Donnerstag, Juni 28, 2012

Sei ohne Furcht! Glaube nur!

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 5: 21 – 43

In jener Zeit
21fuhr Jesus im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war,
22kam ein Synagogenvorsteher namens Jairus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen
23und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.
24Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn.
25Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt.
26Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.
27Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand.
28Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.
29Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.
30Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt?
31Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt?
32Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte.
33Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.
34Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein.
35Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten (zu Jairus): Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?
36Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht; glaube nur!
37Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus.
38Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Lärm bemerkte und hörte, wie die Leute laut weinten und jammerten,
39trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur.
40Da lachten sie ihn aus. Er aber schickte alle hinaus und nahm außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind lag.
41Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf!
42Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute gerieten außer sich vor Entsetzen.
43Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.





Der Synagogenvorsteher Jairus und die Frau mit den Blutungen – zwei Menschen wie Du und ich; zwei Menschen auf der Suche nach Heilung – für andere und für sich; zwei Menschen, scheinbar bestimmt zur Hoffnungslosigkeit, konfrontiert mit dem Tod und mit einer unheilbaren Krankheit – sie haben von Jesus gehört.

Sie tun diese Rede von Jesus nicht ab; sie werfen ihre Hoffnung ganz auf diesen Jesus und suchen die Begegnung mit ihm:
„Meine Tochter liegt im Sterben! Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt.“ (Mk 5:23)
Noch gewagter die Frau:
„Sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt.“ (Mk 5:28)

Zwölf Jahre litt sie an Blutungen.
Sie war von vielen Ärzten behandelt worden.
Sie hatte dabei sehr viel zu leiden.
Ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben.
Es hatte ihr nichts genutzt
sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden.(vgl. Mk 5:25f)

Hier ist als Ende eines unaufhaltsamen Bergab nur mehr der Tod zu erwarten – und vorher die Resignation.
Aber sie hatte von Jesus gehört. Sie hat ihn nicht gesehen, nicht selbst erlebt, sie hatte "nur" von ihm gehört.
Und allein schon dieser "gehörte" Jesus gibt ihr neue Hoffnung und neues Leben beginnt zu keimen. Wenn nun schon der "gehörte" Jesus so eine belebende Wirkung auf diese Frau hat – was wird dann erst der erlebte, der erfasste, der gesehene Jesus in ihr bewirken?
Und dann genügt ihr in seiner Nähe die Berührung seines Gewandes; sie besteht nicht darauf, ihn anzusprechen, ihn um Heilung zu bitten, von seinen Händen berührt zu werden.
„Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt“ – so ist sie überzeugt; so hoch, so stark denkt sie von Jesus.
Und sie berührt sein Gewand und sie wird geheilt.
Die Frage Jesu an seine Jünger, wer denn in diesem Gedränge sein Gewand berührt habe, zeigt einen wesentlichen Unterschied auf zwischen der Berührung der Frau und der Berührung der drängenden Menge:
Die Frau sucht die Berührung Jesu; Jesus zu berühren, das ist das Ziel ihres Herzens, danach geht ihr ganzes Streben.
Die Menge berührt Jesus zufällig; die Leute denken sich weiter nichts dabei; sie berühren Jesus achtlos.
Es stehen zwei grundverschiedene Haltungen hinter diesen beiden Berührungen Jesu:
Die Frau berührt Jesus aus dem Glauben heraus, dass sie dadurch geheilt wird. Dieser Glaube der Frau lässt die Kraft fließen – von Jesus zu ihr,
dieser Glaube der Frau lässt ihre Berührung Jesus zu Herzen gehen, so dass „er merkt, dass eine Kraft von ihm ausströmte.“ (Mk 5:30)
Darum auch das Wort Jesu an die Frau:
„Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein!“ (Mk 5:34)
Nicht deine Berührung sondern dein Glaube hat dir geholfen.
Weil dein Kontakt, deine Begegnung mit mir aus deinem Glauben, aus deinem Vertrauen herausgewachsen ist – darum wirst du von deinem Leiden geheilt.

Das Verhalten des Jairus und der blutflüssigen Frau sind für uns eine Ermutigung in verschiedener Hinsicht:
Eine Ermutigung, unsere Krankheiten und unsere Ohnmacht in ihrer ganzen Schwere und Bitternis zuzulassen; eine Absage an jedwede Verdrängung.
Eine Ermutigung zum Glauben und zum Vertrauen auf jenen Jesus, von dem ja auch wir immer und immer wieder hören, wenn das Evangelium verkündet wird.
Eine Absage an die Resignation und eine Ermutigung, zu diesem gehörten Jesus zu gehen dorthin, wo er greifbar und sichtbar, erlebbar und spürbar wird: im Brot und im Wort des Lebens, im Bußsakrament, in der Schwester und im Bruder neben mir. Eine Absage an ein lebloses Christentum.
Warum das alles?
Weil Jesus, der reich war, unseretwegen arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen. (vgl. 2Kor 8:9b)

Wir wollen beten:
heiliger Gott, du bist ein Gott des Lebens, nicht des Todes. Stärke unseren Glauben an das Leben, das du uns allen verheißen hast. Durch Christus, unseren Herrn. - Amen!

