Dienstag, Januar 31, 2012

Kriegsdienst ist unser Leben!



Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1: 29 – 39

In jener Zeit
29ging Jesus zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas.
30Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie,
31und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr, und sie sorgte für sie.
32Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
33Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt,
34und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war.
35In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
36Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,
37und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.
38Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.
39Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb die Dämonen aus.



I

„Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben hier auf der Erde?“ (Ijob 7:1) Wenn wir uns erinnern, was dieser Mann alles durchgemacht hat: den Verlust seines Besitzes, seiner Kinder und schließlich seiner Gesundheit – dann können wir seine Klage verstehen.

Als Kriegsdienst erleben Menschen auch heute ihr Leben in Syrien etwa in der Auseinadersetzung zwischen dem Assad Regime und den Aufständischen; unter ähnlichen Umständen in Ägypten; oder die Obdachlosen, die in diesen saukalten Tagen eine Unterkunft finden müssen, wenn sie nicht erfrieren wollen; oder die Griechen in ihrem aussichtslosen Mühen um Schuldenabbau.

Auch in unserem Leben wird es Etappen geben, in denen wir im Krieg stehen um eine Freundschaft, um unsere Gesundheit, um Freiheit von Abhängigkeiten, um einen erwünschten Lebensstandard.

Das Evangelium erzählt uns auch von vielen Menschen, denen das Leben zum Kriegsdienst geworden ist: von den Kranken und Besessenen, die von den Leuten zu Jesus gebracht wurden (vgl. Mk 1:32) Schauen wir uns an, wie diese Leute ihren Krieg führen: Sie bleiben in ihrem Kampf nicht allein, denn sie befassen Jesus mit ihrem Krieg; sie ziehen Jesus in ihren Krieg mit hinein. Und Jesus hält sich nicht neutral heraus – er wird zum Alliierten dieser Armen: Er heilt sie von ihren Krankheiten und befreit sie von ihren Dämonen (vgl. Mk 1:34) Es verwirklicht sich im Leben dieser Menschen das Psalmenwort: „Wirf deine Sorgen auf den Herrn – er hält dich aufrecht!“ (Ps 55:23) Das ist für uns eine Einladung, in den Kriegen unseres Lebens nicht allein zu bleiben, sondern diese Kriege auszudehnen auf den Herrn, IHN als Feldherren an unsere Seite zu bitten und unsere Kämpfe so zu einem siegreichen Ende zu führen. Im Psalm 144:1 preist der Psalmbeter: „ Gelobt sei der Herr, der mein Fels ist, der meine Hände den Kampf gelehrt hat, meine Finger den Krieg.“ Wie will er das anstellen, wenn ich den Herrn nicht mit meinen Kämpfen und Kriegen befasse?

Nicht nur die Leute im Evangelium – auch er selber gibt uns darin ein Vorbild – am nächsten Tag frühmorgens: da geht Jesus „an einen einsamen Ort, um zu beten.“ (Mk 1:35) Wir verstehen diese Gebetszeit als Verbindung zwischen dem Geschehen am Vortag und dem, was der neue Tag bringen wird: In diese Zeit der Begegnung mit Gott fließen die Ereignisse des Vortages hinein; vor seinem Vater wird er alles abgelegt haben in dank und Lobpreis. Zugleich wird er neue Weisung, neue Kraft für den kommenden Tag erhalten haben; dies können wir am Gespräch mit Petrus abhören: Der möchte, dass Jesus zu den Leuten zurückkehrt, die ihn alle suchen. Aber Petrus braucht das Leben Jesu nicht planen; Jesus hat bereits einen Plan; beim Gebet ist ihm dieser Plan erneut bewusst geworden; es ist der Plan Gottes: „Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“ (Mk 1:38)

Das Evangelium zu verkünden – das ist seine Aufgabe; und die liegt wie ein Zwang auf ihm, ähnlich, wie Paulus es in der zweiten Lesung empfindet: „ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1Kor 9:16)

Was bedeutet dies alles für uns? Dass zum Kriegsdienst unseres Lebens nicht nur das Kämpfen allein gehört sondern auch das Innehalten in der Stille, im Alleinsein, im betenden Dasein vor Gott. Das ist die Zeit, in der mir Gottes Atem Frieden und Erfrischung bringt – zugleich Licht und Kraft für den weiteren Kampf; es ist die Zeit, in der mich Gott in Schweigen und Stille unterweist und mir sagt, was ich zu tun habe. Es ist wie das Timeout, in dem der Trainer seine Mannschaft für das weitere Spiel neu motiviert, auf Wichtiges aufmerksam macht, auf Lücken hinweist und so die Weichen auf Sieg stellt.

Achten wir auf diese einsamen Orte in unserem Alltag und lassen wir sie Ziel- und Quellpunkte unseres Lebens werden, wo Gott uns mit seinen Gaben sättigen und wie dem Adler uns die Jugend erneuert. (vgl. Ps 103:5) Es sind Orte besonderer Gegenwart Gottes, an denen wir unsere Aufmerksamkeit ungeteilter auf IHN richten können als sonst. Es ist diese immer wieder vollzogene Ausrichtung auf Gott eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass wir unser Leben dann auch auf unsere Mitmenschen ausrichten können zu deren Segen und Heil. Nur so können wir am Dienst Jesu teilnehmen, das nahegekommene Reich Gottes durch Wort und Tat in unserem Leben zu verwirklichen. Bei Jesus wird unser Kriegsdienst zu einem Friedens- und Freudendienst, zu einem Liebes- und Lebensdienst.


II

Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben hier auf der Erde, so fragt Hiob in der ersten Lesung. (Ijob 7:1)
Wenn wir in die politischen und wirtschaftlichen Krisengebiete unserer Erde schauen – hier in Europa und anderswo, dann müssen wir sagen: Er hat recht!

Wenn wir in der ersten Lesung dann weiter hören:
So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe,
und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu.
Lege ich mich nieder dann sage ich: Wann darf ich aufstehen?
Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert –(Ijob 7:3f)
wenn wir das so hören, dann kommt einem unweigerlich der Gastwirt in den Sinn, der nicht schlafen kann, weil die Konkurrenz mehr Gäste hat als er;
oder der Hotelier, dem es den Schlaf raubt, weil er bis über die Ohren Schulden machen musste, um konkurrenzfähig zu bleiben;
oder der Angestellte, der um seinen Job fürchtet;
oder wer wegen mangelnden Überblicks das Konto überzogen hat und nun von Schulden erdrückt wird;
wir könnten die Reihenfolge beliebig fortsetzen;
sie alle erfahren die Worte Hiobs am eigenen Leib.
Für sie alle ist das Leben ein Kriegsdienst, ein Kampf, ein Überlebenskampf.
Aber muss das wirklich so sein?

