Samstag, Juli 28, 2012

Brotvermehrung

 
Aus dem hl. Evangelium nach Johannes

In jener Zeit
1ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.
2Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
3Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
4Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
5Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?
6Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er selbst wusste, was er tun wollte.
7Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.
8Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:
9Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!
10Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.
11Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen.
12Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.
13Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Stücken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.
14Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
15Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.






Es zeichnet Jesus aus, dass er mit seiner Verkündigung vom Reich Gottes den ganzen Menschen ansprechen will. Man möchte doch meinen, Jesus freut sich, einmal mehr viele Menschen um sich zu haben, die seiner Predigt zuhören wollen.

Aber Jesus denkt von sich aus daran, dass all diese Menschen Hunger haben könnten und etwas zum Essen brauchen. Jesus ist nicht nur Seelsorger - er ist auch Leibsorger. Anstelle einer Predigt für das Herz und den Kopf will er diesmal eine Predigt für den Bauch der Menschen halten.

Dass er dabei keine Solovorstellung im Sinn hat, zeigt die Frage an Philippus: „Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben? (Joh 6:5b) Der Plural, den Jesus da verwendet ist kein Majestätsplural; vielmehr möchte Jesus im Teamwork den Hunger der Menschen stillen.
Der Beitrag der Jünger ist allerdings gering: „Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische;“ (Joh 6:9a) die Jünger erkennen sogleich die aussichtslose Relation: „Doch was ist das für so viele? (Joh 6:9b)
Jesus geht auf diese Frage gar nicht ein und trifft die Vorbereitungen zum Mahl, in dem er sagte: „Lasst die Leute sich setzen!“ (Joh 6:10a)

Und dann nimmt Jesus die – angesichts der vielen Mäuler – mehr als bescheidene Gabe und spricht das Dankgebet; er bittet nicht, wie manche es tun, die sich zu wenig in der Schüssel sehen: Gott, unser Vater, segne diese Schüssel, dass alle genug haben mit dem Bissl; er dankt für das Wenige, das da ist. Jesus weist durch sein Verhalten hin auf den großen Wert dieser kleinen Gabe. So will Jesus auch uns helfen, dass wir vor großem Mangel nicht kapitulieren und den Wert jeder noch so kleinen Gabe dankbar zu schätzen wissen.

Vieles von der Resignation der Jünger höre ich immer wieder angesichts der Hungersnot, die immer wieder in Afrika aufflammt. Gerade im Hinblick auf dieses katastrophalen Zustände hat das heutige Evangelium eine brennende Aktualität. Und gerade wir Christen sollten uns von der heutigen Frohbotschaft animieren lassen und mit unseren fünf Broten und den zwei Fischen herausrücken.

Der Junge im Evangelium ist zwar klein – das Beispiel, das er gibt, ist aber groß. Manche behaupten zwar, dass der Junge sein Essen gar nicht freiwillig hergegeben habe, da er sich als Kind seiner Jause nicht so gut erwehren konnte, wie die Erwachsenen und dass Andreas vielleicht etwas energisch mit dem Knaben umgegangen sei. – Aber das sind Spekulationen, die durch den Text des Evangeliums nicht gedeckt sind.

Was aber im Evangelium steht, ist, dass wir werden sollen wie die Kinder, da wir ansonsten nicht in den Himmel kommen. Von diesem Herrenwort her ist es naheliegend, das Verhalten des Knaben nachzuahmen. Denn dadurch geschieht es, dass etwas vom Himmel zu uns kommt und dass Himmel hier auf Erden erfahrbar wird.
Etwas von diesem Himmel haben die Leute auch gespürt, denn sie sagten: „Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Und sie wollten Jesus tatsächlich mit Gewalt zum König machen.“ (Joh 6:14b)

Aber Jesus hat dieses Zeichen nicht für sich getan; er hat es für die Leute gesetzt; er selber ist auf keinen Prestigegewinn aus. Mit diesem Zeichen wollte er den Menschen etwas zeigen, nämlich, dass er für die Menschen ein Lebensquell ist, an dem ihre Not ein Ende findet; er wollte ihnen zeigen, dass bei ihm und mit ihm der Himmel zu finden ist.

