Mittwoch, November 30, 2011

Bereitet dem Herrn den Weg!


Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1:1 – 8



1Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes:

2Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen.

3Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!

4So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.

5Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.

6Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.

7Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.

8Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.





Wir erinnern uns noch an den Zuruf Jesu am 1. Advent: „Seid wachsam“. (Mk 13:37) Heute wird uns erneut etwas zugerufen: „Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Mk 1:3; vgl. Jes 40:3) Wenn wir uns in die Wachsamkeit für den kommenden Herrn eingeübt haben, werden wir den heutigen Zuruf leichter hören können; denn er hat mit dem Herrn zu tun – näherhin mit dem Weg, auf dem ER kommen möchte.



Wachsam sein auf den Herrn hin heißt wachsam sein für alles, was mit ihm zu tun hat. Das bedeutet, achtsam sein auch auf den Weg, auf dem der Herr entgegenkommen möchte. Aber welcher Weg ist damit gemeint? Johannes der Täufer hilft uns, diese Frage zu beantworten, indem er in der Wüste auftritt und Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden verkündet! (vgl. Mk 1:4) Dadurch wird klar: es handelt sich um meinen Lebensweg! Johannes erdet auf diese Weise das Kommen des Herrn: ER kommt mir entgegen auf meinem Lebensweg; mitten in meinem Leben möchte mir der Herr begegnen. Er möchte sich als Gott der Lebenden erweisen (vgl. Mk 12:27) als der Gott auch meines Lebens!



Wachsamkeit auf das Kommen des Herrn schließt ein die Aufmerksamkeit auf meinen Lebensweg: Ist es ein Weg für mich allein? Oder ein Weg zu anderen, mit anderen, für andere? Ist es ein Weg, von dem der Herr sagen könnte, er sei auch sein Weg? Ist es ein Weg mit dem Herrn, für den Herrn, im Namen des Herrn? Ist mein Lebensweg im Miteinander, Füreinander, Zueinander ein Herrenweg?



Diese Fragen zeigen mir, wie ich dem Herrn den Weg bereiten kann! Diese Wegbereitung ist nun gewiss ein Ereignis, das zuinnerst geschieht zwischen mir und dem Herrn. Es ist ein unverstelltes, ehrliches Dasein vor dem Angesicht Gottes, vor dem kein Geschöpf verborgen bleibt und vor dessen Augen alles nackt und bloß daliegt und dem wir Rechenschaft schulden. (vgl. Hebr 4:13) In wahrer Einsicht in die Unebenheiten meines Lebensweges schenkt mir der Herr Reue, Bereitschaft zu Umkehr und Erneuerung. In der Beichte kann dies beglückende Wirklichkeit werden.

Nun beschränkt sich aber die Bereitung meines Lebensweges für den Herrn nicht allein auf mich und den Herrn! Darum wird gleich angefügt: „Ebnet ihm die Straßen!“ Wir bemerken die Rede in der Mehrzahl; zuvor war nur vom Weg in der Einzahl die Rede! Das will sagen: Die Bereitung meines Lebensweges hilft zugleich anderen ihre Straßen zu ebnen. Was ich oben mit den Fragen zu meinem Lebensweg angedeutet habe, bezeugt Johannes der Täufer durch sein Lebensbeispiel, das er uns im heutigen Evangelium gibt.



Weit davon entfernt, die Ruhe in der Wüste und die Stille eines einfachen Lebens zu genießen in der Einsamkeit mit Gott begibt er sich an den Jordan, predigt Buße und Umkehr, tauft die Menschen und verweist sie auf den Größeren, der nach ihm kommt – auf Jesus Christus, den erwarteten Messias. Es ist unverkennbar, wie er seinen Lebensweg bereitet hat: Durch eine äußerst einfache und elementare Lebensführung.



Die lässt ihn frei werden für den Auftrag, den Gott ihm gibt: Johannes ist frei, diesen Auftrag zu hören, ihn in die Tat umzusetzen und dabei am Boden zu bleiben, nicht überheblich zu werden sondern Jesus alle Ehre zu geben! Und dann können wir lesen, wie Johannes auf diese Weise vielen anderen geholfen hat, ihre Straßen für den Herrn zu ebnen – damals und heute!



