Mittwoch, Juli 27, 2011

Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?



 


Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 14: 13 – 21

In jener Zeit,
13als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach.
14Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.
15Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen, und es ist spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.
16Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
17Sie sagten sie ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.
18Darauf antwortete er: Bringt sie her!
19Dann ordnete er an, die Leute sollen sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten,
20und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll.
21Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.



„Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?
All das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.“ (Röm 8:35.37) So haben wir eben in der 2. Lesung aus dem Römerbrief gehört.

Im Evangelium wird uns diese tröstliche und ermutigende Wahrheit anschaulich und ergreifend vor Augen geführt. Und zwar in zweierlei Hinsicht.

Da ist zum einen die Bedrängnis, in die Jesus geraten ist durch die Nachricht von der Ermordung Johannes des Täufers. Wenn schon seinem Vorläufer so schlimmes widerfährt, was wird dann erst ihm blühen? Es ist menschlich nur zu verständlich, dass es Jesus in die Einsamkeit und in das Alleinsein gezogen hat, damit er sich mit dieser Frage auseinandersetzen kann. Dabei wissen wir aus anderen Stellen, dass Alleinsein für Jesus Beisammensein mit dem Vater im Gebet bedeutet.

Die Leute merkten das Bestreben Jesu, wussten aber wohl nicht, warum es Jesus in die Einöde gezogen hat.

Als Jesus nun aus dem Boot stieg und die vielen Menschen sah, die ihn in der einsamen Gegend empfangen haben, dachte er nicht bei sich: Oh Gott, diese lästigen Leute, habe ich denn vor denen überhaupt keine Ruhe? So hätte Jesus nur an sich selber gedacht.

Vielmehr hören wir, dass Jesus Mitleid mit den Menschen hatte und die Kranken heilte, die bei ihnen waren. Wir sehen, wie die Not, die Jesus erleidet, ihn nicht von den Leuten trennt, weil er sie von Herzen liebt.

Diese Zeilen habe ich während einer Zugreise geschrieben in der Hoffnung dabei ungestört zu bleiben. Doch wie dann zwei liebe Mitreisende mir gegenüber Platz genommen haben, hatte auch ich Gelegenheit, nach Jesu Vorbild, meine Predigtausarbeitung zu unterbrechen, sie zurückzustellen und mich angeregt mit ihnen zu unterhalten, bis sie ausgestiegen sind. Dabei wurde manches zurechtgerückt, neue Sichtweisen eröffnet, gemeinsam Freude aus dem Glauben erlebt, Trost und Ermutigung vermittelt.

Auch die Kirche ist aufgerufen, es ihrem Meister gleich zu tun. Sie darf sich nicht von ihrer eigenen Not auffressen und den Menschen wegnehmen lassen. Sie muss mitten in ihren Problemen offen bleiben für die Menschen, die von ihr zu Recht eine Heilsbotschaft in Wort und Tat erwarten. Und es ist dies nicht ihre eigene Botschaft sondern die von Jesus. Und die Probleme, die die Kirche hat, werden durch die beharrliche Verkündigung von Jesu Botschaft gelöst. Von ihren Krankheiten wird sie nicht durch Nabelschau sondern durch ihren Verkündigungsdienst und ihr Heilswirken an den Menschen geheilt. Der Arzt der Kirche ist Jesus selber in den Menschen, zu denen sie gesandt ist.

Zum anderen ist da nun die Not der Menschen, dass sie Hunger und nichts zu essen haben. Auch hier droht die Trennung von Jesus, denn die Jünger empfehlen Jesus: „Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.“ (Mt 14:15b) Aber auch hier lässt es Jesus nicht zu, dass die Leute ihrer Not wegen von ihm getrennt werden. Es ist schon interessant: Die Jünger empfehlen Jesus, die Leute wegzuschicken; Jesus fordert sie im Gegenzug auf, beizutragen, dass sie bei ihm bleiben können: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Ihr armseliger Beitrag spielt keine Rolle; wichtig ist, dass es ihr Beitrag ist – alles, was sie vermögen; alles, was sie haben. Das sollen sie zu Jesus bringen. Mehr ist nicht erforderlich. Das Wenige wird von Jesus im Aufblick zum Himmel und im Lobpreis zu einer Gabe, die mehr als reicht, um den Hunger der Leute zu stillen.