Vielleicht hat Jesus sich das im heutigen Evangelium auch gefragt: Muss des Menschen Leben Kriegsdienst sein? Darf es nicht auch anders sein?

Denn die Begebenheit, von der Markus uns heute berichtet, ereignet sich an einem Sabbat abends. Für uns Christen Sonntag abends. Jesus kommt gerade von der Synagoge und geht zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und des Andreas. Dort befreit er die Schwiegermutter des Petrus vom Fieber.

Wie nun der Sonnenuntergang den Sabbat beendet und die Leute wieder arbeiten dürfen bringen sie alle Kranken und Besessenen zu Jesus und das ganze Dorf versammelt sich vor dem Haus des Simon.

Ich weiß nicht, ob Jesus müde war. Aber vielleicht hat er in diesem Moment auch etwas davon verspürt, dass des Menschen Leben Kriegsdienst ist hier auf Erden. Nicht dass er selbst im Unfrieden gewesen wäre – aber die Leute haben ihren Krieg zu ihm gebracht. Sie haben ihn in ihren Krieg involviert: In den Krieg um ihre Gesundheit; in den Krieg mit den Dämonen. Und Jesus schafft Frieden: Die Kranken heilt er; die Besessenen befreit er; Jesus macht alles neu; er schenkt neues Leben.

Freunde! Ich glaube auch wir sollten den Kriegsdienst unseres Lebens zu Jesus bringen und uns dabei gegenseitig helfen. Wir sollten uns wirklich nicht genieren, Jesus mit den Kämpfen unseres Lebens zu konfrontieren. Angesichts des heutigen Evangeliums sage ich sogar: Dumm ist, wer das nicht tut! Stolz ist, wer meint, allein seinen Kampf bestehen zu können. Mein Vater sagte immer: Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz!

Ist nur die Frage, wie sollen wir den Kampf und den Krampf unseres Lebens zu Jesus bringen?
Antwort gibt uns das Verhalten Jesu:
In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf
und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
Da habe wir die Antwort: Jesus bringt den Krieg der Menschen und wohl auch seinen eigenen Kampf im Gebet zu Gott; und er tut dies an einem einsamen Ort.

Auch wir sollten wie geschickte Feldherren die Kriege unseres Lebens zum Frieden lenken, dorthin, wo uns zudem der Sieg sicher ist: Wir sollten den Kriegsdienst unseres Lebens im Gebet zu Gott hin bringen, an einem einsamen Ort: an einem Ort, wo kein Telefon ist, kein Radio, kein Fernsehen, keine Zigarette, keine Weinflasche, keine Illustrierte und vor allem  keine Arbeit! Wir müssen uns unbedingt solche Eremitagen in unserem Leben schaffen, sonst werden wir den Kriegsdienst unseres Lebens nie schaffen – vielmehr  werden diese Kriege uns schaffen.

Aber Simon und seine Begleiter eilten ihm nach! Auch uns eilen die Sorgen und Probleme, die Abhängigkeiten und Rücksichtnahmen nach bis hinein in unsere Eremitagen, bis hierher in den Gottesdienst und wollen uns andauernd beanspruchen, so dass wir uns als ihre Gefangenen erleben.

Die Jünger kommen mir wie Manager vor, die ihren Superstar vermarkten wollen. Aber Jesus lässt sich nicht vermarkten; er ist, mit den Worten des Paulus aus der 2. Lesung, von niemandem – auch nicht von seinen Jüngern – abhängig, damit er sich für alle zum Sklaven machen kann, um möglichst viele zu gewinnen. (1 Kor 9:19)

Diese Freiheit ist in seinem Inneren begründet und dort in dem, den er seinen Vater nennt und zu dem er eben gebetet hat; es ist recht eigentlich eine Freiheit von sich selbst. Das kommt im folgenden großartig zum Ausdruck;
die Jünger sagen ihm nämlich: Alle suchen dich!
Er aber antwortet: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.

Ich finde das echt stark: Da schreien die Fans nach ihrem Superstar – aber er macht es wie ein Schauspieler, der nach einer grandiosen Vorstellung nicht mehr auf die Bühne kommt, um sich im tosenden Applaus der Menge zu baden – sondern er geht einfach weg.

Wo gibt es das heute noch? Und würden wir das zustande bringen?
Das meinte ich mit Freiheit von sich selbst: Jesus ist nicht gekommen, um sich im Wohlwollen der Leute zu suhlen wie eine Sau im Dreck!

Er ist gekommen, um das Evangelium zu predigen! Und dazu braucht er Freiheit von allen um frei zu sein für alle.
Das ist die Freiheit der Kinder Gottes;
das ist unsere Freiheit,
zu der wir alle in Christus Jesus berufen sind,
zu der wir alle durch die Taufe befähigt sind
und in der wir mächtig sind, die Kriege unseres Lebens siegreich und im Frieden zu beenden.

Gott erneuere in uns diese Freiheit!
Gott stärke uns in den Kämpfen unseres Lebens!
Gott führe uns zum Frieden durch Christus unseren Herrn! - Amen!

Donnerstag, Januar 26, 2012

Du bist der Heilige Gottes!


 Aus dem hl. Evangelium nach Markus 1: 21 – 28



21In Kafarnaum ging Jesus am Sabbat in die Synagoge und lehrte.

22Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.

23In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:

24Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.

25Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!

26Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.

27Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.

28Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.



I



Jesus besucht zum ersten Mal nach seiner Taufe die Synagoge – am Sabbat in Kafarnaum. Dabei fügt er sich nicht in die Menge der Synagogenbesucher ein und hört fürs Erste einmal zu; es heißt vielmehr: Er ging in die Synagoge und lehrte! Geradeso als wenn unsereins erstmals in eine ihm fremde Kirche kommt und dann nach dem Evangelium ungefragt aufsteht und die Predigt hält.