Samstag, Juni 23, 2012

Was wird wohl aus diesem Kind werden?



Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 1: 57 – 66.80

57Für Elisabet kam die Zeit der Niederkunft, und sie brachte einen Sohn zur Welt.
58Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.
59Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben.
60Seine Mutter aber widersprach ihnen und sagte: Nein, er soll Johannes heißen.
61Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt.
62Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle.
63Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb zum Erstaunen aller darauf: Sein Name ist Johannes.
64Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen, und er redete und pries Gott.
65Und alle, die in jener Gegend wohnten, erschraken, und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa.
66Alle, die davon hörten, machten sich Gedanken darüber und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn es war deutlich, dass die Hand des Herrn mit ihm war.
80Das Kind wuchs heran, und sein Geist wurde stark. Und Johannes lebte in der Wüste bis zu dem Tag,
an dem er den Auftrag erhielt, in Israel aufzutreten.





Vor drei Monaten feierten wir am 25. März im Hochfest Verkündigung des Herrn, dass Maria vom Hl. Geist überschattet, den Sohn Gottes empfangen hat. Damals sagte der Engel Gabriel zu ihr, dass ihre Verwandte Elisabeth trotz ihres hohen Alters ein Kind empfangen habe und bereits im 6. Monat sei. Heute nun, drei Monate später und 6 Monate vor der Geburt Jesu feiern wir die Geburt eben dieses Kindes. Auch dieses Ereignis feiern wir im liturgischen Rang eines Hochfestes. Dadurch wird auf die Bedeutung dieses Kindes hingewiesen. Wie wichtig dieses Kind ist, kommt durch die ausführliche Erzählung seiner ungewöhnlichen Empfängnis und seiner Geburt zum Ausdruck. Nur noch von zwei weiteren Personen feiert die Kirche den Geburtstag: Von Maria, der Mutter Jesu und von Jesus selber.

Damit sind wir beim Brennpunkt der johanneischen Geburtsgeschichte angelangt: bei Jesus Christus! Schwangerschaft und Geburt des Johannes sind nämlich unlösbar verquickt mit der von Jesus. Und die Erzählungen und Gebete um dieses Ereignis machen klar: Was mit Johannes geschieht, geschieht um Jesu willen. Was mit Johannes geschieht ist vollständig auf Jesus hingeordnet in der Weise der Vorbereitung: Von der Schwangerschaft des Johannes berichtet Lukas in der Kindheitsgeschichte Jesu zuerst. 6 Monate später ebnet dieses Faktum den Einstieg Mariens in die Mutterschaft Jesu und veranlasst Maria, zu Elisabeth zu eilen und ihr in den letzten drei Monaten ihrer Schwangerschaft beizustehen.

Wenn es dann am Ende des heutigen Evangeliums heißt: „Das Kind wuchs heran, und sein Geist wurde stark. Und Johannes lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er den Auftrag erhielt, in Israel aufzutreten.“ (Lk 1:80) erahnen wir, dass das Bisherige nur ein Vorspiel war für sein Predigen und Taufen, mit dem er das Volk Israel zu Jesus hinführen sollte.

An Johannes dem Täufer wird uns vor Augen geführt, wie Gott von Anbeginn das Leben eines Menschen auf ein bestimmtes Ziel hinordnet: auf die Erfüllung von Gottes Heilswillen an uns Menschen. Johannes ist bestimmt, mitzuhelfen, dass sich Gottes Liebe zu uns zeige in Jesus Christus. Johannes ist bestimmt, Gott und uns Menschen zu dienen. Diese Bestimmung erfüllt er, indem er zum Bindeglied wird zwischen Jesus, dem Messias und dem Volk Israel. Er führt das Volk der Verheißung seinem Heiland und Erlöser entgegen.

Die Berufung des Johannes wird bereits in seinen Eltern Elisabeth und Zacharias vorbereitet. Von ihnen heißt es: „Beide lebten so, wie es in den Augen Gottes recht ist und hielten sich in allem streng an die Vorschriften und Gebote des Herrn.“ (Lk 1:6) Sie beteten auch um Kinder, „denn sie hatten keine, da Elisabeth unfruchtbar war; und beide waren schon in vorgerücktem Alter.“ (Lk 1:7) So wurde ihm gleichsam mit der Muttermilch das Gebot des Herrn als Lebensnorm eingeflößt. Den Augen des Herrn und seinem Gebot hat sich Johannes dann als junger Mann bewusst ausgesetzt in der Wüste. Er hat die Schule seiner Eltern eingetauscht mit der Schule der Wüste. Dort hat er eine Antwort auf die Frage gesucht, was der Herr mit ihm vorhabe. Die Antwort fand er schließlich im Auftrag, in Israel aufzutreten und durch Predigt und Taufe das Volk Israel zur Umkehr zu bewegen und es so empfänglich zu machen für den Messias, den Gott seinem Volk Israel in Jesus schickt.

