Donnerstag, Juli 23, 2009

Er nahm, dankte und teilte aus


Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes 6: 1 – 15

1Danach ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.

2Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.

3Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.

4Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.

5Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?

6Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er selbst wusste, was er tun wollte.

7Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.

8Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:

9Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!

10Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.

11Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen.

12Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.

13Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Stücken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.

14Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.

15Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.





Die vielen Menschen folgten Jesus, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. Wie Jesus nun die große Menge um sich herum wahrnimmt, beginnt er nicht, Kranke zu heilen; er beginnt auch nicht zu predigen. Er macht sich Gedanken, wie man den Hunger der Leute stillt und wo man das dafür nötige Brot kaufen könne.


Wie ein aufmerksamer Gastgeber sorgt sich Jesus vor allem anderen um das leibliche Wohl seiner Gäste. Die Leute sollen sich bei ihm wohl fühlen. Ein knurrender Magen soll bei niemandem das Zusammensein mit dem Herrn stören. Der satte Körper soll die Sättigung der Seele nicht behindern. Er stillt das Begehren des Leibes, damit das Begehren der Seele umso mehr aufleben und durch den Herrn befriedigt werden könne.


Dabei stellt sich Jesus vorerst auf die Ebene der Leute, indem er fragt, wo man für diese große Menge Brot kaufen könne. Er scheint vorerst an keine andere Brotbeschaffung zu denken. Doch das täuscht – und der Evangelist stellt das von Anfang an klar! Jesus richtet diese Frage an seinen Jünger Philippus, um sein folgendes Tun umso deutlicher über jedes rein menschliche Tun zu erheben. Jesus bringt von sich aus die finanzielle Frage ins Spiel, damit umso deutlicher werde: sein Wirken hat mit Geld absolut nichts zu tun sondern einzig mit seiner Vollmacht. Und diese Vollmacht kommt von dem, an den er das Dankgebet für die fünf Brote und die zwei Fische richtet; sie kommt von Gott! Was nach dem Dankgebet geschieht, müssen wir von dem aus sehen, zu dem Jesus betet: von Gott aus! Damit wir das tun, spricht er ja das Dankgebet!


Und was dann geschieht in den Händen Jesu und aus diesen Händen heraus, ist eine quantitative Vermehrung der paar Brote und Fische, die unserem menschlich begrenzten Verstehen unzugänglich und daher unbegreiflich ist. Es ist fruchtlos, wissen zu wollen, was da genau passiert. Gott wirkt und wir können nur dankbar und staunend die Frucht dieses Wirkens annehmen.


Die Übermenge gibt zu denken: Jesus gibt den Leuten nicht nur so viel Brot zum Essen, dass sie satt sind; er gibt mehr als genug: er gibt soviel, dass zwölf Körbe an Brotresten übrig bleiben. Jesus gibt in einem Überfluss, den er schließlich in besonderer Weise seinen zwölf Aposteln anvertraut; es bleibt nämlich genau zwölf Körbe übrig. Nicht deswegen, damit wir uns den Kopf zermartern, wie es denn den Zwölf wohl gelungen sein mag, das Übermaß an Überresten unter den damaligen Umständen nun tatsächlich vor dem Verderben zu bewahren.


Es ist die Übermenge, mit der Jesus etwas mitteilen möchte. Im Voraus deutet sie auf etwas hin, das Jesus in der folgenden Rede ansprechen wird: dass Jesus sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken gibt! Nun aber nicht in der realen Gestalt seines Fleisches und seines Blutes, wie es die meisten seiner Zuhörer missverstehen, sondern in der realen Gestalt des Brotes und des Weines.


Jesus weist durch die Übermenge des Brotes darauf hin, dass durch die Wandlung in seinen Händen nicht nur die quantitative Menge des Brotes wächst sondern vielmehr noch die qualitative Art des Brotes, indem es in sein Fleisch, in seinen Leib gewandelt wird. Das äußere sinnlich wahrnehmbare Übermaß soll hinweisen auf den Qualitätssprung des Brotes, der sich den Sinnen entzieht und nur dem Glauben zugänglich ist, der bekennt, dass im gewandelten Brot der Herr selber anwest als wahrer Gott und Mensch.


Wir erinnern uns, wie Jesus einen Gelähmten heilt zum Hinweis auf das unvergleichlich größere Geschenk der Sündenvergebung.


In den zwölf Körben legt der Herr dieses Geheimnis unseres Glaubens zur Verwaltung in die Hände seiner zwölf Apostel.


Mit dem heutigen Evangelium klopft der Herr äußerst sinnenfällig an das Geheimnis der Eucharistie und dringt in Bildern und Andeutungen bereits in die Mitte dieses Geheimnisses vor – in die liebende Hingabe seines Leibes und Blutes für uns alle! Amen!

