Samstag, November 27, 2010

Seid wachsam!





Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 24: 37 – 44


In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
37Wie es in den Tagen des Noach war, so wird es bei der Ankunft des Menschensohnes sein.
38Wie die Menschen in den Tagen vor der Flut aßen und tranken und heirateten, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging,
39und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein.
40Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen.
41Und von zwei Frauen, die mit derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.
42Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.
43Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.
44Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.





Seid wachsam! Jeden Raum betreten wir durch eine Tür. Den Raum des Advent sollen wir durch die Türe der Wachsamkeit betreten. Das ist eine Haltung andauernder, gespannter Aufmerksamkeit. Worauf sind wir aufmerksam? Auf das, was uns neugierig macht; auf das, was wir unbedingt haben möchten; auf das, was wir unbedingt sein möchten; auf das, was wir lieben.

Jesus legt uns nicht nur die Haltung der Wachsamkeit eindringlich ans Herz! Er gibt dieser Haltung zugleich eine Richtung: Nicht ins Ungewisse hinein sollen wir wachsam sein! Wer brächte das auch zustande? Wer könnte so was nachvollziehen. Jesus weiß vielmehr, dass unsere Wachsamkeit ein Ziel braucht von dem her und auf das hin sie leben kann: Dieses Ziel ist die Ankunft des Menschensohnes. Und da haben wir auch schon den Haken: Denn wer ist dieser Menschensohn für uns? Was bedeutet er uns? Um unserer Wachsamkeit das Ziel noch klarer vor Augen zu stellen bestimmt er die Gestalt des Menschensohnes genau: Es geht um euren Herrn: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt!“ (Mt 24:42) Und dieser euer Herr ist kein anderer als Jesus selber!

Mit dieser Einsicht ist der Haken nun aber nicht geradegebogen – er wird vielmehr noch schmerzlicher, peinlicher; denn nun stellt sich die Frage: Wie sehr interessiert mich Jesus, wie sehr bin ich neugierig auf ihn, wie sehr liebe ich ihn – dass ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den Zeitpunkt X hin sammle, an dm er kommt? Die Peinlichkeit dieses Hakens liegt darin, dass wir als Christen nach diesem Jesus benannt sind und dadurch ein Naheverhältnis angedeutet wird, das geradezu nach dieser Wachsamkeit verlangt, die Jesus von uns fordert.

Wären wir Muslime oder Anhänger einer Naturreligion, bräuchte uns das Wort Jesu nicht näher berühren! Nun aber heißen wir Christen! Und die Frage steht im Raum: Sind wir es auch?

Diese Frage wird beantwortet durch unsere Bereitschaft und unsere Fähigkeit, wachsam sein zu können für das Kommen Jesu.

Jesus gibt in seinem Weckruf Alternativen für unsere Wachsamkeit. Er zählt also auf, worauf wir sonst unsere Aufmerksamkeit lenken könnten. Er verwendet dazu die biblische Erzählung von Noach und seiner Arche. Er zählt auf, wie die Leute sich damals verhalten haben, ehe die Flut sie hinwegraffte: Sie aßen und tranken und heirateten und ahnten nichts.

Jesus zählt mit anderen Worten alltägliche, normale Tätigkeiten auf. Denen können wir aus unserem Leben noch andere hinzufügen. Dieses alltägliche Leben der Zeitgenossen des Noach war jedoch begleitet von einer völligen Ahnungslosigkeit. Die wäre aber überwindbar gewesen, indem die Leute dem Noach eben Aufmerksamkeit geschenkt und mit ihm geredet hätten. Sie haben ihn jedoch als Spinner abgetan.

Ich denke, Jesus beschreibt damit sehr genau auch das Leben eines jeden von uns: Wir interessieren uns für Essen und Trinken und Kleidung; dem können wir unser Auto anfügen und unser Hobby; vergessen wir nicht unsere Leidenschaften und Abhängigkeiten, von denen wir lieber nicht öffentlich reden. Und schließlich zur Beruhigung unseres schlechten Gewissens ein gutes Werk in irgendeiner Form.