Jesus geht im heutigen Evangelium einmal mehr einen Weg zum Himmel voraus – zum Himmel, der bereits in dieser Welt anbrechen will. Wir sollten dem Herrn auf diesem Weg folgen:
es ist ein Weg der Aufmerksamkeit auf die oft unausgesprochene seelische und leibliche Not unserer Mitmenschen,
es ist ein Weg der Achtsamkeit auf die Größe der kleinen Gaben in unserem Leben;
es ist ein Weg der Dankbarkeit selbst für die kleinsten Gaben in unserem Leben;
es ist ein Weg des Dienens an den anderen ohne das leiseste Schielen auf eigene Vorteile.

Diesen Weg Jesu gilt es zu verwirklichen nicht nur, wenn es heißt, augenfällige Not zu lindern. Sondern auch in den alltäglichen Beziehungen in der Ehe, in der Freundschaft und auf dem Arbeitsplatz. In diesen Beziehungen ist dieser Weg nämlich gefährdet besonders durch Routine.

Wir wollen beten: Gott, dein Sohn wollte für uns zum Brot des Lebens werden. Mach auch uns bereit, Brot und Leben miteinander zu teilen. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn! Amen!

Donnerstag, Juli 19, 2012

Urlaub mit Jesus

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 6: 30 – 34

30Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.
31Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen.
32Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein.
33Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an.
34Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.



Nicht nur die meisten von uns machen in diesen sommerlichen Tagen Urlaub – auch  die Jünger machen im heutigen Evangelien Ferien, Jesus schickt sie auf Erholung indem er zu ihnen spricht:

„Kommt mit an einen einsamen Ort,
wo wir allein sind,
und ruht ein wenig aus.“ (Mk 6:31)

Es ist bezeichnend, dass die Zeit der Erholung für die Jünger nicht eine Zeit ohne Jesus ist, sondern vielmehr eine Zeit, in der sie mit Jesus allein sind, und diese Erholung findet statt an einem Ort, an den Jesus mitkommt; noch genauer: Jesus führt sie an den Ort der Erholung und sie kommen mit Jesus mit.

Unterscheidet sich dieser Urlaub der Jüngern nicht völlig vom Urlaub vieler Christen, indem sie ihn allzu leicht als eine Freizeit von ihrem religiösen Leben das Jahr über verstehen, als eine Zeit also, die frei ist von einem regelmäßigen Gottesdienstbesuch, die frei ist vom regelmäßigen Beten morgens, abends und bei Tisch?

Bei den Aposteln zählt nicht der Urlaub auf dem Lande, in den Bergen, am Meer, oder sonst wo; in dieser lokalen Hinsicht ist im Evangelium nur allgemein von einem einsamen Ort die Rede, der nicht näher bestimmt wird.
Viel wichtiger als Urlaubslokalitäten ist für die Jünger, dass sie die Zeit der Erholung mit Jesus verbringen – das zählt. Ja, ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass es nicht dieser oder jener bestimmt Ort ist, der ihnen zur nötigen Erholung verhilft; es ist vielmehr die Gegenwart des Herrn, die ihnen die Urlaubszeit zu einer Zeit der Erholung macht.
Die Devise bei den Jüngern lautet also: Urlaub mit Jesus! – Basta!
Wie ist ihnen aber diese christliche Urlaubshaltung möglich?
Sie fällt ihnen nicht von ungefähr in den Schoß. Sie hängt wesentlich zusammen mit der Arbeit, die sie vor ihrem Urlaub verrichten und von der sie sich im Urlaub erholen sollen:
„in jener Zeit versammelten sich die Apostel, die Jesus ausgesandt hatte, wieder bei ihm und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.“ (Mk 6:30)
Die Arbeit, die sie vor ihren Ferien tun, tun sie im Auftrag Jesu; Jesus hat sie ausgesendet; sie haben diese Arbeit von Jesus empfangen; sie haben im Namen Jesu gearbeitet; auf Grund dieses Auftrages waren die Jünger auch bei ihrer Arbeit mit Jesus verbunden; sie haben mit Jesus gearbeitet; darum ist es logisch, dass sie jetzt auch mit Jesus Urlaub machen.

