte zu ihm: Wer vom Bad kommt, ist ganz rein und braucht sich nur noch die Füße zu waschen. Auch ihr seid rein, aber nicht alle.

11 Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.

12 Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe?

13 Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.

14 Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.

15 Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.



Wir ziehen uns in dieser Stunde mit Jesus und seinen Jüngern in jenes Obergemach zurück, in dem der Herr Mahl halten wollte. Dieses Mahl ist von einer besonderen Atmosphäre geprägt: es ist die Atmosphäre eines Abschiedes in Liebe: „Jesus erkannte, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt zum Vater ginge; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende!“ (Joh 13:1)
Es ist ergreifende von der Liebe Jesu zu seinen Jüngern zu hören, von denen er weiß, dass einer ihn verraten, ein anderer ihn verleugnen wird und alle ihn verlassen werden. Er liebt diese Jünger, die ihn nicht verstehen und sich gegen ihn sträuben – wie Petrus uns dies stellvertretend vorzeigt. Es ist dies eine Liebe, die die Last der Jünger tragen kann; es ist eine Liebe, in der Jesus bleibt: „Wer in der Liebe bleibt, in dem bleibt Gott und Gott bleibt in ihm!“ (1Joh 4:16b)
Wir sind eingeladen, diese Liebe am heutigen Tag besonders nachzulieben und einander anzunehmen in unserer Verschiedenheit, in der Last, die wir füreinander sind.
Jesus lebt jene Liebe, die es Gott zur „Freude macht, bei uns Menschen zu sein“ (Spr 8:31) – unabhängig von unserer Befindlichkeit und die sich gerade angesichts unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit als Barmherzigkeit erweist: Gnädig und barmherzig ist der Herr, voll Huld und reich an Erbarmen! (Ps 145:8)
Und so ist es auch diese Liebe, die im Abschied einen Neubeginn setzt: In heilige Zeichen gibt der Herr sich hinein, um seinen Jüngern zu deuten, was sein Leiden und Sterben für sie bedeutet: Es bedeutet Hingabe für sie: Darum sagt er zum Brot mein Leib für euch hingegeben, und zum Wein, mein Blut für euch vergossen.
Und es bedeutet Dienst an ihnen: Darum wäscht er ihnen die Füße und sagt dann: „Wenn ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe!“ (Joh 13:14f.)
In dienender Hingabe will er unter uns weiterleben. Durch unser Dienen und unsere Hingabe will er unter uns lebendig bleiben.
„Ich bin nicht gekommen, mich bedienen zu lassen sondern um zu dienen und mein Leben als Lösegeld hinzugeben für viele!“ (Mk 10:45)
Wenn Jesus selber an den Beginn der drei österlichen Tage von seinem Leiden und Sterben, von seiner Grabesruhe und seiner Auferstehung den Menschendienst so sehr in den Mittelpunkt stellt dann deshalb, dass wir uns gerade in diesen Tagen nicht im Gottesdienst erschöpfen sondern damit wir den Stein wegrollen und der Menschendienst aus dem Grab des Gottesdienstes zu neuem Leben erstehen kann.
Es ist die Stunde unseres Hohen Dieners Jesus Christus. Und er lehrt uns heute als unser Herr und Meister, dass priesterlicher Dienst Dienst an den Menschen ist und je mehr er Menschendienst ist um so mehr wird er zum Gottesdienst. Wir müssen als Priester den Menschen so dienen, wie Gott ihnen dient durch Jesus Christus.