Auch hier wieder eine Botschaft an die Kirche: Nicht das Wenige angesichts übergroßer Not beweinen und dabei entmutigt und verzweifelt werden sondern sich mit dem Wenigen zusammentun mit Jesus und so durch das Tor des unbedingten Vertrauens hineintreten in die unvorstellbare Fülle der Liebe und des Segens Gottes, der auch uns beistehen und uns Tag für Tag seine Liebe erweisen will durch Christus, unseren Herrn! Amen!

Samstag, Juli 23, 2011

Der verborgene Schatz




Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 13: 44 – 46


In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge:
44Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.
45Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte.
46Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.






In den beiden eben gehörten Gleichnissen sagt Jesus einiges aus über das Himmelreich: Etwa, dass es eine verborgene Größe ist; dass es verborgen ist in Alltäglichem; dass es Freude bereitet; dass es einem einerseits zufällt dass es aber andererseits auch gesucht werden kann; dass es anregt, mit Freude alles dafür herzugeben, was einer besitzt; dass jegliches Hergeben für dieses Himmelreich ein absoluter Gewinn ist.

Das Himmelreich ist eine Größe, die unsere gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen vermag: Unser ganzes Denken, Empfinden, Reden und Tun hat es zum Inhalt und kreist um es – wie die Erde um die Sonne. Und in diesem Kreisen erhalten wir uns am Leben, entfalten wir uns; vergehen wir in ein neues Werden; werden wir hinein ins Vergehen. In diesem Lebensprozess wird das Himmelreich in unserem Leben Wirklichkeit – so wie die Sonne Wirklichkeit wird in dem vielfältigen Leben, das erst durch sie auf Erden ermöglicht wird.

Oder schauen wir uns selber beim Beten an: da versuchen wir auch mehr oder weniger beständig, alles loszulassen, alles herzugeben, um dann ganz bei dem sein zu können, der uns zum Gebet gerufen und bewegt hat: beim dreifaltigen Gott! Und je lebendiger uns Gott geschenkt wird oder wir ihn finden umso freudiger lassen wir alles zurück, um unsere ganze Aufmerksamkeit Gott schenken zu können.

In diesem Zusammenhang dürfen wir auch das hörende Herz verstehen, um das König Salomon in der ersten Lesung betet. Dieses hörende Herz ist ein ganz waches und aufmerksames Herz auf den Schatz des Himmelreiches. Denn ohne dieses hörende Herz könnte es ja auch passieren, dass wir einen Schatz entdecken – aber in unserer Blindheit gar nicht wahrnehmen, dass wir eben einen Schatz entdeckt haben. Im hörenden Herz können wir die hellwache Aufmerksamkeit für den Schatz des Himmelreiches wieder erkennen.
So könnte es mir passieren, dass ich im „Acker“ meiner Predigvorbereitung einen Anruf bekomme und mich ohne hörendes Herz innerlich errege über diese lästige Störung. Das hörende Herz hingegen lässt mich in der anrufenden Person den Schatz erkennen, den ich im Ackerboden meiner Predigtvorbereitung entdecken darf. Alles, was ich besitze, verkaufen, um diesen Schatz zu erwerben heißt dann, mit ganzer Hingabe dieser Person am Handy zu begegnen, ihr zuzuhören, mit ihr zu sprechen und ihr so freudig meine Zeit und meine Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist klar, dass es nicht immer auf den ersten Blick gelingt, derartige Schätze im Acker unseres Alltages zu entdecken; aber wir sind schon dankbar, wenn es auf den zweiten, dritten.... Blick möglich ist.

Bereits im Tagesgebet wurden wir ja auf die eben angedeutete Gefahr aufmerksam gemacht, indem wir dort gebetet haben, Gott möge uns helfen, die vergänglichen Güter so zu gebrauchen, dass wir die ewigen nicht verlieren. Mit den ewigen Gütern ist der Schatz gemeint; mit den vergänglichen Gütern der Acker, in dem der Schatz des Himmelreiches verborgen liegt. Fatal wäre es, erblindet das Ewige für das Vergängliche und das Vergängliche für das Ewige zu halten; Gott bewahre uns vor dieser Verkehrung der Werte, die ja so viel Unheil über uns bringt.