Im Verhalten Jesu kommt sehr deutlich das Drängende zum Ausdruck, das in seiner Grundbotschaft anklingt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe!“ (Mk 1:15) Das leidet keinen Aufschub mehr; da heißt es vielmehr anpacken, beginnen – unverzüglich, gleich jetzt! Jesus verhält sich geradeso wie einer, dem auf einmal die Kostbarkeit seiner Lebenszeit aufgeht und der zudem in Erinnerung an die Gefangennahme des Täufers ahnt, dass er davon nicht mehr viel zur Verfügung haben wird. Die Worte am Jordan bei der Taufe: „Du bist mein geliebter Sohn!“ (Mk 1:11) sind nicht ein nettes Kompliment; sie sind machtvolle Offenbarung seiner unerhörten Nähe zu Gott! Sie sind unerhörter Auftrag, von dieser Nähe Gottes her zu leben und sie im nahen Reich Gottes den Leuten zu verkünden.



Er wurde bei der Taufe von einem Augenblick zum anderen voll bewusst in den lebendigen Gott hineingestoßen und steht nun für den Rest seines Lebens vor der Herausforderung, auf diesen Gott hin und von ihm her zu leben und so diesen Gott den Menschen seiner Zeit, ja, letztlich den Menschen aller Zeit, zu vermitteln. Dass er daran nicht gleich zu Beginn zerbrochen ist, ist mir ein Zeichen, dass dieser Jesus von Nazareth wirklich Gottes Sohn ist. (vgl. Mk 15:39)



Der anwesende Gott in Jesus treibt diesen nun nicht nur zum Lehren; vielmehr dringt er durch die Lehre Jesu hindurch und hinein in die Herzen der Zuhörer, so dass es von ihnen heißt: „Die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre.“ (Mk 1:22) Das Unerhörte dieser Lehre lässt die Leute erschrecken: Es ist etwas, das sie nicht einordnen können; etwas Unerhörtes, Unbegreifliches.



Jesus stört durch seine Gegenwart und seine Lehre nicht nur die Zuhörer auf sondern noch jemanden anderen: einen unreinen Geist, der von einem Mann in der Synagoge Besitz ergriffen hatte. Dieser unreine Geist empfindet sich von Jesus gestört, angegriffen, herausgefordert; er kann in der Gegenwart Jesu nicht ruhig bleiben sondern muss sich schreiend in seiner Gegensätzlichkeit zu Jesus äußern.

Hier erleben wir einen weiteren Aspekt des drängend nahe gekommenen Reiches Gottes: es verdrängt das, was nicht in das Reich Gottes gehört, was nicht zu Jesus und nicht zu Gott passt; dieses Verdrängen kommt einem Verjagen gleich, das sich dann in der Befreiung des Mannes von diesem unreinen Geist äußert. Das Reine Gottes verträgt nichts Unreines in seiner Gegenwart; das heilige Gottes nichts Unheiliges. Dabei ist dieses nahe Reich Gottes nicht eine durchaus zerstörende Macht; zerstörend ist sie nur für den, der sich nicht heilen, nicht heiligen, nicht befreien lässt – eben für den unreinen Geist. Für den davon besessenen Menschen ist das Reich Gottes eine durchaus befreiende, heilende und heiligende Macht. Wir erleben hier wie Jesus bereits als der Weltenrichter die Schafe von den Böcken scheidet (vgl. Mt 25:31-46)



Das bemerkenswerte an diesem unreinen Geist ist, dass er Jesus durchschaut: „Ich weiß, wer du bist: Der Heilige Gottes!“ Der unreine Geist hat diese Einsicht, weil er sich durch diesen Jesus von Nazareth bedroht erlebt; Und es gibt für ihn keine andere Bedrohung als durch Gott. In der Gegenwart Gottes befindet sich alles Unreine, alles Unheilige, alles Dämonische in einem Zustand der Bedrohung, des Gerichtes, der Verurteilung und schließlich der Vernichtung. Widerfährt einem Ungeist Bedrohung, Überwältigung und Vernichtung, dann weiß er unweigerlich: Gott ist anwesend!



Einen traurigen Widerhall dieser Auseinandersetzung können auch wir in uns selber immer dann erfahren, wenn wir uns als Sünder erleben im Angesicht des heiligen Gottes; schon gar, wenn unser Gewissen uns begangener Sünden anklagt. Was uns dann von den Dämonen unterscheidet, ist, dass wir uns unverzüglich der Barmherzigkeit Gottes in die Arme werfen und uns nicht wie die Dämonen stolz der Liebe Gottes verschließen.



Wenn Jesus nun dem Dämon befiehlt zu schweigen, dann deshalb, weil er nicht von den Dämonen aus ihrer Angst heraus verkündet werden will sondern von den Menschen aus einem glaubenden, hoffenden und liebenden Herzen heraus – was so erst möglich sein wird nach seiner Auferstehung und in der lichtvollen Kraft des Heiligen Geistes.



Wir dürfen als Frucht des heutigen Evangeliums die Botschaft des Dämons aufnehmen und Jesus freudig und dankbar zurufen: Du bist der Heilige Gottes! Du überwindest alles Böse in uns und um uns und führst uns in eine erlöste Freiheit; damit wir unserer Bestimmung gerecht werden können, dich mit ungeteiltem Herzen anzubeten und zu preisen und die Menschen mit Deiner Liebe zu lieben. Amen!




II


Lesung aus 1 Kor 7: 32-35


Brüder!

32Ich wünschte, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen.

33Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen.

34So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.

35Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.







Die Worte der zweiten Lesung richtet Paulus an die Gemeinde in Korinth. Diese Gemeinde hat er selber gegründet. Es ist noch eine junge Gemeinde und das Feuer der ersten Liebe brennt lebendig in ihr. Freilich heißt das nicht, dass auch diese Gemeinde ihre Probleme hat.

Eines davon spricht Paulus in der heutigen Lesung an: Die Sorge um die Sache des Herrn!

Wir können uns gut vorstellen, dass der Glaubenseifer, den Paulus durch seine Verkündigung in Wort und Tat entfacht hat, alle Glieder der Gemeinde erfasst hat: Frauen und Männer, Alte und Junge, und eben auch Verheiratete und Alleinstehende. Und da hat sich die Frage erhoben, wie ein Ehepartner mit dieser Sorge um die Sache Gottes umgehen soll: Wie weit darf er sich für diese Sache Gottes einsetzen ohne dabei seine Verpflichtung dem Ehepartner, der Familie, den Kindern gegenüber zu vernachlässigen?

