Freitag, Juli 30, 2010

Reich sein vor Gott



+ Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 12: 13 – 21

13 Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen.
14 Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht?
15 Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.
16 Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte.
17 Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll.
18 Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen.
19 Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens!
20 Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?
21 So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.





Da kommt heute im Evangelium glatt einer daher und verlangt von Jesus, den Erbstreit mit seinem Bruder zu schlichten. Jesus lehnt ab mit dem Verweis auf seine Inkompetenz.

Dennoch antwortet er dem Mann in Form eines Gleichnisses, in dem er die Wurzel dieses Erbstreites beim Namen nennt – nämlich die Habgier. Sie sieht den Sinn des Lebens darin aufgrund eines großen Vermögens im Überfluss zu leben.

Mit dieser Geschichte gibt Jesus dem Mann ein Werkzeug zur Hand, mit dem er seinen Beitrag leisten kann zur Beendigung des Streites mit seinem Bruder. Denn es liegt der Verdacht nahe, dass nicht nur der Bruder habgierig ist, der das Erbe nicht teilen will sondern auch der Mann, der unbedingt seinen Anteil am Erbe haben will.

Einen ähnlich Fall weiß ich aus der Familie eines guten Freundes. Dem sein Vater – Gott hab ihn selig! – war der Erstgeborene einer kinderreichen Familie. Mit Auszeichnung schloss er die Landwirtschaftsschule ab und brachte die besten Voraussetzungen mit, den großen Bauernhof seines Vaters als Erbe anzutreten.

Unglücklicherweise hat er sich mit seinem Vater wegen einiger Erneuerungen in der Landwirtschaft dermaßen überworfen, dass  dieser ihn enterbte und den Hof seinem nächstältesten Sohn  übergab.

Wiewohl der Vater meines Freundes gute Aussichten gehabt hätte, den Erbstreit zu gewinnen, hat er darauf verzichtet um des Friedens in der Familie willen.

Ich weiß freilich nicht ob er etwa durch das heutige Evangelium zu diesem gewiss nicht leichten Schritt bewegt wurde; wundern tät es mich nicht, weil ich ihn als sehr frommen Menschen kannte.

So war es ihm möglich, nach dem Ableben seines Vaters den elterlichen Hof immer wieder zu besuchen und eine gute Beziehung zu seinem Bruder und in der Folge zu dessen Kindern zu leben. Ein beispielhaftes Verhalten!

Im Blick auf das heutige Evangelium entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, dass der Mann sich mit seinem Anliegen ausgerechnet an Jesus wendet. Dass er es tut, weist an sich schon darauf hin, wie so gar nichts er von Jesus und seinem Auftrag begreift.

Denn dieser Auftrag Jesu besteht in der Tat darin, ein Erbe zu teilen – nämlich das Erbe des Reiches Gottes! Paulus hat das deutlich erkannt, wenn er im Römerbrief schreibt: „So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; wir sind Erben Gottes und sind Miterben Christi.“ (Röm 8:16-17)

Der Mann aus dem Volk streitet also um das Erbe mit seinem Bruder, der ihm davon nichts geben will; dabei soll ihm Jesus helfen, der nichts lieber täte, als das Erbe des ewigen Lebens, nämlich die Gotteskindschaft, mit ihm zu teilen. Aber das kann er nicht sehen, weil er blind dafür ist! Und was macht ihn blind? Die Habgier ist es nach dem Erbe seines Vater.

Es trifft hier genau das zu, was Paulus in 1 Kor schreibt: Habsüchtige werden das Reich Gottes nicht erben (vgl. 1 Kor 6:10). Und das können sie auch gar nicht, denn in ihrer Habsucht richten sie mit den Worten der heutigen Lesung ihren Sinn auf das Irdische und nicht auf das Himmlische (vgl. Kol 3:2)

Die Lösung dieses Dilemmas ist einfach und radikal: Tötet die Habsucht, die ein Götzendienst ist! (vgl. Kol 3:5) Leicht gesagt! Aber wie ist das zu schaffen? Wenn man einem Kind ein gefährliches Spielzeug wegnimmt lassen die Eltern es nicht mit leeren Händen zurück sondern geben ihm Spielzeug, das nützt.

