Donnerstag, Oktober 30, 2008

Die Verdienste aller deiner Heiligen


Lesung aus der Offenbarung des Johannes 7, 2-4.9-14

2 Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu:

3 Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.

4 Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen:

9 Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen.

10 Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.

11 Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron nieder, beteten Gott an

12 und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.

13 Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen?

14 Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.



Im Tagesgebet vorhin haben wir gesprochen: „Allmächtiger, ewiger Gott, du schenkst uns die Freude, am heutigen Fest die Verdienste aller deiner Heiligen zu feiern.“
Es ist eine Freude darüber,
dass die Heiligen das Ziel ihres Lebensweges bei Gott erreicht haben;
dass sie den Mühsalen und den Anfechtungen des Lebens hier auf Erden im Namen und in der Kraft des Herrn siegreich und glorreich entronnen sind;
dass sie durch ihren Sieg nicht auf uns vergessen haben – ja, dass sie siegten nicht nur zu ihrem sondern gerade auch zu unserem Heil; weil sie jene Liebe haben, von der Jesus sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ (Joh 15:13). Sie haben es dem Herrn nach gemacht, den guten Kampf gekämpft – und den Sieg mit uns geteilt durch ihre Fürsprache und ihren Schutz. Ihrer ist der Kampf; der Sieg ist auch unser!

Ein noch tieferer Grund zu dieser Freude ist, dass sie mit uns teilhaben an den gemeinsamen heiligen Dingen: am Glauben, an den Sakramenten, besonders an der Eucharistie, an den Charismen und an den anderen geistlichen Gaben. An der Wurzel dieser Gemeinschaft ist die Liebe, die nicht „ihren Vorteil sucht“ (1Kor 13:5) sondern drängt, „alles gemeinsam“ zu haben (Apg 4:32).

Zutiefst rührt diese Freude jedoch daher, dass wir mit den Heiligen eine Gnadengemeinschaft bilden mit dem gestorbenen und auferstandenen Christus. Wir sind zutiefst und zuerst durch Christus geheiligte Heilige – wir, die wir noch unterwegs sind auf Erden und die anderen, die bereits unverhüllt die Herrlichkeit Gottes genießen und für uns eintreten.
Diese Freude soll uns besonders bewegen, wenn wir gleich anschließend unseren Glauben bekennen „an die Gemeinschaft der Heiligen.“ Sie will uns aber auch bewegen, ermutigt durch das Beispiel und die Fürsprache der Heiligen, „freudig dem Ziel unserer Verheißung entgegen zu gehen“ (Präfation), das sie bereits erreicht haben, indem sie „Gott sehen wie er ist“ (1Joh 3:2)

Der Blick auf die Heiligen und ihre Verdienste ist kein Blick empor in die kalten Tiefen des Weltalls zu den zahllosen Sternen des Himmels, die, entrückt von unserer belasteten Wirklichkeit, uns nicht Mut und Trost schenken können.
Der Blick auf die Heiligen ist ein Blick in die Tiefe unseres Herzens, wo seit unserem Anbeginn eingeschrieben steht: „Das ist Gottes Wille: Eure Heiligung!“ (1Thess 4:3) Denn als er am Anfang „den Menschen schuf nach seinem Gleichnis“ (Gen 1:27) und „in seine Nase den Lebensatem blies“ (Gen 2:7) da hat er dem Menschen diesen Willen, heilig zu werden, ins Herz gelegt als jene Ursehnsucht, die durch Christus ihre Erfüllung finden sollte.

Hören wir, wie Therese vom Kinde Jesus diesen Willen Gottes in ihrem Leben erspürte und wie sie damit umgegangen ist:

„Sie wissen, meine Mutter, ich habe immer danach verlangt, eine Heilige zu werden; aber ach! wenn ich mich mit den Heiligen verglich, stellte ich stets fest, dass zwischen ihnen und mir derselbe Unterschied besteht wie zwischen einem Berg, dessen Gipfel sich in die Himmel verliert, und dem unscheinbaren Sandkorn, über das die Füße der Leute achtlos hinweg schreiten; statt zu verzagen, sagte ich mir: Der Liebe Gott flößt keine unerfüllbaren Wünsche ein, ich darf also trotz meiner Kleinheit nach der Heiligkeit streben; mich größer machen ist unmöglich; ich muss mich ertragen, wie ich bin, mit all meinen Unvollkommenheiten; aber ich will das Mittel suchen, in den Himmel zu kommen, auf einem kleinen Weg, einem recht geraden, recht kurzen, einem ganz neuen kleinen Weg. Wir leben in einem Jahrhundert der Erfindungen, man nimmt sich jetzt die Mühe nicht mehr, die Stufen einer Treppe emporzusteigen, bei den Reichen ersetzt ein Fahrstuhl die Treppe aufs vorteilhafteste. Auch ich möchte einen Aufzug finden, der mich zu Jesus emporhebt, denn ich bin zu klein, um die beschwerliche Treppe der Vollkommenheit hinaufzusteigen. Ich suchte daher in den heiligen Büchern nach einem Hinweis auf den Fahrstuhl, den ich begehrte, und ich stieß auf die aus dem Munde der Ewigen Weisheit kommenden Worte: Ist jemand GANZ KLEIN, so komme er zu mir. So kam ich denn, ahnend, dass ich gefunden hatte, was ich suchte, und weil ich wissen wollte, o mein Gott! was du dem ganz Kleinen tätest, der deinem Ruf folgen würde, setzte ich meine Erkundungen fort, und schauen Sie, was ich fand: - Wie eine Mutter ihr Kind liebkost, so will ich euch trösten; an meiner Brust will ich euch tragen und auf meinen Knien euch wiegen! Ach! niemals sind zartere, lieblichere Worte erfreuend an meine Seele gedrungen; der Fahrstuhl, der mich bis zum Himmel emporheben soll, deine Arme sind es, o Jesus! Dazu brauche ich nicht zu wachsen, im Gegenteil, ich muss klein bleiben, ja, mehr und mehr es werden.“ (Manuskript C, 237f)

Was Therese und alle Heiligen uns sagen wollen durch ihr Vorbild ist, dass wir gerade so wie sie unseren Weg, heilig zu werden, in unserer Zeit, mit unseren Mitteln und mit unseren Grenzen suchen. Auf dieser Suche ist uns der Geist des Herrn gewiss, denn jede Heiligung im Herrn ist sein Werk. Dafür wollen wir mit dem Apostel Paulus danken: „Wir müssen Gott zu jeder Zeit euretwegen danken, vom Herrn geliebte Schwestern und Brüder, weil Gott euch als Erstlingsgabe dazu auserwählt hat, aufgrund der Heiligung durch den Geist und aufgrund eures Glaubens an die Wahrheit gerettet zu werden.“ (2Thess 2:13) Denn „Gott hat sein ganzes Volk gerettet und allen das Erbe und die Königsherrschaft und das Priestertum und die Heiligung verliehen.“ (2Makk 2:17) zum Lob und zur Ehre des dreifaltigen Gottes. Amen!

Donnerstag, Oktober 23, 2008

Gott aus ganzem Herzen, den Nächsten wie dich selbst!


Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 22: 34 – 40

34 Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum
Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen.

35 Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe
stellen und fragte ihn:

36 Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?

37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit
ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.

38 Das ist das wichtigste und erste Gebot.

39 Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten
lieben wie dich selbst.

40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den
Propheten.




„Nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Mt 23:10)

An das heutige Evangelium werde ich erinnert, wenn bei einem Abschied der Wunsch geäußert wird: ... „und gesund bleiben; das ist das Wichtigste!“ Ich denke mir dann: das ist wohl sehr wichtig; aber das Wichtigste ist, Gott zu lieben mit ganzem Herzen und den Nächsten wie dich selbst. Je nach Befindlichkeit meines Gesprächspartners mache ich dann eine Bemerkung in diese Richtung; denn man muss ja so aufpassen bei diesen Dingen, denn entweder meinen dann die Leute, man vergönne ihnen die Gesundheit nicht oder man halte sie für unfromm, unchristlich oder gar für gottlos.

Wenn ihr euch getraut, dann sagt nur einmal zu einem an Stelle von „Hauptsache: Gesund bleiben!“ „Hauptsache: Gott und den Nächsten lieben!“ Die Leute schauen euch an wie Wesen von einem anderen Stern! Als ob beides absolut nichts miteinander zu tun hätte. Und dabei ist beides doch so sehr miteinander verwoben!