Samstag, Juli 18, 2009

Wo wir allein sind ...


Aus dem heiligen Evangelium nach Markus 6: 30 – 34

30 Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.

31 Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.

32 Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.

33 Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an.

34 Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.




Heute versammeln sich die 12 Apostel wieder bei Jesus. Letzten Sonntag hat er sie zu zweit ausgesandt. In der Zwischenzeit haben sie die Menschen zur Umkehr aufgerufen, viele Dämonen ausgetrieben, viele Kranke mit Öl gesalbt und sie geheilt. (vgl. Mk 6:12f)

Wir können uns lebhaft vorstellen, was es da alles zu erzählen gibt von dem, was sie getan und geredet haben. Jesus merkt, dass die Zwölf nun Zeit brauchen zur Erholung. Und das bedeutet auch Zeit, das Erlebte im Gespräch mit dem Herrn und miteinander zu verarbeiten. Und Jesus sieht dafür Raum und Zeit vor: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind und ruht ein wenig aus.“ (Mk 6:31a)

Einsam soll der Ort sein zum Ausruhen. Die Einsamkeit soll jener Raum sein, in dem die Zwölf mit Jesus allein sein können. Die Einsamkeit ist nicht Selbstzweck sondern Gewährleistung eines ungestörten Beisammenseins mit Jesus allein. Es ist Einsamkeit um Jesu willen. Die Aufmerksamkeit soll sich ganz auf ihn richten können.

Dort in der Einsamkeit sollen sie „ein wenig“ ausruhen. Die Zeit der Erholung erstreckt sich nicht über Tage und Wochen sondern dauert „nur“ ein wenig – eben so viel Zeit, wie es braucht, das Erlebte zu verarbeiten, Positives und Negatives anzuschauen und abzuwägen, und sich so wieder auf das Anstehende und Andrängende auszurichten: auf die Verkündigung des Reiches Gottes in der Nachfolge Jesu!

Von Jesus gehen die Apostel aus – zu ihm kehren sie zurück. Er sendet aus – er sammelt auch! Er gibt die Arbeit – und auch die Erholung. Sowohl die apostolische Arbeit der Jünger wie auch ihre Erholung kommen vom Herrn. Der Herr ist auf jeden Fall der Anfang und das Ende; er ist die Mitte. Ob sie arbeiten oder ruhen – sie gehören dem Herrn! (vgl. Röm 14:8)

Wäre es nicht auch ein wunderbares geistliches Schema für unseren Tagesablauf, wenn wir uns in der Frühe vom Herrn ausgesendet erleben und abends wieder zu ihm zurückkommen, um bei ihm und mit ihm auszuruhen und ihm zu erzählen, was wir getan und geredet haben? Welch christliche Prägung würde unser Leben dadurch bekommen! Wie sehr hätte der Herr so die Möglichkeit in unser Leben einzufließen und dort gegenwärtig zu sein!

Nun wird es nichts mit dem Ausruhen allein an einem einsamen Ort. Die Leute sehen ihn nämlich wegfahren, kommen noch vor ihm am angestrebten einsamen Ort an und erwarten ihn dort.

Und nun ist es bezeichnend, wie Jesus sich verhält: Er sagt zu den Leuten nicht: Tut mir Leid! Aber ich möchte jetzt mit meinen Jüngern eine Auszeit nehmen und allein sein! Ich kann und will mich jetzt mit euch nicht befassen! Ein anderes Mal wieder aber nicht jetzt!

Wir hören im Gegenteil von ihm: „Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben!“ (Mk 6:34) Wir sehen: Das Mitleid mit seinen Jüngern ist zurückgetreten; an seine Stelle tritt das Mitleid mit den vielen Menschen; sie sind ärmer als seine Jünger; sie brauchen jetzt sein Mitleid notwendiger als seine Jünger.

Jesus will folgendes sagen: ER und seine Jünger sind nicht zur Selbstsorge und zum Selbstmitleid berufen sondern zur Sorge um die Menschen, die zu ihnen kommen und zum Mitleid mit diesen Menschen! Das ist der Auftrag, den Gott gegeben hat – zum Beispiel in der 1. Lesung: „Ich werde für sie Hirten bestellen, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verloren gehen.“ (Jer 23:4) Wenn Jesus deshalb einmal sagt, seine Speise sei es, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat und sein Werk zu Ende zu führen, (vgl. Joh 4:34) dann können wir genau so gut sagen: Seine Erholung ist den Willen seines Vaters zu tun. Genau das sollen seine Jünger lernen: Euch muss es zuerst um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben (vgl. Mt 5:33) – auch eine gründliche Erholung! Amen!

Sonntag, Juli 12, 2009

Er sandte sie aus


Aus dem heiligen Evangelium nach Markus 6: 7 – 13

7 Er rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben,

8 und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,

9 kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.