Somit hätten wir ein weiteres Ziel für unsere achtsame Wachsamkeit: Das Leben des Täufers und all jener, die wie er ihren Weg für den Herrn bereiten – dies aber nicht für sich behalten sondern als kostbaren Schatz mit andern teilen. Und einmal mehr sehen wir das christliche Leben in seiner vollkommenen Gestalt vor uns: wie es auf beiden Beinen des Betens und des Handelns daher schreitet.



Zum Abschluss noch was Zartes! Warum bemüht Johannes zum Abschluss das Bild vom Aufschnüren der Schuhe Jesu? (Mk 1:7) Ich meine deshalb, weil uns Johannes sagen möchte, dass wir dem Herrn mit solcher Sorgfalt unseren Lebensweg bereiten sollen, dass er ihn ungefährdet barfuss beschreiten kann.



Nach außen mag Johannes einen groben und rauen Eindruck hinterlassen; aber im Grunde seines Herzens war er ein zart liebender Mensch. Aber wie sollte das auch anders sein bei einem Menschen, der seinen Lebensweg so umfassend und so gründlich für jenen Gott bereitet hat, dessen Wesen unbeschreiblich zärtliche Liebe ist. Amen!

Dienstag, November 22, 2011

Seid wachsam!




Aus dem hl. Evangelium nach Markus 13: 33 – 37


In jener Zeit, sprach Jesus zu seinen Jüngern:
33Seht euch also vor, und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.
35Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.
36Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.
37Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!








Vom Schlafe aufzuwachen ist das eine, wach zu bleiben und nicht wieder einzuschlafen ist das andere; die Wachsamkeit ist damit gemeint und dazu fordert Jesus seine Jünger auf: „Seht euch also vor und bleibt wach!“ Jesus begründet diese eindringlich Einladung mit ihrer Unwissenheit vom Dasein der Zeit. Was mit diesem Dasein der Zeit gemeint ist verdeutlicht Jesus im Gleichnisbild: Die Zeit ist da, wenn der Hausherr da ist. Um sein Kommen geht es! Mit dem Hausherrn meint Jesus sich selber. Für sein Wiederkommen sollen seine Jünger bereit sein – und das heißt wach sein! Er möchte sie nicht schlafend antreffen! (vgl. Mk 13:36)

Was würde es nämlich bedeuten, wenn sie bei seinem Kommen schlafen? Dass sie nicht auf ihn gewartet hätten! Jesus fordert zu Beginn des Advent von seinen Jüngern die Haltung der Wachsamkeit!

Die Wachsamkeit ist eine innere Gestimmtheit auf Künftiges hin, das jeden Augenblick Gegenwart werden könnte. Christliche Wachsamkeit ist daher ein inneres Ausgespanntsein auf Christus, der jeden Augenblick kommen könnte.

Nun ist diese Haltung nicht nur von der Zukunft bestimmt. Sie wächst aus dem Vergangenen hervor – aus dem Wirken Christi zur Zeitenwende vor über 2000 Jahren. Die wachsame Erwartung Jesu Christi wird genährt von der Erinnerung an sein Heilswirken hier auf Erden, wie es uns die Evangelien berichten.

Es wird außerdem gefördert durch die heiligen Lebenszeichen, in denen Jesus sich seither dauernd jedoch verborgen gegenwärtig setzt; wir nennen diese Lebenszeichen Sakramente. Wachsamkeit auf den kommenden Herrn ist somit zugleich Wachsamkeit auf den gegenwärtigen Herrn, verborgen in der Eucharistie, im Wort der Bibel, in der Gemeinschaft der Kirche, im Nächsten.

Die Wachsamkeit ist wie Dur oder Moll in einem Musikstück; zugleich ist sie wie ein Scanner, der unablässig die Gegenwart abtastet nach dem anwesenden Herrn. Es ist das lebendige, liebende Interesse am Herrn, das die Wachsamkeit für ihn lebendig erhält.