Was ich damit meine wollen wir uns nun näher anschauen. Und wir wollen uns dabei von Jesus unterweisen lassen, denn nur einer ist unser Lehrer: Christus! Gerade in dieser wichtigen Frage wollen wir uns seine Lehre in Wort und Tat anschauen um unser Leben dann nach seinem bilden zu können.

Jesus wird also nach dem wichtigsten Gebot im Gesetzt befragt. Und er nennt als das größte und wichtigste Gebot: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“ (Mt 22:37). Dann fügt er jedoch ein anderes hinzu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 22:39b) und stellt dieses dem ersten Gebot gleich. Mit dieser Zweigestalt des wichtigsten Gebotes bringt Jesus sein Leben auf den Punkt; Denn sein Leben besteht dermaßen aus Gottesdienst und Dienst an den Menschen, dass wir nicht sagen können: Was hat nun eigentlich den Vorrang?

Denn nach den Evangelien sehen wir Jesus vor allem bei den Menschen: Er hat mit ihnen Gemeinschaft; er isst und trinkt mit ihnen; er spricht mit ihnen; er streitet mit ihnen; er erzählt ihnen Geschichten; er heilt Kranke, weckt Tote auf und wirkt Wunder, um den Menschen das Leben zu erleichtern, er leidet unter ihnen und wird schließlich von ihnen getötet. Von der Krippe bis zum Kreuz ist Jesus unter Menschen. Und selbst nach seiner Auferstehung ändert sich nichts an diesem Verhalten Jesu: Er sammelt seine verstreuten Jünger um sich und bereitet sie auf den Empfang des hl. Geistes vor.

Unablässig ist er um die Menschen bemüht, sei es um seine Jünger, sei es um die Leute, die zu ihm kommen mit ihren Krankheiten und Leiden; sei es um seine Gegner, die mit ihm streiten und ihn beseitigen wollen. Keinen lässt er links liegen, keinen übergeht oder übersieht er; jeden nimmt er ernst. Jesus gibt ein überwältigendes Zeugnis von seiner Liebe zu den Menschen. Deshalb ist es kein Wunder, dass das Gebot der Nächstenliebe für ihn zum wichtigsten Gebot dazu gehört.

Wir sind versucht zu sagen, Jesus habe das Gebot, Gott zu lieben, völlig vernachlässigt. Denn die Stellen, in denen Jesus als Betender geschildert wird sind vergleichsweise dünn gesät. War Jesus etwa gar nur ein äußerst ideal gesinnter Altruist?

Wir finden eine Antwort auf diese Frage im Überblick über das alte Testament, die Bibel Jesu. Da erscheint Gott durchgehend als der, der sich mit seinem Volk auseinandersetzt, der sich um sein Volk kümmert, ihm hilft, es beschützt, es bestraft und wieder begnadigt. Angefangen bei der Erschaffung des Adam bis hin zu den Makkabäern – der Herr ist für sein Volk da! Er verausgabt sich in der Liebe zu seinem Volk!

Und genau diesen Gott stellt Jesus dar als seinen über alles geliebten Vater; als den wahren Gott Israels, als den Gott, der sein Äußerstes für sein Volk gibt: sich selber in der Menschengestalt des Jesus von Nazaret. Jesus ist der vollkommene Sohn, der tut, was er seinen Vater tun sieht: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn.“ (Joh 5:19).

Wir können also sagen: Jesus erfüllt seine Liebe zu Gott in der Liebe zu den Menschen. Er liebt Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Gedanken indem er sein ganzes Herz, seine ganze Seele und alle seine Gedanken im Dienst an den Menschen einsetzt. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Einsatz am Tiefpunkt seines Lebens: In seinem Leiden und Sterben am Kreuz. Dass er so das wichtigste Gebot im Gesetz erfüllt hat – die Bestätigung dafür gibt Gott durch die Auferweckung Jesu und durch dessen Aufnahme in die Herrlichkeit des Himmels auf den Thron zu seiner Rechten.