Und wir? Arbeiten auch wir das Jahr über mit Jesus? Denken wir in der Frühe beim Aufstehen daran, dass wir die Arbeit des kommenden Tages aus den guten Händen Jesu empfangen? Dass er es ist, der uns in diesen neuen Tag schickt: in die Arbeit, in den Beruf, zu unseren Mitarbeitern? Und dass mir keiner kommt und sagt, derartige Gedanken bräuchte sich nur der Pfarrer und ähnliche geistliche Gefäße zu machen!

Die Taufe eines jeden von uns ist mehr als ausreichend für derartige Überlegungen und für die Lebenshaltung, die sich daraus ergibt.
Wenn nun also einer das Jahr über nicht mit Jesus arbeitet, ist es dann nicht logisch, dass er auch ohne Jesus Urlaub macht?
Urlaub mit Jesus ist darum nur möglich wenn Jesus auch unser Arbeitgeber ist.

Und dass Jesus ein guter Arbeitgeber ist, zeigt sich daran, dass die Apostel ihm „alles berichten dürfen, was sie getan und gelehrt hatten.“ (Mk 6:30)
Ist es nicht etwas wunderschönes, jemand zu haben, dem wir alles be­richten dürfen, was wir getan und gesagt haben? Gibt es etwa jemanden in unserer Nähe, dem wir alles - wirklich alles – erzählen dürfen? Unserem Ehepartner? Unserem besten Freund? Unseren Eltern? Ist es nicht so, dass wir selbst dem Vertrautesten gegenüber ein Restgeheimnis für uns bewahren, das wir ihm beim besten Willen nicht sagen können? Jesus aber dürfen wir alles berichten, was wir getan und gesagt haben! Was ist doch in so einer Beziehung zu Jesus für ein Potential an Befreiung, an Freiheit und an Frieden enthalten!
Ganz recht hat darum Paulus, wenn er in der zweiten Lesung schreibt: Er, Jesus, ist unser Friede!“ (Eph 2:14)

Es spricht auch für Jesus, als einen guten Arbeitgeber, dass es bei ihm nicht heißt: Dalli, dalli! Zack, zack! Und: Arbeiten, dass die Fetzen fliegen! Jesus verordnet die Zeit der Erholung auch nicht mit der Stoppuhr in der Hand. Es ist vielmehr wohltuend zu erfahren, dass im Reich Gottes und das heißt mit anderen Worten: auf dem Bauplatz "Kirche" das "Ruht ein wenig aus" seinen angemessenen Platz hat. Und dass dies auch für Priester gilt, geht aus dem heutigen Evangelium klar hervor: Auch die Hirten der Kirche brauchen einen Hirten, der ihnen ein wenig Ausruhen verordnet. Auch hierin atmet die Botschaft Jesu Menschlichkeit.
Merkwürdig ist nun aber zu guter Letzt, wie Jesus sich verhält, als er an den einsamen Ort kommt, an dem er mit seinen Jüngern allein sein wollte. Dieser Ort ist nämlich nicht einsam und er ist mit seinen Jüngern nicht allein: „als er nämlich ausstieg, sah er viele Menschen;“
„man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin“ (Mk 6:34a;33) – nämlich in die einsame Gegend, wo er mit seinen Jüngern allein sein wollte – „und kamen noch vor ihnen an.“ (Mk 6:33)
Als Jesus nun die vielen Mensch sieht, lässt er das Boot nicht ärgerlich abdrehen, um es mit einer anderen einsamen Gegend zu versuchen, sondern:

„Als er ausstieg und die vielen Menschen sah,
hatte er Mitleid mit ihnen;
denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.
Und er lehrte sie lange.“ (Mk 6:30)

Urlaub bedeutet bei Jesus nie und nimmer Urlaub vom Menschen und Urlaub von der Menschlichkeit. Die Menschen dürfen mit ihrer Not immer zu Jesus kommen und zwar deshalb, weil seine Beziehung zu diesen Menschen keine amtliche sondern eine herzliche, eine menschliche ist. Aus diesem Grund findet etwa an diesem Sonntag die Christophorussammlung für die MIVA und am Hohen Frauentag die Augustsammlung der Caritas statt.
Für die Jünger bedeutet das Verhalten Jesu, dass das Zusammenleben mit Jesus auch in den Ferien keine geschlossene sondern eine offene Gesellschaft ist.

