Sonntag, Oktober 31, 2010

Du, ein Heiliger





Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 5:1 – 12a

1Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm.
2Dann begann er zu reden und lehrte sie.
3Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
4Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
5Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
6Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
7Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
8Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
9Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
10Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
11Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
12Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.






Wir hörten gestern das Evangelium vom Zöllner Zachäus (Lk 19:1-10). Ich komme nochmals auf diesen Mann zurück, weil er uns in das Geheimnis des heutigen Festtages einführen kann. Er ist wie ein Türsteher, der uns erzählen kann, worum es beim Heiligsein ankommt und was das Wesen der Heiligkeit ist.

Als unübersehbare Tatsache auf seinem Weg zur Heiligkeit ist die Begegnung mit Jesus. Zu dieser Begegnung kam es, weil Zachäus Jesus sehen wollte. So machte er sich bereit, den Wunsch Jesu zu erfüllen, bei ihm Gast sein zu dürfen.

Jesus begegnen und ihn aufnehmen heißt, Jesus ganz nahe an sich heranlassen, ihn nicht nur in mein Haus sondern auch in mein Leben hereinlassen. Dann kann Jesus auch zu mir sagen: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“ (Lk 19:9)

Was meint dieses Heil? Nun, vor allem anderen Jesus selber: Jesus selber ist das Heil schlechthin. Es kommt von Gott und ist sein unübertreffliches Geschenk an uns Menschen. Jesus ist das Mensch gewordene Heil Gottes.

Mit Heil ist aber dann auch alles gemeint, was uns von Jesus her Gutes widerfährt; alles, was unsere Krankheiten an Leib, Seele und Geist heilt. Setzen wir uns diesem Heil aus, werden wir geheiligt, werden wir heil in uns und um uns herum in den Beziehungen unseres Lebens. Jesus hat den Zachäus heiliggesprochen und wir dürfen ihn auch ohne offizielle Heiligsprechung den hl. Zachäus nennen.

Zur Heiligkeit gehört des Weiteren die Offensichtlichkeit der Heiligung durch den Herrn. Sie ist jenes Licht, das auf den Leuchter gestellt wird und allen leuchtet, die im Hause sind. Die Heiligkeit erweist sich in der Umkehr eines verirrten Lebens. Und sie erweist sich in der Fruchtbarkeit dieser Umkehr für jene, die mit dem Heiligen in Beziehung stehen. Bei Zachäus ist es das Verteilen seines Vermögens und das vierfache Rückerstatten der Wucherzölle.
Wenn wir also heute freudig die Verdienste aller Heiligen feiern, dann sind dies eben die Früchte des Heiles, das sie vom Herrn geschenkt bekamen. Wir feiern in den Verdiensten der Heiligen Gott, den Quell aller Heiligkeit. (vgl. 2. Hochgebet)

Wir sehen also, durch das Heil, welches Gott seinen Heiligen schenkt, werden sie nicht von den Menschen abgehoben sondern im Gegenteil noch viel mehr in die Menschen hinein verwurzelt. Wie der heilige Gott in seinem Sohn Jesus durch die Menschwerdung noch näher zu den Menschen hindrängte so rücken auch die Heiligen noch näher mit den Menschen um sie herum zusammen. Sie gehen den Weg, den Gott in Jesus gegangen ist mit – hinein in die Not, das Elend und die Unerlöstheit der Menschen ihrer Zeit. Es ist wesentliches Zeichen der Heiligkeit eine liebende Antwort zu sein auf die Not der Menschen.

Heiligkeit als Zugewandtheit zu Gott und zu den Menschen gleichermaßen kommt auf unübertreffliche Weise in den Seligpreisungen zum Ausdruck, die wir eben gehört heben. In diesem Sinne sind Heilige fromme Politiker oder politische Fromme. In diesen Menschen reichen sich Frömmigkeit und Politik untrennbar die Hand. Und ohne einem Bund zwischen Thron und Altar zu frönen bauen sie in dieser Welt das Reich Gottes auf. Und so sind es seine Heiligen, durch die Gott die Welt rettet.

Heiligkeit ist keine Reservierung für den Himmel. Heilige sind Menschen, die im Auftrag Gottes hier auf Erden heilig geworden sind. Und sie sind es hier auf Erden geworden, um ihre Mitmenschen, ihre Erde und ihre Welt zu heiligen. Ihr Heimgang in den Himmel ist nur die konsequente Weiterführung ihres Lebens hier auf Erden; denn ob sie leben oder sterben, sie gehören dem Herrn (vgl. Röm 14:8)! Sie verlassen diese Erde nicht sondern werden vielmehr Bürger zweier Welten – des Himmels und der Erde.

