Donnerstag, September 20, 2012

Erster im Dienen

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Aus dem hl. Evangelium nach Markus 9: 30 – 37

In jener Zeit
30zogen Jesus und seine Jünger durch Galiläa. Jesus wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr;
31denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.
32Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen.
33Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?
34Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei.
35Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.
36Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:
37Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.





Wenn wir jemandem etwas wichtiges sagen wollen, dann tun wir das unter vier Augen. Niemand anderer soll dabei sein. Unser Zuhörer soll sich ganz auf das sammeln können, was wir ihm sagen möchten. Die Wichtigkeit der Sache verlangt diese Ungestörtheit.

Gerade so hat es Jesus im heutigen Evangelium gemacht: „Jesus wollte nicht, dass jemand davon erfuhr, wie er mit seinen Jüngern durch Galiläa ziehen; denn er wollte sie über etwas belehren.“ (Mk 9:30.31a)

Was ist nun wohl das Wichtige, das er seinen Jüngern sagen möchte?

„Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.“ (Mk 9:31b)
Jesus spricht vom Wichtigsten seines Lebens: von seinem Tod und seiner Auferstehung; von seinem Scheitern und seiner Vollendung; von seiner niedrigsten Erniedrigung und seiner höchsten Erhöhung.

Die Jünger haben gewiss die Ohren gespitzt und ganz besonders gut aufgepasst – aber das Ergebnis ist kläglich:
Sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch ihn zu fragen. (Mk 9: 9:32)
Was immer der Grund für diesen Misserfolg sein mag – für mich als Prediger ist es trostreich, dass Jesus mit seiner Lehre auch nicht immer gleich angekommen ist.

Wenn also schon bei seiner Lehre die Jünger den Sinn seiner Worte nicht verstehen um wie viel mehr ist da bei mir zu erwarten, dass ihr im Gottesdienst nicht versteht, was ich sage.

Vielleicht können wir die Ursachen dieses Missgeschickes entdecken? Vielleicht liegen diese Ursachen bei den Jüngern selber? Vielleicht auch bei Jesus?

Zuerst die Jünger.
Da fragt sie Jesus, als sie in Kafarnaum nach Hause gekommen waren:
„Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?“ (Mk 9:33c)

Sie schweigen, wie schon vorhin als sie sich scheuten, nach dem Sinn der Worte Jesu zu fragen. War es vorhin die Scheu, als Begriffsstutzige und Unverständige dazustehen so haben die Jünger jetzt aus Scham über ihren Gesprächsstoff geschwiegen; der Evangelist verrät nämlich ihr Gesprächsthema: „Sie hatten unterwegs darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei. (Mk 9:34)

Sie haben gewiss instinktiv gespürt: So ein Thema passt ganz und gar nicht zu Jesus! Dieses Thema ist genau das Gegenteil von dem, was Jesus sagt und tut!

Wir können demnach bei den Jüngern zweierlei Hindernisse ausmachen, die sie daran hindern zu verstehen, was Jesus ihnen sagt:

Sie sind zum einen blockiert durch ihre Ichbezogenheit, die nur am eigenen Leben, an der eigenen Größe, am eigenen Wert interessiert ist; so sind sie unempfänglich für das Leben, die Größe und die Bedeutung Jesu.

Zum anderen scheuen sie es, in ihrer Mangelhaftigkeit und mit ihrem Egoismus – also in ihrer Jesusferne sich dem Herrn anzuvertrauen. In dieser Armseligkeit wagen sie nicht den Schritt in die Jesusnähe.

Beides hängt zusammen: Das Streben nach eigener Größe wird es niemals zulassen, die eigene Kleinheit einzugestehen; diese beiden Haltungen schließen sich aus!

Uns geht es da doch ehrlich gesagt gleich wie den Jüngern: Auch bei uns ist ja immer auch die Beschäftigung mit dem eigenen Leben, die uns blockiert für das Leben des oft so anderen Jesus. Wir denken also an etwas, das uns gerade besonders beschäftigt, während die Lesung vorgetragen und das Evangelium verkündet wird.