Das Geschick des Täufers drängt jeden von uns zur Frage: Wozu bin geboren? Was will Gott von mir? Welche Aufgabe hat er mir gegeben? Diese Fragen sind auch dann aktuell, wenn ich bereits meine Berufung verwirkliche. In diesem Fall soll mir meine Verbundenheit mit Gott über meine Lebensaufgaben neu bewusst werden; der Kraftstrom von Gott her kann so erneut und tiefer in mir fließen; ich werde womöglich eine gewisse Abgestumpftheit in meinem Beruf auf eine neue und tiefere Freude hin überwinden und gar neue Schätze in meiner Berufung entdecken können. Ich werde mit neuer Betroffenheit entdecken, welche Rolle Jesus Christus in meinem Beruf spielt – oder noch nicht – oder nicht mehr.

Das Fest der Geburt Johannes’ des Täufers kann und will uns zu einer Neugeburt in Christus verhelfen. Es eröffnet sich die beglückende Möglichkeit, alles in Christus zu erneuern und so erneut zu einem Segen zu werden für die Menschen an unserer Seite. Ergreifen wir diese Möglichkeit beherzt und dankbar. Amen!

Sonntag, Juni 17, 2012

Die Größe des Samenkorns

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 4: 26 – 34

In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge:
26Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät;
27dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie.
28Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.
29Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
30Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben?
31Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät.
32Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
33Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten.
34Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.





Jesus spricht heute vom Wesentlichen seiner Botschaft, vom Reich Gottes. Sein öffentliches Wirken hat er mit der Botschaft begonnen: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1:15)

Dieses nahegekommene Reich Gottes bringt er den Leuten im heutigen Evangelium nahe auf eine Weise, in der sie seine Botschaft zumindest erahnen können: Er spricht zu ihnen vom Reich Gottes in Bildern und Gleichnissen aus ihrer unmittelbaren Umwelt. Er geht mit den Leuten in den Garten und auf das Feld und erzählt ihnen an dem, was sie dort sehen und erleben können, das Reich Gottes. Das Reich Gottes ist nun eine sehr tiefe und komplexe Wirklichkeit, die man nicht mit einem einzigen Bild einfangen kann. Darum spricht Jesus in mehreren Bildern von dieser Wirklichkeit.

Im ersten Bild vom Wachsen des Weizenkorns auf dem Acker sagt Jesus den Leuten, dass das Reich Gottes etwas ist, das im Verborgenen und das auf geheimnisvolle Weise wächst. Wir können zwar nach außen die verschiedenen Formen beobachten, die der Same annimmt: den Halm, die Ähre und das volle Korn. Aber das Wachsen selber können wir nicht mitverfolgen; das entzieht sich dem Zugriff unserer Erkenntnis.

Was bedeutet das? Es bedeutet etwa, dass das Reich Gottes nicht auf unserem Mist wächst sondern die Erde bringt von selbst ihre Frucht. Mit der dunklen Tiefe der Erde, in die das Weizenkorn fällt, ist die unbegreifliche, dunkle tiefe Gottes zu verstehen. Die Kraft, in der das Reich Gottes wächst ist göttliche Kraft. Das wird dadurch hervorgestrichen, dass zwischen dem Aussäen des Samens und dem Ernten des Weizens keinerlei Sorge angesprochen wird, wie etwa Unkraut jäten oder gießen.

Für die Gestalt des Reiches Gottes, wie sie uns heute in unserer Kirche entgegentritt, heißt dies, dass Gott für das Wachstum unserer Kirche Sorge trägt. Das entlastet uns; wir dürfen nicht meinen, alles hängt von uns allein ab. Das Wachsen und Gedeihen unserer Kirche hängt von Gott ab. Das entlastet und klärt den Blick auf jene Kräfte in uns, die wir zur Verfügung haben – und dürfen zugleich auch diese unsere Kräfte als Weizenkörner sehen, die durch Gottes Kraft wachsen. Das heißt: Wir sind auf keinen Fall allein. Der Herr gibt auf jeden Fall die Kraft für unser Wirken. Im Wissen darum müssen wir uns nur dieser Kraft öffnen und so das Wachsen zulassen. Dieses Bild vom Wachsen des Weizenkorns will uns vorbereiten zum Teamwork mit Gott an seinem Reich, unserer Kirche! Zudem bedeutet Wachsen des Reiches Gottes auch unser persönliches Reifen; Reich Gottes wächst nicht nur um uns – es wächst auch in uns: Wir gehören zum Reich Gottes und wir sind Reich Gottes!