Loben sie Gott im Himmel von Angesicht zu Angesicht im Chor der Engel und Heiligen so loben sie ihn hier auf Erden durch den Samen, den sie durch ihr Wirken ausgestreut haben – in ihren Werken, in ihren Schriften, in den Menschen, die ihrem Beispiel zu folgen versuchen.

Der heutige Festtag hat also nicht nur die Anderen als die Heiligen im Blick sondern genauso jeden von uns. Das Fest Allerheiligen will uns zurüsten, selber Heilige zu werden. Amen!

Freitag, Oktober 29, 2010

Gern sehen, wer dieser Jesus sei!







Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 19: 1 – 10


In jener Zeit
1kam Jesus nach Jericho und ging durch die Stadt.
2Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.
3Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.
4Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.
5Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.
6Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.
7Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.
8Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.
9Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.
10Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.





Wer sucht, der findet! Wir kennen dieses Sprichwort und haben es gewiss oft schon praktiziert. Es stammt übrigens von Jesus. In der Bergpredigt sagt er es uns, wenn er über die Ausdauer beim Beten spricht.

Die heutige Geschichte von Zachäus lässt uns dieses Sprichwort ändern und sagen: Wer sucht, der wird gefunden!
Tatsächlich hat nämlich auch Zachäus Jesus gesucht: „Er wollte gerne sehen, wer dieser Jesus sei!“ heißt es von ihm. Er war neugierig auf Jesus. Das ist bei reichen Leuten auch heute noch so: Ihr Reichtum befreit sie von vielen alltäglichen Mühen um den Lebensunterhalt und regt sie an, nach dem Extravaganten zu suchen. Das wir bei Zachäus nicht anders gewesen sein. Ich unterstelle ihm vorerst, dass er kein weiß Gott wie spirituelles Interesse an Jesus hatte. Er hatte von diesem außergewöhnlichen Rabbi gehört und wollte ihn nun einfach einmal selber sehen. 
Und so klein seine Gestalt war so groß war seine Neugier und so groß war auch seine Phantasie und Ungeniertheit, solch einen Blick auf Jesus aus dem Geäst eines Maulbeerfeigenbaumes zu erhaschen.

Was er natürlich nicht ahnen konnte: Nicht nur er war ein neugierig Suchender! Jesus war es auch! Zachäus suchte Jesus zu sehen - viel mehr aber suchte Jesus – nicht nur, ihn zu sehen sondern viel mehr: Jesus suchte, ihm zu begegnen!

Ohne dies zu beabsichtigen, hat Zachäus durch seine Jesussuche dem suchenden Jesus die Tür geöffnet. So konnte es geschehen, dass Zachäus von Jesus gefunden werden konnte. Johannes von Kreuz hat diese Geschichte in ein kurzes Wort gefasst, in dem er schreibt: Wenn wir Gott suchen – so sucht Gott uns noch viel mehr! Genau dieses Suchen drückt Jesus am Ende des Evangeliums selber aus mit dem Wort: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19:10)
Und verloren war Zachäus tatsächlich in verschiedener Hinsicht.
Er war verloren an sein Geld. Die Geldsucht plagte ihn. In seiner Stellung als Oberzöllner hatte er die Möglichkeit, seine Landsleute wie ein Blutegel auszusaugen, Geld zu scheffeln und so einen großen Reichtum anzuhäufen.

Verloren war er auch in seiner Einsamkeit. Denn sein Job machte ihn zum Kollaborateur der Römer. Die Steuern lieferte er nämlich in einer festgesetzten Summe den verhassten Römern ab, nachdem er vorher den überschüssigen Betrag als seinen Anteil abgezweigt hatte. Und dass der nicht zu gering ausfiel, besorgte er durch Wucherzölle. Wir können uns gut vorstellen, wie der Hass und die Verachtung der Juden auch den Zachäus getroffen und aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen haben. So hatte er im jüdischen Volk kein Zuhause und für die Römer war er bloß interessant wegen der Steuereinnahmen. Er saß zwischen allen Stühlen und war einsam. Sein einziger Freund war das Geld – bis zu seiner Begegnung mit Jesus.

Verloren war Zachäus in den Augen der Juden auch deshalb, weil er durch sein Verhalten in beständiger Sünde lebte und sich so aus dem verheißenen Volk ausgeschlossen hatte. Er beraubte sich der Heilsgüter, die Gott seinem Volk schenkt. In dieser Hinsicht wurden die Zöllner notorischen Sündern gleichgestellt – wie etwa den Huren.