Die Wachsamkeit auf den Herrn ist der Motor unseres christlichen Lebens, in dem die Liebe Gottes in unser Lieben umgewandelt wird. Auch dieser Motor muss gewartet werden: durch das Tun der Liebe, durch die Feier der hl. Messe, durch Buße und Umkehr, durch das Lesen und Hören des Wortes Gottes, durch Gebet als Lobpreis, Dank und Bitte.

Diese Wachsamkeit ist kein selbstverständliches Gut. Sie ist gefährdet durch Angleichung an diese Welt; durch Oberflächlichkeit und Nachlässigkeit in unserer Lebensführung; durch das Versinken in die angewöhnten Bequemlichkeiten eines Lebens, das sich dem Konsum ergeben hat und der öffentlichen Meinung anbiedert. So wird die Wachsamkeit zum Rückgrat eines christlichen Lebens, das aufrecht gehen lässt auch wenn alle anderen gekrümmt gehen. Sie ist das Immunsystem, das vor Verweltlichung als Abkehr von Gott bewahrt.

Die christliche Wachsamkeit ist nicht nur eine Bemühen um beständige Aufmerksamkeit auf den Herrn in den Weisen seines Entgegenkommens; sie weiß auch um all die eben erwähnten Gefahren und nimmt die Mühen und das Leiden auf sich, ihnen zu widerstehen. Sie weiß, dass dies zum Kreuzweg eines christlichen Lebens dazugehört und dass sie in der Auseinandersetzung mit diesen Gefahren reifen und wachsen wird.

Der wachsame Christenmensch gleicht einem Einsamen, der sein Boot über den See rudert; es stürmt, die Wellen gehen hoch und am finsteren Himmel leuchtet nur ein Stern. Auf diesen einsamen Stern fixiert der Bootsmann seine Augen und rudert und rudert durch den nächtlichen Sturm und sagt sich: „Wenn ich den verliere bin ich verloren!“

Er macht es wie G. Campbell Morgan, ein englischer Prediger. Der sagte: „Ich beginne mein Tagwerk nie ohne daran zu denken, dass der Herr kommen und mein Werk unterbrechen könnte um mit dem seinen zu beginnen. Ich warte nicht auf den Tod; ich warte auf IHN!“ Wir hören aus diesem Zeugnis den Psalmbeter heraus: "Gott, du mein Gott, dich suche, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib, wie dürres lechzendes Land ohne Wasser." (Ps 63:2)

Wir dürfen im Hinblick auf die Gnade christlicher Wachsamkeit mit dem Apostel vertrauen, dass uns keine Gnadengabe fehlen wird, während wir auf die Offenbarung Jesu Christi, unseres Herrn warten! (vgl. 1Kor 1:7) Er sei gepriesen in Ewigkeit! Amen!

Mittwoch, November 16, 2011

... das habt ihr mir getan




Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 25: 31 – 46

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
31Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.
32Und alle Völker werden von ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.
33Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.
34Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Erde für euch bestimmt ist.
35Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen;
36ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
37Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben?
38Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?
39Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
40Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.
41Dann wird er sich an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!
42Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;
43ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.
44Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?
45Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.
46Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.







„Am Ende unseres Lebens werden wir nach der Liebe beurteilt“ Dieses Wort unseres Ordensvaters Johannes vom Kreuz wird durch die Erzählung vom Endgericht in großartiger Weise entfaltet. Was beurteilt wird, ist allein die Liebe, die getan oder verweigert wird. Da spielt kein religiöses Bekenntnis eine Rolle, keine Zugehörigkeit zu einem Volk, einer Gruppe, einem Verein; keine Befindlichkeit welcher Art auch immer. Allein die Liebe zählt, die sich in Werken der Barmherzigkeit geäußert hat.

