Dienstag, März 20, 2012

Weizenkorn


 
Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 12: 20 – 33

In jener Zeit 
20traten einige Griechen, die beim Osterfest in Jerusalem Gott anbeten wollten,
21an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen.
22Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus.
23Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird.
24Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.
25Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.
26Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren.
27Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen.
28Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen.
29Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet.
30Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch.
31Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden.
32Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.
33Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.




Die Griechen des heutigen Evangeliums wollten Jesus sehen. Und Jesus hat ihnen ein Bild von sich gegeben,  freilich in Form einer Rede, weil es damals ja noch keinen Fotoapparat gegeben hat. Er hat ihnen im Gleichnisbild vom Weizenkorn ein Foto von sich gegeben.
Vielleicht haben sich die Griechen von Jesus etwas viel großartigeres vorgestellt  als bloß ein unscheinbares Weizenkorn; bei den hervorragenden Philosophen, die das Volk der Griechen schon lange vor der Zeit Jesus hervorgebracht hat, würde mich das überhaupt nicht wundern.
Aber vielleicht hat Jesus gerade deshalb das unscheinbare Bild vom Weizenkorn von sich entworfen: Er wollte ihnen wohl sagen:
Ich bin anders als Eure großen Denker!
Ich bin ein Weizenkorn: ich denke nicht – ich sterbe; und durch mein Sterben werde ich zum Leben.

Ob auch wir unsere Vorstellungen von Jesus haben? Vorstellungen, die wir dann auch an Jesus sehen wollen: So soll er sein, dieser Jesus, so wie ich ihn, wie wir ihn uns vorstellen?
Jesus, der Superstar, Jesus, der Revoluzzer, Jesus, der Übermensch. Im Grunde sind wir alle versucht, Jesus so zu sehen, wie wir selber leben, denken und fühlen. Jesus sollte möglichst so sein wie wir selber.
Sollten wir jedoch kein genaues Bild oder überhaupt kein Bild von Jesus haben – auch dann zeigt er uns im heutigen Evangelium wie den Griechen damals das Bild von sich im Weizenkorn. Nur sagt er heute zu uns:
Ich bin anders als Eure Stars, ich bin anders als Eure Reformer, ich bin auch anders als Ihr.
Ich bin ein Weizenkorn: ich brilliere nicht, ich reformiere nicht, ich lebe nicht – ich sterbe; und durch mein Sterben werde ich zum Leben.

Im Bild vom Weizenkorn zeigt Jesus den Griechen damals und uns heute seine Lebensweise, seine Lebenshaltung – und das ist damals, heute und zu jeder Zeit eine neue Weise, das Leben zu sehen und es zu leben; eine Weise die unsere Lebenshaltung ständig beunruhigt. Diese Unruhe kommt vom Element des Sterbens her, das beim Weizenkorn eine wesentliche Rolle spielt. Dieses Element ist uns zuwider, damit wollen wir nichts zu tun haben, das schieben wir darum weg so weit es geht; dieses Element empfinden wir als einen Störfaktor für unser Leben.

Dabei war das bei Jesus auch der Fall: Darum spricht Jesus ja im heutigen Evangelium auch: „Jetzt ist meine Seele erschüttert.
Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde?“ (Joh 12:27
Mit diesen Worten drückt Jesus aus, dass auch er Angst hat vor dem Sterben; seine Ölbergstunden kommen in diesen Worten zum Vorschein.
Dasselbe meint auch der Hebräerbrief, wenn er schreibt,
„dass Jesus mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht hat, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.“ (Hebr 5:7)
Jesus ist auch nicht leichten Herzens Weizenkorn gewesen; er ist nicht souverän über der Wirklichkeit des Leidens, der Sterbens und des Todes gestanden; er hat wie wir auch darunter gelitten.