Die gleiche Frage erhebt sich natürlich hinsichtlich des Berufes, den einer ausübt: Darf seine Ausübung Schaden erleiden durch den Einsatz für die Sache Gottes?

Diese Frage ist auch heute bei allen aktuell, die im kirchlichen Dienst mitwirken, bei allen, die sich von Gott zum Dienst in der Kirche bestellt wissen, wie wir heute im 2. Hochgebet sprechen werden: bei den Ministranten an, den Lektoren und Kommunionhelfer, bei denen, die die Kirche reinigen und den Blumenschmuck besorgen, beim Kirchenchor und den Mitgliedern des Pfarrgemeinde- und des Pfarrkirchenrates.

Diese alle haben neben dem Dienst in der Kirche ihre Aufgaben zu Hause, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule. Es trifft auch auf sie zu, was Antoine de Saint Exupery im "Kleinen Prinzen" schreibt, nämlich, dass man Verantwortung trägt für das, was man sich vertraut gemacht hat.

Diese alle erleben sich hinsichtlich der Sorge um die Sache des Herrn geteilt.

Paulus musste damals vor allem achten, dass im religiösen Übereifer der eheliche und familiäre Lebensbereich nicht Schaden erleidet.

Heute kommt dazu, Mitglieder der Gemeinde für die Sorge um die Sache des Herrn zu sensibilisieren, sie zu animieren, an dieser Sorge teilzunehmen und so jene Haltung zu ändern, die sagt: Das macht sowieso alles der Pfarrer!

In dieser Richtung wurde seit dem 2. Vatikanischen Konzil schon ein gutes Wegstück zurückgelegt; und für uns heißt es, auf diesem Weg zu bleiben und weiterzugehen.



In der vergangenen Woche haben wir am 24. Jänner den hl. Franz von Sales gefeiert, der sich auch mit dem Problem auseinandersetzte, das Paulus in der heutigen Lesung beschäftigt.

In einer "Einführung in das religiöse Leben" schreibt Franz von Sales über die Vereinbarkeit eines kirchlich engagierten Lebens mit dem Berufsleben folgendes:



Bei der Schöpfung befahl Gott den Pflanzen, Frucht zu tragen, jede nach ihrer Art (Gen 1,11). So gibt er auch den Gläubigen den Auftrag, Früchte der Frömmigkeit zu tragen; jeder nach seiner Art und seinem Beruf. Die Frömmigkeit muss anders geübt werden vom Edelmann, anders vom Handwerker, Knecht oder Fürsten, anders von der Witwe, dem Mädchen, der Verheirateten. Mehr noch: die Übung der Frömmigkeit muss auch noch der Kraft, der Beschäftigung und den Pflichten eines jeden angepasst sein.
Wäre es denn in Ordnung, wenn ein Bischof einsam leben wollte wie ein Kartäuser? Oder wenn Verheiratete sich so wenig um Geld kümmerten wie die Kapuziner? Kann ein Handwerker den ganzen Tag in der Kirche verbringen, wie die Mönche es tun? Dürfen andererseits Mönche aus beschaulichen Orden jedermann zur Verfügung stehen, wie es der Bischof muss? – Eine solche Frömmigkeit wäre doch lächerlich, ungeordnet, ja unerträglich. 
Solche Dinge kommen aber sehr oft vor. Weltmenschen, die den Unterschied zwischen der Frömmigkeit und ihren Zerrbildern nicht kennen oder nicht kennen wollen, schmähen dann die Frömmigkeit, die wahrhaftig keine Schuld an solcher Unordnung trifft.




Nein, echte Frömmigkeit verdirbt nichts; im Gegenteil, sie macht alles vollkommen. Verträgt sie sich nicht mit einem rechtschaffenen Beruf, dann ist sie gewiss nicht echt. Die Bienen, sagt Aristoteles, entnehmen den Blumen Honig, ohne ihnen zu schaden; sie bleiben frisch und unversehrt. Die echte Frömmigkeit schadet keinem Beruf und keiner Arbeit; im Gegenteil, sie gibt ihnen Glanz und Schönheit. Die Sorge für die Familie wird friedlicher, die Liebe zum Gatten echter, der Dienst am Vaterland treuer und jede Arbeit angenehmer und liebenswerter.
Es ist ein Irrtum, ja sogar eine Irrlehre, die Frömmigkeit aus der Kaserne, aus den Werkstätten, von den Fürstenhöfen, aus dem Haushalt verheirateter Leute verbannen zu wollen.
Gewiss, die beschauliche und klösterliche Frömmigkeit kann in diesen Berufen nicht geübt werden. Aber es gibt ja außerdem noch viele Formen eines frommen Lebens, die jene zur christlichen Vollkommenheit führen, die in einem weltlichen Stand leben. Wo immer wir sind, überall können und sollen wir nach einem Leben der Vollkommenheit streben.“



Mit den Worten des Paulus aus der zweiten Lesung schließe ich nun und hoffe, dass diese Worte zu eurem Nutzen sind, damit ihr in rechter Weise immer dem Herrn dienen könnt! - Amen!

Freitag, Januar 20, 2012

Eins in Christus

 
Aus dem heiligen Evangelium nach Markus 1: 14 – 20

14Nachdem man Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes
15und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!
16Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer.
17Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.
18Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm.
19Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her.
20Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.



 I

Wir stehen mitten in der Gebetswoche für die Einheit der Christen. Vom 18. Jänner bis zum 25. Jänner, dem Fest der Bekehrung des Apostels Paulus dauert sie. Dieses Bekehrungserlebnis vor den Toren Damaskus’ bedeutet für Paulus die große Wende in seinem Leben, denn es geht dabei um eine Bekehrung, um eine vollkommene Hinwendung zu Jesus Christus. Von einem Jesushasser wird er zu einem Liebhaber Jesu; von einem Jesusfeind zu einem Jesusfreund. Durch seine Bekehrung zu Jesus wird er in die Gemeinschaft der Jünger Jesu aufgenommen.

„Bekehrung“ steht auch als Leitwort über allen drei Schrifttexten des heutigen Sonntags. Drei Aspekte dieses Prozesses werden uns dabei vor Augen gehalten. Die Jonageschichte erzählt, wie sich die Leute von Ninive bekehren von einem bösen Leben zu einem guten Leben; Bekehrung in der praktischen Lebensführung: Sie tun Buße und wenden sich von ihren bösen Taten ab. (vgl. Jona 3:10)

Im 1. Korintherbrief spricht Paulus indirekt von Bekehrung und meint dabei einen Weg der Umkehr von innerer Versklavung zu innerer Freiheit in der Beziehung zu Mitmensch und Umwelt.

