Donnerstag, August 28, 2008

Im Sinn haben, was Gott will!


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 16: 21 – 27


In jenen Tagen

21 begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen.

22 Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht geschehen!

23 Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.

24 Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

25 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

26 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?

27 Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit seines Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.




„Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will sondern was die Menschen wollen.“
Wie müssen diese Worte den Simon wohl getroffen haben? Ihn, den der Herr unmittelbar vorher noch Petrus, den Felsen nannte, auf den er seine Kirche bauen wolle, weil er ihn als den Messias, als den Sohn des lebendigen Gottes erkannte? Hat er das Felsenwort Jesu zu einseitig als Lob und Erhebung verstanden so dass er überheblich wurde und oberflächlich? Dass er glaubte, nun nicht mehr Hörender und Empfangender sein zu müssen und aktiv Handelnder sein zu dürfen, indem er Jesus beiseite nahm, um ihn wegen seiner Leidensankündigung zu tadeln und zurechtzuweisen?

Denn was nicht Fleisch und Blut dem Simon offenbarte sondern der Vater im Himmel, das machte den Simon zum Petrus, das bestätigte ihm seine Offenheit für den Willen Gottes im Gegensatz zur Offenheit für bloß menschliche Einsicht. Diese Bestätigung war aber zugleich Auftrag, weiter offen zu bleiben für das, was Gott will. Nur in dieser bleibenden Offenheit für Gottes Willen kann er Fundament der Kirche Jesu sein. In der Einsicht, dass Jesus der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes ist, hat Gott ihm die Tür geöffnet zur Erkenntnis Jesu. Da muss Petrus sich nun tiefer einführen lassen.
Jesus will das tun; aber sein angekündigtes Leiden verschließt den Petrus in der Angst vor eben diesem Leiden. Diese Angst, die menschlich nur allzu verständlich ist, versperrt den Petrus dafür, wie Jesus Messias sein sollte nach dem Willen Gottes: nämlich durch Leiden und Tod hindurch in die Auferstehung. Der Simon ist im Petrus noch nicht gestorben und verführt ihn zu einer rein menschlichen Sichtweise vom Messiassein Jesu; der Simon hat dem Petrus die Ohren verstopft. Simon, der alte Mensch des Fleisches hat den Petrus, den neuen Menschen im Geist, taub gemacht! Dies wurde zudem dadurch erleichtert, dass das jüdische Volk einen Messias in Macht und Herrlichkeit erwartete; diese jüdische Erwartung konnte es nicht ertragen, dass dieser Messias zuvor als Leidender und Sterbender komme, der von Gott in die Herrlichkeit der Auferstehung geführt werde um schließlich mit seinen Engeln in der herrlichen Hoheit des Vaters zu kommen.
Wir möchten dem Petrus gerne zurufen: Öffne erneut deine Ohren! Höre nicht nur, was der Vater dir unmittelbar geoffenbart hat! Höre auch, was er dir durch seinen Sohn offenbart! Und wenn du schon Jesus als den Messias, den Sohn des lebendigen Gottes, erkennst, so erkenne und höre auch, dass Gott deshalb auch durch eben diesen Jesus zu dir spricht!