Aufgrund der Weihe meint dies alle Priester; weil in der Taufe aber auch zum Priester gesalbt, sind alle Christenmenschen angesprochen. Wir Christen wurden in der Taufe zu einem heiligen Volk, zu einer auserwählten Priesterschaft; (vgl. 1Pet 2:9) auserwählt zum Dienen.
Und sollte ein Christ sich scheuen, seine Hände an Menschen schmutzig zu machen so kann er gewiss sein, dass sein Gottesdienst sich unverzüglich in einen Satansdienst wandelt.
Darum hat Jesus den Petrus so scharf getadelt: Weiche, von mir Satan! – als der ihn hindern wollte am Leidens- und Kreuzesdienst für alle Menschen. (vgl. Mk 8:33)
Wer sich für den Dienst an den Menschen zu gut vorkommt, der ist für den Dienst am Altar zu minder – als Priester wie als Gläubiger.
Der Herr will, dass wir Christen den Menschen priesterlich dienen, dass wir uns für sie hingeben; dass wir für sie werden wie Wein, wie Brot.
Wir Christen sind durch unser Priestertum bestimmt, genießbare Speise für die Menschen zu sein, die ihnen göttliches Leben in Fülle vermittelt.
Im II. Vatikanischen Konzil lautet dieser Wille des Herrn so: „Durch die Salbung des Heiligen Geistes geweiht und von Christus ausgesandt, ertöten sie in sich die Werke des Fleisches und geben sich gänzlich dem Dienst an den Menschen hin;“ (PO 12,2)
So können sie als wahre Jünger Christi „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, zu ihrer Freude und Hoffnung, zu ihrer Trauer und Angst machen.“ (GS 1)
Mit den Worten des Thomas von Aquin wollen wir unser priesterliches Adsum erneuern – unsere Bereitschaft nach Jesu Beispiel den Menschen zu dienen:
„Was bei jenem Mahl geschehen sollen heute wir begehen und verkünden seinen Tod.
Wie der Herr uns aufgetragen, weihen wir, Gott Dank zu sagen, nun zum Opfer Wein und Brot.“ (Lauda Zion Str. 4)

Samstag, März 15, 2008

Wahrhaft, das war Gottes Sohn!


Das Leiden unseres Herrn Jesus Christus nach Matthäus 27: 11-54

Die Verhandlung vor Pilatus

11 Als Jesus vor dem Statthalter stand, fragte ihn dieser: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Du sagst es.

12 Als aber die Hohenpriester und die Ältesten ihn anklagten, gab er keine Antwort.

13 Da sagte Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, was sie dir alles vorwerfen?

14 Er aber antwortete ihm auf keine einzige Frage, so dass der Statthalter sehr verwundert war.

15 Jeweils zum Fest pflegte der Statthalter einen Gefangenen freizulassen, den sich das Volk auswählen konnte.

16 Damals war gerade ein berüchtigter Mann namens Barabbas im Gefängnis.

17 Pilatus fragte nun die Menge, die zusammengekommen war: Was wollt ihr? Wen soll ich freilassen, Barabbas oder Jesus, den man den Messias nennt?

18 Er wusste nämlich, dass man Jesus nur aus Neid an ihn ausgeliefert hatte.

19 Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ ihm seine Frau sagen: Lass die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum.

20 Inzwischen überredeten die Hohenpriester und die Ältesten die Menge, die Freilassung des Barabbas zu fordern, Jesus aber hinrichten zu lassen.

21 Der Statthalter fragte sie: Wen von beiden soll ich freilassen? Sie riefen: Barabbas!

22 Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrieen sie alle: Ans Kreuz mit ihm!

23 Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrieen sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm!

24 Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!

25 Da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!

26 Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.

Die Verspottung Jesu durch die Soldaten

27 Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn.

28 Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um.

29 Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden!

30 Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf.

31a Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an.

Die Kreuzigung

31b Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen.

32 Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen.

33 So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe.

34 Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken.

35 Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich.

36 Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn.

37 Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden.

38 Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links.

39 Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf

40 und riefen: Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz!

41 Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten:

42 Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben.

43 Er hat auf Gott vertraut: der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er hat doch gesagt: Ich bin Gottes Sohn.

44 Ebenso beschimpften ihn die beiden Räuber, die man zusammen mit ihm gekreuzigt hatte.

Der Tod Jesu

45 Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land.

46 Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

47 Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija.

48 Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken.

49 Die anderen aber sagten: Lass doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft.

50 Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er den Geist aus.

51 Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich.

52 Die Gräber öffneten sich, und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt.

53 Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.

54 Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!




„Sohn Davids – so rufen die Leute Jesus beim Einzug in Jerusalem.
„König der Juden“ nennt ihn Pilatus beim Verhör.
Als „Gottes Sohn“ bekennt ihn der römische Hauptmann, als er ihn am Kreuz sterben sieht.

Freilich, die Leute im Freudentaumel beim Einzug hatten rein menschliche Vorstellungen vom Messias.
Und Pilatus wird ihn wohl leicht spöttisch als König der Juden bezeichnet haben.
Und der Hauptmann bekennt Jesus als Sohn Gottes tief beeindruckt von den Zeichen, die seinen Tod begleitet haben: Das Erdbeben und die anderen außerordentlichen Ereignissen, die deinen Tod begleiten.