Wie schwer es ist, Weizenkorn zu sein und sein Leben gering zu achten, wurde mir neulich in einem Referat über Gesundheitsvorsorge klar. Da wurde klar vor Augen geführt, dass eine angemessene Einschränkung unseres unbekümmerten und ungesunden Lebenswandels uns ein beträchtliches Mehr an Lebenserwartung schenkt. Konkret heißt das: Das Rauchen einschränken oder ganz aufhören. Alkoholkonsum reduzieren. Sich keinem übermäßigen Lärm aussetzen. Den Fleischkonsum einschränken. Nicht zuwenig und nicht zuviel schlafen – am besten so um die 7-8 Stunden. Regelmäßig und maßvoll Sport betreiben.
Wie nahe uns das Weizenkorn doch ist! Dabei geht es vorerst um uns selber. Wir können und sollen Weizenkorn sein auch zu unserem eigenen Vorteil.

Bei Jesus kommt jedoch eine weitere Dimension dazu: Er ist nicht Weizenkorn nur für sich selber, so dass er also stirbt, um selber ein noch besseres Weizenkorn zu werden.
Jesus ist Weizenkorn für die anderen, für uns! Damit die anderen, damit wir, Leben haben, gibt er sein Leben her; sein Leben wird unser aller Leben. Und weil Jesus sein Leben so hergibt, weil er es ganz hergibt und weil er es ganz für uns hergibt – darum bekommt er es auch in der Auferstehung wieder zurück – nicht als Entgelt, nicht als Lohn, nicht als Verdienst sondern als ewig währendes Geschenk seines Vaters.
Jesus hat sein Leben als Weizenkorn ganz gelassen und hat es so ganz von seinem Vater wieder geschenkt bekommen.

Seht Ihr, und dieses ganz Lassen für die anderen,  dieses Lassen ohne irgendeinen Hintergedanken an einen eigenen Vorteil ist das Herz des Weizenkorns, es ist das Markenzeichen christlichen Fastens und christlichen Lebens überhaupt. Bei diesem Fasten zählen dann nicht mehr ein paar Kilo auf der Waage auf oder ab.

„Dieses Fasten löst vielmehr die Fesseln des Unrechtes
und entfernt die Stricke des Joches,
es lässt Versklavte frei und zerbricht jedes Joch,
es teilt an Hungrige das Brot aus,
nimmt die Obdachlosen ins Haus auf,
den Nackten bekleidet es
und es entzieht dich nicht deinem Verwandten!“ (Is 58:6f)

In diesen Worten des Propheten Jesaja kommt das Sterben des Weizenkorns in vorbildlicher Weise zum Ausdruck. Jesus hat dieses Vorbild erfüllt. So kommt die neue Lebensweise, wie Jesus sie meint, zur Vollendung – für die anderen zuerst und durch die anderen dann auch für mich.

Wir wollen zu Gott beten:
Vater im Himmel,
wie ein Weizenkorn in die Erde fällt und stirbt,
so hat dein Sohn sein Leben hingegeben.
Wir bitten dich:
Gib uns Kraft zu einer Lebensweise,
die sich am Beispiel deines Sohnes ausrichtet,
der mit dir lebt und herrscht in Ewigkeit! - Amen!

Samstag, März 17, 2012

So sehr geliebt


 
Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 3: 14 – 21

In jener Zeit sprach Jesus zu Nikodemus:
14Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden,
15damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.
16Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.
17Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
18Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.
19Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.
20Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.
21Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.






Gut, dass es die Pfarre gibt! Unter diesem Leitwort standen in unserer Kirche in Österreich die letzten Monate der Vorbereitung auf die heutige Wahl der Pfarrgemeinderäte! Wir sind zwar keine Pfarre – deshalb findet bei uns diese Wahl auch nicht statt. Dennoch wohnt jeder von uns in einer Pfarrgemeinde und ist verschieden in sie eingebunden. Die Güte dieser Pfarrgemeinschaft besteht darin, dass sie die Gemeinschaft der Kirche widerspiegelt. Unsere Pfarrgemeinde ist ein bestimmtes Antlitz unserer Kirche. Dieses Antlitz ist gezeichnet von Lachfalten und von Kummerfurchen: Freude und Leid sind darin wieder zu erkennen. In unserer Pfarrgemeinde gibt uns die Kirche das Leben weiter, das ihr von Gott gegeben wird: In der Verkündigung des Wortes Gottes, in der Feier der Sakramente, da insbesondere der Eucharistie und im Liebesdienst aneinander ereignet sich diese Lebensweitergabe. So wird uns die heutige Rätewahl in unseren Pfarrgemeinden jedenfalls betreffen und uns prägen.