Der Messiasweg Jesu führt nicht an Leid und Tod vorbei sondern durch Leiden und Tod hindurch zur Auferstehung. Im Annehmen, Durchtragen, Durchleiden von Leid und Tod werden sie in der Auferstehung von Jesus überwunden und besiegt.
Es ist ein Sieg für uns! So dass Jesus auch von seinen Jüngern verlangen kann, dass sie in der Selbstverleugnung ihr Kreuz auf sich nehmen und ihm nachfolgen. In seiner Nachfolge, in ihm also, ist ihnen dies möglich; wird auch ihnen das Kreuz nicht zum Untergang sondern der Weg zu Erlösung und ewigem Heil.
Den Ruf in die Kreuzesnachfolge wiederholt Paulus in der Lesung: „Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst.“ (Röm 12,1)
Jesus ist bereit zu diesem Gottesdienst in der lebendigen und heiligen Opferhingabe seines Lebens. Er vollzieht diesen Gottesdienst in seinem Leiden und in seinem Sterben am Kreuz. Zu diesem Gottesdienst befähigt, was Paulus dann weiter schreibt: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“ (Röm 12,2) Zu diesem Gesinnungswandel wird Simon durch die bittere Zurechtweisung im heutigen Evangelium aufgefordert; dazu werden auch wir eingeladen, indem wir unsere Einstellung zu Leid und Kreuz ändern. Diese Änderung ist eine Erneuerung unseres Denkens im österlichen Licht. Von Jesus, dem Auferstandenen her, scheint uns dieses Licht, in dem wir prüfen und erkennen können, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist – gerade auch in den dunklen Stunden und auf den Kreuzwegen unseres Lebens. Und erkennen wir in diesem Licht, wie konkret Jesus um sein Kreuz Bescheid weiß und Bescheid gibt: Er nennt den Ort, wo ihn das Kreuz erwartet; er nennt die Leute, die ihm das Kreuz bereiten; er nennt die Form, in der ihn das Kreuz erwartet.
Auch wir sollen unser Kreuz konkret anschauen und benennen – so wie es uns begegnet an den Orten unseres Lebens, in den Menschen an unserer Seite, in der Last, mit der es auf uns lastet. Und so, wie wir es empfinden sagen wir: „Ich nehme es an und trage es Jesus nach!“
Dieses österliche Licht lässt uns gerade auch in der Kreuzesnachfolge Jesu beten: Allmächtiger Gott, von dir kommt alles Gute. Pflanze in unser Herz die Liebe zu deinem Namen ein. Binde uns immer mehr an dich, damit in uns wächst, was gut und heilig ist. Wache über uns und erhalte, was du gewirkt hast.
Ist das nicht wunderbar: Im Kreuz verborgen und dunkel Gutes zu erkennen, das Gott uns bereitet zu unserer Erlösung und zu unserem Heil? Durch das Kreuz nicht von Gott getrennt sondern an ihn gebunden zu werden? Und dass in dieser Kreuzesbindung an Gott in uns wächst, was gut und heilig ist?
Gott wird gewiss über uns wachen und erhalten, was er auf diesem Kreuzweg in der Nachfolge seines Sohnes in uns wirkt uns und den Unsrigen zum Heil und ihm zur Ehre! Amen!
Petrus, was muss ich heute von dir hören? Der Herr nennt dich Satan? Und: Weiche von mir?“ Dabei hat er dich eben noch Petrus – Felsen genannt, auf dem er seine Kirche bauen möchte?
Eben hat er dich Fundament seiner Kirche genannt, das die Pforten der Hölle nicht überwältigen werden! Jetzt nennt er dich Satan, dessen Ziel es ist eben diese Kirche des Herrn zu zerstören!
Was ist da geschehen? Ist da jener wankelmütig geworden dessen Urteile wahr und gerecht sind und die dauern von Geschlecht zu Geschlecht? Er, der einzig Treue und Verlässliche?
Oder bist du von einem Felsen zu einem Sandhaufen geworden, der von einer Welle des Meeres weggespült wird?
Von welcher Höhe bist du gefallen – von einem Augenblick auf den anderen!?
Von wem hast du dich betören lassen? Hat dir nicht der Herr gesagt, von wem du geoffenbart bekamst, dass er der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes sei? Dass es sein Vater im Himmel ist, der dich dies wissen ließ? Und dass nicht Fleisch und Blut dich diese Wahrheit erkennen ließen?
Gott wollte dich betören durch diese Einsicht! Du aber ließest dich lieber betören von menschlicher Angst vor Leid und Tod? Vielleicht weil du noch nicht erlebt hast, dass es möglich ist, Leid und Tod zu überwinden; vielleicht weil du noch nicht von Ostern her leben konntest; vielleicht weil der Herr von dir verlangte, zu glauben, ohne es zu erleben was du kurze Zeit später erleben solltest – erst wieder auf Grund deines Glaubens – nämlich dass er von den Toten auferstanden sei: Und du für diesen Glauben noch nicht bereit warst?
Hast du nicht erkannt, wie unverdient und von dir ungeplant du diese Berufung geschenkt bekamst? Und was diese Berufung von dir verlangt: Nicht, dass du nun selber weitermachst mit Fleisch und Blut, was der Herr in dir grundlegend durch seinen Geist begonnen hat! Sondern dass du ein Empfangender, ein Hörender bleibst für das Wort und das Wirken des Herrn?
Was also hörst du darauf, was Fleisch und Blut dir einflüstern in der Angst vor Leid und Tod? Bemerkst du nicht, dass diese Einflüsterungen dich blind und taub machen für das Ziel, in das Leid und Tod münden – nämlich für die Auferstehung!?
Gott hat dir Jesus geoffenbart als den Messias, als seinen lebendigen Sohn! So begreife doch, dass er dir die Tür aufgestoßen hat zu den unergründlichen Tiefen und den unermesslichen Reichtümern seines Sohnes! Und begreife auch, dich von eben diesem Sohn einführen zu lassen in diese unermessliche Fülle seines göttlich menschlichen Wesens. Was dir der Vater von seinem Sohn sagte sollte dich öffnen für das, was dir derselbe Sohn im Auftrag eben dieses Vaters über sich selber sagte: dass er leiden und sterben und von den Toten auferstehen werde! Was dir der Vater von seinem Sohn offenbarte sollte dich mit ihm verbinden – mit ihm dem Vater durch den Sohn und mit ihm, dem Sohn durch den Vater.

Ihr aber, für wen haltet ihr mich?


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 16: 13 – 20

In jener Zeit,

13 als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?

14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.

15 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

16 Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!

17 Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

18 Ich aber sage die: Du bist Petrus - der Fels -, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.

19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.

20 Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Messias sei.



„Für wen halten die Leute den Menschensohn? Für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16:13.15)

Warum stellt Jesus diese Fragen an seine Jünger? Braucht er ihre Antwort als Orientierungshilfe für seinen weiteren Weg, über dessen Verlauf er sich nicht mehr sicher ist? Will er wissen, ob und wie er bei den Leuten und bei ihnen ankommt? Macht er es wie die Politiker vor den kommenden Wahlen? Sie befragen die Meinungsforscher, was denn die Leute so denken, damit sie sich dann möglichst nach der Meinung des Volkes ausrichten könnten, um so möglichst gut bei der Wahl abzuschneiden.