Je schlimmer es mit ihm steht, je näher er seinem schrecklichen Ende kommt umso hoheitlicher die Aussage über ihn. Mit unserem menschlichen, vernünftigen Verstehen nicht nachzuvollziehen. Oder wie Paulus an die Korinther schreibt: „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1Kor 1:23f.) Der Herr erleuchte in diesen Tagen unseren Glauben, dass wir im Gekreuzigten Herrn Jesus zunehmend Gottes Kraft und Gottes Weisheit zu erkennen vermögen.

Bei seinem Einzug in Jerusalem schreien die Menschen; bei seinem Tod schreien die Steine. So geschehen in seiner äußersten Ohnmacht, seinen Geist schon ausgehaucht, machtvolle Zeichen: Das Zerreißen des Tempelvorhanges in zwei Stücke, das Erdbeben, das Spalten der Felsen, das Öffnen der Gräber.

Wenn nun aber die seelen- und vernunftlose Materie machtvoll den gekreuzigten Herrn als den Sohn Gottes bekennt – wie können wir uns dann diesem Bekenntnis verweigern? Sind wir härter als die Steine? Sind wir unbeweglicher als das Erdreich?
Ein heidnischer Hauptmann hat sich vom Zeugnis der Schöpfung sehr wohl zum Bekenntnis führen lassen, dass dieser Jesus der Sohn Gottes ist. Und wir, die wir uns eh und je als Christen und als seine Jünger bekennen, sollten nicht umso entflammter in dieses Bekenntnis einstimmen?
Möge doch auch in unserem Herzen der Vorhang von oben bis unten entzwei reißen und das Berührt werden von Jesu Leiden und Sterben in das Tiefste unseres Herzens gelangen, um dort jene Erneuerung und Erlösung zu bewirken, deretwegen unser Herr dies alles auf sich genommen hat. Lassen wir uns durch seine Wunden und seinen Tod heilen und zum neuen Leben führen, das in Christus Jesus ist, unserem Herrn. Amen!

Mittwoch, März 12, 2008

Josef, der gerecht war


Das Evangelium Matthäus 1: 16.18-21.24a

16 Jakob war der Vater von Josef, dem Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus (der Messias) genannt wird.

18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes.

19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.

20 Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.

21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.

24a Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte.



„Josef, ihr Mann, der gerecht war.“ (Mt 1:19a)

Wie erweist sich Josef im Verhalten gegenüber seiner Frau Maria als gerecht?
Denn zweifellos befindet er sich menschlich in einer merkwürdigen Situation, da er doch sieht, dass sie von einem anderen schwanger ist. Wurde sie vergewaltigt? Hat sie ihn betrogen? Von beidem möchte ich annehmen, dass er es nicht einmal in Erwägung gezogen hat. Meine Annahme wird nicht durch eine Reinheit genährt, welche kirchliche Tradition idealisierend nachträglich in die Beziehung zwischen diesen beiden hineingetragen hat.
Vielmehr gehe ich davon aus, dass die Vorsehung Gottes von vornherein in Maria und Josef zwei herzensreine Menschen einander zugeführt hat im Hinblick darauf, dass diese beiden seinen Sohn in diese Welt einführen sollen.
Auf Grund dieser von Gott geschenkten Reinheit kommen für Josef die beiden oben erwähnten Möglichkeiten für die Schwangerschaft seiner Frau Maria nicht in Frage. Bleibt noch eine dritte Möglichkeit, die er aber nicht kennt; diese dritte Möglichkeit weist auf jemanden hin, der sich ausschweigt. Womöglich hat Josef im Stillen bereits den Bereich des Göttlichen vermutet. Wir wissen es nicht!
Auf jeden Fall gleicht er sich diesem sich ausschweigenden Bereich an und beschließt selber zu schweigen und sich in aller Stille von seiner Frau zu trennen. (vgl. Mt 1:19b)
Damit erreicht er zweierlei: Zum einen wird Maria nicht bloßgestellt und dem kurzsichtigen und daher ungerechten Reden und Handeln der Menschen ausgeliefert und zum anderen werden eben dadurch jenem Unbekannten, Schweigenden, Stillen alle Möglichkeiten zum Handeln offen gelassen.
Zugleich gibt Josef unmissverständlich zu verstehen, dass er bereit ist, Maria dem Unbekannten Schweigenden, von dem sie offenbar schwanger ist, völlig frei zu geben. Er kann mit Maria machen, was er für richtig und gut befindet.
So bewahrt Josef seine Verlobte vor dem Bösen, das über das Reden und Handeln anderer auf Maria zugegriffen hätte im Falle einer Bloßstellung.
Und sein Herz hält Josef frei von bösen Gedanken und Gefühlen, die ihn für ein weiteres Handeln des unbekannten Schweigenden behindert oder gar verunmöglicht hätten.