Ich erwähnte eben, dass die Kirche in unserer Pfarrgemeinde das Leben vermittelt, das sie eben dazu von Gott bekommt. So können wir auch sagen: Gut, dass ER die Pfarre gibt. Die Pfarre und in ihr die Kirche erscheint wesentlicher besehen als eine Gabe Gottes. Eine Gabe zu unserem Heil und durch uns zum Heil der Welt. In den Pfarrgemeinderäten, die heute gewählt werden gibt Gott unsere Pfarre von neuem zum Heil der Welt. Er stellt die Pfarre von neuem auf zum Dienst in der Welt und an der Welt. Es ist darum äußerst bedeutsam, dass jeder Pfarrgemeinderat sich selber als solch eine Gabe Gottes sieht. Diese Gabe kommt aus dem Innersten Gottes, aus seinem liebenden Herzen. Er gibt diese Gabe, weil Gott die Welt so sehr liebt und sie retten will.

Und hier sind wir nun an einem ganzen wesentlichen Punkt angelangt: Denn wir haben eben im Evangelium von einer weiteren Gabe Gottes gehört: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab!“ (Joh 3:16a) Wir hörten von der Gabe Gottes in seinem einzigen Sohn – eine Herzensgabe aus Liebe!
In zweifacher Weise hat Gott seinen einzigen Sohn hergegeben: Es ist eine Gabe in die Menschen – in der Menschwerdung hat Gott seinen Sohn hineingegeben in die leidensfähige und sterbliche menschliche Natur. Und zugleich ist es eine Gabe an die Menschen – im Leiden und Sterben hat Gott seinen Sohn an die brutale Lieblosigkeit der Menschen ausgeliefert. So wird der Sohn zur Gabe für die Menschen – eine Gabe zu ihrer Rettung.

Wesentliche Ähnlichkeiten sind unverkennbar: Gabe Gottes sein, aus der Liebe Gottes geschenkt, hineingegeben in die Welt, gegeben zum Segen. Diese Ähnlichkeit lässt eine besondere Verbundenheit der Kirche mit Jesus erkennen. Sich dieser Verbundenheit bewusst zu sein, erschließt Jesus als unerschöpfliche Kraftquelle, die für die Kirche, für die Pfarre und für die gewählten Räte unerlässlich ist. Ich erinnere an das Bild vom Weinstock und den Rebzweigen. Jesus betont in diesem Gleichnis, dass die Rebzweige für ein fruchtbares Leben die Verbundenheit mit dem Weinstock benötigen. Ansonsten verdorren sie und bleiben unfruchtbar. Jesus ist dabei der Weinstock und seine Jünger sind die Rebzweige.

Das Evangelium nennt auch die Quelle dieser Gabe des Sohnes: Gott hat die Welt so sehr geliebt! Dieses „so sehr“ meint, dass die Liebe Gottes nicht größer sein kann. Es steht gegen die vielen „so sehr“, die unsere Welt zeichnen: So sehr im Krieg sind Menschen an vielen Orten unserer Erde; so sehr der Korruption verfallen sind die Mächtigen und Reichen; so sehr in ihrem goldenen Käfig eingesperrt sind die Wohlhabenden; so sehr Hunger leiden über eine Milliarde Menschen; so sehr von Drogen abhängig sind weltweit besonders junge Menschen; so sehr einsam sind Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft. Allen diesen „so sehr“ stellt Gott gegenüber, dass er die Welt so sehr liebt, dass er seinen einzigen Sohn hergab.

Wenn die gewählten Räte und jeder, der in der Kirche dient, oft genug ihre eigene Not und die der Welt erleben werden, dann dürfen sie bedenken, dass dieses „So sehr Liebe“ Gottes in ihnen am Werk ist, da sie ja selber ein Werk eben dieser Liebe Gottes sind.