Aber Jesus richtet sich in seinem Denken, Reden und Tun nach dem Willen seines Vaters im Himmel. Von dem weiß er sich in diese Welt gesandt. Der gibt ihm Maßstab und Richtung – bis zu seinem letzten Atemzug am Kreuz! (vgl. Lk 23:46)

Wenn er also die Jünger nach der Meinung der Leute und nach ihrer eigenen fragt, so tut er’s nicht um seinetwillen sondern um seiner Jünger willen.

Die sollen durch die Fragen Jesu nämlich begreifen, dass ihr Zusammenleben mit Jesus kein seelenloses, unverbindliches Tun ist sondern etwas, das in ihrem Leben Spuren hinterlassen soll – etwa auch in der Form, dass sie sich Gedanken darüber machen mögen, wer denn dieser Jesus für sie sei und was er ihnen bedeutet. Und dann sollen sie ihre Gedanken auch ausformulieren und mitteilen, dass er selber und die anderen es hören können. Er fragt sie nicht alle einzeln unter vier Augen, er fragt sie vielmehr in der Gemeinschaft. Die Beziehung zu ihm also nicht Privatsache, sondern etwas für alle.

Dabei weiß Jesus darum, dass man über andere leichter redet als über sich selber. Darum auch die Frage zuerst, was denn die Leute so von ihm denken und für wen sie ihn halten. Dann erst die Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16:15)

Dieses „aber“ deutet unmissverständlich an, dass er von seinen Jüngern eine andere Antwort hören möchte als von den übrigen Leuten. Sie stehen nämlich auch in einer anderen Beziehung zu ihm: sie leben täglich mit ihm zusammen, Aug in Aug, von Herz zu Herz! Mit Recht kann er da anderes von ihnen erwarten als von den Leuten: tieferes, größeres! Dabei ist schon groß genug, was die Leute denken: Johannes der Täufer, Elias, Jeremias oder sonst einer der Propheten! Menschlich gesehen und gedacht gibt es nach dem damaligen Verständnis keine größeren Persönlichkeiten!

Dennoch erwartet Jesus eine „größere“ Antwort und einer gibt sie: Simon Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 19:16).

Gleich stellt Jesus klar, dass diese Antwort nicht Frucht menschlicher Überlegungen ist sondern dass Simon Petrus einen besonderen Souffleur hatte: Jesu Vater im Himmel!

So lernen die Jünger ein Weiteres dazu: Menschliches Überlegen kann die Größe Jesu nicht einfangen und ihn nicht angemessen erkennen. Es braucht dazu die Weisheit, Einsicht und Erkenntnis Gottes. Jesus in seiner Fülle erkennen zu dürfen ist ein Geschenk Gottes, das er nach freiem Ermessen gibt. Darum sagt Jesus im Johannesevangelium 6:44: „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt.“ Und etwas später in demselben Kapitel Vers 65: „Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.“

Dem Petrus hat’s der Vater gegeben, ihn hat der Vater zu Jesus geführt. Er hat sich dieser Führung anvertraut und sie im Messiasbekenntnis ausgedrückt. Seine Erkenntnis Jesu ist nicht Frucht eigener Überlegung; nicht Frucht von Gesprächen und Diskussionen mit anderen; sondern ein Geschenk des Himmels.
Im Vertrauen auf die Führung Gott Vaters steht Simon auf festem Grund, so dass er selber zu festem Grund, zu einem Felsen, zu Petrus wird, auf dem der Herr seine Kirche bauen will.

Wenn Jesus uns fragt: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Dann lernen wir von den Jüngern uns über Jesus Gedanken zu machen. Zuvor aber mögen wir lernen, Gott zu bitten, dass er auch uns zu Jesus führen möge, indem er unser Denken und Reden mit seinem Licht, mit seiner Weisheit – kurz und gut: mit seinem Geist begründen, lenken und vollenden möge in Christus, Jesus, unserm Herrn und Erlöser, dem die Ehre sei in alle Ewigkeit! Amen!

Dienstag, August 12, 2008

Herr, hilf mir!


+ Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 15:21 - 28

21 Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.
22 Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
23 Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.
24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
25 Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!
26 Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.
27 Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
28 Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.



„Jesus aber gab ihr keine Antwort!“ Nicht nur die Jünger sind unzufrieden mit dieser Reaktion ihres Herrn auf die Hilfe suchende Frau. Auch unter uns wird es womöglich Leute geben, die mit dieser Reaktion Jesu nicht gerechnet haben und die dem Herrn gar liebloses Verhalten vorwerfen – zudem noch ausgerechnet einer Frau gegenüber! Ja, regt sich nicht in uns ein Gefühl, das sich gleich auf die Suche macht, um dieses Verhalten des Herrn zu entschuldigen?

