Samstag, Februar 27, 2010

Mein auserwählter Sohn


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 9: 28b – 36


In jener Zeit


28bnahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus beiseite und stieg mit ihnen auf einen Berg, um zu beten.


29Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß.


30Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija;


31sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte.


32Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen.


33Als die beiden sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte.


34Während er noch redete, kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie. Sie gerieten in die Wolke hinein und bekamen Angst.


35Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.


36Als aber die Stimme erklang, war Jesus wieder allein. Die Jünger schwiegen jedoch über das, was sie gesehen hatten, und erzählten in jenen Tagen niemand davon.




I. Verwandlung biblisch


Wenn Jesus die drei Jünger heut mit sich nimmt auf einen Berg hinauf – dann hebt er sie damit aus der Schar der übrigen Jünger und aus den Niederungen des Alltags heraus: Sie sollen etwas Herausragendes erleben – ein Gipfelerlebnis, einen Höhepunkt. Das war ihnen wohl nicht so bewusst, sonst wären sie gewiss gespannt wach geblieben und nicht eingeschlafen.


So aber hat sie das Ermüden beim Aufstieg in ein wohltuendes Nickerchen geführt. Dazu beigetragen mag auch haben, dass Jesus gebetet hat und dabei offenbar still war.


Jesus macht ihnen wegen ihrer Müdigkeit keinen Vorwurf, wie er es dann am Ölberg tun wird in der Nacht vor seinem Leiden, wo er Gott in seiner Todesangst begegnen wird.


Diesmal ist sein Gebet so, dass er dabei Gottes wandelnde und erfüllende Kraft erfährt: Das Aussehen seines Gesichtes verändert sich und sein Gewand wird leuchtend weiß. Und auf einmal hat er in Moses und Elias zwei Gesprächspartner. Das Thema ihres Gespräches ist das Ende Jesu in Jerusalem. Dieses Ende wird Erfüllung genannt: Damit ist klar, dass nicht nur sein Sterben sondern auch sein Auferstehen Gesprächsthema ist.


In bildlicher Sprache wird uns so mitgeteilt: Moses und Elias wissen um Jesu Schicksal in Tod und Auferstehung bescheid; die beiden stehen stellvertretend für das Gesetz und die Propheten. Das heißt: in den alttestamentlichen Schriften des Gesetzes und der Propheten steht bereits von Jesu Geschick in Jerusalem geschrieben. Wollen wir Jesus näher kennen lernen, können wir dort nachlesen. Wie Goldkörner im Flusssand ist es dort enthalten und kann durch das Sieb aufmerksamer und geisterfüllter Lektüre herausgefiltert werden.


Jesus hat die Begegnung mit dem Gesetz und den Propheten nicht gescheut. Im Gespräch mit ihnen hat er seinen Weg deutlicher erkennen können. Sie haben ihm geholfen seinen Lebensweg zu verstehen und zu gestalten. So ist Jesus aus den Schriften des 1. Bundes herausgewachsen. Sie haben ihn geformt, geschützt und getragen; das konnten wir übrigens schon am letzten Sonntag hören, als er den Versuchungen des Teufels mit Worten aus der Hl. Schrift Paroli geboten hat. So erleben wir eine innige und wesentliche Verbundenheit Jesu mit den Schriften des Alten Bundes.


Doch führt uns das Evangelium einen Schritt weiter. Es zeigt uns wie Jesus nicht nur aus dem Alten Bund herausgewachsen ist sondern auch, dass er über den Alten Bund hinausgewachsen ist. Jesus steht somit nicht ebenbürtig auf einer Stufe mit Moses und Elias. Er ist mehr als Moses und mehr als Elias. Die Stimme aus der Wolke sagt es: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Und um diese Worte optisch zu unterstreichen, ist Jesus alleine, als die Stimme erklang. Moses und Elias sind verschwunden. Jesus ist geblieben. Wir können sagen, die beiden alttestamentlichen Größen sind in Jesus eingeflossen und in ihm aufgegangen, da Jesus ihre Botschaft erfüllt und so vollendet.


Johannes vom Kreuz hat im Aufstieg zum berg Karmel (2S22,5f) diese Worte aus der Wolke sehr gut verstanden und lässt Gott Vater selber ausdeutend weiterreden: „Hört auf ihn, denn ich habe nicht noch mehr Glauben zu offenbaren, noch mehr Dinge kundzutun. Denn wenn ich früher sprach, war es, weil ich Christus verhieß, und wenn sie mich befragten, erbaten und erhofften sie mit ihren Fragen Christus, in dem sie alles Gute finden sollten, wie es jetzt die ganze Lehre der Evangelisten und Apostel zu verstehen gibt. Richtet eure Augen allein auf ihn, denn in ihm habe ich euch alles gesagt und geoffenbart, und du wirst in ihm noch viel mehr finden, als du erbittest und ersehnst."