Wie klar stellt Jesus heraus, dass es nicht um das Gefühl sondern um das Tun der Liebe geht. Und wie deutlich wird, dass der Dienst am Nächsten um des Nächsten willen gemeint ist. Es ist daher auch zweitrangig, ob im Nächsten nun der Herrn gesehen wird oder nicht: Die Leute im Gleichnis haben ihn nicht gesehen in den Bedürftigen – dennoch haben sie geholfen; sie haben den Nächsten in seiner Not gesehen; das genügte ihnen zum Helfen – und das lässt sie die Einladung des Weltenrichters vernehmen: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Erde für euch bestimmt ist.“ (Mt 25:34)

Diejenigen hingegen, die die Not wendende Liebe verweigert haben, müssen sich anhören: „Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!“ (Mt 25:41) Das beklemmende dabei: sie haben eigentlich nichts Böses getan – sie haben „bloß“ das Gute unterlassen; sie begehen durchwegs Unterlassungssünden! Der Herr verweigert sich denen, die sich den Notleidenden verweigert haben.

Durch das Hören dieser Erzählung soll nicht nur unsere Aufmerksamkeit geschärft werden für die Not unserer Mitmenschen sondern vor allem die Bereitschaft, der Not abzuhelfen, indem wir die Werke der Barmherzigkeit tun – der leiblichen und der geistigen.

In diesem Sinne lesen wir im Katechismus 2447: "Die Werke der Barmherzigkeit sind Liebestaten, durch die wir unserem Nächsten in seinen leiblichen und geistigen Bedürfnissen zu Hilfe kommen (vgl. Jes 58:6-7; Hebr 13:3). Belehren, raten, trösten, zurechtweisen sowie vergeben und geduldig ertragen und für die Lebenden und Toten beten sind die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit. Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit sind: die Hungernden speisen, den Dürstenden zu trinken geben, Obdachlose beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen und Tote begraben (vgl. Mt 25: 31-46). Unter diesen Werken ist das Almosenspenden an Arme (vgl. Tob 4:5-11; Sir 17:22) eines der Hauptzeugnisse der Geschwisterliebe; es ist auch eine Gott wohlgefällige Tat der Gerechtigkeit (vgl. Mt 6:2-4)

Das heutige Evangelium ist außerdem eine unschätzbare Hilfe für die rechte Einschätzung unserer Liebe. Es hält uns deutlich vor Augen, dass wir nur eine Liebe haben und wir nicht zugleich Gott lieben und Mitmenschen verachten können. Unsere hl. Mutter Teresa bemerkt ganz richtig, dass wir nie genau wissen können, ob und wie wir Gott lieben; sehr genau können wir jedoch erkennen, ob und wie wir den Nächsten lieben. Darum ist unsere Liebe zum Nächsten auch der Maßstab für unsere Liebe zu Gott! Und genau dies sagt auch das heutige Evangelium: Die Liebe, die wir dem bedürftigen Nächsten erweisen, die erweisen wir Gott!

Will ich also erkennen, ob und wie sehr ich Gott liebe muss ich nur nachschauen, ob und wie sehr ich meinen Nächsten liebe. Oder umgekehrt: So sehr ich den Nächsten liebe so sehr liebe ich auch Gott – nicht mehr und nicht weniger; wenn ich meinen Nächsten verachte, verachte ich auch Gott; wenn ich meinem Nächsten zürne, zürne ich auch Gott.

Wenn wir uns das auf der Zunge zergehen lassen, könnten wir mutlos werden. Jedoch ist dies nicht das Ziel des heutigen Evangeliums. Es will uns vielmehr zu einer nüchternen, realistischen Bestandsaufnahme unserer Liebe verhelfen, damit wir uns gerade in diesem wesentlichen Bereich unseres christlichen Lebens nichts vormachen.

Wie immer diese Bestandsaufnahme auch ausfallen mag – ich darf auf jeden Fall auf den Herrn blicken, der mir selbst als Weltenrichter noch als guter Hirt entgegenkommt, der sich selber um seine Schafe kümmert, der die verloren gegangenen Tiere sucht, die vertriebenen zurückbringt, die verletzten verbindet, die schwachen kräftigt, die fetten und starken behütet. (vgl. Ez 34:16) Es ist so trostreich, dass alles in meinem Leben bei diesem Herrn in besten Händen ist. Amen!

Mittwoch, November 09, 2011

... und vertraute ihnen sein Vermögen an


 
Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus 25: 14 – 30

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis:
14Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an.
15Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab.
16Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu.
17Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu.
18Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld des Herrn.
19Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.
20Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.
21Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
22Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen.
23Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
24Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast;
25weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.
26Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe.
27Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.
28Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!
29Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.
30Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.