Die Nächstenliebe ist die einzig legitime Auslegung der Gottesliebe! „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott! , aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4:20)

Seit Jesus ist das einzige Kriterium der Gottesliebe die Nächstenliebe. Das dürfen wir bei unserer praktisch christlichen Lebensgestaltung nicht vergessen. Und so wie Jesus in seiner Nächstenliebe seinen Vater im Himmel nachgeahmt hat sollen wir ihn nachahmen in der Liebe zu unseren Nächsten. In keiner Hinsicht möchte Jesus mehr unser Lehrer und Meister sein als in der Nächstenliebe. In keiner Hinsicht müssen wir mehr seine Schüler sein als in der Nächstenliebe.

Damit wir das schaffen ist die Verbundenheit mit ihm unablässig. Denn nur „wer in IHM bleibt und in wem ER bleibt, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von IHM können wir nichts vollbringen.“ (Joh 15:5) Diese Verbundenheit zu stärken geschieht im Gottesdienst und im Gebet. Und da wird uns dann klar, dass das Ziel unseres liturgischen und betenden Dienstes die Verherrlichung Gottes ist, die jedoch ihre Vollendung in der Nächstenliebe findet.

Jesu Vorbild befreit Gebet und Gottesdienst aus dem Gefängnis einer ichbezogenen Seelenkosmetik und befreit sie zur Vorbereitung auf die Nächstenliebe. Damit es auch in unserem Leben das wichtigste Gebot sei, den Herrn zu lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Gedanken indem wir den Nächsten lieben, wie uns selbst.

Der Herr mache unser Lieben dem seinen immer ähnlicher! Amen!

Samstag, Oktober 18, 2008

Gebt Gott, was Gott gehört!


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 22: 15 – 21

In jener Zeit

15 kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen.

16 Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person.

17 Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?

18 Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle?

19 Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin.

20 Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das?

21 Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!



„Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person.“ Ein Lob der Wahrhaftigkeit, des Gehorsams und der Unparteilichkeit Jesu – möchte man meinen. Doch wir wissen bereits: Die Leute, die so reden, wollen Jesus eine Falle stellen, sie möchten ihn in seinen Worten fangen. Ihr Mund redet Gutes, ihr Herz hingegen plant Böses. Auf ihren Lippen ist nicht das, was in ihren Herzen ist. Sie reden zwiespältig. Es sind gespaltene, zerrissne Menschen, die Jesus da anreden. Während ihre Lippen loben plant ihr Herz Übles. Es kommen einem die Worte des Evangelisten in den Sinn: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ (Mt 15:8) Dieses Verhalten hören wir bereits im Psalm vorausgesagt: „Doch sie täuschten ihn mit falschen Worten und ihre Zunge belog ihn.“ (Ps 78:36)

Überhören wir nicht die Erinnerung an uns selber, die sich in diesem gespaltenen Verhalten äußert. Gewiss wird niemand von uns sich in der perfiden Haltung jener Leute im Evangelium dem Herrn nahen – doch ist auch uns der Unterschied zwischen dem Bekenntnis der Zunge und dem Empfinden des Herzens nicht fremd. Oder ist es noch nie passiert, dass wir beteten: „Dein Wille geschehe!“ – aber eigentlich unseren Willen meinten; oder: „Dein Name werde geheiligt!“ – aber unsere eigene Ehre anstrebten; oder: „Dein Reich komme!“ – aber eigentlich wünschten, dass unsere bequeme Welt nicht angerührt werde?
So wollen uns die Gesprächspartner Jesu im heutigen Evangelium gewiss nicht der absichtlichen Heuchelei dem Herrn gegenüber bezichtigen. Aber sie sind eine Einladung für uns, das Beten unserer Lippen mit dem Streben unseres Herzens in Einklang zu bringen.

Damit es uns nicht passiert, was der Prophet Jesaja angekündigt hat:„Weil dieses Volk sich mir nur mit Worten nähert und mich bloß mit den Lippen ehrt, sein Herz aber fern hält von mir, (weil seine Furcht vor mir nur auf einem angelernten menschlichen Gebot beruht,) darum will auch ich in Zukunft an diesem Volk seltsam handeln, so seltsam, wie es niemand erwartet. Dann wird die Weisheit seiner Weisen vergehen und die Klugheit seiner Klugen verschwinden.“ (Jes 29:13f.)