Im Evangelium schließlich Bekehrung als entschlossene Hinwendung von einem Leben fern von Jesus zu einem Leben in seiner Nähe durch Nachfolge.

Alle drei Bekehrungswege hängen zusammen und sind voneinander nicht zu trennen. Einer ergibt sich aus dem anderen. Die Quelle, der Ursprung dieses Weges ist jedoch die Bekehrung zu Jesus: Sie ist die entschlossene Bereitschaft, mit Leib und Seele nicht nur zu Jesus sondern Jesus zu gehören: Erst wenn wir ihm gehören gehören wir zu ihm! Es ist die Bindung unseres Herzens an Jesus, die es fähig macht, ungute Bindungen an Menschen und an die Welt zu lösen und in jene Freiheit zu gelangen, in der wir die Welt nutzen als nutzten wir sie nicht. (vgl. 1Kor 7:31). Das ermöglicht schließlich ein Leben, das Gott gefällt und für die Mitmenschen ein Segen ist.

Auch am Anfang des ökumenischen Weges steht die Bekehrung zu Jesus Christus: „Alle Christgläubigen sollen daran denken, dass sie die Einheit der Christen umso besser fördern, ja sogar ausüben, je mehr sie sich darum bemühen, ein reines Leben gemäß dem Evangelium zu führen.“ (UR 7,3) „Diese Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens sind zusammen mit den privaten und öffentlichen Bittgebeten für die Einheit der Christen die Seele der ökumenischen Bewegung.“ (UR 8,1)

Die so angestrebte und erreichte Verbundenheit mit Jesus Christus lässt den Herzenswunsch Jesu, dass wir Christen alle eins seien (vgl. Joh 17:21), auch in unserem Herzen lebendiger werden. Im Licht dieses brennenden Wunsches erkennen wir leichter, was uns mit den Christen der anderen Kirchen verbindet. Wir gewinnen eine größere Wertschätzung dieser Verbundenheit. Wir empfinden aber auch den Schmerz deutlicher über das, was uns noch voneinander trennt.

Wertschätzung und Schmerz aus dem Wunsch nach größerer, ja, nach vollkommener Einheit führt uns dazu, dass wir uns unserer eigenen kirchlichen Situation bewusst und gewiss werden und wir uns zugleich auch für die religiöse und kirchliche Situation der von uns getrennten Schwestern und Brüder interessieren. Dies führt dann zu einem lebendigen und fruchtbaren Austausch, bei dem wir einander tiefer kennen, verstehen und aufrichtig schätzen lernen. So werden dann im Blick auf Christus, die gemeinsame Mitte, und aus ehrlicher Überzeugung des Herzens praktische Schritte möglich auf eine je größere Einheit hin. Die Einstellung auf diesem Weg beschreibt Papst Paul VI. als „eine Haltung voller Gehorsam gegenüber der vollen Wahrheit, die von Christus kommt. Die Fülle des Glaubens ist kein eifersüchtig gehegter Schatz, sondern ein bereitstehendes geschwisterliches Gut, das uns umso glücklicher macht, je mehr wir es anderen geben können. Es ist nicht das unsrige, sondern das Gut Gottes und Christi.“

Das ökumenische Gespräch wird sich unweigerlich ausdrücken in sozialer, caritativer, kultureller und wissenschaftlicher Zusammenarbeit. „Durch diese ökumenische Zusammenarbeit können zudem alle, die an Christus glauben, leicht lernen, wie sie einander besser kennenlernen und höher schätzen können und der Weg zur Einheit der Christen geebnet wird.“ (UR 12,1)

Bei all dem setzen wir unsere Hoffnung völlig auf das Gebet Christi für die Kirche, auf die Liebe des Vaters uns gegenüber und auf die Kraft des Heiligen Geistes. „Die Hoffnung aber trügt nicht; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Röm 5:5) (UR 24,2) Amen!



II

Der Anfang des heutigen Evangeliums erinnert an einen Staffellauf: Einer aus der Staffel läuft ein und übergibt dem Nächsten, damit der weiterläuft: Johannes der Täufer wird ins Gefängnis geworfen und Jesus macht sich auf den Weg.

I. Doch Jesus geht seinen Weg anders als Johannes. Jesus setzt eigene Akzente. Das äußert sich in der Ortswahl: „Johannes der Täufer trat in der Wüste auf und verkündete Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.“ (Mk 1:4)

Jesus ging nach Galiläa an den See Genesaret. Diese Gegend beschreibt Josephus Flavius, ein jüdischer Geschichtsschreiber von damals, so:

"Entlang dem See Gennesaret erstreckt sich eine gleichnamige Landschaft von wunderbarer Natur und Schönheit. Wegen der Fettigkeit des Bodens gestattet sie jede Art von Pflanzenwuchs, und ihre Bewohner haben daher in der Tat alles angebaut; das ausgeglichene Klima passt auch für die verschiedenartigsten Gewächse. Nussbäume, die im Vergleich zu allen anderen Pflanzen eine besonders kühle Witterung brauchen, gedeihen dort prächtig in großer Zahl. Daneben stehen Palmen, die Hitze brauchen, ferner Feigen- und Ölbäume unmittelbar dabei, für die ein gemäßigtes Klima angezeigt ist. Man könnte von einem Wettstreit der Natur sprechen, die sich mächtig anstrengt, alle ihre Gegensätze an einem Ort zusammenzuführen, oder von einem edlen Kampf der Jahreszeiten, von denen jede sich um diese Gegend wetteifernd bemüht. Der Boden bringt nicht nur das verschiedenste Obst hervor, das man sich kaum zusammen denken kann, sondern er sorgt auch lange Zeit hindurch für reife Früchte. Die königlichen unter ihnen, Weintrauben und Feigen, beschert er zehn Monate lang ununterbrochen, die übrigen Früchte reifen nach und nach das ganze Jahr hindurch. Denn abgesehen von der milden Witterung trägt zur Fruchtbarkeit dieser Gegend auch die Bewässerung durch eine sehr kräftige Quelle bei, die von den Einwohnern Kafarnaum genannt wird."