Und vergessen wir nicht, dass der Mann im Evangelium, den Acker gekauft hat, in dem der Schatz verborgen war. Er hat den Acker um des Schatzes willen geschätzt. Gerade so müssen auch wir den Acker unserer Alltäglichkeit schätzen lernen um des Schatzes des Himmelreiches willen, der in ihm verborgen liegt.

Mit einem hörenden Herzen gelingt es uns, den Alltag so zu leben, dass wir aufmerksam bleiben auf den Schatz des Himmelreiches, den Gott dort für uns verborgen hat und den er uns in verschiedener Schönheit je und je schenken möchte.

Und schließlich gehört zum Himmelreich ja nicht der Schatz allein sondern neben dem Acker ja auch das Finden, das sich darüber Freuen, das alles Verkaufen, das Ausgraben. Alles zusammen macht das Himmelreich aus. Unser Christsein sollte recht eigentlich eine Schatzgräberexistenz sein: Hellwach und mit lebendigem Interesse unterwegs sein und bleiben auf der Suche nach dem Schatz, der im Acker unseres Alltages verborgen ist. Amen!

Sonntag, Juli 17, 2011

Beides wachsen lassen!



Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 13: 24 - 43
In jener Zeit
24erzählte Jesus der Menge das folgende Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.
25Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.
26Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.
27Da gingen die Knechte zum Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Weizen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?
28Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?
29Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.
30Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich zu den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündeln, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.
31Er erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte.
32Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hoch gewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.
33Und er erzählte ihnen noch ein Gleichnis: Mit dem Himmelreiche ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war.
34Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge durch Gleichnisse; er redete nur in Gleichnissen zu ihnen.
35Damit sollte sich erfüllen, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund und rede in Gleichnissen, ich verkünde, was seit der Schöpfung verborgen war.
36Dann verließ er die Menge und ging nach Hause. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker.
37Er antwortete: Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn;
38der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen;
39der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel.
40Wie nun das Unkraut aufgesammelt wird und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Welt sein:
41Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben,
42und werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.
43Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!







Welch schönes Bild von seiner inneren Einstellung zeichnet Jesus uns heute im Gleichnis vom Unkraut im Weizen! Die Geduld des Herrn, der seinen Feind gewähren lässt, erinnert an die Sanftmut Jesu. Sie spiegelt Gottes Barmherzigkeit wider, der seine Sonne über Gute und Böse aufgehen und es über Gerechte und Ungerechte regnen lässt, weil er hofft, dass sich die Bösen und Ungerechten doch noch bekehren (Mt 5:45) (vgl. Grilli, Langner 219)

Diese Geduld des Herrn benötigen wir alle überaus; denn wer könnte von uns sagen, in ihm sei nur Gutes und überhaupt nichts Böses? Oft genug werden wir vielmehr mit dem Bösen im eignen Leben konfrontiert und sind dann heilfroh um das Erbarmen, die Güte und die Langmut des Herrn!

Die führt zu einem weiteren Gedanken im heutigen Evangelium: Zur weisen Entscheidung, das Unkraut nicht gleich auszureißen, weil wir sonst zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen ausreißen könnten. Es ist wichtig, dem Bösen und dem Guten die nötige Zeit zu schenken, die es braucht, um sich auszuwachsen, damit schließlich das Gute und das Böse offenbar werden können.

Der Satan hat in der Wüste ja auch versucht, Jesu Vertrauen in Gott zu erschüttern, indem er Jesus aus der hl. Schrift vorgelesen hat. Andererseits wurde auch das Handeln Jesu missverstanden, wenn ihm die Pharisäer den Vorwurf machen, er treibe mit Beelzebul die Dämonen aus (Mt 12:24) Das weist hin auf eine Ähnlichkeit des Handelns. Und erst ein genaueres Hinsehen lässt erkennen, ob Satan oder Gott am Werk ist. (vgl. Grilli, Langer 218)

Bei uns ist es da oft nicht anders: Wir können nicht gleich auf Anhieb sagen, welcher Geist hinter den Anregungen steckt, die uns bewegen. Es bedarf da des geduldigen Abwartens, des genaueren Hinsehens, des sorgfältigen Abwägens und Prüfens der Geister in uns und um uns herum. Auf den ersten Blick gleichen also die Botschaft und das Handeln des Feindes dem Himmelreich und nur bei genauerem Hinsehen lässt sie sich davon unterscheiden.