„Die Weise unserer Liebe ist dadurch bestimmt, dass wir selber sie von Gott empfangen und entsprechend an die Brüder weiterzugeben haben. Gott hat für jeden Menschen, der am Kreuz von seinen Sünden und aus unabsehbarer Gottferne erlöst worden ist, sich ganz in den Tod gegeben, also steht hinter jedem Menschen diese Wirklichkeit. Jeder ist, was er ist, ein Geliebter des ewigen Gottes, trotz allem, was er mir zu sein scheint. Im Glauben sehe ich hinter jedem die Liebe des Menschensohnes, und vielleicht desto mehr, je mehr dieser für ihn zu tragen hatte.“ (H. Urs von Balthasar)

Sonntag, März 11, 2012

Der liebevolle Zorn Jesu

 
Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 2: 13 – 25

13Das Paschafest der Juden war nahe, und Jesus zog nach Jerusalem hinauf.
14Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen.
15Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus, und ihre Tische stieß er um.
16Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!
17Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich.
18Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst?
19Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.
20Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten?
21Er aber meinte den Tempel seines Leibes.
22Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.
23Während er zum Paschafest in Jerusalem war, kamen viele zum Glauben an seinen Namen, als sie die Zeichen sahen, die er tat.
24Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle
25und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; denn er wusste, was im Menschen ist.





Wir sind vielleicht verwundert über die Heftigkeit, mit der Jesus die Händler aus dem Tempel treibt. Wie Jesus aber sein Handeln kommentiert lässt uns vieles besser verstehen:
"Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!"
Der Tempel in Jerusalem ist für Jesus nicht nur ein imposantes Gebäude aus Stein und mit viel wertvollem Gerät.
Der Tempel ist für Jesus zuerst das Haus seines Vaters, das Haus, in dem sein Vater wohnt. Es trifft ihn darum persönlich, was in diesem Haus geschieht; denn das Geschehen in diesem Haus betrifft auch seinen Vater.

Das Treiben der Händler aber drängt den Vater in den Hintergrund, lässt auf den Vater vergessen. Dafür denken diese Händler nur mehr an ihr Geschäft. Für sie ist der Vater und der Herr dieses Tempels nicht mehr Gott sondern Geschäft und Gewinn.

Wenn wir nun aber bedenken, wie gern Jesus seinen Vater hat, wie sehr er auf seine Stimme hört, wie verbunden er mit seinem Vater lebt – wie sehr also sein Vater den absolut ersten Platz in seinem Leben einnimmt, dann kommt mir sein Umspringen mit den Händlern noch sehr milde vor, was bestimmt seiner Menschenfreundlichkeit zuzuschreiben ist. Ohne diese Menschenfreundlichkeit hätte er die Händler bestimmt viel schlimmer behandelt.

Der Tempel im Evangelium gibt ein gutes Sinnbild für uns selber ab. Sind wir nicht selber auch ein Haus unseres Vaters im Himmel? Und sollte nicht Gott zuerst und vor allem auch in diesem unseren Lebenshaus wohnen? Wenn wir uns jedoch selber anschauen, geht es dann in unserem Herzen und in unserem Leben nicht genauso zu wie im heutigen Evangelium im Tempel zu Jerusalem? Drängt da nicht auch eine Geschäftigkeit verschiedenster Art Gott, den Vater, in den Hintergrund?

Darum denke ich, dass diese Bußzeit eine Zeit ist, in der Jesus auch den Tempel unseres Herzens und unseres Lebens von allem reinigen möchte, was dort nicht hingehört. Darum stellt Jesus auch in unserem Leben vieles in Frage, wo wir selber eigentlich nichts dabei finden und wo wir sein Verhalten – so wie die Juden im heutigen Evangelium – als ungerechtfertigten Eingriff erleben und ihn zur Rede stellen: Was fällt dir ein, dermaßen Unruhe in unser Leben zu bringen? Mit welchem Recht tust du das?