Dieses Zeugnis aus der Zeit Jesu könnte den Unterschied nicht deutlicher machen. Nicht die Wüste in ihrer Lebensfeindlichkeit war Jesu Lebensraum, sondern das fruchtbare, bewohnte Land.

Dementsprechend verkündet Jesus eine Botschaft, die von Leben sprüht, eine Botschaft der Fülle: Die Zeit ist erfüllt! Das Reich Gottes ist nahe! Das Gebiet um den See Genesaret eignet sich viel besser, das auszudrücken, was mit dem Reich Gottes gemeint ist: Seinen Reichtum, seine Überfülle, die Liebe Gottes zu uns Menschen, die in seinem Reich zum Ausdruck kommen will.

II. Es ist aber noch etwas anders geworden: Johannes ist in der Wüste an einem bestimmten Ort geblieben. Dorthin sind die Leute hinausgezogen, um ihm zuzuhören und sich taufen zu lassen.
Jesus hingegen bleibt nicht an einem bestimmten Ort sondern geht zu den Leuten hin.
Johannes ist stabil – ein Standprediger; Jesus ist mobil – ein Wanderprediger.

Wir hörten ja im Evangelium: Jesus ging nach Galiläa und: Jesus ging am See von Galiläa entlang und: Als er ein Stück weiterging. Und wenn es schließlich von den gerufenen Jüngern heißt, dass sie ihm folgten, dann ist auch das ein Hinweis auf die Mobilität Jesu und seiner Jünger.

Was will Jesus uns wohl mit seiner Beweglichkeit sagen?

Zuerst einmal, dass Gott uns Menschen entgegenkommt, dass er auf uns zugeht. Die Geschichte Israels wie auch unsere eigene Lebensgeschichte lehrt uns, wie schwer wir uns tun, auf Gott zuzugehen, Gott entgegenzukommen. Gott muss einfach wie der barmherzige Vater sein, der seinem Sohn entgegenläuft – sonst schaffen wir es nicht, jenes Glück, jenen Frieden, jene Freude zu erreichen, die Gott für uns bereit hält.

III. Ein Drittes will Jesus sagen, indem er zu den Menschen geht: Das Reich Gottes ist nahe! In Jesu Botschaft und Leben ist Gott uns nahe gekommen. Jesus zeigt uns einen Gott, der nicht im Tempel ist, weit weg in Jerusalem oder hoch im Himmel droben! Nein, der Gott Jesu ist ganz nahe!
Er ist dort, wo du lebst;
dort, wo du arbeitest;
dort, wo du leidest;
dort, wo du liebst;
dort, wo du gerade bist!

Wir müssen darum bei unserem sonntäglichen Gottesdienst aufpassen, dass wir nicht unversehens in die Zeit vor der Botschaft Jesu vom nahen Gottesreich zurückfallen! Wir könnten nämlich den Gottesdienst am Sonntag dazu missbrauchen, Gott aus unserem Leben zu verbannen – in die Kirche hierher und in den Gottesdienst, den wir in dieser Kirche feiern. Dieser Kirchenraum darf kein Gefängnis unseres Herrn werden, in dem wir ihn allwöchentlich besuchen; diese Feier darf keine Zeitraum werden, der mit unserer übrigen Lebenszeit nichts zu tun hat.

Bedenken wir vielmehr, dass Jesus durch das Tor dieser Kirche hinausgeht, in das Galiläa unseres alltäglichen Lebens; bedenken wir, dass er dabei den Zeitraum dieser Messfeier ausweitet in die Zeiträume unseres alltäglichen Lebens hinein.

Darum stimmt es:
Der Herr ist in dieser Kirche da!
Der Herr ist in dieser Feier da! In seinem Wort und im Brot des Lebens!
Doch ist er da, um mit uns zu gehen und bei uns zu bleiben. Denn die Liebe des Herrn ist keine Liebe auf Zeit und keine Liebe zwischen Tür und Angel. Es ist eine Liebe fürs Leben!

Darum hat der Herr die Jünger auch mitten in ihrer Arbeit angesprochen, mitten im Leben ihres Fischeralltags. Wir müssen also damit rechnen, dass er uns anspricht bei der Büroarbeit am Schreibtisch, oder bei der Hausarbeit am Herd oder beim Bettenmachen im Gästezimmer oder hoch oben in der Krankabine, oder an der Mischmaschine oder unterwegs beim Autofahren.

Heißt das nun, dass wir wie die Jünger unsere Arbeit liegen lasst und Jesus nachfolgen? Das könnte es – muss es aber nicht!

Der Anruf Jesu kann uns genauso bewusst machen: Hier, wo ich stehe und arbeite, bin ich am rechten Platz, denn der Herr hat mich hierher gerufen; er hat mir diese Aufgabe, diesen Beruf geschenkt. Hier soll ich durch mein Leben und Arbeiten für ihn Zeugnis ablegen: Herr ich danke dir für meinen Beruf und dass ich hier vor dir stehen und dir dienen kann (vgl. II. Hochgebet).

Auf jeden Fall will der Herr uns durch seinen Anruf herausrufen aus jeglicher Versklavung an unsere Arbeit und uns so zu jener Freiheit verhelfen, die Paulus in der 2. Lesung andeutet: „Wer sich die Welt zunutze macht soll sich in Zukunft so verhalten als nutze er sie nicht. Denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ (1Kor 7:31)

Der Anruf des Herrn mitten im Alltag ist auf jeden Fall ein Ruf in seine Nachfolge, etwa wenn dieser Ruf in unserem Gewissen hörbar wird und uns zur Verantwortung ruft, unser Verhalten als recht oder unrecht beurteilt und uns nötigenfalls zur Umkehr mahnt.

So gesehen kann dieser Herr recht lästig sein, indem er so ungeniert in unser Leben tritt und uns dort nahe ist. Und deswegen scheuen wir uns wohl, von diesem Herrn zu hören, an ihn zu denken und begnügen uns mit einem sonntäglichen Besuch in der Kirche. Diese Scheu kann auch ein Grund sein dafür, dass wir die Stille meiden: wir fliehen vor der Stimme dieses Herrn in ohrenbetäubenden Lärm oder in musikalische Dauerberieselung; denn dieser Herr ist ungemein klarsichtig und hellhörig – und er ist unbestechlich. Sein Urteil trifft zu und es trifft!

Aber dieser Herr ist unser Freund, und er ist der beste, den wir haben! – Amen!
 