Woher diese Geduld und diese Weisheit des Herrn kommen wird im Gleichnis angedeutet. Denn auf die Frage der Knechte, woher denn das Unkraut kommt, antwortet der Herr: Das hat ein Feind von mir getan. Der Herr weiß also um seinen Feind und um sein unheilvolles Wirken. Dieses Wissen bedeutet Macht; die erste Lesung spricht ganz offen davon: „Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit, und deine Herrschaft über alles lässt dich gegen alles Nachsicht üben.“ (Weish 12:16) Und dann 2 Verse später: „Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht; denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst.“ (Weish 12:16) Und diese Macht des Herrn kommt dann ja auch im Gleichnis zum Vorschein, wenn er zur Zeit der Ernte zuerst das Unkraut sammeln und in Bündeln binden und verbrennen lässt. (Mt 13:30)

Diese anfänglich verborgene Machtfülle des Herrn ist sehr wichtig für unseren Umgang mit dem Bösen in unserem Leben und in unserer Welt. Sie will uns die Angst nehmen und uns so befreien für die Haltung der barmherzigen Langmut sowie der Weisheit. So angstfrei sind wir in der Lage, unsere Aufmerksamkeit immer wieder ganz dem Guten zuzuwenden und Sorge zu tragen, dass in uns und um uns herum die gute Saat aufgeht und reift und reichlich Früchte trägt.

Schließlich ist dieses Gleichnis ein Hinweis darauf, wie sich das Reich Gottes in unserem alltäglichen Leben verwirklicht; nicht in wundermächtigen und großartigen Taten sondern in der treuen Aufmerksamkeit auf das Leben in uns und um uns herum; dass wir dieses Leben wahrnehmen, wie es uns geschenkt ist und wie es heranwächst; wie es aber auch gefährdet ist vom Bösen; und dass wir dieses Böse nicht unterschätzen wir uns aber davor auch nicht fürchten, weil wir wissen, unter wessen Schutz wir stehen; wer der Herr unseres Lebens ist und auf welche Ernte wir hin wachsen und in wessen Scheune unser Leben vollendet wird.

Hören wir unter dem Eindruck des Evangeliums vom Unkraut im Weizen noch einmal das Tagesgebet von vorhin: Herr, unser Gott, sieh gnädig auf alle, die du in deinen Dienst gerufen hast. Mach uns stark im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe,
damit wir immer wachsam sind und auf dem Weg deiner Gebote bleiben. Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn! Amen!

Der Samen des Wortes




Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 13: 1 – 23


1An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees.
2Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer.
3Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen.
4Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie.
5Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war;
6als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte.
7Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat.
8Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.
9Wer Ohren hat, der höre!
10Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du ihnen in Gleichnissen?
11Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben.
12Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er hat.
13Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen.
14An ihnen erfüllt sich die Weissagung Jesajas: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen aber nicht erkennen.
15Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden, und mit ihren Ohren hören sie nur schwer, und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile.
16Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören.
17Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.
18Hört also, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet.
19Immer wenn ein Mensch das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt alles weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; hier ist der Samen auf den Weg gefallen.
20Auf felsigen Boden ist der Samen gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt,
21aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall.
22In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum, und es bringt keine Frucht.
23Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.







Am Wort werden wir, was wir sind – so können wir das heutige Evangelium auf einen kurzen Nenner bringen: Ob Weg, oder Fels oder Dornengestrüpp oder guter Boden; Wie wir das Wort vom Reich aufnehmen zeigt unsere Einstellung ihm gegenüber. Das ist gewiss die erste „Frucht,“ die das Wort vom Reich hervorruft: Es deckt unmissverständlich auf, ob wir uns ihm verschließen oder für es offen sind. Ob es uns gleichgültig ist, wir es zurückweisen oder aufnehmen und wie wir es aufnehmen. Das Wort vom Reich wird zum Indikator unserer Gottesbeziehung: Es zeigt an, wer zum Reich Gottes gehört und wer nicht.