Paulus macht es geradeso und gibt den Kolossern nicht weniger als den Himmel zum „Spielzeug“: „Richtet euren Sinn auf das Himmlische!“ Dann könnt ihr das Irdische leichter loslassen!

Zu diesem Blick auf das Himmlische ermutigt zudem die erste Lesung, wenn wir dort lesen, dass alles Windhauch ist, was wir uns an irdischem Besitz erwerben. Bedenken wir also, dass unsere Heimat der Himmel ist und gehen wir mit den irdischen Gütern so um, dass wir die himmlischen nicht verlieren! Amen!

Samstag, Juli 24, 2010

Wenn ihr betet ...



Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 11: 1 – 13

1Jesus betete einmal an einem Ort; und als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie schon Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.
2Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.
3Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen.
4Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung.
5Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote;
6denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen, und ich habe ihm nichts anzubieten!,
7wird dann etwa der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen, und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben?
8Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm seine Bitte erfüllt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.
9Darum sage ich euch: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet.
10Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.
11Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet,
12oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet?
13Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.





Das Beten Jesu hat seine Jünger beeindruckt. Auch sie wollen beten wie er und bitten ihn, er möge sie das Beten lehren. Sein Beispiel hat sie angesteckt und für sein Beten begeistert. Folgen wir der Gebetslehre, die Jesus seinen Jüngern nun erteilt.

In seiner Gebetslehre fordert er sie zuerst zu einem Gespräch auf: „Wenn ihr betet, sprecht!“ Gebet zuerst einmal ein Gespräch! Dies setzt Bereitschaft voraus, sich mitzuteilen und dass etwas da ist, über das ich reden kann und reden will. Was ist da in mir, das sich in Worte kleiden und im Gespräch mitteilen möchte? Drängt da etwas aus meinem Inneren heraus zu einem anderen hin?

Die Antwort auf diese Frage wird mitbestimmt durch meinen Gesprächspartner. Meine Einstellung zu ihm wird meine Gesprächsbereitschaft wesentlich bestimmten. Darum nennt Jesus sogleich, an wen sich unsere Rede richtet; wer unser Gesprächspartner ist. Er nennt nur ein Wort: Vater! Eine Person. Ein Vater. Dies bestimmt mich indirekt als Kind.
Gebet das Gespräch eines Kindes zum Vater. Diese Vater-Kind-Beziehung gibt dem Gespräch, dem Beten eine eigene Prägung.

Diese Prägung bekommt nochmals eine eigene Note dadurch, dass dieser Vater nicht irgend ein Vater ist sondern der Vater Jesu und damit Gott selber. Dieser Umstand macht mein Sprechen zum Beten. Für mich gilt es, mir diesen Umstand immer wieder bewusst zu machen. Es ist für mich die Quelle meiner Gebetshaltung, zu wissen, dass ich mit dem Vater Jesu spreche, und dass dieser Vater der allmächtige und verborgene und unaussprechliche Gott Israels ist. Diesen Gott darf ich Vater nennen. Dies holt den unnahbaren, erhabenen Gott in vertraute Nähe. Durch Jesu Lehre und also in seinem Namen wird diese Nähe für uns lebbar.

Beten also Gespräch – und das mit Gott. Um Gottes willen, würden wir, auf uns allein gestellt, ausrufen: Worüber sollen wir Kleine denn mit dem großen Gott sprechen? Paulus sagt es ganz ungeschminkt: „Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen.“ (Röm 8:26)

Jesus weiß um unsere Hilflosigkeit und gibt die Eckdaten für unser Gespräch mit dem Vater an: „Geheiligt werde dein Name! Dein Reich komme!“ Zuerst der Name und das Reich des Vaters! Damit zeigt Jesus, was vor allem anderen zählt. Zugleich steckt er damit den Rahmen ab für das Kommende. Die weiteren Bitten sollen die Heiligung des Gottesnamens und das Kommen seines Reiches ausdrücken.