Donnerstag, Januar 12, 2012

Hören und folgen






Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 1: 35 – 42



In jener Zeit

35stand Johannes am Jordan, wo er taufte, und zwei seiner Jünger standen bei ihm.

36Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!

37Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.

38Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du?

39Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.

40Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.

41Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte - Christus.

42Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels - Petrus.





 I



Das heutige Evangelium nach Johannes erzählt uns, wie Jesus zu seinen Jüngern kommt. Dabei nehmen wir mit Erstaunen wahr, dass nicht Jesus sie direkt in seine Nachfolge ruft, wie wir das bei den anderen drei Evangelisten hören. Es sind vielmehr „Drittpersonen“ von denen die Einzelnen zu Jesus geschickt bzw. geholt werden.



Da ist Johannes, der Täufer. Der sagt zu seien Jüngern über Jesus, der gerade vorübergeht: „Seht, das Lamm Gottes!“ Auf dieses Wort hin gehen zwei seiner Jünger – einer davon ist Andreas – Jesus nach und bleiben jenen Tag bei ihm.



Ähnliches geschieht mit Simon; den holt sein Bruder Andreas mit der Bemerkung, dass sie den Messias gefunden hätten. Und dann heißt es ausdrücklich: „Er führte ihn zu Jesus.“ Das hört sich fast so an, als hätte Simon seinem Bruder nicht ganz geglaubt und als wäre er nur widerstrebend mitgegangen. Und diesem Simon gibt Jesus gleich einen neuen Namen: Kephas – Fels – Petrus. Schenkt Jesus diese besondere Zuwendung vielleicht um seinen Widerstand und sein Misstrauen zu überwinden?



Jedenfalls erkennen wir ein Grundschema! Einzelne machen eine Erfahrung mit Jesus und gewinnen eine Einsicht in seine Person. Diese behalten sie nicht für sich sondern teilen sie ihren Freunden und Verwandten mit; die lassen sich von dieser Mitteilung bewegen und nehmen mit Jesus Kontakt auf. So beginnt sich eine Gemeinschaft um Jesus herum zu bilden. Wir erkennen, wie sich das bildet, was wir auch Kirche nennen können, als Gemeinschaft derer, die mit Jesus verbunden sind und mit ihm leben.



Es geht um persönliche Begegnung mit Jesus, die bewegt und anregt zum Mitteilen. Es bleibt aus dieser Begegnung so etwas wie die Stimme Jesu in mir und sagt: das ist nicht nur für dich allein sondern auch für andere! Sprich also mit deinen Geschwistern und Freunden darüber! Teile ihnen davon mit! Erzähle ihnen von mir! Sag ihnen, was ich für dich bedeute, wer ich für dich bin!

Es geht Gemeinschaft Stiftendes von Jesus aus. Das setzt sich in mir fest und drängt mich geradezu zur Mitteilung; ein unwiderstehlicher Impuls zur Verkündigung und zur Mission. Das Ziel dabei ist klar: Mitteilung Jesu mit der Absicht, Jesus und meine Zuhörer zusammenzubringen. Was dann weiter geschieht, liegt in den Händen Jesu. Es geht wesentlich um Gemeinschaft mit Jesus.



Fehlt jedoch in mir diese Bereitschaft, mein Leben mit Jesus mitzuteilen, erhebt sich zuerst einmal die Frage, ob es da so ein Leben mit Jesus überhaupt gibt. Ist da nichts Lebendiges zwischen Jesus und mir, ist klar, dass ich auch nichts weitergeben kann. Da bin ich dann vor allem anderen herausgefordert, mich um dieses Lebendige auf Jesus hin und von Jesus her zu kümmern; schon gar, wenn ich den Namen „Christ“ trage. Es gilt, nicht nur Christ zu heißen sondern es auch zu sein. Und Christ werde ich durch die Begegnung mit Christus.



Wie gelange ich aber zu dieser Christusbegegnung? Sie ist nicht machbar sondern ein Geschenk – für das ich mich jedoch bereiten kann. Schauen wir auf Johannes, den Täufer! Wie hat der sich bereitet? Indem er ganz in seinem Beruf, in seiner Aufgabe aufgegangen ist; und diese Aufgabe war es, dem Herrn den Weg zu bereiten. So sehr dies nun seine ganz spezielle Aufgabe war so sehr ist es doch auch in jedem Beruf, in jeder Berufung enthalten, den Weg für Gott, für den Herrn, zu bereiten. Eine optimale Vorbereitung, dem Herrn zu begegnen, ist also ein möglichstes Aufgehen in meiner Berufung, in meinem Beruf, in meinen Aufgaben.



Und wie schaut das bei den Jüngern des Johannes aus? Wie haben sich die vorbereitet auf die Begegnung mit Jesus?

Sie haben bei Johannes nach einem Sinn und einem Ziel ihres Lebens gesucht.

Sie wollten in der Schule des Täufers entdecken, wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt.

Sie wollten an seiner Hand lernen, was Gott mit ihnen vorhat.

Unzufrieden mit dem, was sie bisher hatten und waren suchten sie nach dem Mehr eines erfüllten Lebens – und sind so durch den Hinweis des Täufers auf Jesus gestoßen. Wenn ich also in der Verfolgung meines Lebenstraumes „vergesse, was hinter mir liegt und mich ausstrecke, nach dem, was vor mir ist“ (Phil 3:13) bereite ich mich vor auf die Begegnung mit Jesus, dem Christus. Amen!

II

Ein Rodelrennen ist ein Ereignis, das viele in seinen Bann schlägt. Die Rodelbahn wird mit großem Einsatz präpariert. Tagsüber wird eifrig trainiert. Jung und alt ist auf der Rodel. Manche hat es so gepackt, dass man beinahe schon von einer Rodelmanie reden könnte: diese Armen können kaum mehr ruhig schlafen und nicht mehr richtig essen. Da kann man wirklich nur mehr wünschen, dass das Rennen bald vorbei ist.



Wie ihr bei dieser Predigt bemerkt kann auch ich mich der Faszination dieses sportlichen Ereignisses nicht ganz entziehen. Die zweite Lesung, die wir heute aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Korinther (6: 13c-15a.17-20) gehört haben, regt mich an, diesem Rodelrennen einige Gedanken für unser Leben abzugewinnen.