Im zweiten Bild vom Reich Gottes wird einem völlig unscheinbaren Beginn ein großes, überragendes Ende gegenübergestellt: Niemand würde vermuten, dass aus dem winzigen Senfkorn eine Staude wird größer als alle anderen Gewächse. Gerade so wie bei der aktuellen Fußball WM: Wer hätte geglaubt, dass die beiden Außenseiter Tschechien und Griechenland in das Viertelfinale aufsteigen würden. Die allermeisten hatten zumindest Russland als Favoriten auf der Liste.

Was bedeutet dieses zweite Bild vom Reich Gottes? Dass wir uns nicht von einem unscheinbaren Beginn täuschen und entmutigen lassen; dass das Eigentlichen nicht im kleinen Äußeren liegt sondern im großen Inneren, in der großen, verborgenen Kraft, die sich entfalten möchte von etwas kleinem, unbedeutendem am Anfang zu etwas großem, bedeutsamem am Ende. Auf diese Kraft gilt es die Aufmerksamkeit zu richten, auf sie gilt es zu vertrauen. Gott liebt es, im Kleinen groß zu sein und aus dem Kleinen heraus zu wachsen. So wird deutlich: die Kraft kommt von ihm, die Stärke schenkt er, die Größe gründet in ihm. Darum kann das kleine Senfkorn erst zum Baum mit den großen Zweigen werden, nachdem es in die Erde gesät wurde – nachdem sich also die göttliche, verborgene Kraft an ihm erweisen konnte.

Lassen wir Franz von Sales einen Schlusspunkt setzen: Wir sehen Gott nicht, der uns doch gegenwärtig ist. Wohl sind wir seiner Gegenwart durch den Glauben gewiss, aber wir vergessen es oft, weil wir mit unseren Augen Gott nicht sehen, und wir betragen uns, als wäre Gott weit von uns entfernt. - Wer in der Stille des Herzens das Gefühl von der geliebten Gegenwart Gottes bewahrt, der ist glücklich. Seine Vereinigung mit der göttlichen Güte wird immerfort, wenn auch unmerklich, wachsen und sein ganzes Wesen mit unendlicher Milde durchtränken. Amen!

Freitag, Juni 15, 2012

Mutterherz

 
Aus dem hl. Evangelium nach Lukas 2: 41 – 51

41Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem.
42Als er zwölf Jahre alt war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach.
43Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten.
44Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten.
45Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.
46Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.
47Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.
48Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen, und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.
49Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?
50Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte.
51Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.




Setzen wir fort, wo das Evangelium aufgehört hat: „Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“ (Lk 2:51b) Mit diesen Worten wird das Herz Mariens als ein bewahrender Raum angesprochen. Um diesen Raum näher fassen zu können, erinnern wir uns daran, dass es unmittelbar vorher geheißen hat, dass auch sie nicht verstand, was Jesus mit seinen Worten sagen wollte. (vgl. Lk 2:50) Das Herz Mariens ist also ein Raum, in dem auch für den Verstand Unverständliches Platz hat. Das Herz ein Raum, tiefer und umfassender als der Verstand. Im Herzen darf auch sein, was der Verstand nicht fasst. Das ist nicht selbstverständlich sondern eine Entscheidung; die Kraft dazu kommt eben aus dem Herzen, und bei Maria aus einem unbefleckten Herzen. Die Unbeflecktheit und Reinheit ihres Herzens deckt die Quelle dieser Kraft auf: Es ist die Gnade Gottes, deren Maria voll ist. Diese Gnadenfülle rückt das unbefleckte Herz Mariens ganz in die Nähe des göttlichen Herzens Jesu, was ja auch durch die unmittelbare zeitliche Abfolge dieser beiden Feste zum Ausdruck kommen soll.

Dieses unbefleckte Herz ist ein offener Raum in zweierlei Hinsicht. Es ist offen für den Hl. Geist; darum wird es auch Tempel des Hl. Geistes genannt. Und in diesem Geist ist es offen in reiner Liebe zu Gott und zu den Menschen hin. Und wie bereits gesagt: diese Offenheit ist eine Entscheidung, die Maria getroffen hat, als dem Engel die Antwort mitgab: „Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast!“ (Lk 1:38)

Dieses Herz ist aufgrund seiner Liebe aber auch offen, indem es alles bewahrt – auch das Unverständliche, das Unbegreifliche; und damit ist nicht nur das Verhalten ihres Sohnes gemeint sondern auch das Verhalten von uns Menschen in seiner unverständlichen sündhaften Verkehrtheit; die Offenheit und Tragkraft des Herzens Mariens für all dies Negative und Dunkle von uns Menschen macht eben dieses Herz auch äußerst verwundbar. Je größer die Liebe desto größer der Schmerz über das Verhalten gegen diese Liebe.

So haben wir allen Grund, das Gnadenwerk Gottes zu preisen, das er uns im unbefleckten Herzen Mariens schenkt.