Bei seinen Jüngern muss es sein wie bei ihm selber: Zuerst muss es um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit gehen, dann wird alles andere dazugegeben. (vgl. Lk 12:31)
Das Vaterunsergebet ist geraffte Verkündigung des Reiches Gottes.

Und diese weiteren Bitten betreffen unser Wohlbefinden: Das leibliche Wohl; Versöhnung und Frieden mit Gott und miteinander; die Bewahrung vor dem Bösen.

Dabei ist unser Wohlbefinden nicht nur allein unser Anliegen! Es ist zuerst Anliegen Gottes! Denn dazu lässt er sein Reich kommen, dass es uns umfassend gut geht! Zu unserem Heil will er in unsere Mitte kommen und unter uns wohnen – wie er es denn auch in Jesus Christus getan hat.

Es ist beim Beten unerlässlich, „unsere“ Anliegen auch als „seine“ Anliegen vorzubringen, sie auf diese Weise mit dem Kommen seines Reiches zu verbinden und Gott gleichsam „in Erinnerung“ zu rufen, dass unser Leben sein Herzensanliegen ist.

Tun wir dies nicht, werden wir von unseren Anliegen besetzt und verlieren zugleich Gott und sein Reich aus unserem Herzen.

Wir kommen an das Ende von Jesu Gebetslehre: Wir hörten von den Gesprächspartnern und vom Inhalt des Gespräches. Bleibt noch die innere Haltung, die Jesus beim Beten empfiehlt: Aufdringlichkeit; lästig sein, bis ich erhalte, worum ich bitte. Jesus legt uns diese Haltung sehr ausführlich ans Herz, weil er weiß, dass es da bei uns besonders hapert.

Mit seiner Gebetslehre gibt Jesus uns sein Gebetsleben als Vorbild zur Nachahmung; mit dem Vorbild gibt er auch die Kraft, es nachzuahmen. Danke, Jesus! Amen!

Samstag, Juli 17, 2010

Das Eine Notwendige




Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 10: 38 – 42

38Sie zogen zusammen weiter, und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf.
39Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.
40Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!
41Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.
42Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.


Den Herrn freundlich aufnehmen! Wie das geht, zeigen uns die beiden Schwestern Martha und Maria im heutigen Evangelium.
Die eine, Martha – offensichtlich die Ältere – nahm ihn freundlich auf, indem sie ganz davon in Anspruch genommen ist, für ihn zu sorgen.
Maria nimmt den Herrn freundlich auf, indem sie sich zu seinen Füßen hinsetzt und ihm zuhört.

Wie Martha sich nun bei Jesus beklagt, dass Maria ihr sie ganze Arbeit überlässt und ihn bittet, er möge ihr sagen, sie soll ihr helfen – wie antwortet Jesus darauf?

Er macht sie aufmerksam auf ihre viele Sorgen und Mühen.
Dann weist er sie hin auf das eine notwendige und beschließt seine Antwort mit der Bemerkung, dass Maria das Bessere gewählt hat, das ihr nicht genommen werden soll.

Gleich vorweg: Im Urtext steht: Maria hat das gute Teil erwählt! Dieses gute Teil meint denn auch das eine notwendige, von dem Jesus spricht. Worin besteht dieses gute Teil? Es besteht in der uneingeschränkten Aufmerksamkeit auf Jesus: Sie hörte seinen Worten zu und dabei hat sie die Welt um sich vergessen samt ihrer Schwester und der Arbeit. Das ist nicht selbstverständlich!
Sie hätte sich auch bei dem, was Jesus sagt langweilen und insgeheim die Arbeiten ihrer Schwester interessanter finden können. Wie oft treffen wir Leute, bei denen uns das Zuhören langweilt – sei es, dass sie uns das gleiche schon früher einmal erzählt haben oder sei es, dass sie nicht interessant erzählen können.

Maria war ganz Ohr für ihn. Das gute Teil, das sie erwählt hat, ist Jesus selber, seine Gegenwart, sein Dasein, sein Wort. Sie hat sich so dafür öffnen können, dass ihre Aufmerksamkeit nur von IHM erfüllt war und sonst von nichts und von niemand. Und das ist für Jesus auch das eine notwendige!