Dieser Suche schließe auch ich mich an im Bemühen, den Herrn in seinem Verhalten zu verstehen. Dabei gehe ich aus von der Antwort Jesu, die er den Jüngern gibt auf ihre Aufforderung, der Frau zu helfen: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ (Mt 15:24) In diesen Worten gibt der Herr deutlich zu erkennen, dass er eine klare Vorstellung von seiner Berufung hat. Des Weiteren erkennen wir, dass er sich diese Berufung nicht selber gegeben hat sondern dass sie ihm gegeben wurde; er handelt nicht im eigenen Auftrag sondern im Auftrag Gottes. Und nun dürfen wir ja nicht meinen, Jesus habe ein niedliches, harmloses und oberflächliches Empfinden von Gott, wie es uns womöglich eignet.

Das Empfinden von Gott wird bei Jesus zum einen geprägt von der allgewaltigen Größe und der sorgenden Macht Gottes und von der Ehrfurcht vor diesem Gott – wie es uns im Ersten Bund begegnet.
Zum anderen – und das fällt noch weit mehr ins Gewicht – ist sein Verhalten geprägt von jener unaussprechlich persönlichen Nähe zu Gott, die im schlichten Wort „Abba“ – „Papa“ zum Ausdruck kommt.
Jesus wusste sich also nicht von irgendeinem sondern von ebendiesem Gott zu den verlorenen Schafen Israels gesandt – und nur zu ihnen!
Im Verhalten Jesu kommt also sein bedingungsloser Gehorsam dem Auftrag Gottes gegenüber zum Ausdruck. Dieser Gehorsam lässt sich nicht durch menschliche Überlegungen beeindrucken – schon gar nicht durch jene der Jünger, die der Frau bloß deshalb Hilfe zukommen lassen wollen, damit sie, die Jünger, wieder ihre Ruhe haben, „weil sie ja hinter ihnen her schreit.“ (Mt 15:23)
Der Gehorsam Jesu bleibt im Frieden angesichts der Grenze, die gesetzt ist und kann den Bereich jenseits dem überlassen, der die Grenze gesetzt hat. Ich meine, wenn wir unsere christliche Berufung auch nur halb so ernst nähmen wie Jesus heut im Evangelium die seine – unsere Ordensgemeinschaften würden erblühen, die Kirche wäre eine moralische Instanz, die zu übergehen sich keine weltliche Macht erlauben dürfte und das Reich Gottes wäre greifbar nahe.
Wir aber leben unsere christliche Berufung – sei es im Orden oder in der Welt – nur allzu oft nach Lust und Laune, nach der Gunst der Stunde, nach der Meinung der Leute – kurz und gut nach unserem Gutdünken, das sich keiner höheren Instanz mehr unterordnet. Natürlich wird diese Haltung jeder von uns theoretisch entrüstet von sich weisen. Aber praktisch ist die Selbstherrlichkeit, mit der wir dem Herrn heute Lieblosigkeit und Grobheit vorwerfen, dieselbe, mit der wir entscheiden, ob es uns heute genehm ist zu beten oder nicht, zum Gottesdienst zu gehen oder nicht, diese oder jene Tat der Liebe zu erweisen oder nicht. Wir sind jener Beliebigkeit in unserem Leben verfallen, die uns an Gottes Stelle setzt.
Kehren wir aber zum Herrn zurück; es ist in der Tat erfrischender, sein Leben zu betrachten als das unsere!

Wenn Jesus im heutigen Evangelium seine Sendung klar ausspricht und sich damit zugleich abgrenzt, so sind wir gemeinhin der Ansicht, er habe dies in einem Gefühl der Selbstsicherheit getan, das dem Mitleid nur schwer Raum geben kann. Ich hingegen meine, dass Jesus das Statement über seine Berufung mit Schmerz und mit Bedauern äußerte und dass in ihm sehr wohl die Bereitschaft zum Helfen da war – es fehlte bloß die Lizenz dazu! Eine Lizenz, die ihm nur sein Vater geben konnte. Und mich würde es nicht wundern, wenn die Knappheit seiner Äußerung ein Hinweis ist auf sein inneres Ringen um eben diese Lizenz; und dass Jesus seinen Vater gebeten hat: Lass mich erkennen, wie ich meine Sendung zum Hause Israel vereinbaren kann mit der Hilfe dieser Frau gegenüber; lass mich jetzt deine Stimme hören. Und er hat sie gehört im Gespräch mit der Frau; er hat sie gehört in ihrer Zähigkeit, in ihrer Einfachheit, in ihrer Liebe zur Tochter – das alles drückte ihren großen Glauben aus; da hörte Jesus, dass diesem großen Glauben der Frau von seiner Seite nur mehr jene Größe Gottes entsprechen konnte, die neben dem Volk Israel alle Menschen erwählt und in sein Herz schließt. Können wir sagen, Gott habe durch den großen Glauben dieser Frau den Herrn hinausgeführt ins Weite? (vgl. Ps 18:20)
Es bleibt uns zuletzt wohl als einzig angemessene Reaktion, dass wir verstummen vor dem Geheimnis, dass auch über der Gottesbegegnung im heutigen Evangelium waltet.