Gott hat Maria nämlich ein kluges und verständiges Herz geschenkt, bereit auf ihn zu hören und seinen Weisungen in allem zu folgen. Im Vertrauen auf Gottes Vorsehung kann sie nämlich ihr ganzes Leben immer wieder vertrauensvoll in Gottes Willen hineinlegen. Sie weiß, dass sie alle ihre Sorgen – auch jene, die die Menschen ihr anvertrauen, auf den Herrn werfen kann: So kann sie im Herrn, der alles vermag, Erbarmen haben mit allen und über die Sünden der Menschen hinwegsehen, damit sie sich bekehren. (vgl. Weish 11:23)

Gott hat Maria ein neues und mildes Herz geschenkt, in das er selbst das Gesetz des Neuen Bundes eingeschrieben hat. Marias Herz war wie ein leeres Blatt und es war formbar, wie Wachs in der Wärme. Gott konnte ihr den Neuen Bund nach seinen Vorstellungen einschreiben und sie zugleich in diesen Neuen Bund einfügen.

Gott hat ihr ein schlichtes und reines Herz geschenkt, mit dem sie als Jungfrau seinen Sohn empfing und mit dem sie dich schauen darf in ewiger Freude. Es ist die Schlichtheit des Glaubens, in der sie jungfräulich Mutter wurde und die Klarheit ihres Herzens, die die Freude Gottes ungetrübt widerspiegeln kann.

Gott hat ihr ein waches und starkes Herz geschenkt, welches das Schwert des Leidens furchtlos ertrug und die Auferstehung des Sohnes gläubig erwartete. Mutig nimmt sie das Leiden an, das ihr in ihrem Sohn durch die Sünden der Menschen widerfährt und bleibt dennoch in der Hoffnung wach in der Erwartung der Auferstehung.

Im Herzen Mariens ist uns ein Ort geschenkt, an dem wir die lebendige Gegenwart Gottes finden und verehren können; ein Ort, an dem wir herzlich willkommen sind; ein Ort, an dem unsere Gebete Erhörung finden; ein Ort, an dem uns ihre Mutterhände aufrichten und von neuem auf ihren Sohn ausrichten; ein Ort, an dem unser Menschsein geheilt und unser Kindsein vollendet wird. Ein Ort, an dem unsere Liebe zu Gott und zueinander neu erblüht. Ein Ort, den wir Warteraum des Himmels nennen dürfen und Durchgang in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott, der gepriesen sein in Ewigkeit! Amen!

Donnerstag, Juni 14, 2012

Das offene Herz

 
Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 19:31 – 37

31Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen und ihre Leichen dann abnehmen; denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag.
32Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem Ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war.
33Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht,
34sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.
35Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt.
36Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.
37Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.



„Einer der Soldaten stieß mit seiner Lanze in die Seite Jesu und sogleich floss Blut und Wasser heraus.“ (Joh 19:34)

In dieser Szene findet die Hinrichtung Jesu ihren blutigen Höhepunkt. Vielleicht sind wir schon zu sehr an diese Szene gewöhnt als dass sie uns noch berühren könnte. Vertraut mit den bildlichen und figürlichen Darstellungen dieser Szene in unseren Kirchen und zu Hause im Herrgottswinkel; zudem abgehärtet durch zahlreichen Darstellungen von brutaler Gewalt in den Medien kann uns das heutige Evangelium kaum mehr erschüttern.

Es erscheint uns auch gar nicht mehr als Widerspruch, wenn wir den brutalen Mord an Jesus als ein Evangelium, also als eine Frohbotschaft verkünden. Kaum einer fragt sich noch, was an dieser Botschaft noch froh und an dieser Nachricht noch gut sein soll!? Uns ist das spontane und unmittelbare Empfinden abhanden gekommen, wie es unbelastete Kinder noch haben. So ein Kind hat mit seiner Mutter eine Kirche besichtigt. Die Mutter bewundert gerade die barocke Herrlichkeit der Kirche als sie vom Kind dabei unterbrochen wird: Mami, schau, der blutet ja! Und es zeigt dabei auf den gekreuzigten Jesus, der mächtig und unübersehbar an der Wand hängt.

Jesus hat selbst als Toter, als Gekreuzigter noch eine Botschaft für uns. Es ist die Botschaft seines geöffneten Herzens. Diese Botschaft spricht er in unsere Welt herein, die in vielen Hinsichten von verschlossenen Herzen geprägt wird: Misstrauen, Verstocktheit, Unfriede, Krieg sind Anzeichen für verschlossene Herzen.

Jesus will uns sagen: Ich habe mein Herz für Euch geöffnet. Öffnet auch ihr eure Herzen füreinander! Öffnet eure Herzen in der ehelichen Gemeinschaft und in der Familie, öffnet eure Herzen in der Freundschaft und im Beruf, öffnet eure Herzen für die Freude und für die Not um euch.

Dass aber im heutigen Evangelium Jesu Herz durch eine Wunde geöffnet wird will uns sagen, dass Jesus sich verwunden hat lassen und dass er verwundbar ist. Diese Verwundbarkeit ist eine Folge von Empfindsamkeit. Darum ist das Herz Jesu Fest auch eine Anfrage an die Empfindsamkeit unseres Herzens. Wie sehr sind wir noch verwundbar? Und das heißt: Wie sehr sind wir noch berührbar von Freude und Leid in unserer Welt? Wie sehr kann uns das Schicksal unserer Mitmenschen wie auch der ganzen Welt noch zu Herzen gehen?