In Jesus nun erlebte er einen Juden, der wirklich außerordentlich war: Jesus suchte nämlich seine Gemeinschaft; er verachtete ihn nicht und beschimpfte ihn nicht wegen seiner Tätigkeit. Ja, er lädt sich selber bei ihm, dem Zöllner Zachäus, ein! Damit gibt er ihm die Würde zurück, die ihm die übrigen Juden genommen haben: Dies stellt Jesus ausdrücklich mit den Worten fest: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.“ (Lk 19:9)

Wir sehen deutlich, wie Jesus dem Zachäus alles genommen hat, was ihn auf dem Weg zu Gott aufgehalten hat: Die Anhänglichkeit an sein Geld und das Ausgestoßensein aus dem von Gott geliebten Volk. So konnte er fortan ungehindert der Freude entgegeneilen, die Gott auch ihm verheißen hat. Dies alles hat Jesus dem Zachäus durch die Freundschaft geschenkt, die er ihm erwiesen hat.
In dieser Freude nimmt Zachäus Jesus bei sich auf. 
Diese Freude gibt er anderen Menschen weiter, indem er die Hälfte seines Vermögens den Armen gibt und das zuviel Geforderte vierfach rückerstattet.

Diese Freude möchte Zachäus auch uns weitergeben, indem durch das heutige Evangelium in uns die Neugierde geweckt wird, Jesus zu sehen! 
Mit dieser Neugierde auf Jesus beginnt offensichtlich ein Weg der Freude! Amen!

Donnerstag, Oktober 21, 2010

Gott, sei mir Sünder gnädig!




Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 18: 9 – 14

In jener Zeit
9 erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Beispiel:
10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.





Eine krasse Gegenüberstellung, die Jesus uns heute im Evangelium vor Augen führt zur Belehrung und Ermahnung für jene, die sich selbstherrlich über andere erheben:

Der Pharisäer mit einer reinen Weste, dass es weißer nicht mehr geht und im Gegensatz dazu beim Zöllner das bloße Elend – geradeso als hätte der Pharisäer nicht auch seine Schwächen und der Zöllner nicht auch sein Gutes!

Es geht Jesus bei den beiden darum, wie sie mit ihrer Befindlichkeit vor Gott stehen. In ihrem Beten drückt sich dieses Sein vor Gott aus.

Beide beginnen einmütig mit der Anrede: Gott! Damit ist die Einmütigkeit auch schon zu Ende.

Denn der Zöllner bleibt mit dem Herrn allein im Gespräch; der Pharisäer weitet den Dialog gleich aus zu einer Gesprächsrunde, indem er sich mit anderen zu vergleichen beginnt: diese Anderen sind die Räuber, Betrüger, Ehebrecher und eben dieser Zöllner dort! In diesem Vergleich schneidet er natürlich hervorragend ab und erklärt sich selber zum Musterschüler und artig wie er ist, bedankt er sich bei Gott gleich vorweg für diese Vorzugsstellung. Diese unterstreicht er dann noch durch sein zweimaliges Fasten in der Woche und dass er den Zehnten von seinem Vermögen dem Tempel gibt! Herz, was willst du mehr! Da bleibt Gott nichts anderes mehr übrig als staunend und mit offenem Mund zu applaudieren. Mehr kann und braucht er da nicht zu tun!

Der Zöllner bleibt im Zwiegespräch mit Gott. Und sein Gebet ist äußerst wortkarg: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ Er schweift nicht ab zu anderen Menschen, um sich mit ihnen zu vergleichen und dadurch womöglich sein Schuldempfinden zu mildern; indem er etwa sagte: Aber andere machten auch, was ich getan habe oder tun sogar noch schlimmeres!

Dieses Alleinbleiben und diese Wortkargheit erinnern mich an Stille. Da ist niemand und nichts anderes, was diese Stille stört. Was immer der Zöllner getan haben mag – es geht von seinem Verhalten ein ganz eigener und besonderer Friede aus. Da ist nichts, was die Zweisamkeit zwischen ihm und Gott stört – niemand und nichts. Eine Art Losgelöstheit von allem, was das stören, zerstreuen, von Gott ablenken könnte; es scheint ihm alles genommen, was ihn zu Gott hin hindern könnte. Zugleich erscheint der Zöllner in seinem Beten ausgerichtet allein auf Gott. Und nichts da, was ihn ablenkt. Es ereignet sich in dem Raum zwischen dem Zöllner und Gott eine Dichte, eine Gegenwart, der jedes Wort überflüssig, ja, geradezu schmerzlich ist; darum auch das knappe Bekenntnis des Zöllners: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“ Jedes Wort erscheint mühsam den Lippen abgerungen!