Dieses eine Notwendige, dieses gute Teil hat ja auch Martha erwählt, wenn es von ihr heißt, dass sie ganz davon in Anspruch genommen war, für ihn zu sorgen: Kartoffelschälen für Jesus, Zwiebeltränen für Jesus, die Suppe kochen für Jesus, das Hauptgericht zubereiten für Jesus, die Nachspeise für Jesus! Sie hatte wahrlich nur das Eine Notwendige – unsern Herrn Jesus – vor Augen – wohl so sehr, dass sie sich dessen selber nicht bewusst war.

Und dann der Bruch: ihre Schwester Maria, wie sie da bei Jesus sitzt – tatenlos, still; „bloß“ zuhören, womöglich plaudern mit ihm. Jesus gerät ihr aus dem Sinn und der Ärger über ihre Schwester breitet sich in ihr aus.
Augenblicklich wird ihr zur Sorge und Mühe, was ihr bisher spielend von der Hand ging, weil sie dabei nur an Jesus dachte.
Sie beginnt, sich mit ihrer Schwester zu vergleichen und auf einmal ist die Enge da, die es ihr nicht erlaubt zu sehen, dass man Jesus auch auf andere Weise als die ihrige zum guten Teil erwählen kann.
Die Worte Jesu an Martha sind eine gewiss schmerzliche Zurückführung in den Zustand der reinen Hingabe an Jesus, den sie eben zuvor noch gelebt hat.

Was sich für unser christlich geistliches Leben aus all dem ergibt, liegt auf der Hand:
Wollen wir mit der Tradition Martha und Maria mit dem aktiven bzw. dem kontemplativen Leben in der Nachfolge Christi gleichsetzen dann ist das Eine Notwendige und das gute Teil das, dass sowohl Aktion wie auch Gebet in möglichster Ausrichtung auf Jesus geschieht.
Es wird auch klar – und dies lehrt uns auch die eigene Erfahrung – dass diese Ausrichtung auf Jesus nicht selbstverständlich ist und sowohl im Gebet als auch im Arbeiten ein gefährdetes Gut ist, das wir unversehens verlieren können.

So bleibt die innige Bitte an den Herrn, dass der uns immer wieder in seine Nähe rufe und uns zu ihm kommen lasse, so dass unser Leben ein beständiges Verweilen in seiner Gegenwart werde. Amen!

Freitag, Juli 09, 2010

Zum Nächsten werden



Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 10: 25 – 37



25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?


26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?


27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.


28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.


29 Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?


30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen.


31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.


32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.


33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,


34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.


35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.


36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?


37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!








„Du bist ein barmherziger Samariter!“ es ist dem heutigen Evangelium zu verdanken, dass diese Redewendung durchaus positiv verstanden wird und einen Menschen bezeichnet, der hilfsbereit ist.


Zurzeit Jesu war das ganz anders: „Samariter“ zu sein galt bei den Juden als eine Beschimpfung. Sie bezeichnet einen Menschen, der von Jahwe, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs abgefallen und zu einem Götzendiener geworden war.


Dies war eine Folge der Teilung des Reiches Israel nach König Salomon. Damals spaltete sich das Nordreich vom Südreich ab: Im Südreich verblieben um Jerusalem herum der Stamm Juda und der Stamm Benjamin: Sie bildeten das Königreich Juda.


Alle übrigen 10 Stämme versammelten sich im Nordreich: sie bildeten fortan das Königreich Israel.


Um die politische Einheit des Nordreiches nicht zu gefährden trennte es sich auch religiös vom Südreich; das bedeutete, sie trennten sich vom Jahwekult, wie er im Tempel von Jerusalem dargebracht wurde. Stattdessen stellten sie Götzenbilder auf, die sie dann kultisch verehrten.


Nun war es ausgerechnet so ein Samariter, der dem Überfallenen am Wegrand zu Hilfe kam.