So wollen wir beten:
Gott, dein Sohn hatte Mitleid mit den Menschen. Hilf uns, dass wir uns der Hirtensorge deines Sohnes anvertrauen und uns um jene sorgen, die unsere Hilfe brauchen. Durch Christus, unseren Herrn!

Donnerstag, Juli 12, 2012

Geht und redet!


 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 6: 7 – 13
In jener Zeit
7rief Jesus die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben,
8und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,
9kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.
10Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst.
11Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie.
12Die Zwölf machten sich auf den Weg und riefen die Menschen zur Umkehr auf.
13Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.




In der ersten Lesung erleben wir heute eine Auseinandersetzung zwischen einem etablierten Priester und einem Propheten. Amos heißt dieser Prophet und er hat im Tempel in Bet-El gepredigt, dass das Reich Israel untergehen werde, weil seine religiösen und politischen Führer und in ihrer Gefolgschaft dann das ganze Volk von Gott abgefallen sind.

Der Priester verjagt Amos aus dem Tempel und aus dem Land:
„Geh, Seher, flüchte ins Land Juda!
Iß dort dein Brot und tritt dort als Prophet auf!
In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden!“ (Am 7:12f.)
Anstatt sich der Kritik des Propheten zu stellen und sie auf ihre Berechtigung hin zu prüfen jagt der Priester den unbequemen Mahner fort.

Dies erinnert uns daran, dass auch unsere Kirche eigentlich zu jeder Zeit ihre mahnenden Propheten hatte und dass auch sie nicht immer bereit war auf diese Frauen und Männer zu hören. Oft genug hat sie sich dieser lästigen Leute entledigt durch Methoden, die nicht immer glimpflich und oft genug unmenschlich waren.

Eines wird jedoch aus dieser Lesung klar: Die Kirche, das Volk Gottes, ist immer wieder in Gefahr, sich zu etablieren, zu erstarren in den Umständen von Macht, Reichtum und Wohlstand und so taub und blind zu werden für ihren eigentlichen Auftrag in dieser Welt und Zeit. Deshalb braucht die Kirche auch immer wieder Frauen und Männer, die ihr prophetisch heimleuchten, d.h. auf den Weg leuchten, den Gott von ihr will, dass sie ihn geht. Solche Leute sind unbequem aber notwendig. Sie haben mit Widerstand und mit Verfolgung zu rechnen. Diese Widrigkeiten bewirken, dass diese Leute sich diese Aufgabe nicht selber aussuchen; sie wissen sich vielmehr von Gott berufen und gesandt.

Das meint auch Amos wenn er sagt: Was, Ich? ER!
„Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler,
sondern ich bin ein Viehzüchter,
und ich ziehe Maulbeerfeigen.
ER, der Herr, hat mich von meiner Herde weggeholt und zu mir gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel.“ (Am 7:14f.)

Es ist schon sehr stark, wie radikal und rücksichtslos Gott in das Leben des Amos eingreift. Von seiner gewohnten Arbeit, von seiner gesicherten Lebensexistenz holt er ihn weg und wirft ihn hinein in das Haltlose, in das Ungewisse, in das Gefährliche eines Prophetenlebens. Gleiches geschieht ja auch im Evangelium: Jesus schickt seine Jünger aus – die hat er übrigens auch mitten aus ihrer Arbeit herausgerissen und sie von ihrem Beruf weggeholt – er schickt sie also aus ohne Brot, ohne Vorratstasche, ohne Geld, ohne zweites Hemd – ohne materielle Absicherung. Nur Sandalen dürfen sie tragen und einen Wanderstab. Anstelle materieller Güter gibt Jesus ihnen geistliche Güter, nämlich die Vollmacht, unreine Geister auszutreiben, die Botschaft zur Umkehr und die Gabe zu heilen. An diesen Gaben des Herrn sollen sie sich festhalten, für ihre Weitergabe sollen sie ganz frei sein.