10 Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst.

11 Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.

12 Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf.

13 Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.



Eine besondere Situation bringt das heutige Evangelium hervor: Jesus ohne die Zwölf und die Zwölf ohne Jesus. Die sichtbare Gemeinschaft wird durch die Sendung im heutigen Evangelium aufgehoben. Jesus setzt diesen Schritt zugunsten jener Menschen, zu denen die Sendung durch ihn sie führt.

Es ist da eine Dynamik spürbar – eine Heilsdynamik! Es geht um das Heil der Menschen. Dass Jesus gekommen ist, dass er die Zwölf in seine Nachfolge gerufen hat geschah nicht, damit sie es miteinander möglichst fein hätten. Nie und nimmer hatte Jesus den Wohlstand einer kleinen und feinen Gemeinschaft im Sinn. Von Anfang an ging es ihm immer um das Heil der Menschen – nicht einiger weniger sondern aller Menschen!

Deshalb kam er in diese Welt, deshalb bildete er die Gemeinschaft mit seinen Jüngern, deshalb lehrte er sie in Wort und Tat den Grund seines Daseins, deshalb schickt er sie nun zu zweit aus. Sie sollen tun, was er getan hat: Die Menschen zur Umkehr aufrufen, Dämonen austreiben, Kranke heilen! Und genau das tun die Zwölf auch! (vgl. Mk 6:12)

Das bedeutet: Jesus bleibt präsent im Reden und Tun seiner Jünger – geradeso als redete und wirkte er selber. Ihr Reden und Tun ist mit dem seinen identisch! Die Menschen können in den Worten und Taten der Jünger Jesus selber erkennen. Die Zwölf stellen durch ihr Leben Jesus in vollkommener Treue dar – ohne Abstriche und ohne Zufügungen!

Dabei handelt es sich keineswegs um eine sklavische Nachahmung. Sie sind nicht Maschinen, die ihre Programmierung abarbeiten! Das ergibt sich allein schon daraus, wenn wir den Beginn mit dem Schluss des heutigen Evangeliums vergleichen: Zu Beginn lesen wir in Mk 6:7 dass Jesus ihnen die Vollmacht gab, die unreinen Geister auszutreiben. Am Ende hören wir hingegen, dass sie die Menschen zur Umkehr aufriefen, Dämonen austrieben, Kranke mit Öl salbten und sie heilten. (vgl. Mk 6:12f) Die Zwölf haben also „mehr“ getan als Jesus aufgetragen hat. Dieses „Mehr“ ergibt sich daraus, dass sie die Vollmacht Jesu in der konkreten Situation, die sie vorgefunden haben, ausgeübt haben.

Indem sie dem Auftrag Jesu Folge leisteten, stellten sie sich in den Gnadenstrom, der von Gott ausgeht, durch Jesus hindurchfließt und sich durch die Apostel ergießt in jene Menschen hinein, zu denen sie von Jesus gesendet wurden. Dieser Gnadenstrom konnte durch sie fließen, weil sie auf Jesus hörten und seine Weisungen umsetzten.

Die Weisungen Jesu für ihre Missionsreise soll die Jünger als solche ausweisen, die sich nicht auf weltliche Hilfe stützen sondern sich ganz sammeln auf ihre Sendung durch Jesus und auf die Vollmacht, die Jesus ihnen geschenkt hat. In diesem Gehorsam auf Jesu Weisung sind sie wie ein offenes Tor, durch das Jesus seinen Segen den Menschen schenken kann, denen sie auf ihrem Weg begegnen und die diesen Segen brauchen.

Das heutige Evangelium will alle, die in der Sendung Jesu stehen, ermutigen, sich von neuem auf diese Sendung zu besinnen; auszusondern, was sie hindert, sich ganz auf die Sendung und die Vollmacht Jesu zu verlassen; durch ihr Hören auf Jesus Worte die Verbundenheit mit Jesus zu erneuern und zu vertiefen.

Indem die Kirche auf das heutige Evangelium hört, wird ihr Blick gereinigt auf Jesus hin: sie erkennt mit neuer Gewissheit, mit neuem Glück und neuem Frieden, dass der Herr sie in die Welt gesendet hat. Und ihr Blick wird gereinigt auf die Menschen hin, zu denen Jesus sie sendet: sie wird wieder ganz empfänglich für die Not der Menschen, für ihre Krankheiten, für ihren Tod – eben für alles, was Jesus mit unreinen Geistern meint, von denen er die Menschheit befreien will. Sie wird eine ganz Befreite und kann ganz befreien; sie wird eine ganz Geheilte und kann ganz heilen; sie wird eine vom Herrn neu Belebte und kann neu beleben! Sie kann tun, was ihrem Namen entspricht: Des Herrn Kirche zu sein! Amen!