Im Nachgehen dieser Fragen werden wir gleich bemerken, dass wir nicht unbegrenzt belastbar sind und dass unsere Empfindsamkeit begrenzt ist. Es kommt ein Punkt, an dem wir abschalten und uns verschließen vor dem, was unser Herz berühren möchte. Wir müssen uns verschließen weil wir uns überfordert fühlen.

Gerade in dieser Situation möchte das Herz Jesu uns helfen, dass wir einerseits bewusst und behutsam umgehen mit dem, was uns berührt und dass wir uns andererseits jeglicher Reizüberflutung verweigern, wie sie uns etwa ein unkontrollierter Medienkonsum beschert.

Es ist recht eigentlich die Gedankenlosigkeit im Umgang mit unserem Herzen und unserer Gefühlswelt, die uns hartherzig macht. Diese Gedankenlosigkeit lässt uns auch vergessen, dass unser Herz etwas lebendiges ist und dass es sich weiten und wachsen kann. Wie groß unser Herz wirklich sein könnte – das will uns das Herz Jesu immer wieder bewusst machen. Am Herzen Jesu soll unser Herz wachsen und zur Vollendung reifen – dazu ist es berufen.

Diese Berufung leben wir, wenn wir unsere Gefühle Ernst nehmen; wenn wir uns unser Herz zu Herzen nehmen. Wenn wir das Hinhören auf unser Herz neu lernen; wenn wir das Auskosten unserer Gefühle von neuem üben; das alles hat nichts mit Gefühlsduselei zu tun sondern damit, dass wir uns um die Ursachen und die Auswirkungen unserer Gefühle kümmern und uns auch auf diese Weise ernst nehmen.

Legen wir unser Herz immer wieder in Jesu Herz hinein, vertrauen wir es ihm an im Wissen darum, „dass Gott größer ist als unser Herz“ (1Joh 3:20b) und dass er selber uns einlädt, wenn er spricht: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11:28)

Maria, die Mutter Jesu, hat in vorbildlicher Weise ihr Herz mit dem Herzen ihres Sohnes verbunden und ihr Leben dem ihres Sohnes angeglichen. Zusammen mit ihr wollen wir zu Gott beten: Barmherziger Gott, das geöffnete Herz deines Sohnes ist für uns ein Zeichen deiner grenzenlosen Liebe. Hilf uns, Boten deiner Vergebung und deiner Liebe zu sein. Durch Christus, unseren Herrn! - Amen!

Dienstag, Juni 05, 2012

Jesu Familie

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 3:20 – 35

In jener Zeit
20ging Jesus in ein Haus, und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten.
21Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.
22Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebub besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.
23Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Form von Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben?
24Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben.
25Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben.
26Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und mit sich selbst im Streit liegt, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen.
27Es kann aber auch keiner in das Haus eines starken Mannes einbrechen und ihm den Hausrat rauben, wenn er den Mann nicht vorher fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern.
28Amen, das sage ich euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen;
29wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften.
30Sie hatten nämlich gesagt: Er ist von einem unreinen Geist besessen.
31Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen.
32Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir.
33Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?
34Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder.
35Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.






Es ist bemerkenswert, wie sich der Beginn der 1. Lesung und das Ende des Evangeliums treffen in der Familie Gottes. Jesus benennt es ausdrücklich: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mk 3:35) Und eben von diesem familiären Verhältnis zwischen Gott und Mensch geht die 1. Lesung aus, die dann davon berichtet, wie eben dieses Verhältnis zerbricht, weil der Mensch Gott gegenüber ungehorsam wird.

Im Verlauf der Lesungen und des Evangeliums wird dann die dramatische Zerstörung der Familie Gottes sowie ihre Erneuerung von Grund auf im Telegrammstil dargestellt. Die Protagonisten dieses Dramas werden benannt: Es ist der Widersacher Gottes, in der ersten Lesung dargestellt in der Schlange und im Evangelium durch Beelzebul und dessen dämonischem Anhang. Dem wirkt Gott entgegen durch Jesus Christus, den er von den Toten auferweckt. Durch den Glauben an Jesus werden wir dieser Auferstehung teilhaftig und befähigt vor Gott hinzutreten und zu wohnen in einem ewigen Haus im Himmel. Diese himmlische Familie wird bereits auf Erden vorweggenommen in der Familie jener, die sich gläubig um Jesus versammeln und so den Willen Gottes erfüllen.