Wir dürfen diese Fastenzeit als eine Zeit erleben, in der Jesus uns beiseite nimmt, aus dem Alltag heraushebt und uns den Reichtum zeigt, den er hat; den Reichtum, der er selber ist. Er präsentiert sich uns als wertvollstes Geschenk, das Gott uns schenken kann. Nützen wir diese Zeit als hervorragende Gelegenheit, Christus zu begegnen, ihn anzuschauen, bei ihm zu sein, mit ihm zu leben, mit ihm zu sprechen, von ihm zu lesen, ihn zu ergründen. Treten wir ein in die Gemeinschaft, zu der er uns einlädt. Dann wird er auch vor unseren Augen verwandelt und in diesem Licht werden dann wir unweigerlich verwandelt und ihm ähnlich werden. Amen!




II. Verwandlung olympisch


Da glänzen sie um die Wette in Bronze, Silber und Gold – die Olympioniken in Vancouver – zuerst bei der Blumenzeremonie und dann noch mehr, wenn sie die Medaillen umgehängt bekommen. Dabei haben sie sich eben noch verausgabt bis zum Geht nicht mehr: auf der Loipe, der Piste oder in der Bahn. Olympische Verklärung! Das erinnert uns an die olympischen Leitworte des hl. Paulus aus dem 1. Korintherbrief 9:24 – 27: „Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde.“


Wie wir nun aber eben im Evangelium gehört haben glänzt auch Jesus! Hat auch er eine Medaille umgehängt bekommen? Schließlich hat er sich ja auf einen Berg hinaufbemüht. Doch hat er den nicht bestiegen, um einen Wettlauf zu gewinne – gar gegen die drei Jünger, die er mitgenommen hat! Er stieg auf den Berg, um zu beten! Das Ziel, dem er zustrebte, war sein Vater und die Begegnung mit ihm im Gebet. Ein Wettlauf etwas anderer Art. Dabei kann man bei Jesus eigentlich gar nicht von einem Wettlauf reden, denn da gibt es keinen Gegner; Jesus ist in diesem Lauf konkurrenzlos unterwegs, weil in seinem Herzen der Vater konkurrenzlos an 1. Stelle steht. In seinem Leben hatte der Vater von Anfang an die Goldmedaille; er nimmt im Herzen Jesu absolut unangefochten den 1. Platz ein. Das meint Jesus, wenn er im Johannesevangelium 8:28 spricht: „Und der Vater, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.“ Oder an anderer Stelle (Joh 10:30): „ Ich und der Vater sind eins.“ Oder noch einmal anders bei Joh 6:38: „Denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“


Letzten Sonntag haben wir ja gehört wie der Teufel in der Wüste versuchte, den Vater von dieser 1. Stelle im Leben Jesu zu verdrängen; er ist auf der ganzen Linie kläglich gescheitert!


Und wenn wir es so sehen wollen: Für den siegreichen Kampf, den Jesus am letzten Sonntag gegen den Versucher ausgefochten hat bekommt er heute auf dem Berg die Goldmedaille umgehängt. Eine Medaille freilich nicht aus vergänglichem Edelmetall sondern aus unvergänglicher Liebe, in der Gott diesen Jesus seit jeher schon als seinen geliebten Sohn auserwählt hat. Darum ist diese Medaille auch nicht etwas, das an seiner Brust baumelt und glänzt sondern etwas, das vom Innersten seines Herzens kommt und ihn bis in seine Haarspitzen hinein ganz durchstrahlt. Jesus selber strahlt und glänzt durch und durch.


Wir dürfen zusammen mit den drei Jüngern und den beiden Größen Moses und Elias Zeugen dieser Siegerehrung Jesu sein, damit uns erneut klar wird, worum es uns im Leben eigentlich gehen muss; wer es ist, der unseren Kampf und unser Mühen letztlich wirklich wert ist. Darum ist die Fastenzeit eine Zeit der Neuorientierung an Jesus; genau das möchte die Stimme aus der Wolke in uns bewirken, wenn sie uns eindringlich einlädt: „Auf ihn sollt ihr hören!“ Das heißt nichts anderes, als dass Jesus unser Vorläufer ist, dem es nachzulaufen gilt; er sagt von sich ja selber in diesem Sinne: „Ich bin der Weg!“ (Joh 14:6) ; es heißt, dass er der Vorkämpfer ist, dem wir unseren Kampfstil angleichen sollen und der so unsere Hände den Kampf lehren möchte.(vgl. Ps 144:1) nämlich den Kampf um die Nähe zu ihm.