Und dieses seltsame Handeln des Herrn vollzieht sich im heutigen Evangelium vor unseren Augen: Denn keiner der Gegner Jesu hat mit seiner Reaktion gerechnet. Ihre Weisheit ist vergangen und ihre Klugheit ist verschwunden, denn „als sie hörten was Jesus sagte, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.“ (Mt 22:22) „Und der Rest ist Schweigen,“ können wir mit Hamlet anfügen.

Aber schauen wir uns die Reaktion des Herrn näher an. Da hören wir, dass „Jesus ihre Bosheit merkte.“ Jesus zeigt sich als der, „der wusste, was im Menschen ist.“ (Joh 2:25b) „Er kennt die Gedanken der Menschen!“ (Ps 94:11) Er weiß um das Herz der Menschen, aus dem die bösen Gedanken kommen (vgl. Mk 7:21) Die Widersacher Jesu dachten sich mit den Worten des Psalmisten: „Der Herr sieht es ja nicht, der Gott Jakobs merkt es nicht.“ Doch im Verhalten Jesu fragt der Psalmist dann: „Begreift doch, ihr Toren im Volk! Ihr Unvernünftigen, wann werdet ihr klug? Sollte der nicht hören, der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht sehen, der das Auge geformt hat?“ (Ps 94:7-9)
Dieser Herr kennt auch unser Herz bis auf den Grund; so wollen wir nicht lang Verstecken spielen sondern uns gleich mit den Psalmworten ihm anvertrauen: “Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken. Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; du bist vertraut mit all meinen Wegen. Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge - du, Herr, kennst es bereits.“ (Ps 139:1-4). Wir wollen als Menschen vor dem Herrn stehen, die wissen, dass „der Weg eines jeden offen vor den Augen des Herrn liegt, der auf alle seine Pfade achtet.“ (Spr 5:21) Denn „vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.“ (Hebr 4:13)

Wie der Herrn nun auf den Grund des Herzens seiner Gegner sieht, so geht er auch der Frage, die sie ihm stellen, auf den Grund. Er gibt keine schnelle und oberflächliche Antwort auf die Frage, „ob es recht sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht?“ (Mt 22:17) Er fragt nach einer Steuermünze und erkundigt sich nach Abbild und Aufschrift auf der Münze, die für Jesus Hinweis sind auf den Besitzer dieser Münze. Und diesem Besitzer sollen sie dann geben, was ihm gehört.

Dann geht Jesus aber einen Schritt weiter und fügt hinzu: „Und Gott gebt, was Gott gehört!“ (Mt 22:21d) Damit weitet Jesus den Horizont; er lenkt ihre Aufmerksamkeit vom Irdischen auf den Überirdischen; vom Geschöpf auf den Schöpfer. Er stellt ein rein weltliches Problem vor das Angesicht dessen, dem die Welt gehört. Das Licht Gottes fällt auf eine Situation, die sie bloß mit dem Licht ihres begrenzten und verdunkelten Verstandes angeschaut haben. Damit stürzt Jesus seine Bedränger in Bedrängnis; sie, die glaubten, alles im Griff zu haben, sehen sich nun vor die Frage gestellt: Was gehört Gott? Was ist Gott zu geben? Wo ist Gott abgebildet? Wo steht seine Aufschrift?
Die müssen sich auf einmal wie in einem anderen Film vorgekommen sein!
Jesus hat sie auf Gedanken gebracht, die sie bisher nicht hatten; er hat sie zum Umdenken bewegt; und ich möchte ihre Verwunderung auch positiv sehen als den Beginn einer Umkehr hin zu Gott.
Machen auch wir es wie Jesus: Beantworten wir alle Probleme und Fragen, die kleinen wie die großen, nicht im engen, rein weltlichen Horizont – stellen wir sie wie Jesus hin vor das Angesicht Gottes; eröffnen wir den Menschen neue Weiten; geben wir ihnen neue Gedanken – Gedanken an jenen Gott, der uns hinausführen will ins Weite und der unsere Finsternis aufhellt. (vgl. Ps 18:20) Helfen wir ihnen umzudenken und umzukehren.