Wir können deutlich erkennen, dass in diesem Vergehen und Werden der Familie Gottes wir selber aktiv gefordert sind. Wir sind wesentlich mitbeteiligt an diesem familiären Prozess: Er vollzieht sich nicht über unsere Köpfe hinweg! Vielmehr sind wir herausgefordert, Stellung zu beziehen, indem wir uns fragen: Wollen wir zur Familie Gottes gehören oder nicht? Wollen wir uns um Jesus versammeln und auf ihn hören oder nicht? Wollne wir in Jesus den Messias annehmen, den Gott vom Tod erweckt hat um unsretwillen, zu unserem Heil?

1. Lesung und Evangelium stellen uns Alternativmodelle vor Augen: Eva und Adam, die sich verführen lassen und lieber auf die Schlange hören als auf Gott. Die Verwandten Jesu, die ihn für verrückt halten und nach Hause holen wollen. Noch negativer die Schriftgelehrten von Jerusalem, die Jesus gar mit dem Chef der Dämonen in Verbindung sehen und behaupten, mit dessen Hilfe treibe er die Dämonen aus. Es ist bemerkenswert, dass die Familie, die Jesus möchte, nicht durch Blutsbande zusammengehalten wird und dass auch die gemeinsame Volkszugehörigkeit die Zugehörigkeit zur Familie Gottes nicht garantiert. Ja, im Gegenteil, menschlich irdische Verbundenheit kann zum Nachteil werden, den Jesus an anderer Stelle klar ausdrückt, wenn er sagt: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat und in seiner Familie.“ (Mt 13:57)

Was zur Familie Gottes, wie Jesus sie wünscht, Zulass gewährt, kommt klar zum Ausdruck: Jesus nennt jene, die um ihn versammelt sind, seine Mutter und seine Brüder! Zur Familie Jesu gehört man nicht durch Blutsbande und nicht durch Volksbande sondern durch das Jesusband – durch die Verbundenheit mit Jesus in der Versammlung um ihn, im Hören auf ihn, in seiner Nachfolge. Dies drückt sich aus, dass man in seinem Wirken nicht einen Dämon am Werk sieht sondern den Hl. Geist. Es drückt sich aus im Glauben an ihn, der sich dann ausformuliert in der Rede von ihm in der Verkündigung, im gläubigen Anteilnehmen an seiner Auferstehung und in der folgenden Ausrichtung auf ein ewiges Wohnen bei Gott. Daraus erfolgt ein weiteres Familienkennzeichen: Der Ausblick über das Sichtbar Vergängliche hinaus auf das Unsichtbar Ewige. Das Familienprogramm, wie es die Schrifttexte heute vorstellen sind ein christliches Lebensprogramm für unseren Alltag.

Noch ein besonderes Kennzeichen der Familie Jesu: Der Vater fehlt! Da ist von der Mutter die Rede und dann von den Brüdern und Schwestern – aber nicht vom Vater! Nun, das mag vordergründig daran liegen, dass Josef bereits verstorben ist. Eigentlich hat Jesus da aber keine patriarchalische Familie im Sinn sondern eine geschwisterliche Familie, in der es nur Gott als den Vater geben darf, alle anderen aber untereinander Schwestern und Brüder sind (vgl. Mt 23:8ff.). Und das ist es tatsächlich, was die Urgemeinde dann auch herausgehoben hat aus dem sozialen jüdisch heidnischen Umfeld.

Möge darum diese Feier uns tiefer hineinführen in die Familie Gottes, versammelt um Jesus, versammelt im Heiligen Geist – hier auf Erden und einmal in Ewigkeit! Amen!

Montag, Juni 04, 2012

Fronleichnam

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 14: 12 – 26

12Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote, an dem man das Paschalamm schlachtete, sagten die Jünger zu Jesus: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?
13Da schickte er zwei seiner Jünger voraus und sagte zu ihnen: Geht in die Stadt; dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm,
14bis er in ein Haus hineingeht; dann sagt zu dem Herrn des Hauses: Der Meister lässt dich fragen: Wo ist der Raum, in dem ich mit meinen Jüngern das Paschalamm essen kann?
15Und der Hausherr wird euch einen großen Raum im Obergeschoss zeigen, der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet ist. Dort bereitet alles für uns vor!
16Die Jünger machten sich auf den Weg und kamen in die Stadt. Sie fanden alles so, wie er es ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
17Als es Abend wurde, kam Jesus mit den Zwölf.
18Während sie nun bei Tisch waren und aßen, sagte er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern, einer von denen, die zusammen mit mir essen.
19Da wurden sie traurig, und einer nach dem andern fragte ihn: Doch nicht etwa ich?
20Er sagte zu ihnen: Einer von euch Zwölf, der mit mir aus derselben Schüssel isst.
21Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
22Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib.
23Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, reichte ihn den Jüngern, und sie tranken alle daraus.
24Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.
25Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich von neuem davon trinke im Reich Gottes.
26Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.