Dabei wären aber der Priester und er Levit für diesen Dienst prädestiniert gewesen; denn sie kamen von Jerusalem herab. Was heißt das? Es heißt, dass sie vom Tempel herab gekommen sind, wo sie ihren Gottesdienst gehalten haben.


Wir würden schlicht sagen: sie sind gerade von der hl. Messe gekommen. Diese beiden – der Priester und der Levit – haben den Verwundeten am Straßenrand nicht einmal übersehen; denn es heißt ausdrücklich von ihnen: sie sahen ihn! Dennoch gingen sie weiter.


Was muss das für ein Gottesdienst gewesen sein, dass er in der konkreten Situation gar nicht gegriffen hat? Wenn sie dabei überhaupt eine Botschaft oder einen Impuls von Gott empfangen haben – kam dies überhaupt nicht in ihrem Alltag an – sprich: in der Hilfeleistung an dem Überfallenen. Der Tempeldienst, den sie in Jerusalem verrichteten, muss etwas völlig Abgehobenes gewesen sein; etwas, das mit ihrem übrigen Leben gar nichts zu tun hatte.


Ein Samariter auf Reisen sieht den Mann am Straßenrand auch – und er hat Mitleid und hilft ihm. Wohlgemerkt: der Ungläubige, der sich vom Tempelkult in Jerusalem losgesagt hat – er hat ein Herz für den Armen am Weg.


Jesus beantwortet mit dieser Geschichte die Frage des Gesetzeslehrers: Wer ist mein Nächster? Und gibt die Frage dann zurück: „Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“


Fragt der Schriftgelehrte also: Wer ist mein Nächster? So stellt Jesus die Frage: Wem bist du Nächster?


Die beiden Fragen markieren Anfang und Ende des Weges der Nächstenliebe.


Der Priester und der Levit haben die erste Frage gelebt und den Halbtoten im Straßengraben als ihren Nächsten wahrgenommen; sie sind jedoch nicht weitergegangen und sind nicht zum Nächsten geworden für den Mann im Graben. Diesen Schritt hat erst der Samariter gemacht. Der stellte sich auch die zweite Frage: Wie kann ich dem Halbtoten zum Nächsten werden? Wie wir im Evangelium hörten ist es das Mitleid, das diese Frage stellt und den Weg zur Hilfsbereitschaft öffnet.


Im Gottesdienst wird Gott mir zum Nächsten, damit auch ich dem Nächsten zum Nächsten werden kann. Das ist die Frucht wahren Gottesdienstes: dass ich die Liebe zu Gott verbinde mit der Liebe zum Nächsten! Ob wir Gott lieben wissen wir nicht genau; wohl aber, ob wir den Nächsten lieben! Darum erweist sich unsere Liebe zu Gott in der Liebe zum Nächsten.


Nicht wenige werden heute abends live erleben, wer Fußballweltmeister 2010 wird. Im Evangelium und in unserem christlichen Leben geht es um die Weltmeisterschaft in der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Auf dieses Finale brauchen wir nicht bis 2014 warten. Jeden Tag ist Finale. Jeden Tag können wir Weltmeister in der Liebe werden. Amen!


Mittwoch, Juli 07, 2010

Er gab ihnen Vollmacht


Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 10: 1–12.17–20



1 Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte.


2 Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.


3 Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.


4 Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs!


5 Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus!


6 Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren.


7 Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes!


8 Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt.


9 Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe.


10 Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann stellt euch auf die Straße und ruft:


11 Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe.


12 Ich sage euch: Sodom wird es an jenem Tag nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt.


17 Die Zweiundsiebzig kehrten zurück und berichteten voll Freude: Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen.


18 Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen.


19 Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können.


20 Doch freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.



Jesus ist kein Einzelgänger – darum ist er auch nicht allein unterwegs sondern in Gemeinschaft; zusammen mit seinen Jüngern und mit mehreren Frauen, die ihn mit ihrem Vermögen unterstützen.