Der Mann im Evangelium muss von seinen Dienern eine hohe Meinung gehabt haben, dass er ihnen gleich sein ganzes Vermögen anvertraut und dann zudem noch auf Reisen geht und zwar nicht etwa nur kurz sondern lange Zeit! Er scheint sein Vermögen in besten Händen zu wissen. Dass er seine Diener gut kennt geht daraus hervor, dass er von seinem Vermögen jedem Diener nach dessen Fähigkeiten gibt. Keiner von seinen Dienern ist überfordert mit dem, was sein Herr ihm anvertraut.

Für die Diener hingegen ist dieses Verhalten ihres Herren eine gewaltige Auszeichnung, die sie zu besonderem Eifer und zu besonderer Achtsamkeit im Umgang mit dem Vermögen ihres Chefs angeregt hat. Dies kommt im Gleichnis zum Ausdruck, dass zwei von ihnen sofort beginnen, mit den ihnen anvertrauten Talenten zu wirtschaften. Daran erkennen wir, dass sie das Vertrauen zu schätzen wissen, das ihr Herr ihnen erweist und dass sie den Erwartungen entsprechen möchten, die der Herr in sie hat.

Das Lesen/Hören dieses Gleichnisses möchte meine Aufmerksamkeit zum einen auf mich selber lenken und mir meine Talente in Erinnerung rufen: meine Begabungen, meine Fähigkeiten, meinen Besitz auf den verschiedenen Ebenen. Das alles ist nicht mein Eigentum sondern Vermögen, das dem Herrn gehört, der es mir so anvertraut hat, dass ich damit nicht überfordert bin. Er möchte, dass ich so damit umgehe, dass sich sein Vermögen unter meinen Händen vermehrt – in einem Zeitraum, der dazu mehr als ausreicht, denn der Herr kehrt erst nach langer Zeit zurück. Und dass ich darüber demselben Herrn Rechenschaft werde ablegen müssen.

Alles ist in diesem Gleichnis darauf ausgerichtet, dass ich die lange Zeit bis zur Rückkehr des Herrn damit verwende, sein mir anvertrautes Vermögen möglichst zu vermehren. Der Herr selber ist zwar nicht anwesend; jedoch ist er gegenwärtig im Vermögen, das er in meine Hände gelegt hat: Aus diesem Vermögen heraus spricht er zu mir, dass alles, was ich habe sein Eigentum ist; dass er mir sein Vermögen gegeben hat, weil er mir vertraut und große Stücke auf mich hält; dass er mich mit dem mir Anvertrauten nicht überfordert sondern mich durch und durch kennt und genau weiß, was ich kann und was nicht; dass ich schließlich diesem Herrn Rechenschaft ablegen darf, der mir in Hochschätzung Großes anvertraut hat; dass diese Wertschätzung dann auch bei der Rechenschaft maßgeblich sein wird. So wie mein Herr darf auch ich groß von mir denken!

Dies alles will Leistungsdruck in mir erst gar nicht aufkommen lassen; ich darf unbekümmert und frei mit dem wirtschaften, was mir gegeben wurde. Das wird daraus ersichtlich, dass der Herr in der Belohnung zwischen dem ersten und zweiten Knecht keinen Unterschied macht: Beide sind tüchtige und treue Diener; beide waren im Kleinen treue Verwalter; beiden wird eine große Aufgabe übertragen; beide dürfen schließlich teilnehmen an der Freude ihres Herrn! Ich brauche also nicht auf meinen Nächsten schielen: Wie viel hat der schon? Wie weit ist der schon? Ich darf ganz bei mir bleiben und bei dem, was mir gegeben wurde. Für Brotneid und Konkurrenz ist kein Spielraum.

Die heutige Gleichnisrede möchte mich dazu bewegen, mit neuer Wertschätzung auf mich und mein Leben zu blicken und mit Dankbarkeit, Freude und Hingabe mein Leben so zu gestalten, dass es zu einem Reichtum und zur Freude für den Herrn wird.