Der Zöllner ist da, seine Schuld ist da und Gott ist da – sonst nichts. Dieses alleinige Dasein vor Gott gerade angesichts eigner Schuld erlaubt es Gott, dem Zöllner Seine göttliche Gegenwart zu schenken, ihn zu befreien von seiner Schuld und ihn so aus Gnaden recht zu machen.

Der Pharisäer braucht die Fehler der anderen, um zu glänzen. Der Zöllner braucht allein den Glanz der Barmherzigkeit Gottes, ihr öffnet er sein Dunkel und das Erbarmen Gottes wird zu fließendem Licht und lässt den Zöllner gerechtfertigt nach Hause gehen.

Dem Pharisäer konnte Gott diese Güter nicht schenken, denn er war bereits gefüllt mit eigenen Gütern, mit „guten Werken“, die er im Kleid der Überheblichkeit und der Prahlsucht vorstellt. Bei ihm steht er selber im Mittelpunkt und singt ein Loblied nicht auf den Herrn sondern auf sich selber. Er war sich selber genug und konnte so an Gott kein Genügen mehr finden. Im Aufzählen seiner Vorzüge verdeckte er seine Schwächen. Durch seine „Gesundheit“ entzieht er sich der Einsicht in seine Krankheit. Er lenkt von seinem eigentlichen Problem ab und spielt ein Theater. Er will dem Arzt, der ihn durch und durch kennt und also auch um seine Krankheiten weiß, vormachen, er sein gesund. Wie will da der Arzt heilen?

Der Herr segne uns mit jenem Vertrauen, in dem wir nach dem Vorbild des Zöllners unsere Wunden dem Heiland ungeniert zeigen, damit er uns heilen kann. Amen!

Montag, Oktober 18, 2010

Schule der Freundschaft




Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes 5: 5 – 15a

Er kommt nun in eine Stadt Samarias, genannt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gab.
Es war aber dort eine Quelle Jakobs. Jesus nun, ermüdet von der Reise, setzte sich ohne weiteres an die Quelle nieder. Es war um die sechste Stunde.
Da kommt eine Frau aus Samaria, Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!
– Denn seine Jünger waren weggegangen in die Stadt, um Speise zu kaufen. –
Die samaritische Frau spricht nun zu ihm: Wie bittest du, der du ein Jude bist, von mir zu trinken, die ich eine samaritische Frau bin? – Denn die Juden verkehren nicht mit den Samaritern. – 
10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du die Gabe Gottes kenntest und wüsstest, wer es ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken! so hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.
11 Die Frau spricht zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Woher hast du denn das lebendige Wasser?
12  Du bist doch nicht größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gab, und er selbst trank daraus und seine Söhne und sein Vieh?
13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten;
14  wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.
15a  Die Frau spricht zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser,





Teresa nennt inneres Beten Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt. (Vida 8:5)

Das ist zumindest erstaunlich, weil sie denselben, den sie hier als Freund bezeichnet, an anderen Stellen als Majestät anspricht, in deren Gegenwart sie sich als unwürdige Sünderin erlebt. Und es ist wirklich etwas besonderes, eine Majestät Freund nennen zu dürfen. Ob sie den Herrn nun als Freund oder Majestät anredet hängt gewiss nicht von ihrer Laune ab.

Es müssen ganz starke Impulse vom Herrn gekommen sein, die ihr dies erlauben. Und so ist es in der Tat: Den stärksten Eindruck, den der Herr bei ihr hinterlassen hat, ist die Langmut, mit der er sie ertragen hat in ihrer Inkonsequenz, in ihrer Lauheit, in ihrer Abhängigkeit von den Bequemlichkeiten des Lebens und des menschlichen Beisammenseins. 19 Jahre führt sie als Karmeliten ein Leben im Hin und Her zwischen Gott und Welt. 19 Jahre versuchte sie das Unmöglich: Gott und der Welt zu dienen!

Sie schreibt selber über diese endgültige Bekehrung in Vida 9:1. „Meine Seele lebte schon ganz müde dahin, aber die schlechten Gewohnheiten, die sie an sich hatte, ließen sie nicht in Ruhe, obwohl sie das wollte. Da geschah es mir, dass ich eines Tages beim Eintritt in den Gebetsraum ein Bild sah, das man zur Verehrung dorthin gebracht und für ein Fest, das im Haus gefeiert wurde, aufgestellt hatte. Es war das Bild eines ganz mit Wunden bedeckten Christus und so andachterweckend, dass es mich beim Anblick zuinnerst erschütterte, ihn so zu sehen, denn es stellte gut dar, was er für uns durchlitten hatte. Das, was ich empfand, weil ich mich für diese Wunden kaum dankbar gezeigt hatte, war so gewaltig, dass es mir war, als würde es mir das Herz zerreißen. Aufgelöst in Tränen warf ich mich vor ihm nieder und flehte ihn an, mir ein für allemal Kraft zu geben, ihn nicht mehr zu beleidigen.“
In der Langmut, mit der der Herr sie ertragen hat, liegt ihr weiteres geistliches Leben begründet. Es waren diese 19 Ordensjahre im Rückblick eine Schule der Freundschaft. In dieser Schule lernte sie dass der Herr sie zuerst geliebt hat und dass in dieser Liebe ihr gesamtes Leben begründet ist.