Wir sehen also: Josef war gerecht weil er der Situation gerecht wurde und sich so verhalten hat, dass der unbekannte Schweigende seinen Plan weiter entfalten und sein Werk tun konnte.

Wie sehr Josef der Situation gerecht worden ist erweist der weitere Verlauf des Geschehens. Denn sowohl Maria als auch er selber stehen unbelastet zur Verfügung für das, was nun kommt. Und das, was nun kommt betrifft zuerst unmittelbar Josef. Sein inneres Freisein erweist sich darin, dass er nicht sagt: „Nun habe ich Maria nicht bloß gestellt und ich habe sie entlassen. Damit ist diese Angelegenheit für mich erledigt.“ Was wäre das auch für eine Liebe gewesen, die die Beziehung zu seiner Verlobten wie ein Geschäft behandelt.
Vielmehr hören wir, dass Josef nach seinem Beschluss, Maria in aller Stille zu entlassen, nach wie vor darüber nachdenkt. (vgl. Mt 1:20) Dieses Nachdenken stellt keineswegs seinen Entschluss in Frage. Es ist dieses Nachdenken vielmehr wie ein Nachgehen in Liebe. Es ist wie ein Echo der Liebe zu Maria in seinem Herzen. Es ist ihm mit anderen Worten nach wie vor ein Anliegen, wie es mit seiner Verlobten weitergeht und dass es vor allem gut weitergeht mit ihr – wenn dies auch nicht mehr in ehelicher Gemeinschaft mit ihm sein sollte!
Es ist geradezu mit Händen jene Liebe zu greifen, die auf eine unglaublich wohltuende Weise frei lassen und frei bleiben kann.
Und wir dürfen uns wahrlich nicht wundern, dass dieser Freiraum in Josef voll ausgenützt wird von... ja, von wem denn nun? Von dem schweigenden Unbekannten, der in aller Stille da ist und dem Josef durch sein Stillsein die Ehre gegeben hat und dies auch weiterhin tun wird.
Es ist der Herr, der durch seinen Engel den Freiraum ausfüllt, den Josef so vorbehaltlos darbietet. In diesen Freiraum hinein offenbart der Engel im Traum, was an Maria eigentlich geschehen ist und wer die treibende Kraft hinter all diesem Geschehen ist.
Josef wird es wohl selber nicht unterscheiden haben können, was ihn mehr mit Freude erfüllt hat: Dass ihm seine Verlobte erneut und nun mit göttlicher Vollmacht, in göttlichem Auftrag geschenkt wurde – oder dass der Allmächtige – gepriesen sein ER – sich herablässt, ihn, den Zimmermann, als Werkzeug an der Erlösung Israels zu benützen.
Als Josef nach dem Erwachen dann tat, was der Engel ihm befohlen hatte (vgl. Mt 1:24a), konnte er gewiss auch deshalb nicht reden, weil ihm die übergroße Freude ganz einfach die Sprache verschlagen hat! Amen!

Mittwoch, März 05, 2008

Lazarus, komm heraus!


Das Evangelium Johannes 11: 1 – 45

1 In jener Zeit war ein Mann krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten.

2 Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank.

3 Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.

4 Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.

5 Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.

6 Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.

7 Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.

8 Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen, und du gehst wieder dorthin?

9 Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht;

10 wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.

11 So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.

12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.

13 Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.

14 Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben.

15 Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.

16 Da sagte Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, zu den anderen Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.

17 Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.

18 Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.

19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.

20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus.

21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.

23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.

25 Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,

26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?

27 Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

28 Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen.

29 Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm.

30 Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.

31 Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.

32 Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.

33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert.

34 Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh!

35 Da weinte Jesus.

36 Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!

37Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?

38 Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt, und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.

39 Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.

40 Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?

41 Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.

42 Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.

43 Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!

44 Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!

45 Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.