Zuletzt bedeutet dies aber nichts anderes, dass auch wir auserwählt und berufen sind den Siegespreis zu gewinnen, Gott nahe zu sein. Auch uns soll die Medaille zieren, von Gott geliebt zu sein. Auch wir sind befähigt von der Liebe Gottes durchstrahlt und verklärt zu werden.


Scheuen wir nicht, Olympioniken des Reiches Gottes zu werden. Wir sind mit allem, was dazu nötig ist mehr als ausgerüstet: Wir sind dafür auserwählt in der Taufe; wir sind dafür ausgerüstet mit der Kraft des Hl. Geistes; wir sind dafür gestärkt durch die immerwährende Gegenwart des Herrn! Was wollen wir mehr? Amen!


Freitag, Februar 19, 2010

In der Versuchung


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 4: 1 – 13


In jener Zeit


1verließ Jesus, erfüllt vom Heiligen Geist, die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher,


2und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Die ganze Zeit über aß er nichts; als aber die vierzig Tage vorüber waren, hatte er Hunger.


3Da sagte der Teufel zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden.


4Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot.


5Da führte ihn der Teufel auf einen Berg hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde.


6Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen, und ich gebe sie, wem ich will.


7Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.


8Jesus antwortete ihm: In der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.


9Darauf führte ihn der Teufel nach Jerusalem, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab;


10denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich zu behüten;


11und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.


12Da antwortete ihm Jesus: Die Schrift sagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.


13Nach diesen Versuchungen ließ der Teufel für eine gewisse Zeit von ihm ab.




Wie ist das nur möglich: Jesus, erfüllt vom Heiligen Geist, wird von eben diesem Geist 40 Tage lang in der Wüste herumgeführt. In diesem Geist dann auch unlösbar die Erfahrung verbunden, geliebter Sohn Gottes zu sein. Das müssen doch Tage innigster Gemeinschaft mit Gott und in Gott gewesen sein – eine Hochzeit besonderer Art; oder, wenn wir das Taufgeschehen am Jordan als hochzeitliche Verbindung betrachten – dann können wir diese 40 Tage als die Flitterwochen bezeichnen: Tage ungetrübter Gemeinschaft; Tage innigster Freude aneinander; Tage eines immerwährenden Jubels über das Dasein des Anderen.


Und mitten hinein in diese Vorstellungen von einem siebten Himmel dann die Meldung: ... „dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt!“ Ein Blitz aus heiterem Himmel; eine schwarze Wolke an einem sonst tiefblauen Himmel. Wie ist das nur möglich? Wie geht das zusammen? Was hat der Teufel bloß in dieser göttlichen Gemeinschaft zu suchen? Was hat das Dunkel in dieser lichtvollen Überfülle nur verloren?


Ähnlich war es ja auch im Paradies: Adam und Eva in ungetrübter Gemeinschaft mit Gott. Und dann auf einmal die Schlange, der Baum, der Apfel, die Versuchung, das Erliegen und der Verlust der ungetrübten Gemeinschaft mit Gott und das Paradieses.


Die erste Trostbotschaft des heutigen Evangeliums: Es muss nicht unbedingt so verlaufen wie im Paradies. Es kann auch so gehen, wie im heutigen Evangelium: Bestehen in der Versuchung und bleiben in der Gemeinschaft mit Gott.


Die zweite Trostbotschaft: Die 40 Tage Jesu in der Wüste entsprechen den 40 Tagen der Buße, die wir auf Ostern hin zurücklegen werden. Dabei machen auch wir diesen Weg so wie Jesus als Getaufte – und das heißt: als von Gott geliebte Kinder und mit seinem Geist Beschenkte. Auch uns möchte der Heilige Geist in diesen 40 Tagen erfüllen und herumführen.


Die dritte Trostbotschaft: Wir dürfen diese Bußzeit als besondere Hochzeit erleben, als Zeit innigster Gemeinschaft mit Gott. Die Fastenzeit sind im heiligen Geist unsere Flitterwochen mit Gott. Das Wesentliche dieser Zeit, ihre Kraft, ihr Glanz und ihre Schönheit kommt eben von dieser Gemeinschaft mit Gott her. Weit davon entfern, eine düstere, graue, traurige Zeit zu sein soll sie eine Zeit sein, in der wir und Gott einander unablässig die Liebe bezeugen und erneuern.