Die Sache ist nun die, dass die Wachsamkeit, die Jesus meint, nicht etwas von uns fordert – sie fordert uns selber! Die Sehnsucht nach dem Herrn, die zur Wachsamkeit auf sein Kommen bewegt, können wir nur mit dem Einsatz unserer Person leben! Den Prozess des Aufwachens und der Wachsamkeit auf das Kommen das Herrn fasst Paulus in das Wort: „Legt als neues Gewand den Herrn Jesus Christus an!“ (Röm 13:14a)

Wie das geht beschreibt ein griechischer Kommentator zum heutigen Evangelium: Wachsam sein bedeutet nicht nur, die Zugänge zur Seele von Bösem frei zu halten; es heißt vielmehr, sie mit Gutem zu besetzten: dass also der Mund Heiliges spreche; die Ohren Heiliges hören; die Augen Heiliges sehen, das Herz Heiliges bedenke!

So gehen wir auf dem Weg der Heiligkeit dem Herrn entgegen;
So warten wir hellwach auf das Kommen unseres Herrn Jesus;
So bereiten wir uns durch Taten der Liebe auf seine Ankunft vor.
Der Herr schenke uns dazu im Advent das Wollen und das Vollbringen! Amen!

Sonntag, November 21, 2010

Seine Macht als König





Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 23:35 – 43

In jener Zeit
35verlachten die führenden Männer des Volkes ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist.
36Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig
37und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!
38Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden.
39Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!
40Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen.
41Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan.
42Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.
43Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.




Das heutige Fest stellt uns Christus als König vor Augen! Der Begriff „König“ lässt uns an Macht denken und an Reichtum; an Würde und Erhabenheit; aber auch an Nobelschmarotzer und an Dekadenz.

Wie wird all diesen Begriffen widersprochen durch den Jesus, den wir im Evangelium am Kreuz erleben! Allein schon dem äußeren Anschein nach ist Jesus das extreme Gegenteil von einem König, dass es extremer nicht mehr geht.

Wollen wir den wahren Königswert an diesem Jesus entdecken müssen wir in den Schmerzensmann hineinblicken, der da am Kreuz hängt und stirbt.

Diesen Einblick gewinne wir, wenn wir uns die Begegnung mit dem „rechten“ Verbrecher anschauen und was die Begegnung mit Jesus in diesem Verbrecher hervorruft.

Der hat natürlich die Aufschrift auf dem Kreuz Jesu gelesen: Das ist der König der Juden! Gewiss wird ihm vorerst einmal der krasse Widerspruch zur grausigen Wirklichkeit ins Auge gefallen sein, der Jesus offensichtlich verspotten soll.

Aber das ist nur der erste Eindruck. Wie dann der andere Verbrecher den offensichtlichen Widerspruch spöttisch anspricht hat er die Kraft zum Widerspruch. Er kann sich lösen vom Zwang, wie die meisten anderen in die Verspottung Jesu einzustimmen; er kann eine eigene gegensätzliche Meinung vertreten und stellt sich an Jesu Seite. Es ist in etwa auszumachen, was ihm dazu die Kraft verleiht: Die Einsicht in die eigene Schuld und in die verdiente Strafe und die Einsicht in Jesu Unschuld. Diese beiden Einsichten hängen mit seiner Gottesfurcht zusammen: Sein Empfinden von Gottes Macht und Gerechtigkeit schenken ihm Einsicht in die Wahrheit und Kraft zum eigenständigen, mutigen Bekenntnis. Dieses Empfinden wurde ihm durch die unmittelbare Nähe Jesu vermittelt. Eine Gnade, die diesem Verbrecher durch Jesus geschenkt wurde.

Das eigentlich Königliche an und in Jesus beginnt aufzuleuchten:
Es vermittelt eine positive Gottesbeziehung und führt hin zur Wahrheit.
Es schenkt Licht zur Einsicht und Mut zum Bekenntnis.
Mitten im Sterben und in der Atmosphäre des Todes setzt Jesus ein königliches Zeichen des Lebens. Dieses Zeichen weist schon darauf hin, dass Jesus der Tod zuletzt nichts anhaben kann und dass er ihn wohl erleidet – aber nicht als Endstation sondern als Durchgang.

Und genau dies wird im weiteren Gespräch mit dem Verbrecher deutlich: Denn in demselben wächst die gnadenhaft geschenkte Einsicht in der Erkenntnis, dass dieser Jesus wirklich ein König ist – allerdings in einem weit tieferen Sinn, als es die Spötter Jesu wahrhaben können.

Er vertraut diesem Einblick in Jesus und fügt die Bitte an, Jesus möge an ihn denken, wenn er in sein Reich kommt.