Das Wort vom Reich trägt bereits die Frucht in sich – nämlich das Reich Gottes; es ist schwanger davon. Dieses Wort macht sich beim Aussäen auf die Suche nach dem fruchtbaren Boden, in dem es sich entfalten kann. Die Fruchtbarkeit dieses Bodens wird von Jesus durch zwei Worte gekennzeichnet: hören und verstehen. Im Hören dringt das Wort vom Reich in den Menschen ein und im Verstehen kann der Inhalt des Wortes, das Reich Gottes, sich entfalten. Im Verstehen kommt das Hören zur Vollendung. Das Verstehen drückt Einverständnis aus mit dem Reich Gottes. Es bejaht das Reich Gottes. Es signalisiert jene Offenheit, die ein gegenseitiges Durchdringen ermöglicht: Im Verstehen dringe ich ein in das Reich Gottes und zugleich werde ich vom Reich Gottes ergriffen und geformt: Mein Leben wird in seinen Gedanken, Worten und Werken geprägt vom Reich Gottes; das ist schließlich die vielfältige Frucht, die Jesus im Evangelium anspricht.

Im Hören und Verstehen wenden wir und ganz dem Wort vom Reich zu. Wir beantworten so die Zuwendung Gottes zu uns, aus der heraus er uns sein Wort schenkt. Die Zuwendung Gottes zu uns setzt ihrerseits bereits voraus, dass Gott uns Menschen gehört und verstanden hat. Sein Wort ist die Antwort auf unsere Erlösungsbedürftigkeit; die hat er gehört und verstanden und uns in seinem Wort vom Reich genau das mitgeteilt, was unsere Erlösung und Befreiung bewirkt. So versuchen wir im Hören und Verstehen des Wortes vom Reich eben dieses Reich Gottes ganz in uns aufzunehmen wie Gott uns zuvor schon ganz aufgenommen hat und zum Zeichen dafür sein Wort vom Reich uns ins Herz und ins Leben gesät hat.

Es ist unverkennbar, wie Gottes Reich wird im offenen und aufmerksamen Miteinander und Zueinander von Gott und Mensch. Das wird umso deutlicher bei jenen, wo das Wort vom Reich nicht auf fruchtbaren Boden fällt. Es ist das völlige Verschlossensein für das Wort vom Reich zum einen, dann wohl das Hören aber dann das mangelnde tiefere Verstehen zum anderen und schließlich zum dritten das Behindertsein für das Wort vom Reich – anderes hat Vorrang! Dieses fehlende und mangelhafte Offensein für das Wort vom Reich ist tragisch, da doch das Aussäen des Wortes vom Reich auch auf den unfruchtbaren Boden von der Großzügigkeit und vom Wohlwollen Gottes Zeugnis ablegt gerade auch denen gegenüber, die dieses Wort vom Reich eigentlich am nötigsten bräuchten und es doch nicht aufnehmen können.

Diese Tragik spricht Jesus im heutigen Evangelium auch ausdrücklich an. Uns ist sie eine Mahnung, es beileibe nicht als Selbstverständlichkeit zu sehne, dass wir das Wort Gottes hören und verstehen dürfen. Vielmehr soll sie uns bitten lassen, dass wir das Wort vom Reich auch richtig hören und verstehen; dass wir es zudem immer tiefer und umfassender verstehen; und dass wir schließlich in manchen Hinsichten wie Weg, Fels und Gestrüpp für das Wort vom Reich sind – womöglich gerade dort, wo wir uns ganz sicher wähnen, das Wort vom Reich richtig zu hören und ganz genau zu verstehen.

Jesus möchte uns durch das Gleichnis vom Sämann demütig machen, damit wir vor allem Empfangende bleiben und wir begreifen, dass uns mit dem Wort vom Reich schlichtweg alles mitgeschenkt wird: das Hören, das Verstehen, das Fruchtbringen. Nur als rein Empfangende können wir richtig hören und recht verstehen. Nur als rein Empfangende können wir aus dem Hören und Verstehen heraus in rechter Weise Frucht bringen und so mithelfen, dass das Reich Gottes sich entfalten und wachsen kann hin auf seine Vollendung bei der Wiederkunft des Herrn! Amen!

Ruhe bei Jesus



Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 11: 25 – 30

25In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.
26Ja, Vater, so hat es dir gefallen.
27Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.
28Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.
29Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.
30Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.






Mit den Leuten, die sich plagen und schwere Lasten zu tragen haben, meint Jesus im Evangelium jene Menschen, die unter dem jüdischen Gesetzes stöhnen und sich schwer tun mit dessen zahlreichen Vorschriften. Diese Leute lädt Jesus ein; sie sollen zu ihm kommen; er wird ihnen ihre Lasten abnehmen.