Dazu soll letztlich ja auch das Büßen verhelfen: Es soll Freiraum schaffen für unser Bereitschaft, die Liebeszeichen Gottes uns gegenüber zu sehen, anzunehmen und dankbar zu feiern; zugleich sollen wir aber auch frei werden, Gott auf den unzähligen Weisen eines Alltagslebens unsere Liebe zu schenken. Buße ist immer ein Aufbruch zum Leben, zum Licht, zur Liebe. Das macht das Wesen der christlichen Buße aus.


Schließlich die vierte Trostbotschaft – die sich fürs erste gar nicht als solche anhört: Die Gemeinschaft mit Gott verschont uns nicht vor der Versuchung durch den Teufel aber sie bewahrt uns davor, dem Versucher auf den Leim zu gehen. Darum antwortet Jesus dem Teufel immer mit einem Wort aus der hl. Schrift. Mit diesem Schriftwort drückt er die Allianz mit seinem himmlischen Vater aus und daran scheitert der Teufel und muss ergebnislos abziehen. Er versuchte Jesus von seiner Bezogenheit auf Gott abzubringen mit dem, was es a hier auf Erden gibt, um die Genusssucht, die Habsucht und die Ehrsucht zu befriedigen.


Das Gegenteil ist geschehen: Indem Jesus den Vater als seinen Bündnispartner auf den Plan gerufen hat, sind die beiden noch enger zusammengewachsen und haben gemeinsam im Heiligen Geist den Teufel kinderleicht in die Flucht schlagen können.


In diese heilige Allianz mit Gott mögen diese Tagen uns tiefer hineinführen. Christus selber will uns dabei an der Hand nehmen und diese Tage der Buße zu unserer Hochzeit mit Gott machen zu einer Zeit der Gnade und zu einer Stunde unseres Heiles. Stark mit Gott, stark in Gott und stark gegen das Böse mögen diese Tage uns machen.


Und die anderen, die Nächsten? Jesus war allein in der Wüste; da war nur Gott und der Teufel. Er hat sich beiden gestellt – und das macht ihn zum Erlöser von uns allen. Amen!

Samstag, Februar 13, 2010

Selig, ihr Armen!


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 6: 17.20 – 26


In jener Zeit


17stieg Jesus mit seinen Jüngern den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen, und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon strömten herbei.


20Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.


21Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.


22Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen.


23Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.


24Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.


25Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.


26Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.




Selig, ihr Armen! Wie passt das zusammen?

Wenn sie selig sind – warum nennt Jesus sie dann arm?

Wenn sie jedoch arm sind – wie kann Jesus sie dann selig nennen?

Wer sind denn diese „sie“ überhaupt?


Seine eigenen Jünger sind es; denn sie schaut er an, wenn er spricht: Selig, ihr Armen!

Was ist das für eine Seligkeit, die Armen zu eigen ist?

Und was ist das für eine Armut, die selig macht?


In der Regel wird Armut als etwas verstanden, das alles andere als selig macht: sie macht vielmehr traurig; sie grenzt aus; sie benachteiligt; sie erniedrigt; sie macht krank; sie entwürdigt und macht erbärmlich. Diese Armut kann denn doch wohl nicht selig machen! Und Jesus hat sie auch nicht gemeint.


Aber welche Armut meint er dann? Nun der Verlauf seiner Rede schafft Klarheit und führt zur Mitte des heutigen Evangeliums dorthin nämlich, wo von der heftigsten und schmerzlichsten Form der Armut die Rede ist: vom Gehasstwerden durch die Menschen und vom Ausschluss aus ihrer Gemeinschaft – jedoch um des Menschensohnes willen! Hier wird deutlich, um welche Armut es Jesus geht: Um jene, die seine Jünger auf sich nehmen, indem sie ihm nachfolgen. Es geht um jene Armut, die daher kommt, weil sie Jesus zu ihrem Schatz, zu ihrem Reichtum erwählt haben.

Jene Armut meint Jesus, die seine Jünger um seinetwillen auf sich nehmen;

jenen Hunger meint Jesus, denn seine Jünger um seinetwillen erleiden;

jene Tränen meint Jesus, die seine Jünger um seinetwillen vergießen;

jenen Hass von Seiten der Menschen meint Jesus, den sich seine Jünger seinetwegen zuziehen.