Und Jesus bestätigt auf grandiose Weise das Vertrauen und die Hoffnung des Verbrechers: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein! Mitten im Sterben weist er dem Verbrecher den Weg zum Leben. An den Reichtümern, die Jesus dem Verbrecher schenkt könne wir sein Königsein erkennen: Eine positive Gottesbeziehung, Erkenntnis der Wahrheit, Mut zum Bekenntnis, Trost, Hoffnung und Zuversicht in der Stunde des Todes; schließlich Gemeinschaft mit ihm in Ewigkeit.

Jesu Königtum vermittelt Lebensgüter, die an Wert jeden Reichtum arm erscheinen lassen, jede Macht als Ohnmacht, jeden Prunk als billige Maskerade.

Im Sterben setzt er ein Zeichen des Lebens; in der Finsternis entzündet er ein Licht; im Untergang weist er den Weg in einen neuen, unvergänglichen Aufgang. Das sind seine königlichen Kennzeichen – und nicht Ländereien, Schlösser, Nobelkarossen, Königsroben und sämtlicher anderer Kram!

Zudem beansprucht Jesus seine königlichen Gaben nicht ichsüchtig nur für sich selber; er ist im Gegenteil ganz darauf versessen, sie mit allen Menschen zu teilen. Seine Botschaft und sein Wirken legen davon ein mächtiges Zeugnis ab.

Freilich gehört auch das zum Königsein Jesu: Es zwingt nicht mit Gewalt – das wäre erst wieder irdisches Königsein! Vielmehr erschließt sich seine königliche Macht in dem Maße wie einer sich ihr öffnet – wie es der Verbrecher getan hat. Die momentane Befindlichkeit ist dabei völlig nebensächlich: ob Mann oder Frau, ob jung oder alt; ob reich oder arm; ob einfach oder gebildet; ob Sünder oder Heiliger – das alles zählt nicht bei Jesus! Das offene Herz zählt! Jesus möchte ein König des Herzens sein! Denn dort hinein will er seine königlichen Gaben legen – die Versöhnung, die Freiheit, den Frieden, die Freude! Und uns so an seinem Königtum teilnehmen lassen! Amen!

Donnerstag, November 11, 2010

Endzeit





Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 21: 5 – 19

In jener Zeit
5als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus:
6Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden.
7Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt?
8Er antwortete: Gebt acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. - Lauft ihnen nicht nach!
9Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als Erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort.
10Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere.
11Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen, und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen.
12Aber bevor das alles geschieht, wird man euch festnehmen und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen.
13Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können.
14Nehmt euch fest vor, nicht im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen;
15denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, so dass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können.
16Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern, und manche von euch wird man töten.
17Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden.
18Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.
19Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.





Jesus hat die Schönheit des Tempels auch bemerkt; jedoch sieht er weiter und mehr. Er weiß: Es ist eine vergängliche Schönheit. Von dieser Vergänglichkeit ist nicht nur der Tempel betroffen. Die ganze Welt wird vergehen – und dies unter schlimmen Umständen. Am Ende des Kirchenjahres wird uns die Vergänglichkeit von allem besonders scharf vor Augen gestellt. Unterstrichen wird dies durch die herbstliche Stimmung und den Übergang in den Winter.

Von Kriegen und Unruhen spricht Jesus; von gewaltigen Erdbeben, von Seuchen und Hungersnöten an vielen Orten; von schrecklichen Dingen. Sie kündigen das Ende an. Wer von uns denkt dabei nicht an die Katastrophen in anderen Ländern, die wir über die Medien zu hören bekommen und froh sind, dass wir nicht – noch nicht – davon betroffen sind. Oder die Folgen des Klimawandel, die in naher Zukunft drohend auf uns warten?