Warum konnte Jesus so reden? Weil er selbst völlig in Gott verwurzelt war; er war selber voll des Lichtes Gottes. Er war Licht vom Licht. Er ist die Münze, die Gott abbildet und die Aufschrift trägt: Gott allein! Darum konnte er nicht anders als auch diese Steuerfrage im Lichte Gottes zu sehen. Und er gab uns Anteil an dieser lichtvollen Ansicht.

Wir haben einen königlichen Weg, uns in Gott zu verwurzeln und uns in sein Licht zu stellen: das Gebet. In ihm verwirklichen wir uns als Kinder des Lichtes. (vgl. 1Thess 5:5) In Gott verwurzelt brauchen wir uns keine Sorgen machen, wie und was wir reden sollen, wenn die Leute uns fragen; wir gewinnen das Vertrauen, dass uns in jener Stunde eingegeben wird, was wir sagen sollen. (vgl. Mt 10:19)
Das heutige Evangelium zeigt uns sehr anschaulich, wie Jesus das Gebet unserer hl. Mutter Teresa gelebt hat: Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles vergeht; nur Gott bleibt derselbe; wer sich an Gott hält, dem fehlt nichts. Gott allein genügt! Amen!

Freitag, Oktober 10, 2008

Stark sein durch Jesus!


Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper 4:12-14.19-20

Brüder!

12 Ich weiß, Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: In Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung.

13 Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt.

14 Trotzdem habt ihr recht daran getan, an meiner Bedrängnis teilzunehmen.

19 Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken.

20 Unserem Gott und Vater sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen.



„Alles vermag ich durch den, der mir Kraft gibt!“ (Phil 4:13)
Das ist kein Werbeslogan von einem Kraftriegel oder einem Energydrink oder von einem SuperBigMac. Wer aufgepasst hat, weiß: das sind die Worte des Apostel Paulus aus der zweiten Lesung vorhin. Und mit diesen Worten will er uns ganz einfach sagen, wer ihm die Kraft gibt für seinen Dienst, für seine Arbeit, für sein Apostolat. Dabei ist seine Tätigkeit noch dürftig beschrieben, wenn er sagt: „In jedes und alles bin ich eingeweiht: In Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung!“ (Phil 4:12)

An anderer Stelle holt er weiter aus: „Ich ertrug Mühsal, war im Gefängnis, wurde geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße. Um von allem andern zu schweigen, weise ich noch auf den täglichen Andrang zu mir und die Sorge für alle Gemeinden hin. Wer leidet unter seiner Schwachheit, ohne dass ich mit ihm leide? Wer kommt zu Fall, ohne dass ich von Sorge verzehrt werde?“ (2 Kor 11:23-29)
Nun verstehen wir schon, dass für solchen Einsatz der Bountyriegel oder das Isostar aus dem nächsten Supermarkt als Energiequelle zu wenig ist. Da konnte nur der die Kraft dazu geben, der ihn zu diesem Werk als erlesenes Werkzeug erwählt hat; (vgl. Apg 9:15) der, dem er vor den Toren von Damaskus begegnet ist: Jesus Christus! Im Namen Jesu hat Paulus das alles erlebt, das alles auf sich genommen, das alles überlebt.

Der Apostel lenkt durch sein Wort unsere Aufmerksamkeit auf die Energiequellen unseres Lebens; auf das, woraus wir Kraft schöpfen für die Bewältigung unseres Lebens.
Was wird uns da wohl alles in den Sinn kommen an Speisen, an Medikamenten, an Kursen, an Übungen, an Materialien aus Metallen, Steinen und Hölzern verschiedener Art?
Man möge mir verzeihen, aber ich muss an dieser Stelle an das goldene Kalb und an die Götzen denken, die sich das Volk Israel aus Metall und Steinen und Holz gemacht hat;
und weiter muss ich denken, wie sehr Gott sein Volk vor diesen Götzen, diesem Machwerk aus Menschenhand, gewarnt hat;
und schließlich muss ich daran denken, wie die Anhänglichkeit an diese Götzen das Volk in die Katastrophe der babylonischen Gefangenschaft geführt hat. Denn die Verehrung dieser Götzen bedeutete zugleich die Abkehr von Jahwe, dem einen und wahren Gott, der allein seinem Volk das Leben schenken und erhalten konnte – wie sich erwiesen hat in der Zeit seiner Väter: in der Zeit Abrahams, Jakobs und Isaaks;