Jesus ist auch kein Einzelkämpfer – darum teilt er mit seinen Jüngern die Arbeit im Reich Gottes. Das tut er, indem er mit ihnen die Vollmacht teilt, die ganze Macht des Feindes zu überwinden; dazu gehört die Gabe, Kranke zu heilen, mit den Leuten über das Reich Gottes zu sprechen, ihnen den Frieden anzubieten;


Dazu gehört, sich bei dieser Aufgabe nicht auf Reichtum oder auf trügerische Vorräte zu stützen sondern einzig auf die Sendung durch Jesus und die Kraft, die sie verleiht.

Die Vollmacht, die Jesus verleiht, kann in seinen Jüngern nur wirken, wenn die Verbindung zu Jesus nicht behindert oder gar gelöst wird.


Schließlich gilt es auch zu bedenken, dass Jesus die Vollmacht, die er seinen Jüngern gab, nie zurückgenommen hat.


Und wenn wir weiter überlegen, dass die Jünger diese Vollmacht durch Handauflegung an ihre Mitarbeiter weiter gegeben haben und dies durch die Jahrhunderte bis heute geschehen ist, dann können wir sagen, dass diese Vollmacht auch jenen gegeben ist, die heute den bischöflich-priesterlichen Dienst in unserer Kirche ausüben.


Die Vollmacht Jesu ruht auch heute auf seinen Jüngern. Sie schlummert in ihnen und wartet dringend, geweckt zu werden. Und den Auftrag Jesu an seine Jünger, den Herrn der Ernte zu bitten, Arbeiter in seine Ernte zu senden, können wir auch dahin gehend verstehen, dass der Herr der Ernte seine Arbeiter wachrüttelt zur Besinnung auf die Vollmacht, die er ihnen gegeben, damit sie in ihnen auflebe und auch heute die Macht des Feindes überwinde.


Es ist auch bemerkenswert, wie selbstverständlich Jesus seine Vollmacht mit den Jüngern teilt. Erstens tut er das nicht, damit er selber es dann bequemer habe und zweitens lässt Jesus überhaupt keine Angst erkennen, er könne dabei was verlieren und etwa in den Jüngern unbequeme Konkurrenz erhalten. Einmal mehr wird deutlich, wie Jesus nicht sich selber sondern die Menschen im Auge hat.


Wenn Jesus die Jünger mit seiner Vollmacht betraut, so deshalb, damit die Menschen schneller jenes Heil erlangen, das ihnen von Gott her in seinem Reich zugedacht ist.


Ein Ernstnehmen des heutigen Evangeliums hat unweigerlich eine Erneuerung unserer christlich-priesterlichen Berufung zur Folge.


Es ist zudem Bemerkenswert, dass Jesus das pastorale Konzept des Vorläufers anwendet, indem er Menschen vor sich her schickt, die die Menschen auf ihn vorbereiten sollen.


Er selber hat ja die Früchte dieses Konzeptes geerntet: Johannes der Täufer, sein Vorläufer, hat ihm die ersten Jünger zugeführt; der Evangelist Johannes erzählt uns davon.


Dieses pastorale Konzept lässt uns schließlich verstehen, warum Jesus Jünger um sich versammelt hat: sie sollten die Gemeinschaft mit ihm leben, damit er sie prägen kann; damit sich ihnen einprägen kann, was sie sehen, hören, erleben. So durch das Leben mit Jesus geprägt schickt der Herr sie aus, damit sie von diesem Leben mit Jesus erzählen und weitergeben, was er ihnen gegeben hat. Jesus lebt als in Gemeinschaft mit seinen Jüngern, um sie zu befähigen, Menschen in die Gemeinschaft mit Jesus zu führen, indem sie ihr Leben mit, aus und durch Jesus bezeugen. So wie Jesus mit ihnen das Leben geteilt hat sollen auch sie ihr Leben mit Jesus teilen mit den Menschen, zu denen sie gesendet sind. Dies ist dann eine weitere Verwirklichung des Gebotes Jesu: Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!


Die Gemeinschaft der Kirche ist gleichermaßen aus der Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes wie aus der Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern herausgewachsen. Dies gilt es besonders zu bedenken, wenn wir von den Krankheiten geheilt werden wollen, die uns als Kirche heute verunzieren und belasten. Amen!