Diesem universalen, schrecklichen Wandel stellt Jesus einen Wandel im Leben seiner Jünger gegenüber. Dieser Wandel wird zeitlich vorausgehen aber nicht weniger schmerzlich, schrecklich – ja, tödlich sein. Jesus sieht seinen Jüngern einen „Sozialen Weltuntergang“ voraus: Sie werden aus ihrem bisherigen gesellschaftliche, familiären und freundschaftlichem Gefüge brutal herausgerissen und von allen gehasst werden! Was damit gemeint ist kann der in etwa verstehen, der bereits einmal geschnitten oder gemobbt worden ist; der von seiner Familie oder seinen Freunden verraten, verleugnet und ausgestoßen worden ist;

Und warum wird seinen Jüngern dies passieren? Es wird ihnen passieren um seines – Jesu – Namens willen! Die Zugehörigkeit zu ihm wird diese Tragödien verursachen. Weil sie zu Jesus gehören, werden sie vor Gericht kommen und ins Gefängnis geworfen. Das besondere in diesen Situationen ist für Jesus, dass sie dabei Gelegenheit haben werden, Zeugnis abzulegen. So sehr sie nun von allen verlassen sind sichert Jesus ihnen zugleich seinen Beistand zu: Er wird bei ihnen sein in dieser Situation – so sehr, dass er ihnen Worte und Weisheit geben wird bei Ihrem Zeugnis. Sie brauchen sich also keine Sorge im Voraus machen um ihre Verteidigung. Wie umfassend sie durch seine Gegenwart geschützt sein werden macht er ihnen dadurch klar, dass ihnen kein Haar gekrümmt wird. Von ihrer Seite ist zur Wirksamkeit dieses Schutzes lediglich erforderlich, dass sie standhaft bleiben. Nur so werde sie das Leben gewinnen.

Es ist offensichtlich, dass damit nicht nur und nicht zuerst ihr irdisches Leben gemeint ist; das ist genauso wie der Tempel und die gesamte Welt dem Wandel und dem Vergehen unterworfen. Das Leben, das Jesus meint, wird greifbar durch das Eintauchen in die Gemeinschaft mit ihm. In der Folge äußerst es sich in der Gelassenheit dem äußeren Wandel gegenüber und in einem umfassenden Frieden. Diese Gelassenheit bedeutet jedoch nicht Untätigkeit sondern gesammelte Bereitschaft zu einem ordentlichen Leben, wie es Paulus in der 2. Lesung darlegt. Es ist ein Tätigsein hingeordnet auf das Reich Gottes, wie es auch das II. Vaticanum dringend nahelegt: „Die Wahrheit verfehlen die Christen, die meinen, sie könnten ihre irdischen Pflichten vernachlässigen, weil wir hier ja keine bleibende Stätte haben. Sie verkennen, dass sie durch den Glauben erst recht aufgerufen sind, ihre Pflicht zu erfüllen. Ein Christ, der seine irdischen Pflichten vernachlässigt, versäumt damit seine Pflichten gegen den Nächsten, ja gegen Gott selbst und bringt sein ewiges Heil in Gefahr.“ (GS 43)

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! (Gal 5:1) Befreit von der Welt leben wir doch mitten in dieser Welt – fähig, ganz aus dem Geist des Herrn heraus zu wirken und als seine Kirche das Reich Gottes zu verwirklichen. Dies ist ein vielgestaltiges Geschehen und läuft jenem Vergehen der Welt zuwider, das Jesus im Evangelium anspricht. Bei allem Untergehen ist es ein Teil des Aufgehens von jenem neuen Himmel und jener neuen Erde, die der Herr bei seinem Kommen in Herrlichkeit mit sich bringt.

Bleiben wir bei dem, der bei uns bleibt! Dann brauchen wir niemand und nichts zu fürchten und es ist uns jenes Licht und jene Kraft geschenkt, in einer vergehenden Welt das Bleibende zu wirken, das von Gott kommt. Amen!

Samstag, November 06, 2010

Ein Gott der Lebenden, nicht der Toten!





Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas 20:27 – 38

In jener Zeit
27kamen einige von den Sadduzäern, die die Auferstehung leugnen, zu Jesus und fragten ihn:
28Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen.
29Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos.
30Da nahm sie der zweite,
31danach der dritte, und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben.
32Schließlich starb auch die Frau.
33Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.
34Da sagte Jesus zu ihnen: Nur in dieser Welt heiraten die Menschen.
35Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten.
36Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind.
37Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt.
38Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn sind alle lebendig.





Passend zum Seelenmonat November hören wir heute in den liturgischen Texten von Tod und Auferstehung. Beide Themen sind im Hochfest Allerheiligen und zu Allerseelen angeklungen. Sie geben eine christliche Antwort auf die Frage, wie es nach dem Tod weitergeht.