Aber auf die zweite Lehre sei noch hingewiesen, die der Herr uns neben der Treue zur Berufung im Evangelium erteilt. Nämlich die, dass unerschütterliche Treue zur Berufung und Offenheit für neue Wege sich nicht ausschließen. Erinnern wir uns nur an unsere eigene Sturheit, mit der wir an unseren Überzeugungen festhalten und nötigenfalls über Leichen gehen. Fragen wir uns doch nur einmal, wo denn unsere Grundsätze im Willen Gottes verankert und begründet sind. Wagen wir es, unseren Willen mit dem Willen Gottes zu konfrontieren, wie er uns im Wirken und Reden Jesu entgegentritt.
Jesu Konsequenz zeichnet sich nicht durch jene Unbeugsamkeit und Blindheit aus, die Terroristen zu Eigen ist. Sie zeichnet sich vielmehr durch eine Offenheit und ein Ringen aus, sich auf die aktuell geforderte Weise auszuleben. Sie ist offen für das, was kein Auge geschaut und kein Ohr gehört, was Gott aber denen bereitet hat, die ihn lieben. (vgl. 1 Cor 2:9)
Sie strebt danach, Gott in allem und über alles zu lieben, und so für sich und andere den Reichtum der Verheißungen Gottes zu erlangen, der alles übersteigt, was wir ersehnen. (Vgl. Tagesgebet vom 20. So. i. Jk.) Amen!

Der Mächtige hat Großes an mir getan!


+ Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 1: 39 – 56

39 Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa.

40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet.

41 Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt

42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.

43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

44 In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.

45 Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

46 Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn,

47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.

50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.

51 Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

52 er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.

53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.

54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,

55 das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

56 Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.



„Der Mächtige hat Großes an mir getan und heilig ist sein Name.“ (Lk 1:49) So hören wir Maria im Evangelium singen. Das Große, das Gott an Maria getan hat, ist vor allem anderen, dass er sie zur Mutter seines Sohnes erwählt hat. Das ist die Urgroßtat Gottes an Maria. Dabei weiß Maria noch gar nicht, wie es mit der Geburt dieses Kindes gehen wird; sie weiß noch nicht, was alles ihr mit diesem Kind passieren wird; sie ahnt noch nichts vom apokalyptischen Drachen, der ihr Kind und sie bedrohen wird. (vgl. Offb 12:3-6a) Sie weiß nicht um die Sorgen, die ihr dieses Kind bereiten wird; sie weiß noch nicht, welche Spuren ihr Kind auf Erden hinterlassen wird. Sie weiß von all dem noch gar nichts – und dennoch singt sie: Der Mächtige hat Großes an mir getan. Sie singt es allein auf die Verheißung des Engels hin, dass sie ein Kind gebären werde, dem sie den Namen Jesus geben solle; dieses Kind werde groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; Gott, der Herr, werde ihm den Thron seines Vaters David geben; er werde über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. (vgl. Lk 1:31ff)
Sie singt, weil sie der Botschaft des Engels Glauben schenkt; diesen Glauben schenkt sie so Gott selber; sie glaubt Gott, der ihr den Engel geschickt hat.
Sie singt, weil sie glaubt, dass der Höchste nicht anders kann, als Großes an ihr zu tun!
Sie singt weil sie nur Großes denken kann vom Großen, vom Allmächtigen, vom Höchsten!
Selig ist sie, weil sie glaubt, dass sich erfüllen wird, was der Herr ihr sagen ließ. (vgl. Lk 1:45)
Diese Seligkeit aus dem Glauben lässt sie singen, dass der Herr Großes an ihr getan hat.
Maria hat gewiss hineingeahnt in dieses Große, in seine Tiefe und Breite, in seine Höhe und Weite; sie hat in diesem Großen bereits jenes erspürt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große nämlich, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben? (vgl. 1 Kor 2,9).
Maria hat in ihrem Glauben dem Großen keine Grenze gesetzt, das der unbegrenzt Große an ihr getan hat.
Wir dürfen im Rückblick auf ihre Lebensgeschichte und im Hinblick auf die Vollendung ihres Lebens im Himmel, die wir heute feiern, einstimmen in ihren Gesang: Ja, der Herr hat wirklich dein ganzes Leben hindurch Großes an dir getan, jungfräuliche Mutter Maria! Dein Leben war von deiner unbefleckten Empfängnis an bis zu deiner leiblichen Aufnahme in den Himmel eine einzige unaussprechliche Großtat an dir und an der gesamten Menschheit.
Wir sehen nämlich an dieser Frau, was mit einem Menschen geschieht, der Gott ganz in sein Leben einlässt, in dem er sagt: „Ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe wie du es gesagt hast!“ (Lk 1:38) Diesen Menschen lässt Gott auch ganz in sein Leben ein! So wie sie die Gottheit in ihrem Sohn Jesus ganz in ihr Leben aufgenommen hat so hat Gott sie mit Leib und Seele ganz zu sich in sein Leben aufgenommen.
So ist Maria für uns zu einem Zeichen der Hoffnung! Denn wie für sie gilt auch für uns: Je mehr Gott in uns desto mehr wir in Gott! Dies soll uns trösten und uns auf Maria und auf alle jene Zeichen schauen lassen, in denen der Herr Großes an uns tun möchte. Ich meine jene Zeichen, in denen uns seine besondere Nähe zugesagt ist, jene Zeichen, in denen auch wir seinen Sohn empfangen dürfen: Vorab und grundlegend in der Taufgnade, dann im Wort der Hl. Schrift, im Brot des Lebens in der Eucharistie, im Wort der Versöhnung in der Beichte, in den bedürftigen Nächsten.
In all diesen Zeichen will Gott durch Jesus Christus bei uns, in uns sein – zu unserem Heil, zu unserer Befreiung und Erlösung, zu unserem Glück und Frieden. So will der Herr hier und heute Großes auch an uns tun. Und er will uns damit keinen geringeren Himmel verkosten lassen als jenen, in den er Maria mit Leib und Seele aufgenommen hat. Nehmen wir mit Maria gläubig dieses Geschenk an; sagen wir mit ihr: Ich bin die Magd, der Knecht des Herrn! Mir geschehe nach seinem Wort!