Diese Armut macht selig – und nur diese! Denn sie ist identisch mit dem Reichtum der Nachfolge Jesu!


Das heutige Evangelium ist eine Einladung Jesu, meine ganz persönliche und ureigene Armut zu entdecken und anzuschauen; und mich dann mit Jesus darüber zu unterhalten: Woher kommt sie? Worin ist sie begründet? Was hat sie mit Jesus zu tun? Wie gehe ich gut mit ihr um? Und wie kann Jesus mir dabei helfen?


Es ist gewiss, dass ich mit Jesus einen verborgenen Reichtum in meiner Armut entdecken werde und mir der Hunger zur Sättigung, die Traurigkeit zum Trost und die Verlassenheit zu jauchzender Freude wird.


Und Jesus fährt in seiner Rede fort: Aber weh euch, die ihr reich seid... Wir sind nun geneigt zur Annahme, Jesu meine nun nicht mehr seine Jünger sondern andere, eben die Reichen. Aber bleiben wir bei den Jüngern! Nichts deutet darauf hin, dass Jesus nun den Gesprächspartner wechselt!


Jesus richtet seine Augen also nach wie vor auf seine Jünger und spricht sie an: Weh euch, die ihr reich seid, die ihr satt seid und jetzt lacht; weh euch wenn euch alle Menschen loben.


Die Jünger haben also nicht nur eine Armut, die sie reich macht sondern auch einen Reichtum, der sie arm macht. Die Jünger erscheinen zwiespältig, in sich uneins, zerrissen. Jesus zwingt sie in ihrem Leben dorthin zu blicken, wo sie lieber wegschauen möchten – nämlich auf das, was sie von ihm trennt. Sie sollen mit ihm den Blick dorthin wagen und von ihm lernen, auch mit ihrem hinderlichen und bedrohlichen Reichtum so umzugehen, dass ihr Leben nicht daran scheitert.


Ist es nicht eigenartig, dass die Seligpreisungen uns gerade heute am Rosensonntag verkündet werden – an einem Tag, der zu ausgelassener Fastnachtsfreude einlädt? Und ist nicht auch in der 2. Lesung der risus paschalis zu hören, das Ostergelächter, mit dem Jesus in seiner Auferstehung den Tod besiegt und auslacht?


Wir haben auch in diesen Tagen des Faschings allen Grund zur Freude – zur Freude im Herrn. Diese Freude zeitigt nicht jenes Weinen und Klagen, die Zeichen selbst gewählter Gottferne sind sondern jenen Frieden, der kommt, wenn wir in liebender Aufmerksamkeit mit dem Herrn und miteinander verbunden sind.


Diese Freude entspricht jener Freude, die es Gott bereitet, bei uns Menschen zu wohnen. Amen!

Samstag, Februar 06, 2010

Fahr hinaus auf den See!


Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 5: 1 – 11


In jener Zeit,

1als Jesus am Ufer des Sees Genesaret stand, drängte sich das Volk um ihn und wollte das Wort Gottes hören.


2Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.


3Jesus stieg in das Boot, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte

das Volk vom Boot aus.


4Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!


5Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.


6Das taten sie, und sie fingen eine so große Menge Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten.


7Deshalb winkten sie ihren Gefährten im anderen Boot, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen, und gemeinsam füllten sie beide Boote bis zum Rand, so dass sie fast untergingen.


8Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder.


9Denn er und alle seine Begleiter waren erstaunt und erschrocken, weil sie so viele Fische gefangen hatten;


10ebenso ging es Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.


11Und sie zogen die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm nach.




Es fügte sich gut, dass Petrus die ganze Nacht nichts gefangen hatte; so wird das Reinigen der Netze nicht allzu viel Zeit in Anspruch genommen haben. Womöglich hat Jesus diesen Umstand bemerkt, als er sich nach einem Boot umsah, von dem aus er dem Volk am Ufer das Wort Gottes verkünden konnte. Es wäre in der Tat eine Zumutung von ihm gewesen, einen Fischer, der eben den nächtlichen Fang verarbeitet, zu bitten, er möge die Arbeit ruhen lassen und ihn in seinem Boot vom Ufer wegfahren, um den Leuten besser predigen zu können.


Petrus hingegen wird nicht gerade in bester Laune gewesen sein nach dieser erfolglosen Nacht; womöglich war ihm die Bitte Jesu eine willkommene Gelegenheit, auf andere Gedanken zu kommen und sich wenigstens in dieser Hinsicht nützlich zu erweisen.