Zum anderen möchte die Begegnung mit der heutigen Gleichnisrede mir sagen, dass die Menschen neben und mit mir in ihrer Andersheit ebenfalls talentiert sind und mit mir von ein und demselben Herrn her und auf ihn hin leben. Die Wertschätzung wird sich also von mir auf meine Mitmenschen erstrecken.

So möchte uns zum dritten das heutige Gleichnis davor bewahren, in die törichte Haltung des unnützen Knechtes zu verfallen. Mit ihm gibt sich der Herr am meisten ab, um uns zu sagen, dass das irrationale Verhalten dieses Knechtes eine drohende Gefahr für jeden von uns sein könnte.

Dieser Gefahr widerstehen wir, wenn wir bedenken, was wir im Tagesgebet vorhin gerade gesprochen haben: Dass Gott nämlich der Urheber von allem Guten in unserem Leben ist und dass er unser Herr ist. Dass sein Wille für unser Leben Freiheit bedeutet und dass der Weg zur vollkommenen Freude durch den treuen Dienst vor seinem Angesicht führt. So gesehen ist das Grundtalent, das er jedem Menschen gibt, er selber. Amen!

Dienstag, November 08, 2011

In vino veritas





Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 15: 1 – 8

1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer.
2 Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.
3 Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe.
4 Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.
6 Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.
8 Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.






In vino veritas! Im Wein die Wahrheit! Dies trifft für das eben gehörte Evangelium vom Weinstock und den Rebzweigen zu, denn es erzählt uns vom Gottes- und Menschenbild im Karmel.

Jesus stellt uns seinen Vater als den Winzer vor. Der Winzer hat den Weinstock gepflanzt und nun pflegt er ihn: „Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.“ (Joh 15:2) Wir haben im Winzer den Gott vor Augen, der die Welt und uns in ihr ins Dasein gestellt hat. Dort überlässt er uns nicht unserem Schicksal sondern kümmert sich um uns. Dieses Kümmern ist ein reinigendes Wirken: Johannes vom Kreuz sieht es in der Schöpfung, in der Gott seine Spur hinterlassen hat, um unsere Aufmerksamkeit von der Anhänglichkeit an sie zu reinigen und hinzulenken auf ihn, den Schöpfer.
Teresa sieht dieses Kümmern Gottes darin, dass er unsere Seele wie eine kristallklare Burg geschaffen hat, in deren innerstem Raum er selber wohnt, um uns von drinnen her in seine Nähe zu ziehen und wir alles lassen, was uns auf diesem Weg in seine Nähe hindert.

So können wir verstehen, wenn der Prophet Elia ausruft: „Es lebt der Herr, in dessen Dienst ich stehe!“ (1Kg 17:1) Und dieses Leben im Dienst des Herrn ist ein leidenschaftliches, unermüdliches Eifern zur Ehre Gottes.

In stiller, verhaltener, einfacher Form kommt dies bei Maria, der Mutter Jesu zum Ausdruck, wenn sie dem Engel antwortet: Siehe ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe, wie du es gesagt hast (Lk 1:38)

Die Leidenschaft, die da in Menschen aufbricht, wenn sie Gott begegnen, gründet in der Leidenschaft Gottes für uns. Eine Leidenschaft so groß, dass sie Eifersucht wird. Diese Kraft treibt Gott dazu, sich selber uns anzugleichen. Er tut dies in seinem Sohn, den er zum Weinstock macht, an dem wir als Reben hängen. Sehr schön wird so das Geschehen der Menschwerdung Gottes angezeigt. Leidenschaftliche Liebe bewegt Gott, uns ganz nahe zu sein, ja, in uns selber zu sein und zu bleiben. Er möchte in uns wohnen.

Elisabeth von der Dreifaltigkeit, an deren Gedenktag ich diese Predigt geschrieben habe, ist auch eine von diesem leidenschaftlichen Gott Bewohnte: „Das Auge ihrer Seele, offen in klarem Glauben, entdeckt ihren Gott gegenwärtig, lebendig in ihr; sie ihrerseits verweilt gegenwärtig bei Ihm in herrlicher Einfachheit.“

Wir sehen, wie wunderbar Gott uns Menschen geschaffen hat: er hat uns zur Gemeinschaft mit ihm geschaffen; fähig, ihn gläubig wahrzunehmen – nicht nur um uns sondern gerade auch in uns selber, inmitten unseres Wesens. Das war das Ziel, als er uns Menschen nach seinem Abbild und ihm ähnlich geschaffen hat. (vgl. Gen 1:26) So ist die schönste Begabung von uns Menschen unsere Gottfähigkeit.