Doch hören wir noch, wie Maria dann weiter singt: ... „und heilig ist sein Name!“ (Lk 1:49b) Das Große, das Gott an ihr getan hat lässt sie nicht bei ihr stehen bleiben; lässt sie nicht um sich selber kreisen und dabei den Herrn vergessen; es führt sie zur Heiligung seines Namens; sie preist den Namen Gottes, indem sie ihn heilig nennt – und ihn in der Tat heiligt durch den Liebesdienst an ihrer Verwandten Elisabeth.
Das ist ein sicheres Kennzeichen, dass der Herr Großes tut in unserem Leben, wenn uns dies zum Dank und zum Lobpreis seines Namens im Wort und in der tätigen Nächstenliebe führt, und so die Vaterunserbitte Wirklichkeit wird: „geheiligt werde dein Name!“ (Mt 6:9c)

Die Himmelfahrt Mariens macht abschließend und krönend deutlich, wozu sie berufen ist und wozu auch wir berufen sind: Ein Lob von Gottes herrlichem Namen zu sein! Amen!

Samstag, August 09, 2008

Herr, rette mich!


Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 14:22 – 33

22 Nachdem Jesus die Menge gespeist hatte, forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken.

23 Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten. Spät am Abend war er immer noch allein auf dem Berg.

24 Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.

25 In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen; er ging auf dem See.

26 Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.

27 Doch Jesus begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!

28 Darauf erwiderte ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.

29 Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.

30 Als er aber sah, wie heftig der Wind war, bekam er Angst und begann unterzugehen. Er schrie: Herr, rette mich!

31 Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

32 Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.

33 Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn.



Den Gegenwind der Jünger im Evangelium hat Elia in anderer, schmerzlicher Form erlebt: „Die Israeliten haben deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet. Ich allein bin übrig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben!“ (1Kg 19:14) So beklagt sich Elia bei Gott! Und dabei ist er mit leidenschaftlichem Eifer für den Herrn eingetreten; d.h. er hat sich nicht geschont im Einsatz für den Herrn; er hat sich ganz hineingelegt und mit allen Kräften im Namen des Herrn gewirkt: Welcher Sturm der Enttäuschung, der Verbitterung, der Depression mag wohl in diesem Elia getobt haben!
Der Herr lässt seinen Propheten nicht in diesem Sturm allein; er lässt ihn nicht untergehen.
„Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“ (1Kg 19:11a) Er ruft den Elia aus dem Sturm vor sein Angesicht. Das ist die Hand, die der Herr dem Elia reicht, um ihn zu retten – wie es Jesus mit Petrus und den übrigen Jüngern im Evangelium tut.
Es ist als wollte der Herr zu Elia sagen: Dein Eintreten für mich mit leidenschaftlichem Eifer zählt bei mir; das zeichnet dich aus;

Die 1. Lesung und das Evangelium sagen uns über Gott, dass er die Seinen in den Stürmen des Lebens nicht alleine lässt. Ja, er geht zu ihnen in den Sturm hinein, er ist bei ihnen, spricht mit ihnen, reicht ihnen die Hand und rettet sie vor dem Untergang.
Damit erweist sich Gott als treu und bestätigt, was von ihm in der Bibel gesagt wird: Dass er nämlich sein Volk in der Not nicht verlässt und dass er gerade in der Not sicherer Halt, Stütze und Stab, Rettung und Heil ist.