In dieser Schule lernt sie außerdem, dass der Herr nicht gekommen ist um bedient zu werden sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele – und auch für sie.

In dieser Schule lernt sie, wie der Herr es bei ihr aushält und wie er gern und oftmals zu ihr kommt um bei ihr zu sein; er tut dies, indem er sie seine Gegenwart lebendig erleben lässt. In großer Milde und unermesslicher Geduld erträgt er ihre Schwachheit.

Es geht Teresa wie der Samariterin am Brunnen im eben gehörten Evangelium; diese Frau erfährt Jesus als Freund, obwohl die Juden mit den Samaritern keine Gemeinschaft haben. Jesus knüpft diese Gemeinschaft durch ein Gespräch – er hält es gerne aus bei dieser Frau, obwohl sie alles andere als eine Heilige ist – wie sich im Verlauf des Gespräches herausstellt. Jesus ist offenbar mehr als ein Jude; und dieses „Mehr“ erweist sich in seiner offenen Güte und Menschenfreundlichkeit.

Und genau die erlebt auch Teresa; Jesus lehrt sie durch Freundschaft, dass er auch von ihr eben diese Freundschaft als Antwort erwartet. Das gibt ihr die Einsicht und den Mut, Jesus Freund zu nennen, unter allen Umständen seine Nähe zu suchen und möglichst bei ihm zu bleiben. Und weil diese Freundschaft von Jesus angeregt und von ihm geschenkt ist, wagt sie Jesus Freund zu nennen und weiß doch zugleich, dass er „Seine Majestät“ ist und bleibt. Das ist keine plumpe Kumpanei sondern Liebe als Antwort auf des Herren Liebe.

Nehmen wir den heutigen Festtag als Anlass, auf Spurensuche zu gehen nach der Freundschaft des Herrn zu uns. Bitten wir um ein wachsames und hörendes Herz. Suchen wir dabei vor allem die Stille auf, denn dort sind diese Spuren des Herrn besonders deutlich zu bemerken.

Wenn Teresa eine Botschaft für uns hat, dann die, dass auch wir berufen sind, in vertrauter Freundschaft mit dem Herrn zu leben so wie sie es getan hat. Amen!

Donnerstag, Oktober 14, 2010

Allezeit beten





Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 18: 1 – 8

In jener Zeit
1sagte Jesus ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten:
2In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.
3In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind!
4Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht;
5trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.
6Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt.
7Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?
8Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?





„Jesus sagte ihnen dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten.“
Wie mag Jesus wohl dieses „allezeit beten“ verstehen. Offensichtlich nicht so, dass wir ununterbrochen mündliche Gebete verrichten. Ja, Jesus warnt sogar vor dieser Weise zu beten, wenn er bei Mt 6:7 spricht: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.“ Es geht also nicht um die vielen Worte. Worum geht es dann?

Zufälliger Weise haben wir vor zwei Tagen das Hochfest unserer hl. Ordensmutter Teresa von Avila gefeiert. Auch sie schlägt in dieselbe Kerbe und ermutigt zu unablässigem Gebet. Als Karmelitin versuchte sie nach dem Regelsatz zu leben, „ jeder soll in seiner Zelle oder in deren Nähe bleiben, Tag und Nacht im Gesetze des Herrn betrachten (vgl. Ps 1,2; Jos 1,8) und im Gebete wachen (vgl. 1 Petr 4,7).“