Vor allem hat sich Gott als der wahre Kraftquell erwiesen in der Befreiung seines Volkes aus der Gefangenschaft Ägyptens, auf dem langen Weg durch die Wüste und indem er seinem Volk schließlich das verheißene Land schenkte mit großen und schönen Städte, die es nicht gebaut hatte, mit Gütern gefüllte Häuser, die es nicht gefüllt hatte, in den Felsen gehauene Zisternen, die es nicht gehauen hatte, Weinberge und Ölbäume, die es nicht gepflanzt hatte. (vgl. Deut 6:10f)
Aber kehren wir zurück zu unseren Kraftquellen – womöglich taucht da unter anderem auch einmal Jesus auf; und zu dem gehen wir dann jeden Sonntag Kraft tanken, denn man weiß ja nie: Hilft er nicht so schadet er nicht! Und wir sind ja heute so vif, dass wir alle sich bietenden Möglichkeiten ausnützen, um Kraft zu gewinnen und Energie zu schöpfen; der Markt bietet eine Überfülle davon an. Ein buntes Patchwork an wirklichen und vermeintlichen Energieträgern sammelt sich so an.
Wisst ihr, wie mir das vorkommt: Geradeso, als möchte man ein großes Mühlrad dadurch in Bewegung bringen, dass man einmal hier ein Wässerlein und einmal dort ein Wässerlein und an einer weiteren Stelle ein drittes Wässerlein auf das Rad fließen lässt und so weiter – und dann wundern wir uns, dass sich nichts rührt! Deppen sind wir!
Das Mühlrad wird sich nur dann bewegen, wenn wir einen Wasserstrahl gezielt auf die immer gleiche Stelle hin fließen lassen.

Nun hat aber Gott durch Jesus Christus seinen ganzen Gnadenstrom auf uns Menschen gerichtet, dass wir von ihm getroffen, von ihm durch und durch getränkt, von ihm zuinnerst bewegt neue Menschen würden – Menschen seiner Gnade, Menschen erfüllt von seinem Geist, Menschen, die Jesus nachfolgen – wie Paulus; und die so wie Paulus alles vermögen. Menschen, die erkannt haben, was Jesus bei Johannes sagt: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15:5)

Mein lieben Freunde: Das Festmahl, von dem Jesaja in der ersten Lesung spricht sehen wir vorausgebildet im verheißenen Land, in das Israel eingezogen ist, um es in Besitz zu nehmen;
Seine tiefste Erfüllung findet dieses Vorausbild und das Wort des Propheten jedoch im eucharistischen Mahl, bei dem uns jenes Brot gereicht wird, von dem der Herr selber sagt: „Mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben. ... Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Joh 6:32-35)

Wozu sollen wir noch die Äcker unserer Gottvergessenheit bestellen und was stehen wir noch in den Läden des Götzendienstes herum und geben uns ab mit billigem Ramsch dieser Welt? Wo doch der Herr auf uns wartet, der die Tränen von jedem Gesicht abwischt, der den Tod für immer beseitigt.
So begreifen wir doch endlich, dass wir seit unserer Taufe mit dem Hochzeitsgewand der Gotteskindschaft bekleidet sind und laufen wir doch endlich unserem Gott und Vater in die Arme, der uns einlädt zum Hochzeitsmahl seines Sohnes, der immer schon auf uns wartet und dem die Ehre sei in alle Ewigkeit! Amen!

Samstag, Oktober 04, 2008

Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen!


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 21: 33 – 44

In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes:

33 Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.

34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen.

35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie.

36 Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso.

37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.

38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben.

39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.

40 Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun?

41 Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.

42 Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder?

44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen.

43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.




Eine sehr unvernünftige Geschichte, die Jesus uns da erzählt. Die Unvernunft kommt daher, dass die beiden Protagonisten der Geschichte – der Gutsbesitzer und die Pächter – blind sind. Dabei könnten die Ursachen dieser Blindheit unterschiedlicher nicht sein.

Da ist einmal die Blindheit des Gutsbesitzers:
Ich meine, wenn die ersten Knechte, die ich schicke, geprügelt, umgebracht und gesteinigt werden, dann schicke ich auf keinen Fall weitere Knechte und schon gar nicht meinen Sohn zu diesen Winzern. Vielmehr ziehe ich sofort die Konsequenzen, nehme ihnen den Weinberg und bestrafe sie. So würde wohl jeder von uns handeln.