„Seid gewiss: ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28:20) Mit dieser Zusage Jesu endet das Evangelium nach Matthäus. Was müssen diese Worte den Jüngern wohl bedeutet haben!? Sie waren ein Vermächtnis Jesu; sie waren der Proviant für unterwegs. Sie wurden Mutquelle, aus der sie die Kraft schöpften, Jesu Auftrag zu erfüllen, „zu allen Völkern zu gehen und alle Menschen zu Jesu Jünger zu machen durch die Taufe auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie zu lehren, alles zu befolgen, was Jesus ihnen geboten hat“ (Mt 28:19) Es ist diese immerwährende Gegenwart des Herrn, aus der heraus sie ihre Nachfolge Jesu gestaltet und seinen Auftrag verwirklicht haben. Aus der Gegenwart Jesu, des Herrn ist so im Verlauf der Geschichte durch das Wirken seiner Jünger die Kirche in ihrer geschichtlichen Gestalt geworden.

Heute nun bedenken wir eine bestimmte Form, an die Jesus seine Gegenwart inmitten seiner Kirche gebunden hat: die Form der Eucharistie in der Gestalt des Brotes und des Weines. In beiden bekennen wir Jesus gegenwärtig in seinem Leib und in seinem Blut. Wir tun dies aufgrund der Worte, die Jesus im heutigen Evangelium über Brot und Wein spricht. Wenn Jesus in den Lebensmitteln von Brot und Wein bei uns sein will, dann bedeutet dies, dass er im wahrsten Sinn des Wortes Mittel sein will, das uns Leben schenkt, Leben erhält, Leben ermöglicht.

Diese Wirklichkeit wird für uns dann brisant, wenn wir bedenken, dass Jesu Auftrag nicht nur seinen Jüngern damals gegolten hat sondern ebenso auch uns heute. Deswegen hat er seinen Jüngern ja auch nicht eine bestimmte Form vorgeschrieben, in der sie das Evangelium verkünden sollten. Diese Form müssen und werden seine Jünger zu allen Zeiten suchen und finden je nach den Umständen, unter denen sie leben und von Jesus Zeugnis ablegen durch ihr Denken, Reden und Tun. Die Zeichen der Zeit ändern sich und teilen je und je von neuem mit, was die Menschen brauchen, um glücklich zu sein.
Und dann ist es der gegenwärtige Jesus, der durch seinen Geist Freude und Hoffnung, Trauer und Angst besonders der Armen und Bedrängten zu unserer Freude und Hoffnung, zu unserer Trauer und Angst macht und uns so ausweist als seine Jünger.

Es ist aber nicht die seelsorgliche und mitmenschliche Effizienz allein, deretwegen Jesus uns seine Gegenwart schenkt. Die Sorge um unsere Mitmenschen im Sinne Jesu ist ein Frucht von etwas tieferem: von der Liebe! Jesu erster Beweggrund, uns immer nahe sein zu wollen, ist seine Liebe zu uns! Gleichgültig unter welchen Umständen, egal in welchen Befindlichkeiten – Jesus möchte uns jedenfalls nahe sein. Jesus brennt in dieser unbedingten Liebe zu uns. Und sie ist es auch zuerst, die uns anspricht, wie ein Mantel umhüllt und ergreift. Diese Liebe bewegt uns, wenn wir zur hl. Messe gehen und in den gewandelten Gestalten von Brot und Wein den Herrn verehren. Diese Liebe ist es, die uns auch außerhalb der hl. Messe bewegt, beim Herrn im Tabernakel vorbeizuschauen, ihn zu besuchen, bei ihm zu verweilen und uns von neuem seiner Gegenwart zu vergewissern. Wir müssen nur bedenken, dass es gar nicht selbstverständlich ist, dass andere und auch wir selber es immer gerne bei uns aushalten! Wie unbegreiflich großzügig ist es da, wenn es in Jesus einen gibt, der sagt, ich bin bei dir alle Tage... und der diese Zusage wahr macht in der schlichten Weise eines Stückes Brot und eines Schluckes Wein.

Aus dieser unergründlich tiefen und einfach bezeugten Liebe zwischen Jesus und uns wird dann die Liebe zu unseren Mitmenschen geboren und wir können einander lieben, wie der Herr uns liebt (vgl. Joh 15:12). Jesus begegnet uns in Brot und Wein, dass wir ihn zum Fressen und zum Trinken gern haben können. Zugleich werden wir gewandelt zu Speise und Trank für unsere Mitmenschen. Wie Jesus sich uns hingibt können wir uns für unsere Mitmenschen hingeben. Wir werden füreinander zum Lebensmittel!

Edith Stein sagt: „Aus der Eucharistie zu leben heißt in die Weite des Christuslebens hineinwachsen. Sich selbst vergessen, frei werden von allen eigenen Wünschen und Ansprüchen, ein Herz bekommen für alle fremden Nöte und Bedürfnisse – das kann man im vertrauten Umgang mit dem Herrn. Wir müssten hier unsere Heimat haben. Schaffen wir uns also in unserem Leben Raum für den eucharistischen Heiland, damit er unser Leben in sein Leben umformen kann.“ Amen!