Dieses Verhalten Gottes in der ersten Lesung und durch seinen Sohn im Evangelium sollte uns nachdenklich stimmen.
Denn wer von uns könnte angesichts dieses unberechenbaren Gottes sagen: Ich bin sicher vor seinem Anspruch, vor seinem Zugriff, vor seinem Auftrag, weil ich Kinder zu Hause habe, weil ich verheiratet bin, weil ich eine Frau bin, weil ich mehr als genug zu tun habe, weil ich eine große Gemeinde habe oder weiß Gott aus was noch für Gründen.

Niemand von uns kann sich vor diesem Gott verschanzen – hinter seinem Beruf, hinter seiner Bedürftigkeit, hinter seinem Ge­schlecht, hinter seiner Rasse. Was beim Propheten Amos bereits angeklungen ist, wird bei Jesus klar: Dieser Gott hat jeden von uns im Visier; er meint jeden von uns.

Darum sollten wir uns auch lieber fragen: Welchen Auftrag hat der Herr für mich – trotz oder gerade wegen meiner momenta­nen Befindlichkeit! Welche Botschaft von ihm soll ich der Welt mitteilen durch meine momentane Situation. Dies ist unser einzig richtiges Verhalten vor diesem unberechenbar auswählenden Gott, der gerade deshalb so unberechenbar ist, weil
„er uns alle erwählt hat vor der Erschaffung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor IHM;
weil er uns alle aus Liebe im voraus dazu bestimmt hat,
seine Töchter und Söhne zu werden durch Jesus Christus;
weil er uns alle bestimmt hat, zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, zum Lob seiner herrlichen Gnade.“(Eph 1:4-6)

Kennzeichen dieser Sendung ist aber gemäß dem heutigen Evangelium ein Leben in Einfachheit, Freiheit und Gewaltlosigkeit. Diese Strukturen durch unser Leben in der Welt von heute zu verwirklichen – das ist sein Auftrag an seine Jünger von damals und an uns, seine Kirche von heute. Wenn wir aber sehen, wie mangelhaft diese Strukturen des Reiches Gott heute noch sind, dann wissen wir, dass wir noch mitten in der Arbeit sind; und es kann nur heißen: An die Arbeit in unserem persönlichen Leben, in unseren Familien, in unseren Gemeinden, in unserer Kirche – bauen wir ab die dämonischen Strukturen eines aufwendigen, eines unfreien und eines gewalttätigen Lebens und sorgen wir, dass unser Leben auf den Säulen der Einfachheit, der Freiheit und der Gewaltlosigkeit zu ruhen kommt.

In diesem Sinne wollen wir beten:
Allmächtiger Gott, du bist denen nahe, die das Wort deines Sohnes zu den Menschen bringen. Auch uns hast du dazu berufen. Mach uns zu glaubwürdigen Zeugen deiner befreienden Botschaft. Durch Christus, unseren Herrn! - Amen!

Donnerstag, Juli 05, 2012

Ruhm der Schwachheit



 Lesung aus 2 Kor 12: 7 – 10

7Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse.
9Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt.
10Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.






Paulus bringt in der heutigen Lesung ein delikates Thema zur Sprache – nämlich seine Schwachheit. Diese Schwachheit nennt er nicht näher beim Namen. Er schreibt bloß von „einem Stachel, der ihm ins Fleisch gestoßen ist und von einem Boten Satans, der ihn mit Fäusten schlagen soll.“ (2 Kor 12:7) Was immer diese beiden Andeutungen heißen sollen – es ist müßig, näheres darüber wissen zu wollen. Wichtig ist, dass Paulus auch seine schwache Seite hatte und wichtig ist, wie er damit umging.