Auf der Linie der Bibel ist aber auch das Verhalten derer, die sich gerade im Sturm befinden: In den heutigen Lesungen Elia, Paulus, Petrus und die Jünger.
Wie verhalten sie sich im Sturm? Beginnen sie sich zu beklagen, warum das gerade ihnen passiert und wie der gute Gott so eine schlimme Situation in ihrem Leben zulassen konnte da sie doch überhaupt nichts Böses getan hätten, was so eine Strafe verdiente?
Derartige Klagen können wir immer wieder hören; die biblischen Gestalten der heutigen Lesungen verhalten sich anders: Sie drücken ihr Leid aus, dass sie bedrückt; sie erzählen Gott von dem Sturm, der in ihnen und um sie herum tobt und sie bitten diesen Gott um Hilfe: „Herr, rette mich!“ (Mt 14:30)
Wir sehen, sie gehen sehr effektiv mit ihren Kräften um, die sie gerade in der stürmischen Situation ihres Lebens notwendig brauchen. Sie quälen sich nicht ab mit Fragen, auf die es keine Antwort gibt sondern sie wenden sich gleich an Gott, von dem allein sie in ihrer Situation Hilfe erhoffen.
Das kommt gewiss auch davon, dass ihr Sturm eingebettet ist in ihre Beziehung zu Gott und dass sie als Gesandte des Herrn in diesen Sturm geraten sind: Elia wusste sich als Prophet von Gott gesendet; Paulus wusste sich vom Herrn als Apostel berufen und im Evangelium ist es Jesus, der die Jünger auffordert im Boot an das andere Ufer des Sees zu fahren.
Das Eingebettetsein in Gott und das Berufensein durch den Herrn wäre auch im christlichen Leben gegeben – durch die Taufe, die Firmung, die Ehe, die Priesterweihe; aber viele Christen wissen das nicht zu schätzen und vergessen es, so dass Gott in den Stürmen ihres Lebens bloß einen Sündenbock abgibt, den sie anklagen und dem sie die Schuld für ihr Unglück geben; das verhindert, dass sie diesem Gott ihr Leid klagten und ihn um Hilfe bäten;
Ihr Leid klagen sie vielmehr einem Psychiater und Gott bleibt die Anklage!
Wenn ich dieses brachliegende Christentum erlebe dann kommen mir ähnliche Gedanken wie dem Paulus, der in der 2. Lesung dem Herrn und der Gemeinde in Rom seinen Sturm klagt: „Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. Ja, ich möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Geschwister willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind.“ (Röm 9:2f)
Und nun möchte ich aus christlicher fortfahren: Sie sind Christen, damit haben sie die Gotteskindschaft, die Herrlichkeit, den Neuen und ewigen Bund; ihnen ist das Gebot der Liebe gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Apostel und die Heiligen und dem Fleisch nach ist Christus einer von ihnen geworden.

Bedenken wir, dass Gott den Elia gerufen hat: „Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herr!“ (1Kg 19:11)
Bedenken wir, dass Jesus zu Petrus im Sturm gesagt hat: „Komm!“ (Mt 14:29)
Erinnern wir uns dankbar, dass dieser Ruf in der Taufe auch an uns ergangen ist. Seither hat der Herr diesen Ruf viele Male wiederholt: Bei der Firmung, im Sakrament der Ehe und der Priesterweihe, in der Beichte, bei jedem Gottesdienst, jedes Mal, wenn wir den Finger in das Weihwasser tauchen.
Bei jeder Gelegenheit, die wir nützen zum Gebet, zur Schriftlesung und immer, wenn uns ein Mensch in Not begegnet – ruft der Herr auch uns: Komm und stell dich vor den Herrn!
Folgen wir diesem Ruf und lassen wir uns retten! Meistern wir mit dem Herrn die Stürme unseres Lebens.
Und helfen wir im Herrn, dass andere aus den Stürmen ihres Lebens gerettet werden. Amen!

Sonntag, August 03, 2008

Er hatte Mitleid mit ihnen!


Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 14:13-21

13 In jenen Tagen als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach.
14 Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.
15 Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen, und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.
16 Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
17 Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns. 18 Darauf antwortete er: Bringt sie her!
19 Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten,
20 und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll.
21 Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.




„Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen.“ (Mt 14:15)

Das bemerkenswerte an diesem Mitleid ist die Situation, in der Jesus es hatte. Die Nachricht von der Enthauptung des Johannes ist nämlich nicht spurlos an Jesus vorbei gegangen. Sie hat ihn beeindruckt und zwar so sehr, dass er in eine einsame Gegend wollte, um allein zu sein. Und wir können uns wohl vorstellen, was Jesus in der Einsamkeit wollte: Nämlich sich auseinandersetzen damit, was das Schicksal des Täufers für ihn und seine Sendung zu bedeuten habe. Und wir werden uns gleich auch dazu vorstellen, dass er dies betend vor und mit seinem Vater im Himmel tun wollte. Das geht aus der Tatsache hervor, dass seine Jünger zwar bei dieser Bootsfahrt mit dabei sind aber mit keinem Wort erwähnt werden.