In diese Frage verwickeln die Sadduzäer Jesus. Sie treten allerdings mit der Auffassung an ihn heran, dass es Auferstehung nach dem Tod nicht gebe. In einem Fallbeispiel, das sehr vom Leben abgehoben ist, wollen sie Jesus dies beweisen. Dabei stützen sie sich auf das Gebot der Leviratsehe, das vorsieht, dass ein Bruder einspringen muss, wenn sein verstorbener Bruder mit der nun zur Witwe gewordenen Frau keine Kinder gezeugt hat. Der Bruder ist verpflichtet, seinem verstorbenen Bruder subsidiär Nachkommenschaft zu erzeugen. Wo führt das ihrer Meinung nach hin, wenn es die Auferstehung gäbe?

Es ist offensichtlich, dass die Sadduzäer nach dem Tod nichts wesentlich Anderes erwarten als vorher. Ihr Horizont ist allein auf dieses irdische Leben beschränkt; genauso phantasielos und unbeweglich sind sie im Hinblick auf die gesellschaftlich politische Situation ihrer Zeit: Es wäre ihnen am Liebsten, der momentane Zustand bliebe erhalten und sie könnten ihr privilegiertes Wohlleben ungestört weiterführen.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Sadduzäer nicht im Volk verwurzelt sind wie etwa die Pharisäer. Sie sind die Partei der Oberschicht; die tut sich naturgemäß zu allen Zeiten mit revolutionären Änderungen schwer und ihr liebster Zustand ist der für sie günstige Status quo.

Es ist zudem nicht verwunderlich, dass in der Rede der Sadduzäer Gott kein einziges Mal erwähnt wird. Instinktiv scheinen sie ihn zu meiden, denn er bedeutet Leben und Leben heißt Werden und Vergehen; es heißt Wandlung.

Ihre Anschauung riecht nach Verwesung; sie ist morbid – an den Tod gebunden, der von sich aus kein Leben zulässt!

Wie beantwortet Jesus die Anfrage der Sadduzäer?

Er sagt ihnen, dass sie ihre Überlegung ganz im Rahmen dieser vergänglichen Welt anstellen.

Und dann geht er über diese Welt hinaus in die Welt Gottes. In ihr leben zu dürfen, ist eine Würde, ein Geschenk, das Gott in der Auferstehung verleiht: Es ist ein Leben, den Engeln gleich und ein Leben als Kinder Gottes. Was ist den Engeln und den Kindern Gottes vor allem zu eigen? Was verbindet die beiden? Die völlige Hinordnung auf Gott! Und Gott ist Leben und der Quell allen Lebens. In Gott gibt es keinen Tod. Und alle, die auf Gott hin leben, leben von seinem Leben. Darum kann Gott nur ein Gott von Lebenden und nicht von Toten sein.

Diese Hinordnung auf Gott sehen wir im Leben der Väter Israels: Abraham, Isaak und Jakob! Das bereitet sie für das Geschenk der Auferstehung nach ihrem Tod. Wir bemerken die Verbindung zwischen dem Leben hier auf Erden und dem Leben der Auferstehung nach dem Tod. Wir haben auf Grund eines guten Lebens zwar kein Recht auf die Auferstehung – jedoch dürfen wir begründete Hoffnung haben, kraft der Auferstehung am Leben Gottes teilnehmen zu dürfen.

In dieser Hoffnung lebten die Mutter und ihre Söhne, die in der 1. Lesung (2Makk 7:1-14)  auf grausame Weise umgebracht wurden, weil sie sich weigerten, ein göttliches Gebot zu übertreten. In dieser Hoffnung konnten sie mutig die Qualen des Martyriums ertragen. Anders als die Sadduzäer haben sie nicht über die Auferstehung geredet – sie haben aus der Hoffnung auf die Auferstehung gelebt!

Wenn wir Christen nun bedenken und glauben dürfen, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat als den ersten von vielen Geschwistern, dann dürfen wir eine noch viel größere Hoffnung haben, aufgrund der Taufe und unserer Zugehörigkeit zu Christus mit ihm auferstehen und in Gott leben zu dürfen.

Im Tagesgebet haben wir es so ausgedrückt: Allmächtiger und barmherziger Gott, wir sind dein Eigentum und du hast uns in deine Hand geschrieben. Wir sind zum Leben berufen und dem Tod ist der Stachel gezogen. Fortan bestimmt unser Leben nicht mehr die Furcht vor dem Tod sondern die Freude am Leben mit Gott! Amen!