Die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus können wir als Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft hören.
Denn ist es nicht merkwürdig, dass Jesus nicht unverzüglich zu den drei Geschwistern eilt, als er hört, dass Lazarus erkrankt ist? (Joh 11:6)
Er begründet sein Verhalten wie folgt: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.“ (Joh 11:4) Und dann legt der Evangelist noch nach und sagt: „Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.“ (Joh 11:5)
Als „Zeichen“ seiner Liebe bleibt Jesus noch zwei Tage dort an dem Ort, wo er sich aufhielt. Eine merkwürdige Liebe, die nicht sofort zum Freund eilt, um zu helfen und zu heilen!
Aber Jesus hat den Geschwistern zum Zeichen seiner Freundschaft etwas Besonderes vorbehalten:
Er erspart ihnen nicht die Sorge und den Kummer über die Krankheit des Lazarus;
er erspart den Schwestern nicht den Schmerz und die Trauer über den Tod ihres Bruders.
Er lässt dies alles in ihrem Leben geschehen.
Aber er tut dies, um ihnen schließlich seine und seines Vaters Herrlichkeit zu zeigen, die darin besteht, dass Gott mächtiger ist als der Tod und dass Jesus der Sohn Gottes ist und dass er den Tod besiegen kann. Dass er allein es ist, der unsere Gräber öffnet und uns, sein Volk, aus unseren Gräbern holt. (vgl. Ez 37:13) Diese Erfahrung schenkt Jesus seinen Freunden und nicht, dass er sie vor dem Kummer, dem Leid und dem Sterben in dieser Welt bewahrt.

Die Klage der beiden Schwestern: „Herr, wärst du hier gewesen, wäre mein Bruder nicht gestorben“ (Joh 11:21;32) lässt mich an eine Episode aus dem Leben unserer hl. Mutter Teresa denken: Ich weiß nicht mehr genau, was passier ist; aber sie war eilig unterwegs zur Gründung eines Schwesternklosters; da ist sie mit dem Wagen von der Straße abgekommen und im Graben gelandet – also unvergleichlich harmloser, als was den Geschwistern im heutigen Evangelium passiert.
Na, jedenfalls beklagt sich Teresa beim Herrn des Langen und Breiten über ihr Missgeschick; der Herr antwortete ihr: „Ja, Teresa, so behandle ich nun mal meine Freunde!“
Sie darauf: „Dann wundert es mich wirklich nicht, dass du so wenige hast.“

Ja, es ist wirklich nicht verwunderlich, dass Jesus wenig echte Freunde hat. Das kommt daher, dass die Leute wohl Freunde Jesu sein möchten – aber nach ihren Vorstellungen und nicht nach denen Jesu. Und wenn nun die Freundschaft mit Jesus nicht nach ihren Vorstellungen verläuft kündigen sie dem Herrn Freundschaft und Nachfolge.

Wenn also wir auch Freunde Jesu sein wollen und gar wie in Thomas das Verlangen in uns brennt, „mit Jesus zu gehen um auch mit ihm zu sterben“ (Joh 11:16) dann sollten wir uns unbedingt mit der Bereitschaft wappnen, es Jesus zu überlassen, in welcher Form er möchte, dass wir mit ihm leiden. Denn das zeichnet doch wohl die Freundschaft zwischen Jesus und den drei Geschwistern aus, dass sie es zugelassen haben, dass Jesus sich ihnen so zumuten konnte, wie er es im heutigen Evangelium getan hat. Sei haben ihn in einer menschlich schwer erträglichen Fremdheit ausgehalten – so als hätten sie in einem hintersten Winkel ihres Herzens geahnt, dass er sich letztlich doch als ihr größter und verlässlichster Freund erweisen werde – wie es schließlich ja auch geschehen ist.

Und vergessen wir gerade am Beginn der Passionswoche eines nicht: Die Freundschaft, die Jesus durch das heutige Evangelium seinen Freunden zumutet hat er selber im Hinblick auf seinen Vater gelebt – bis zum letzten Atemzug! Denn er hat keinen Augenblick von seinem Vater gelassen; in ihm lebte unablässig die Gewissheit, die er auch im heutigen Evangelium ausdrückt: „Vater, ich wusste, dass du mich immer erhörst!“ (Joh 11:42) Und durch alle Angst, durch allen Schmerz und durch alle Klage hindurch konnte er so mit seinem letzten Atemzug sein Leben in die Hände seines Vaters legen und den letzten Akt eines Vertrauens setzen (vgl. Lk 23:46), das ihn sein Leben hindurch getragen hat und das Gott in seiner Auferstehung unübertrefflich beantwortet hat.

Das Herz der Freundschaft mit Jesus ist unsere Kindschaft vor Gott, seinem und unserem Vater! Amen!