Wie bereits ersichtlich geworden ist diese Begabung kein bloß passives Erkennen Gottes in uns. Es ist ein bewegendes Erkennen: Denn es erkennt Gott nicht nur in mir sondern auch im anderen Menschen und dieses Erkennen bewegt mich zum Tun in Liebe. Es bewegt, Gott zu lieben mit ganzem Herzen und den Nächsten wie sich selbst. (vgl Mt 22:37parr.) Gottfähigkeit zeitigt ihre schönste Frucht in der Liebesfähigkeit.

Unsere Beziehung zu Gott und unsere Bezogenheit auf ihn hin ist ein verschüttetes Gut. Das auszugraben ist Gott in Jesus als Mensch zu uns gekommen. Durch Tod und Auferstehung hindurch hat er uns jene Freiheit geschenkt, die uns die Würde unserer Gotteskindschaft erkennen lässt. Seither sind wir unterwegs, immer tiefer in das Geheimnis Gottes und zugleich in unser eigenes Geheimnis einzudringen. Diesen Weg geht Gott mit in freundschaftlich, väterlicher Verborgenheit. Es ist ein Weg aus dem Dunkel ins Licht. Es ist ein Weg der Läuterung und zunehmender Befreiung.

Uns Karmeliten bietet sich dieser Weg dar in ausgewogener Zweigestaltigkeit als Weg des Gebetes und der Pastoral. In beiden Gestalten dieses Weges geht es dabei um die möglichst vollkommene Ausrichtung auf Gott zum einen und um die konkrete Ausgestaltung in Raum und Zeit zum anderen. Das Maß für dieses Ausgestaltung von beidem geben uns Regel und Konstitutionen sowie die konkreten Umstände vor. Es sind die zwei Beine unseres Karmellebens die uns ein fruchtbares Vorankommen ermöglichen, wenn das eine nicht über das andere stolpert.

Im mutigen und kraftvollen Ausschreiten sind wir Reben am Weinstock: Wir bleiben im Herrn und der Herr bleibt in uns; und so in IHM können wir reichlich Frucht bringen! Amen!

Samstag, November 05, 2011

Außer den Lampen Öl in Krügen


 
Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 25: 1 – 13

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis:
1Mit dem Himmelreich wird es sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.
2Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug.
3Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl,
4die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit.
5Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein.
6Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!
7Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht.
8Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus.
9Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht.
10Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal, und die Tür wurde zugeschlossen.
11Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach und auf!
12Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.
13Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.




Bei diesem Evangelium muss ich an eine Frau in einer meiner früheren Pfarren denken, die sich ärgert über die klugen Jungfrauen, weil die ihr Öl nicht teilten mit den törichten. Hätten die ihr Öl geteilt, hätten auch die törichten mit dem Bräutigam in den Hochzeitssaal einziehen können, meint sie.

Warum hat Jesus die klugen Jungfrauen ihr Öl nicht teilen lassen? Weil es bei diesem Öl um eine Haltung geht, die nur jede für sich selber erwerben kann. Diese Haltung kann sie für keine andere einnehmen. Mit dieser Haltung ist die Bereitschaft gemeint, für den Bräutigam bereit zu sein, wenn er kommt. Diese Bereitschaft weiß nicht, wann er kommt; aber sobald er kommt, ist sie bereit, ihn zu empfangen und mit ihm zu gehen. Das Öl, das die klugen Jungfrauen in Krügen mitnehmen ist also die unbedingte Bereitschaft, für den Bräutigam da zu sein, mag er kommen wann immer er will. Der Atem dieser Bereitschaft reicht über das eine oder andere Nickerchen im Verlauf des Wartens hinaus bis zu jenem Zeitpunkt, an dem man ruft: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! (Mt 25:6) Zu diesem Zeitpunkt ist diese kluge Bereitschaft voll für den Bräutigam da und nur mehr für ihn und sonst für niemand mehr!