Das Leben nach diesem Regelsatz führte sie auf eine abenteuerliche Entdeckungsreise; und je tiefer sie in seine Wirklichkeit Eindrang umso wunderbarer wurde die Welt, die sich ihr erschloss: die Welt des Gebetes als eine Welt der Freundschaft mit Gott, die sich an Tiefe, Weite und Schönheit nicht ermessen ließ. Schließlich konnte sie nur mehr mit Bildern diese Welt in etwa ausdrücken. Eines dieser Bilder ist das der Seelenburg, deren zahllose Gemächer hinführen zu jenem innersten Gemach, in dem die wunderbaren und unaussprechlichen Dinge zwischen Gott und der Seele geschehen. Der Weg in dieses innerste Gemach ist eben nicht gekennzeichnet durch viele Worte sondern durch Liebe, Hingabe und Vertrauen. Im Leben machen sich diese Haltungen bemerkbar in geschwisterlicher Liebe, in Loslösung von allem Geschaffenen und in tiefer Demut.
In diesen Haltungen spinnt sich die Seele wie die Raupe den Kokon des Gebets, in dem sie dann verwandelt wird in einen wunderbaren Schmetterling – ein weiteres ausdrucksstarkes Bild für ein Leben in entschiedenem Gebet.
Im innersten Gemach der Seelenburg und im Schmetterling sehen wir die Witwe durchschimmern, die sich im Evangelium darüber freut, dass der Richter sich ihrer Sache angenommen hat.

Sie hat ihr Ziel erreicht, weil sie im Gebet nicht nachgelassen hat. Sie ist dem Richter so lange auf die Nerven gegangen, bis er sich ihrer angenommen hat. Sie hat jene Haltung gelebt, die Teresa Entschlossenheit nennt. Sie empfiehlt diese Haltung als Fundament für das Beten. Dieses Fundament ist die halbe Miete – ja, mehr noch: „Alles ist an einer großen und ganz entschlossenen Entschlossenheit gelegen, um nicht aufzuhören, bis man auf diesem Weg des Gebetes zur Quelle vorstößt, komme, was da kommen mag, passiere, was passieren mag, sei die Mühe so groß, wie sie sein mag, lästere, wer da lästern mag, mag ich dort ankommen, mag ich unterwegs sterben oder nicht beherzt genug sein für die Mühen, die es auf dem Weg gibt, ja mag die Welt untergehen!“ (CE 35:2) „Wer sich mit solcher Entschlossenheit auf diesen Weg des inneren Betens begibt ...hat einen großen Teil des Weges schon hinter sich gebracht hat. Er braucht sich nicht zu fürchten, dass er wieder zurückfällt, mag er noch so häufig stolpern, denn das Gebäude ist von Anfang an auf ein festes Fundament gegründet.“ (Vida 11:13)

Diese Entschlossenheit trägt durch Unlust, Misstrost und Trockenheit, durch Bequemlichkeit, Zweifel und Unsicherheit; weder Gewalten aus der Höhe noch Mächte aus der Tiefe (vgl. Röm 8:38f.)können sie beeindrucken.

Sie ist die Wiege des Wunsches, dass durch mein Beten der Name Gottes geheiligt werde, SEIN Reich komme, SEIN Wille geschehe (vgl. Mt 6:9f.) 

Sie überwindet meine Ichsucht und richtet mich in meinem Beten – und dadurch unweigerlich auch in meinem Leben – mehr und mehr auf Gott aus. Sie ist Frucht jener Freundschaft (vgl. Vida 8:5), die wir mit dem Herrn leben dürfen und fördert zugleich diese Freundschaft.

Sie führt zu einer sehr reinen Form der Hingabe und Selbstlosigkeit: zu einem echten und vorbehaltlosen Sich-lassen, Sich-hineinbegeben in den unbegreiflichen, dunklen und heiligen Abgrund des göttlichen Wesens. (F. Moschner)

Sie entfacht die Liebe, sie erneuert die Hoffnung und belebt jenen Glauben, den der Menschensohn bei seinem Kommen vorzufinden wünscht (vgl. Lk 18:8) Amen!

Wo sind die übrigen neun?




Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 17: 11 – 19

11Auf dem Weg nach Jerusalem zog Jesus durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa.
12Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen
13und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!
14Als er sie sah, sagte er zu ihnen: Geht, zeigt euch den Priestern! Und während sie zu den Priestern gingen, wurden sie rein.
15Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme.
16Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm. Dieser Mann war aus Samarien.
17Da sagte Jesus: Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun?
18Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?
19Und er sagte zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen.




„Es sind doch alle zehn rein geworden. Wo sind die übrigen neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?“ (Lk 17:17f.)
Diese Frage bewegt auch mich. Wieso war dem einen Samariter möglich, was die übrigen neun Juden nicht vermochten: Sich bei Jesus zu bedanken für die wiedergeschenkte Gesundheit?

Die gemeinsame schwere und üblicherweise tödliche Krankheit des Aussatzes hat alle zehn gleichermaßen getroffen. Dieses gemeinsame Los verwischte die trennende Grenze eines unterschiedlichen Glaubensbekenntnisses. Juden und Samariter, ansonsten verfeindet, haben unter dem gemeinsamen Joch des Aussatzes zu einer Gemeinschaft zusammengefunden.