Und es dürfte uns dann wohl schwer fallen zu hören, dass Jesus aus Liebe zu seinem Vater, aus Liebe zur Wohnung seines Vaters und somit aus Liebe zu uns so handelt. Jesus will uns so aus einer Entfremdung herausführen, in die unser Leben allmählich geraten ist. Diese Entfremdung zeigt sich in den Zwängen, denen wir gehorchen zu müssen glauben:
am Zwang, zu besitzen;
am Zwang, zu konsumieren;
am Zwang, zu gelten;
am Zwang, informiert zu sein – um nur einige zu nennen.
Sie zeigt sich an der Friedlosigkeit, die keine Ruhe, keine Stille mehr zulassen kann.
Sie zeigt sich daran, dass wir uns selber nicht mehr kennen und nicht mehr mögen, dass wir uns selber aus dem Weg gehen. Wir stellen fest: Wenn Gott nicht mehr bei uns zu Hause ist, dann können auch wir selber nicht mehr bei uns zu Hause sein; so sehr gehören Gott und wir zusammen.

Ein probates Mittel für die Tempelreinigung unseres Lebens, das sich die Jahrhunderte hindurch bewährt hat, wird uns in der ersten Lesung vorgestellt: Es sind die 10 Gebote! Sie sind wie ein untrüglicher Spiegel, der uns zeigt: Das und das ist gut und gehört in dein Leben – das behalte und fördere.

Aber das und das ist schlecht und gehört nicht in dein Leben - davon trenne dich; das jage aus deinem Tempel hinaus. Ihr seid sicher einverstanden, wenn ich bei diesen allgemeinen Angaben bleibe – die Detailarbeit macht ihr besser selber.

Wir sollten aber auf jeden Fall in dieser Zeit der Buße Jesus den Besen der 10 Gebote gründlich schwingen lassen in unserem Leben; das geschieht vor allem in der Beichte, zu der ich in dieser österlichen Bußzeit herzlich einlade.

Natürlich ist diese Tempelreinigung kein reines Vergnügen; sie ist mit Mühe verbunden; Trennungsschmerz ist unvermeidlich, wenn es heißt von angewöhntem Verhalten Abschied zu nehmen; das Gefühl der Ungewissheit einer anderen, neuen Zukunft, die erst erlebt und gelebt werden will.

Auch das Volk Israel wusste nicht, wie es in dem Land sein wird, zu dem es 40 Jahre durch die Wüste hindurch unterwegs war: Es vertraute nur auf die Verheißung, dass dieses Land von Milch und Honig fließen werde und dass es sein eigenes Land sein werde: Israel wird in diesem Land zuhause sein.

Und von dieser Verheißung eines neuen Landes, das unsere Heimat sein wird, leben auch wir. Lassen wir uns von dieser Verheißung verlocken und bewegen, damit auch unser Leben wieder zu einem Daheim für Gott, für unseren Nächsten und für uns selber wird! – Amen!

Sonntag, März 04, 2012

Niemand außer Jesus




Aus dem hl. Evangelium nach Markus 9: 2 – 10

In jener Zeit
2nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt;
3seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann.
4Da erschien vor ihren Augen Elija und mit ihm Mose, und sie redeten mit Jesus.
5Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.
6Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen.
7Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.
8Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemand mehr bei sich außer Jesus.
9Während sie den Berg hinabstiegen, verbot er ihnen, irgendjemand zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.
10Dieses Wort beschäftigte sie, und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.





Die Verklärung Jesu – ein Lichtblick in der Fastenzeit! Jesus im Licht – deutlicher noch : Licht in Jesus. Das Licht überflutet ihn nicht, wie das beim Apostel Paulus vor Damaskus geschehen ist. Licht bricht vielmehr aus ihm heraus; es bricht aus seiner Mitte hervor. Es liest sich so, dass Jesus diesem Lichtausbruch ausgeliefert ist: es geschieht an ihm; er kann es nicht verhindern und will dies auch nicht: Jesus wurde vor ihren Augen verwandelt. Eine visuelle Botschaft; vorerst rätselhaft wird sie gegen Ende durch eine verbale Botschaft erklärt. Zuerst über die Augen dann auch über die Ohren machen die Jünger eine Jesuserfahrung.