Da schreibt Paulus in diesem 1. Brief an die Korinther:

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? (1Kor 6:13)



Dieses Wort des Apostels erinnert uns daran, dass wir Menschen Wesen aus Seele und Leib, aus Körper und Geist sind. Das sind – wie bei einer Rodel – die zwei Kufen, auf denen wir die Bahn unseres Lebens vom Start ins Ziel hinabgleiten.



Nun weiß jeder halbwegs erfahrene Rodler sehr genau, wie wichtig für ein möglichst schnelles Weiterkommen gute Kufen sind: dass sie nicht rostig und je nach Schneelage gut gewachst sind. Undenkbar ist es auch, dass etwa nur eine Kufe gepflegt die andere aber völlig vernachlässigt wird. In diesem Fall bestünde andauernd die Gefahr von der geraden Bahn nach links oder rechts abzukommen. Und würde man in diesem Fall endlich das Ziel erreichen, dann mit gewaltiger Verspätung, nach viel unnötiger Mühe und wahrscheinlich mit einem riesen Frust im Bauch.



Gerade so ist es auch in unserem Leben: Auch da geht es nicht an, dass wir eine der beiden Kufen – den Geist oder den Körper; die Seele oder den Leib – vernachlässigen. Beide bedürfen in unserem eigenen Interesse einer sorgfältigen Pflege. Da kann einer auch nicht das eine zu Gunsten des anderen vernachlässigen. Denn wie die Rodel deutlich zeigt, ist Vor- oder Nachteil der einen Kufe zugleich auch zum Vor- oder Nachteil der anderen. Das kommt daher, weil eben nicht jede Kufe für sich allein fährt sondern mit der anderen Kufe durch das Gestänge und die Sitzgurten unlösbar verbunden ist.



So ist auch in uns Menschen Seele und Leib, Geist und Körper unlösbar miteinander verbunden. Jede Vernachlässigung des Leibes wirkt sich auch auf den Geist aus und jede Sorgfalt, die der Seele verweigert wird, ist auch ein Minus für den Körper.



So wissen wir aus eigener Erfahrung, dass der Schlaf, den wir dem Körper entziehen, uns in schlechte Laune bringt, unsere Stimmung reizt und unsere Toleranzfähigkeit mindert.



Ebenso wissen wir, dass unmäßiges Essen träge und faul macht, übermäßiger Alkoholgenuss den Geist trübt und die Abhängigkeit von Drogen zur völligen Zerrüttung des Menschen führt.



Wie also die Kufen der Rodel mit Wachs präpariert werden, damit der Schnee nicht an ihnen haften bleibt und die Fahrt bremst so brauchen auch die Kufen des Leibes und der Seele das Wachs der Freiheit, damit sie nicht an dieser Welt mehr als gut tut hängen bleiben.



Dieses Wachs der Freiheit im Herzen äußert sich in einer gesunden und  liebenden Distanz von den Dingen, mit denen wir umgehen, von den Menschen, mit denen wir zusammenleben. Nach außen wird diese Distanz sichtbar in einer Haltung des großzügigen Teilens von dem, was man an materiellen Gütern besitzt und in einer Haltung, die die Güter des Herzens und des Geistes den Gütern dieser Welt vorzieht. Diese Distanz in Freiheit lässt zwar in der Welt leben, lebt aber nicht von ihr. Diese Freiheit kommt zum Ausdruck, wenn Paulus an die Korinther schreibt: „Die Zeit ist kurz. Daher soll,

wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine,

wer weint als weine er nicht,

wer sich freut, als freue er sich nicht,

wer kauft, als werde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutz er sie nicht;

denn die Gestalt dieser Welt vergeht. (1Kor 7: 29-31)



Ja, die Gestalt dieser Welt vergeht, gerade so, wie beim Rodelrennen die Bäume und Sträucher am Rand der Rennbahn an einem vorbeiflitzen. Ganz wichtig also das Wachs der Freiheit.



Nun kann es aber geschehen, dass auf der Rodelbahn nicht nur Schnee und Eis liegen; es können Zweige und Tschurtschen von den Bäumen fallen und gelegentlich kann sogar ein Stein zum Vorschein kommen, wenn die Bahn schon recht ausgefahren ist. So passiert es auch im Leben: Es geht nicht immer alles glatt; wir ecken gelegentlich an und das gibt dann Abnützungen und Scharten auf den Kufen. Und natürlich werden vor jedem Rennen diese Scharten ausgewetzt und die Kanten geschliffen.



Die Scharten des Leibes nun heilt der Arzt in einer medizinischen Behandlung.

Die Scharten der Seele jedoch heilt Gott durch das Sakrament der Buße. Die Beichte ist der Schleifstein der Barmherzigkeit Gottes, der unter den Funken der Liebe auch die ärgsten Scharten auswetzt und die Kufe der Seele wieder ganz neu macht.



Wenn ich nun aber bedenke, dass es kein wichtigeres Rodelrennen gibt als das unseres Lebens,

wenn ich weiters bedenke, wie viele Gefahren dieses Rodelrennen unseres Lebens birgt und

wenn ich dann sehe, wie einseitig manche ihre Rodel behandeln und pflegen und wie sie nur die Kufe des Leibes im Auge haben, die Kufe der Seele aber verrosten und verkommen lassen,

dann wundert es mich nicht, dass nicht wenige von der Bahn abkommen, auf einen Baum fahren oder sich einfach zum Erbarmen abmurksen und nicht und nicht weiterkommen.



Nehmen wir uns darum erneut vor, wirklich Profirodler zu werden, die ihre ganze Rodel warten und sowohl die Kufe des Leibes wie auch die Kufe der Seele mit gleicher Aufmerksamkeit und Liebe behandeln.



Zu dieser liebevollen umfassenden Aufmerksamkeit auf unsere Rodel mag uns der anregen, der im Ziel mit der Stoppuhr auf uns wartet. Es ist der Herr, der uns so gern hat und der nichts lieber wünscht, als dass wir ihn im Ziel gut erreichen; mit seinem Herzen und mit seinen Gedanken begleitet er uns beim Rennen. Weil uns dieser Herr aber so sehr liebt, darum ist auf seiner Stoppuhr keine Zeit mit Zehntel- und Hundertstelsekunden abzulesen sondern – LIEBE! Es ist jene Liebe auf dieser Stoppuhr abzulesen, nach der wir im Ziel unseres Lebens beurteilt werden. Es ist dies eine Liebe ohne Grenzen, weil es die Liebe des Herrn ist! – Amen!