Gemeinsam rufen sie Jesus auch um Hilfe an: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ (Lk 17:13)
Gewiss haben sie einen Heilungsspruch erwartet, doch der kommt nicht! Statt dessen die Aufforderung, zu gehen und sich den Priestern zu zeigen.
Das ist allerdings nun ein starkes Stück; denn Jesus verlangt von ihnen etwas, was das Gesetz erst nach der Genesung fordert: sich als Genesene den Priestern zu zeigen, damit die die vollständige Heilung feststellen und die vom Aussatz Geheilten wieder in die Gemeinschaft aufnehmen.
Jesus verlangt von ihnen, dass sie sich auf den Weg zu den Priestern machen so als wären sie schon geheilt – aber tatsächlich waren sie noch krank und von Heilung vorerst keine Spur!
Vielleicht kam beim einen oder anderen ungute Gedanken hoch wie etwa: „Der soll uns entweder heilen oder uns sagen, dass er nicht will oder nicht kann! Aber er soll uns nicht lächerlich machen!“ Im Evangelium hören wir von derartigen verständlichen Reaktionen nichts. Vielmehr machen sich alle zehne auf den Weg zu den Priestern!
Jesus fordert von ihnen einen Akt des Glaubens und des Vertrauens auf sein Wort. Alle erbringen sie diesen Glaubensgehorsam.
Unterwegs nun ereignet sich an allen zehnen das Wunder einer völligen Heilung vom Aussatz!
Kaum gesund ist es nun die religiöse Ungebundenheit, die den Samariter von seinen neun jüdischen Genossen trennt.
Denn die neun Juden folgen der Weisung Jesu und damit zugleich einer Weisung des Gesetzes – eben, sich den Priestern zu zeigen. Und gewiss haben sie dann im Tempel ein Opfer dargebracht und so Gott gedankt.
Der eine Samariter ist durch keine solche gesetzliche Weisung gebunden. Er ist frei davon und nützt diese Freiheit, umzukehren und Jesus zu danken. Und um das geht es ja im Evangelium: Jesus zu danken und dadurch Gott die Ehre zu geben.

Zum einen erkennen wir da eine Tatsache, die dann in der Apostelgeschichte ihren Lauf nimmt: dass nämlich der Großteil des jüdischen Volkes durch die Gebundenheit an das Gesetz gehindert wird, die Botschaft und das Heil im Glauben anzunehmen, das Jesus ihnen im Namen Jahwes, des Gottes Israels bringen möchte. Das Tragische ist eben nur, dass Gesetz und Propheten gerade auf dieses Heil vorbereiten wollten. Israel hat sich auf dem Weg des Gesetzes in ein Verständnis von der Einzigkeit und Unnahbarkeit Gottes verrannt, das es nicht mehr erlaubte, dass Gott in Jesus von Nazareth Mensch werden und nahe kommen konnte. So sind die restlichen neun auf tragische Weise sehend und blind, hörend und taub, gehorsam und ungehorsam in einem. Der begrenzte Rahmen verhindert, noch näher auf diese Tragik einzugehen, die sich schon im Verlauf der gesamten Heilsgeschichte bis zu Jesus hin immer wieder abzeichnet. Es herrscht da ein Geheimnis der Verstocktheit, das Paulus übrigens im Römerbrief thematisiert. (Röm 9 – 11)
Bei den Samaritern (Apg 8:14) und den Heiden (Apg 11:1) hingegen findet die Botschaft Jesu viel leichter und natürlicher Zugang – wie uns das heutige Evangelium zeigt.
Skizzenhaft wird hier die Missionsverlauf der jungen Kirche im ersten Jahrhundert ihres Bestehens vorweggenommen.

Zum anderen stellt das Evangelium uns die Frage: Was hindert uns, die Wohltaten Jesu an uns zu sehen und unverzüglich dafür zu danken? Wodurch werden wir gehindert, die Botschaft Jesu und sein Heil so aufzunehmen, dass wir ihn als unseren Heiland und Erlöser verehren und anbeten können?

Ich erinnere an die zuvorkommende und begleitende Gnade Gottes aus dem Tagesgebet. Die möge in Fülle immer bei uns sein und der Dank und der Lobpreis Gottes durch Jesus Christus und mit IHM und in IHM in der Einheit des Heiligen Geistes wird kein Ende finden. Amen!

Freitag, Oktober 01, 2010

Glaube klein wie ein Senfkorn





Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 17: 5 – 10

In jener Zeit
5baten die Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben!
6Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.
7Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen?
8Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken.
9Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?
10So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.