Diese beiden Sinnesorgane sind die Hauptstraße, auf der Jesus den Jüngern entgegenkommt: Sie hören, was er spricht und sehen, was er tut. Kein Wunder, dass diese beiden Organe eine besondere Achtung verdienen: Vorhin im Gebet zu Gott hörten wir davon: Nähre uns mit deinem Wort und reinige die Augen unseres Geistes! So haben wir zu Gott gerufen. Ein besonderer Auftrag für die Fastenzeit; Stoff für einen weiteren Fastenvorsatz – dabei haben wir doch schon so viele davon: Unsere Ohren und Augen zu reinigen.

Wie geschieht diese Reinigung? Durch das, wofür wir unsere Ohren öffnen und worauf wir unsere Augen richten; durch das, was wir anhören und anschauen. Ohren und Augen sind tatsächlich Wege in unser Leben und in unser Herz; was auf diesen Wegen in uns hereingelangt bestimmt und prägt uns, so dass wir werden und sind, was wir hören und sehen. Wir können nun mitbestimmen, was wir hören und sehen: Ich kann mir das Programm im Fernsehen aussuchen und auch die Musik, die ich anhöre. Ich kann mich entscheiden für einen Spaziergang und meine Sinne den Einflüssen der Natur aussetzen; ich kann mich für Begegnungen mit Menschen entscheiden.

Wozu nun sollen unsere Sinne gereinigt werden? Das Gebet endet mit der Zielvorgabe: damit wir fähig werden Deine Herrlichkeit zu erkennen; es geht also um die Herrlichkeit Gottes und dass wir sie aufnehmen können. Das klingt etwas abstrakt.

In der ersten Lesung haben wir ein Beispiel, dass auf starke Weise erdet: Weil Abraham die Stimme des Engels hört und auf diese Stimme hört und weil er den Widder im Gestrüpp sieht erlebt er die Herrlichkeit Gottes in der Treue zu dessen Verheißungen.

Vor allem anderen jedoch können wir die Herrlichkeit Gottes erkennen in dem, was Jesus sagt und tut. Deshalb die eindringliche Aufforderung, auf diesen Jesus zu hören, weil er der geliebte Sohn Gottes ist! Diese Aufforderung deutet zugleich den lichtvollen Jesus: Das Licht in Jesus kommt daher, dass er der geliebte Sohn Gottes ist: es ist ein Licht der Kindschaft, der Liebe und der Herrlichkeit Gottes. Im heutigen Evangelium hüllen sich diese drei Wesensarten Jesu in Licht wie in ein Kleid. An anderen Stellen hüllen sie sich in das Wort seiner Lehre und seiner Zurechtweisung; anderswo in seine Zeichen und Wunder. Vor allem aber hüllen sie sich in die entschlossene Bereitschaft, Gottes Willen zu tun bis hinein in die Hingabe seines Lebens am Kreuz.

Reinigung unserer Augen und unserer Ohren indem ich Jesus anschaue, wo er sich anschauen lässt und höre, was er spricht. Wann habe ich etwa zuletzt ein Bild von Jesus angeschaut? Wirklich angeschaut? So, dass ich dabei innegehalten habe und dabei verweilt bin? Wann habe ich zuletzt sein Wort gehört? So gehört, dass ich mich fragte: Was bedeutet das jetzt für mich? Was will Jesus mir jetzt damit sagen? Wir sehen: Jesus reinigt unsere Sinne. Ich muss sie ihm zur Reinigung geben, indem ich sie für ihn öffne und auf ihn hinwende.

Jesus übergibt sich unseren Sinnen – unseren Augen in seiner sichtbaren Gestalt; unseren Ohren in seinem Wort; unserem Geschmack in der Eucharistie; unseren Händen im Nächsten. Zugleich verbinden sich einzelne Wahrnehmungsweisen miteinander: Die Eucharistie etwa nehmen wir mit den Augen, mit den Händen und mit dem Geschmack wahr. Wie umfassend sich Jesus uns doch mitteilt.

Wie sich der Herr uns nun in unseren Sinnen übergibt müssen auch wir unsere Sinne dem Herrn übergeben, indem wir sie ihm zur Verfügung stellen: Es ist ein gegenseitiges Schenken und Beschenktwerden. So wird die Bußzeit für uns ein Weg zur Verklärung. Amen!