Nicht aber der Gutsbesitzer im Evangelium. Er schickt weitere Knechte und schließlich gar seinen Sohn – den mit der ausdrücklichen Hoffnung, dass sie wenigstens vor dem Achtung haben werden, weil er eben sein Sohn ist!

Was bewegt den Gutsherren zu seinem Verhalten: Die Hoffnung, dass die Winzer schließlich doch einsichtig werden und ihm den Anteil aushändigen, der ihm laut Pachtvertrag zusteht. Der Gutsbesitzer handelt aus einer unbegreiflichen Langmut heraus. Zu dieser Langmut bewegt ihn die Erwartung, dass die Pächter schließlich doch zur Einsicht kommen, den Anteil an den Früchten abliefern, so den Pachtvertrag erfüllen und der Bestrafung entgehen, die sich zusammenbraut. Der Gutsherr schaut weniger auf den Pachtzins, weniger auf seine Knechte, weniger auf seinen Sohn – er schaut vor allem auf die Pächter, die jedoch dieser Achtsamkeit überhaupt nicht verdienen, sie nicht einmal bemerken und sich darum auch nicht dankbar erweisen dafür. Wir können sagen, der Gutsbesitzer ist blind aus Liebe – aus Liebe zu den Pächtern.

Es ist leicht, aus dem Verhalten des Gutsbesitzers das Umgehen Gottes mit seinem Volk Israel herauszulesen – und genau das möchte Jesus seinen Zuhörern vermitteln: Gott ist in der Langmut mit seinem Volk menschlich unbegreiflich. Trotz aller Sünden des Volkes erwartet er beständig dessen Umkehr. Ja, seine Liebe zum Volk scheint mit dessen Vergehen zu wachsen – so sehr, dass er schließlich seinen Sohn sendet, als letzte Chance für sie. Aber auch die schlagen sie aus, indem sie auch den Sohn umbringen. Und warum bringen sie ihn um?

Weil auch die Pächter blind sind.
Warum nun sind sie blind? Die Reaktion auf die Sendung des Sohnes entlarvt ihr Verhalten: „Das ist der Erbe. Auf wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben!“ Die Habsucht macht sie blind! Andernfalls kann man nicht so kurzsichtig und blöd agieren. Ich meine, wenn ich von jemandem Anteil an seinem Erbe bekommen will, dann gehe ich besonders aufmerksam und liebevoll mit ihm um: Dann hätten sie erstens gleich den Anteil des Gutsbesitzers abgeliefert und noch was drauf gegeben als Geschenk und schließlich hätten sie den Sohn bis zum äußersten hofiert. Aber nichts von all dem!

Dabei hat der Gutsbesitzer nichts gefordert, was ihnen gehört. Ihr Anteil am Ertrag des Weinberges blieb unangetastet. Er forderte bloß seinen Anteil – das, was ihm rechtens zusteht.

Schauen wir nun auf uns selber und fragen wir uns: Wie schaut der Weinberg aus, denn Gott ganz liebevoll angelegt und dann uns gegeben hat?
Wie könnte der Anteil ausschauen, der Gott zusteht und den er zu Recht von uns einfordert?
Ist mir die Langmut und die Geduld bewusst, mit der Gott mich behandelt und mit der er trotz meiner Verweigerung nicht müde wird im Bestreben, die Früchte unseres gemeinsamen Weinberges mit mir zu genießen?
Ist mir klar, dass auch ich schließlich einmal verantworten werde müssen, was ich Gott verweigert habe?

Welche Art von Habgier besetzt mich und macht mich blind für die berechtigten Forderungen Gottes? Macht mich blind dafür, dass der Weinberg nicht mir sondern Gott gehört und dass ich nicht Besitzer sondern Mitarbeiter im Weinberg bin?

Stellen wir uns diesen Fragen und stellen wir uns mit ihnen vor jenen Gott, der wegnehmen kann, was unser Gewissen belastet und der uns jenen Frieden schenkt, den nur seine Barmherzigkeit uns geben kann. Amen!