 Woher kommt die Frage der Jünger, mit der das heutige Evangelium beginnt? Was hat ihren Wunsch nach einem stärkeren Glauben geweckt? Was lässt sie den Herrn bitten: Stärke unseren Glauben?

Antwort auf meine Frage finde ich, wenn ich lese, was Lukas unmittelbar vor dem heutigen Evangelium berichtet: Dort sagt Jesus zu seinen Jüngern im Rahmen seiner Belehrung über das Verzeihen: „Wenn dein Bruder sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will mich ändern!, so sollst du ihm vergeben.“ (Lk 17:4) Es braucht nun in der Tat einen starken Glauben an die Aufrichtigkeit dieses Bruders; dieser starke Glaube erst befähigt zum Verzeihen.

Wenn ich mir überlege, wie schwer es mir fällt auch nur ein einziges Mal zu verzeihen und meinem Nächsten abzunehmen, dass es ihm leid tut, was er mir angetan hat, muss ich mich dieser Bitte der Jünger um stärkeren Glauben unverzüglich anschließen.

Mit dem Glauben an die aufrichtige Umkehrbereitschaft des Bruders ist unlösbar der Glaube an die Botschaft Jesu verbunden. Der Glaube an Jesu Botschaft stärkt mich im Glauben an den reuigen Bruder.

Es geht hier um jenen Glauben, aus dem heraus Petrus vor dem überreichen Fischfang zu Jesus sagt: „Auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen.“ (Lk 5:5b)

Wenn die Apostel den Herrn um stärkeren Glauben bitten, dann bitten sie damit um stärkere Ergriffenheit durch sein Wort – und das bedeutet letztlich um stärkere Ergriffenheit durch seine Person.

Das Hinneigen zum Herrn, das Ausrichten auf IHN ist die Kraft, die sich dann mit dem Glauben bekleidet.

Oder sagen wir es anders: Es ist der Glaube an den Herrn, der den Glauben an sein Wort ermöglicht. Es ist als sagte ich: Ich glaube an Dich, o Herr, damit ich Dir glauben kann!

Dieses Glauben an den Herrn bedeutet bedingungsloses Vertrauen aus Anhänglichkeit, aus Zuneigung, aus Liebe. Dieser Glaube erfüllt die Seele. Und erst dieser beseelende Glaube kann dann „in den Kopf steigen“ und sich durch meine menschlichen Begabungen hindurch in jenen Glauben ausformen, der das Wort des Herrn hört, im Gehorsam erfüllt und so mein Leben christlich gestaltet – z.B. durch die andauernde Bereitschaft zur Vergebung.

Aus diesem ganzen Zusammenhang heraus ist sehr schön zu sehen, wie Herz und Kopf, wie Seele und Leib in einem gesunden Glauben untrennbar zusammenwirken.

Es ist auch deutlich erkennbar, dass Glaube nicht etwas Abstraktes ist sondern im konkreten menschlichen Zusammenleben steht. Der beseelte und daher lebendige Glaube an den Herrn beseelt und verlebendigt auch die zwischenmenschliche Beziehung – gerade dort, wo sie bedroht wird durch menschliche Schwäche.

Und dann spricht Jesus in einem Gleichnis von dem Glauben, um dessen Stärkung die Apostel eben gebeten haben. Markant ist dabei der Kontrast zwischen dem kleinen Senfkorn auf der einen und der gewaltigen Wirkung auf der anderen Seite.

Und in der Tat ist der Glaube äußerlich nicht bemerkbar – ist er doch eine verborgene Haltung des inneren, geistlichen Menschen. Aber welch gewaltige Wirkung hat er hervorgebracht – geschichtlich erfahrbar in der Gestalt der Kirche die Jahrhunderte hindurch. Sie ist erwachsen aus dem unscheinbaren aber unerschütterlichen Glauben der Apostel; aus jenem Glauben, um dessen Stärkung die Apostel im heutigen Evangelium bitten. Wir können an der sichtbaren Gestalt der Kirche von Anfang an erkenne, dass der Herr der Bitte seiner Apostel entsprochen und ihren Glauben tatsächlich gestärkt hat.

Im abschließenden Gleichnis erkennen sich seine Jünger in dem Sklaven, der das Werk des Glaubens getan hat, das ihm befohlen wurde. Dieser Glaube ist der grundlegende Dienst ihres Apostelamtes. Dieser Dienst ist ein Auftrag des Herrn und sie dürfen sich freuen, vor diesem Herrn zu stehen, ihm zu dienen und so ihre Schuldigkeit zu tun! Der Herr will wirken aus dem Glauben heraus. Amen!