Ich meine, Jesus fügt sich einmal mehr umsichtig und einfühlsam in eine gegebene Situation ein und macht für alle Beteiligten das Beste daraus.


Mit seinem Verhalten bereitet Jesus dann das Folgende vor: Wie nämlich Jesus dann nach der Predigt den Petrus bittet, doch auf den See hinauszufahren und die Netze zum Fang auszuwerfen, antwortet dieser nicht mürrisch: Wenn wir schon nachts nichts gefangen haben, dann haben wir untertags erst recht keine Chance – das weiß doch jeder hier!

Freilich wusste das Jesus auch! Dennoch bittet er Petrus um diese unvernünftige und scheinbar sinnlose Aktion.


Petrus ist durch das Verhalten und die Worte Jesu vorbereitet. Darum seine Antwort: Weil du es sagst, werde ich die Netze auswerfen. Das Verhalten und die Worte Jesu haben ihn fügsam gemacht; vielleicht auch hellhörig, indem er etwas erahnte, das er nicht ausdrücken konnte.

Darum handelt er auf das Wort Jesu hin und nicht nach seiner eigenen Vernunft. Jesus veranlasst ihn, etwas Unvernünftiges zu tun.


Was sich wohl die Leute gedacht haben? Haben sie insgeheim den Petrus ausgelacht? Es war sehr wahrscheinlich, dass Petrus zum Gespött der Leute würde!


Und dann dieser unglaublich Fischfang; der Fang seines Lebens! Ein Fang, der ihn buchstäblich umhaut: Er fällt Jesus zu Füßen und sagt: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder!“


Petrus erkennt schlagartig durch dieses Ereignis das Göttliche, das in Jesus da ist: Vor diesem Göttlichen wirft Petrus sich als Jude in einem Akt der Anbetung zu Boden, erkennt seine eigene Sündhaftigkeit und bittet Jesus, er möge sich von ihm entfernen. Wir bemerken, wie Petrus die Nähe Gottes erdrückend, vernichtend und distanzierend empfindet. Er fühlt sich nicht wohl in dieser Nähe Gottes.


Jesus jedoch sieht über diese Empfindungen des Petrus einfach hinweg. Er nimmt sie wohl wahr – aber er geht nicht darauf ein.

Jesus ist dem Petrus nicht nahe gekommen um sich wieder zu entfernen; er ist ihm nahe gekommen, um ihm nahe zu bleiben und ihn in seiner Nähe zu behalten. Dies tut er, indem er ihm eine neue Aufgabe anvertraut: Von jetzt an wirst du Menschen fangen! Diese Sendung ist kein Trostpflaster für den Misserfolg beim nächtlichen Fischfang sondern Antwort auf die Bereitschaft des Petrus, auf Jesu Wort hin zu wirken – selbst gegen die eigen Vernunft.


Und Petrus nimmt die Einladung Jesu an und macht den ersten Schritt in der Ausübung seines neuen Jobs, Menschen zu fangen: Er und seine Gefährten ziehen die Bote an Land, lassen alles zurück und folgen Jesus nach!


Wollen sie Menschen fangen müssen sie zuerst Jesus fangen; das können sie nur, indem sie zu ihm kommen und bei ihm bleiben, bis er ganz ihnen gehört; das haben sie vom Fischen gelernt: Da hieß es auch hinaus auf den See, dorthin, wo die Fische sind und dann das Netz des Verlangens auswerfen. Geradeso auch bei Jesus: dort sein und bleiben, wo er ist; in der Sehnsucht nach Jesus mit Jesus leben.

Das beeindruckt den Herrn;

davon lässt er sich einnehmen und er wird mehr und mehr unser im Denken, Reden und Tun.

Und schließlich ist er ganz unser wenn wir wie er sind, ihm ganz ähnlich – gleichsam ein anderer Jesus.


So werden Petrus und seien Gefährten bereitet, Menschen zu fangen – wie Jesus den Petrus und seine Freunde heute im Evangelium gefangen hat: Er ging zu ihnen, stellte sich auf ihre Situation ein und begann ihr Leben auszufüllen mit dem, was er an menschlich göttlichen Gaben zu geben hatte in Wort und Tat.


Gerade das machten die Jünger nach Pfingsten auch – und die Kirche konnte werden und blühen.


Sind wir bereit, wenn Jesus heute unser Boot besteigt und zu uns sagt: Fahrt hinaus auf den See?