Paulus verschweigt nicht, dass er mit einer konkreten Schwäche behaftet ist und dass er darunter leidet.
Paulus verbirgt nicht die Schattenseite seines Lebens; er stellt sie vielmehr bewusst der Lichtseite seines Lebens gegenüber; und diese Lichtseite nennt er die „einzigartigen Offenbarungen“ (2Kor 12:7), die ihm gegeben wurden im Hinblick auf Jesus. Paulus bekennt sich als ein Mensch mit Licht und Schatten.
Paulus flüchtet auch nicht vor seiner Schwachheit – etwa, indem er sich sagt: Ich werde einmal wiedergeboren, dann aber ohne meine Schwäche; darum kann sie mir jetzt gestohlen bleiben und ich brauche auch keine Mühe aufzuwenden, meine Schwäche zu überwinden.
Oder indem er sich sagt: Ich bin völlig schuldlos an meiner Schwachheit; die anderen sind schuld: meine Eltern, meine Lehrer, die Umstände; ich kann nichts dafür, dass ich schwach bin, darum hat es auch keinen Sinn, mich zu bemühen, meine Schwäche zu überwinden.

Paulus möchte von seiner Schwäche unbedingt frei werden; darum „fleht er zum Herrn, dass dieser Bote Satans von ihm ablasse“ (2Kor 12:8). Er bringt so mit Bitten und Flehen sein Elend vor den Herrn. Er macht seine Not zum Inhalt seines Betens zu Gott.
Und im Gebet bekommt er vom Herrn Erleuchtung und Weisung im Hinblick auf sein Elend: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit“(2Kor 12:9).
Der Herr lenkt die Aufmerksamkeit des Paulus von der Nacht seiner Schwachheit auf das Licht der Gnade Gottes. Paulus soll inmitten seiner Misere sich von dieser nicht hypnotisieren, nicht lähmen, nicht bestimmen lassen; vielmehr soll er mitten in seinem Elend die Gnade bedenken, die der Herr ihm erwiesen hat und Kraft dieser Gnade soll er in seiner Schwachheit bestehen. Paulus erkennt so, dass es die Kraft des Herrn ist, die ihn trägt und dass er selber sich darauf nichts einzubilden braucht; so wird Paulus von Überheblichkeit bewahrt.

Dieses Stehen in der Gnade Gottes ermöglicht ihm einen gelösten, weil erlösten Umgang mit dem Dunkel seines Lebens: er braucht nichts zu verdrängen, nichts zu verstecken, er braucht niemandem etwas zu beweisen.
Vielmehr „will er sich seiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf ihn herabkommt“ (2Kor 12:9). Dieser Ruhm der Schwachheit ist keine totale Verkehrung der Werte und keine zynische Resignation vor der Unmöglichkeit einer Umkehr.
Dieser Ruhm der Schwachheit ist wie ein Riss in ausgetrockneter, dürrer Erde, der offen ist und empfänglich für das lebendige und fruchtbringende Nass von oben.

Ich erkenne in diesem Verhalten des hl. Paulus eine starke Ermutigung gerade für den rechten Umgang mit unseren Schwächen, mit den Schattenseiten unseres Lebens. Ich finde diese Worte revolutionär in unserer Zeit, in der das Starke, die Macht, die Kraft, der Lärm verherrlicht wird und das Schwache verschämt verschwiegen oder lächerlich gemacht oder ganz einfach ignoriert wird.
Paulus deckt unsere Schwäche auf als den Ort der Mächtigkeit Gottes. Dieser Ort der Macht Gottes ist zugleich der Ort, an dem sich unsere Eigenmächtigkeit als Ohnmacht erweist. Damit wird unsere Schwachheit als jener Ort offenbar, an dem sich unsere Erlösung und unsere Befreiung vollzieht und Wirklichkeit wird.
Paulus zeigt uns so den Weg, der über die Erfahrung und die Bejahung unserer Schwachheit zur Erfahrung von Erlösung, von Befreiung, von Heilung wird – durch die Kraft und die Macht des Herrn.

So haben wir hin und hin Gelegenheit, die Barmherzigkeit Gottes zu erleben, der durch seinen Sohn uns gefallene Menschen wieder aufrichtet; und dadurch will Gott uns auch hin und hin mit Freude über unsere Erlösung erfüllen und uns so zur ewigen Seligkeit führen durch Christus, unseren Herrn! - Amen!