Der Märtyrertod des Täufers hat in Jesus gewiss die Ahnung hochkommen lassen, dass es mit ihm womöglich auch so ein schreckliches Ende nehmen könnte, wenn er – wie der Täufer – kompromisslos den Willen seines Vaters erfüllt in der Verkündigung des Reiches Gottes. Womöglich tauchten die Vorboten jener Todesangst auf, die ihn am Abend vor seinem Leiden am Ölberg niederdrückten; und auch dort hat er seine Angst vor seinem Vater ausgebreitet, um sich dann ganz in seinen Willen zu fügen. (vgl. Mt 26:36-46 parr.)
Wie verständlich ist es, dass Jesus unter diesen Vorzeichen allein sein wollte. Er war wie ein Suchender, der sein Herz ausschütten, der seine Fragen aussprechen, seine Zweifel darlegen wollte; er war einer, der einen Zuhörer brauchte; er war mit anderen Worten einer, der selber des Mitleides bedurfte.
Und nun ist es das Großartige an ihm, dass er über seine Not hinwegsehen und die Not der wartenden Menschen anschauen konnte; dass er das Mitleid mit sich zurückstellen, und mit den Menschen Mitleid haben konnte.
Wie verständlich es für den Menschensohn gewesen wäre zu sagen: Meine lieben Leute; so sehr ich euch auch mag – aber jetzt muss ich allein sein; ich kann jetzt keinen Menschen brauchen, weil ich mit mir selber momentan vollauf beschäftigt bin –
So unverständlich wäre es für den Gottessohn gewesen, wenn er gerade in dieser Situation nicht das getan hätte, wozu er in die Welt gekommen ist: nämlich nicht, sich bedienen zu lassen sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben. (vgl. Mt 20:28) Diese gleiche Haltung finden wir bei Jesus, wenn er den Petrus seines Blickes würdigte, nachdem dieser ihn verleugnet hatte; (vgl. Lk 22:61) oder sein Gespräch mit den weinenden Frauen an seinem Kreuzweg; (vgl. Lk 23:27-31) oder die Worte zum Verbrecher an seiner rechten Seite; (vgl. Lk 23:42f.) und nicht zuletzt das Gebet zum Vater um Vergebung für seine Mörder, denn sie wissen nicht, was sie tun. (vgl. Lk 23:34a)
Es ist dies ein Mitleid, das den Kindern Gottes eignet; es kommt aus einem bedingungslosen Vertrauen auf Gott; es befähigt, über die eigenen kleineren und größeren Wehwehchen hinwegzusehen und die Not der anderen höher einzustufen als die eigene. Es ist ein Mitleid, das sich selber keineswegs gering – den anderen aber höher einschätzt. (vgl. Phil 2:3) Es ist zudem ein Mitleid, das in einem Kräfte freisetzt, die Gott in uns hineingelegt hat und die darauf warten, geweckt zu werden – durch eben dieses Mitleid. Dass Jesus genau von diesem Mitleid beseelt war wird deutlich, wenn es dann weiter heißt: „Er hatte Mitleid und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.“ (Mt 14:14b)

Den Jüngern fehlte die Einsicht in dieses Mitleid Jesus. Deshalb wollten sie, dass Jesus die Leute wegschicke, damit die sich in den umliegenden Dörfern etwas zu essen kaufen.
Da sie noch nicht den Geist des Herrn hatten, der sie in die ganze Wahrheit einführt, (vgl. Joh 16:13) konnten sie noch nicht erkennen, dass die Leute nichts von Jesus trennen kann und dass sie selbst die aktuelle Notsituation mangelnder Nahrung durch den überwinden können, der sie liebt. (vgl. Röm 8:35-39) Sie konnten auch noch nicht erkennen, dass es ihre Aufgabe ist, die Menschen gerade in ihrer Not zum Herrn hin- und nicht von ihm wegzuführen.
Wie traurig ist es, zu erleben, wie gerade heute Diener der Kirche Menschen von Jesus wegschicken in die umliegenden Dörfer fernöstlicher Heilpraktiken, damit sie dort mit Geld bezahlen, was sie nicht nährt und mit dem Lohn ihrer Mühen, was sie nicht satt macht! (vgl. Jes 55:2) So wirst du von solchen Leuten zwar hören, dass sie zu allerhand körperlichen Verrenkungen fähig sind aber keine Spur davon, dass ihre Seele den Herrn auch nur eine klein wenig mehr liebe!
Doch Jesus setzt solchem Mumpitz bei seinen Jüngern ein Ende, indem er sie auffordert: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Diese Aufforderung ist kein Zynismus und will die Jünger nicht beschämen. Sie sollen vielmehr zu dem geführt werden, was sie haben: „Fünf Brote und zwei Fische!“ (Mt 14:17) Und nun das Wesentliche: Mit diesem Wenigen, ja mit diesem Nichts für so Viele sollen sie zum Herrn gehen: „Bringt sie her!“ (Mt 14:18) Durch seinen Blick zum Himmel und durch seinen Lobpreis macht er dann aus diesem Wenigen eine Überfülle für die Vielen, so dass 12 Körbe übrig bleiben.

Ich möchte dieses Geschehen auf das Beten im Karmel und auf unser Beten überhaupt deuten. Denn geschieht es nicht häufig genug, dass wir meinen, mit dem Wenigen, das wir haben, nichts ausrichten zu können angesichts der Not, die wie eine übermächtige Flutwelle immer wieder über uns hereinbricht? Mit dem Wenigen meine ich unsere Bedingtheiten beim Beten: Unseren mangelnden Glauben, unser Kreisen um uns selber, unsere Versuchungen und Wehwehchen, unsere Träume und Wünsche, unsere anderen „wichtigen“ Aufgaben, was schließlich zu einer ausgesprochenen Unlust am Beten führt. Oft erscheint uns das vielleicht viel weniger als fünf Brote und zwei Fische! Aber seid getrost: je weniger es uns erscheint umso eindringlicher die Einladung des Herrn: „Bringt es her!“ Und genau in diesem Hinbringen zum Herrn in den Stunden der Betrachtung, im Breviergebet, im Rosenkranzgebet und in der hl. Messe erfüllen wir unsere christliche Berufung zu einem andauernden Beten. Wir erlauben dem Herrn auf diese Weise, dass seine göttliche Kraft in unserer menschlichen Schwachheit zur Vollendung kommt. (2 Kor 12:9) Gepriesen sei er in Ewigkeit! Amen!