Samstag, Juli 04, 2009

Woher hat er das alles?


Aus dem heiligen Evangelium nach Markus 6: 1b – 6

1b Jesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn.

2 Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!

3 Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.

4 Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.

5 Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.

6 Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.




Eine merkwürdige Situation: Auf seiner Tournee kommt Jesus in seine Heimatstadt Nazaret. In jene Stadt, in der er gut dreißig Jahre gelebt hat: Dort ist er aufgewachsen; dort hat er den Beruf seines Vaters erlernt und als Zimmermann gearbeitet. Alle kennen ihn und seine Familie. Man möchte meinen, seine Botschaft findet bei seinen Leuten besonders Gehöhr.
Jedoch ist das Gegenteil der Fall: Die Bekanntheit Jesu bei den Leuten verhindert die Annahme seiner Worte. Was ist da geschehen? Sie kennen Jesus in einer Weise, die keine tiefere Erkenntnis mehr zulässt. Es ist da eine Vertrautheit, die zu Geringachtung führt! Freilich ist dies eine Vertrautheit, die Äußerliches, Oberflächliches meint.

Jesus möchte zwar durch Predigt und Wirken seine Berufung mitteilen und gerade auch die Leuten seiner Heimat am Reichtum seines Lebens Anteil geben – aber vergeblich; sie sind und bleiben der Wahrheit verschlossen, die Jesus ihnen offenbaren möchte, weil diese Wahrheit das Bild und den Rahmen sprengt, das sie sich von Jesus gemacht haben.

Es ist ähnlich wie bei uns heute auch. Das Kommen Jesu zu uns beim sonntäglichen Gottesdienst ist vergleichbar seinem Kommen in die Heimat. Auch wir empfinden ja, dass wir diesen Jesus schon ewig kennen: wir hören von ihm bei jeder hl. Messe so ziemlich „immer das Gleiche.“ Von Kindheit an wurden wir mit diesem Jesus bekannt gemacht; wir sind so zu sagen mit ihm aufgewachsen. Und wie ist das nun mit seinen Worten, die er zu uns spricht im Evangelium? Beeindrucken die noch, greifen sie noch; sind sie für uns eine gestaltende, normierende Kraft? Sagen nicht auch wir: dieser Jesus? Den kennen wir ja schon so lange! Was will der uns neues sagen? Es möge sich jeder selber eine ehrliche Antwort auf diese Frage geben!

Was tun? Das hört sich ja an, als ob Vertrautheit etwas Ungutes ist. Wenn etwa Eheleute durch Jahre hindurch einander vertraut geworden ist, indem sie Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens gemeinsam durch gestanden haben – dann ist da eine Vertrautheit gewachsen, die zu tiefer Wertschätzung und herzlicher Verbundenheit führt.

Wir merken den Unterschied: Es gibt ein Vertraut sein, das sich auf Äußeres, Beiläufiges beschränkt, wo man meint, man kennt einen; in Wirklichkeit hat man von dem betreffenden Menschen keine Ahnung von dem, was ihn eigentlich bewegt. Diese Vertrautheit verdient diesen Namen eigentlich gar nicht; man redet hier besser von Bekanntheit. Das kommt häufig vor: Man lebt weiß Gott weil lange nebeneinander – aber näher kennen tut man sich nicht; vertraut ist man miteinander nicht.

Und dann gibt es eben jene Verbundenheit, die durch ein gemeinsames Leben gewachsen ist: durch ein Leben miteinander und nicht bloß nebeneinander. Durch ein Leben, das geprägt ist von einem lebendigen Erfahrungsaustausch. In so einem Leben ist die Rede von dem, was im Herzen vorgeht, von dem, was ich denke und fühle. Da wage ich dann auch, die Abgründe meines Herzens mitzuteilen und lasse um meine Schwächen und meine Abhängigkeiten wissen.

Um diese Vertrautheit geht es: Sie beginnt mit der Sehnsucht nach dem anderen! Diese Sehsucht macht neugierig und lässt dem Anderen Raum für Entfaltung. Er darf da sein mit seiner Fülle. Und wenn diese Fülle das Verstehen übersteigt tritt das Staunen vor dem Unbegreiflichen und Geheimnisvollen an seine Stelle.

Diese Sehnsucht hat Gott veranlasst, in Jesus Christus Mensch zu werden; er wollte uns ganz nahe sein; ganz vertraut mit uns. Er hat uns so den Weg gezeigt, dass wir unser Heil finden in der Vertrautheit mit ihm, in seiner Nähe in seiner Gegenwart. So entzünde der Herr in uns von neuem die Sehnsucht nach seiner Nähe, die Neugierde, ihn tiefer zu erkennen, die Bereitschaft, uns von seinem Wort beleben zu lassen. Amen!