Die dieses Öl in Krügen nicht haben, bei denen also diese Bereitschaft fehlt, die sind dann eben nicht da, wenn der Bräutigam kommt; die sind dann woanders, z.B. bei den Händlern. (Mt 25:10)

Ob ich dieses Öl in Krügen mithabe, das die Zeit des Wartens und das Einnicken in dieser Zeit überdauert, hängt doch wohl damit zusammen, wie sehr ich am Bräutigam interessiert bin, wie sehr ich ihn liebe. Diese Liebe lässt mich das Entgegengehen dem Bräutigam so gestalten, dass ich ihn zuletzt auch antreffe, wenn er kommt; oder umgekehrt, dass er mich antrifft, wenn er kommt – bereit mit ihm zur Hochzeit zu gehen. Diese Liebe lässt mich möglichst alle Eventualitäten auf dem Weg des Entgegengehens bedenken – vor allem auch die, dass der Bräutigam sich unter Umständen verzögern und später kommen könnte. Wie bedeutsam dieses umsichtige Handeln war, erweist sich an der Bemerkung, dass der Bräutigam nun tatsächlich lange nicht kam.

Wir können bemerken, dass in den Überlegungen, wie ich meinen Weg zur Begegnung mit dem Bräutigam gestalte, der Bräutigam selber schon anwesend ist, nämlich in meinen Wunsch, ihn ja nicht zu versäumen und auf jeden Fall für ihn gerüstet zu sein, wenn er kommt. Diese Haltung rechnet zugleich, dass der Bräutigam jederzeit kommen kann; jeden Augenblick bin ich für sein Kommen vorbereitet. In dieser wachsamen Erwartung des Bräutigams lebt die kluge Jungfrau jeden Augenblick in der Gegenwart ihres Bräutigams; sie nimmt seine Ankunft in ihrer wachen Erwartung jeden Augenblick vorweg.

In dieser Gleichnisgeschichte sollen wir uns selber wiederfinden, wie wir Jesus erwarten; wie wir uns auf seine Wiederkunft vorbereiten. Auf dem Weg hin zur Begegnung mit dem wiederkommenden Herrn können auch wir das Öl für unsere Lampen in Krügen mittragen: es sind dies jene Gelegenheiten, seiner zu gedenken, die der Herr selber uns gegeben hat: im Sakrament des Nächsten; im Sakrament der Eucharistie; im Gebet, das uns in seine Gegenwart führt; in Wort des Evangeliums, in dem wir seine Stimme hören.

Das ist die Ölspur, die uns sicher zu ihm kommen lässt und die uns bestens auf sein Kommen vorbereitet; denn sie richtet unsere Aufmerksamkeit immer wieder auf ihn und sofern wir dieses Öl in unseren Krügen sammeln, wird es uns zur Gewohnheit, jederzeit mit seinem Kommen zu rechen, da es uns zur Gewohnheit wird, in seine Gegenwart zu kommen und dort zu bleiben. Mögen wir dann wachen oder schlafen – wir gehören dem Herrn! (vgl. Röm 14:8)

Gewiss, diese Gegenwart des Herrn erleben wir vorerst im Glauben, der aus der Liebe genährt wird und der als vollkommene Frucht schließlich schenkt, dass wir den Herrn schauen dürfen von Angesicht zu Angesicht. (vgl 1Joh 3:2)

Wenn wir in der Erwartung schon möglichst ganz dem Herrn gehören möchten, noch bevor er kommt – wen wundert es da, dass dieser Herrn, wenn er dann kommt, ganz uns gehören möchte, damit wir mit ihm das Freudenfest der Hochzeit feiern.

Fragen wir uns selber nur möglichst oft: Was, wenn der Herr jetzt käme? Wäre ich bereit für ihn? Könnte ich alles liegen und stehen lassen, um ganz für ihn da zu sein? Der Herr schenke uns jene Freude an seiner Gegenwart, die uns ganz für ihn öffnet, wenn er dann schließlich kommt. Amen!