Doch tut er dies, indem er ihnen an Stelle des Gesetzesjoches sein eigenes Joch anbietet: das heißt: an Stelle der Lehre des jüdischen Gesetzes sollen sie seine Lehre annehmen – nämlich die Botschaft vom nahe gekommenen Reich Gottes. Dieses Annehmen ist ein Lernprozess. Von jemand lernen bedeutet, bei dem Betreffenden bleiben und mit dem Betreffenden leben.

Jesus lädt ein in seine Nachfolge. Und wenn sie bei Jesus bleiben, werden sie erfahren, dass er nicht streng sondern gütig ist; dass er sie nicht von oben herab sondern von unten herauf behandelt. Sie werden erfahren, dass Jesus sie nicht beherrschen sondern bedienen wird.

Wohlgemerkt: Jesus lädt die Bedrückten nicht in die Gemeinschaft seiner Jünger ein oder in die Gemeinschaft der Kirche – er lädt sie zu sich ein: in die unmittelbare Gemeinschaft mit ihm, von Angesicht zu Angesicht und von Herz zu Herz. Aug in Aug mit Jesus sollen sie von ihm selber geprägt, befreit und gewandelt werden. An der Seite Jesu werden sie lernen, wie er zu leben.

Dies sage ich im Hinblick auf unsere Kirche, die auch ihre Gesetze und Normen hat, mit denen nicht wenige ihrer Mitglieder Probleme haben. Sie werden auch von Jesus eingeladen in seine Nähe, damit sie dort das drückende Joch kirchlicher Gesetze vertauschen mit dem milden Joch, wie Jesus zu empfinden, zu denken und zu handeln.

Jedoch gibt es noch andere, die unter dem Joch kirchlicher Gesetze zu leiden haben – jene nämlich, die diese Gesetze erlassen und bewahren müssen. Ich meine die Hirten unserer Kirche. Es ist ja nicht so, dass sie nach Lust und Laune beliebig Gesetze erlassen und dann wieder aufheben. Sie stehen in der Gesetzgebung in der Verpflichtung Heiliges zu bewahren und zu fördern, indem sie Gesetze erlassen. Sie ringen darum, in den Umständen der Zeit um  jene Bestimmungen, die die Glieder der Kirche auf dem Weg des Lebens Jesu und in der Freiheit der Kinder Gottes bewahren. Gerade ihnen gilt die Einladung Jesu: Kommt zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Denn gerade sie brauchen für ihr schweres Amt die persönliche Nähe Jesu besonders notwendig, damit sie in ihrem Hirtenamt von seiner Güte und seiner demütigen Hilfsbereitschaft lernen. Denn nur in diesen Haltungen können sie in ihrem Dienst als Hirten und Gesetzgeber den Geist Jesu weitergeben.

Es ist an sich schon ein Gütesiegel – und das betrifft alle Menschen und nicht nur die Glieder unserer Kirche – dass da jemand an unseren Mühsalen und an unseren Lasten interessiert ist – und zwar ohne damit Gewinn zu machen und daran zu verdienen!

In der Regel dürfen wir nämlich mit der Not unseres Lebens bei unserem Nächsten nicht landen – wenn der nicht wirklich ein wahrer Freund oder ein liebender Partner meines Lebens ist. Die hören von uns viel lieber, dass es uns problemlos gut geht; unsere Sorgen würden sie in arge Verlegenheit bringen.

Aber Jesus lädt frei weg ein: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.“ Da ist niemand ausgenommen und keine Last ist zu groß oder zu geringfügig, als dass Jesus ihr nicht gewachsen wäre oder sie für Jesus nicht der Rede wert sei. Jeder darf sich angesprochen und gemeint fühlen genau mit der Last, die ihn gerade bedrückt.

Durch die Einladung Jesu wird der verborgene Segen meiner Last deutlich: Sie wird zu etwas, das mich mit Jesus verbindet. Was von den übrigen Menschen sonst trennt – mit Jesus wird ein Band der Gemeinschaft geknüpft gerade durch meine Not hindurch. Jesus möchte, dass meine Last und meine Not mich mit ihm zusammenschweißt. Die Last selber wird so zum Weg, der zum Leben führt; zum Sprungbrett ins Heil; zur Brücke in eine neue Freiheit. Amen!