Und auch bei uns oft kaum eine Spur von Eingeständnis, dass wir Egoisten sind und deswegen nichts verstehen vom anderen – mag dieser andere auch Jesus selber sein; nein – sondern da ist die Lesung schuld, die wir ja schon x-mal gehört haben und das Evangelium, das bereits ein alter Hut ist; und dann erst die Predigt, die überhaupt immer die gleiche ist.

Und Jesus? Hat er auch was falsch gemacht, dass seine Lehre nicht angekommen ist?

Nun es fällt auf, dass Jesus die Suche nach dem größten Jünger nicht mehr mit einer Lehre in Worten beantwortet; er kleidet seine Lehre nunmehr in ein anschauliches Bild: „Denn er stellte ein Kind in ihre Mitte,
nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:
Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“ (Mk 9:36f.)
So weist Jesus seine Jünger an, die Größe im Kleinen zu suchen.
Jesus selber verbirgt seine und seines Vaters Größe im Kleinen eines Kindes.

Jesus lässt sich von der Schwerfälligkeit seiner Jünger nicht entmutigen; vielmehr sucht er neue Wege, um seine Botschaft den Jüngern begreiflich zu machen.

Das Kind ist ein sehr deutliches Bild für den Letzten und für den Diener aller: denn auf der Leiter zum Jugendlichen, Erwachsenen und zum Senior ist das Kind die unterste Stufe. Und das Kind ist auch ganz selbstverständlich der Diener aller. Denn alle können den Dienst des Kindes bedingungslos beanspruchen. Indem Jesus sich in das Kind hineinbegibt sagt er seinen Jüngern, dass er selber bereits der Letzte und der Diener aller ist – er sagt somit genau dasselbe, als er sie belehrte, dass er den Menschen ausgeliefert werde, dass sie ihn töten werden und dass er am dritten Tag auferstehen werde: dies alles ist ja ein Dienst an uns Menschen; und er verrichtet diesen Dienst als der letzte Dreck, indem er am Kreuz für uns stirbt.

Wir wollen beten:
Gott, der du öffnest, was verschlossen ist;
befreie uns von Eigensinn
und erschließe uns den Sinn in der Frohbotschaft deines Sohnes.
Lass uns fragen, wo wir nicht verstehen
und lass uns dienen, wo wir herrschen wollen
damit wir mit deinem Sohn als die Letzten von allen die Ersten werden! – Amen!

Donnerstag, September 13, 2012

Kreuzesnachfolge

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 8: 27 – 35

In jener Zeit
27ging Jesus mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Unterwegs fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen?
28Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten.
29Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias!
30Doch er verbot ihnen, mit jemand über ihn zu sprechen.
31Dann begann er, sie darüber zu belehren, der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet, aber nach drei Tagen werde er auferstehen.
32Und er redete ganz offen darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe.
33Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.
34Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
35Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten.





Es sind zwei Welten, die im heutigen Evangelium aufeinanderprallen: die Welt Jesu und die Welt des Petrus.

Jesus sagt seinen Jüngern offen, welcher Leidensweg ihm bevorsteht:
„Der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten,
den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er werde getötet.“ (Mk 8:31)
Jesus spricht diese Worte in Form einer offenen Belehrung zu seinen Jüngern. Das heißt: die Jünger lernen durch die Worte Jesu etwas dazu, etwas das für das rechte Verständnis Jesu wichtig ist: Jesus erweitert seinen Jüngern den Wissenshorizont über den Messias um die wesentliche Dimension des Leidens und des Sterbens.

Was Jesus selber betrifft, so sagen diese seine Worte, dass er um seinen bevorstehenden Leidensweg weiß und dass er bereit ist, diesen Weg zu gehen.
Dass es Jesus möglich ist, sich so zu verhalten, kommt daher, dass er erstens diesen seinen Leidensweg als Willen Gottes erkennt und dass er zweitens diesen Leidensweg nach drei Tagen in der Auferstehung enden sieht.
Jesus sieht sich also mit seinem Schicksal nicht allein im Regen stehen; vielmehr sieht er Gott selber dahinterstehen. Und dann sieht er seinen Leidensweg durch die Auferstehung begrenzt.

Die Welt des Petrus hingegen ist eine ganz andere. Er sieht ausschließlich das Leidvolle und das Tödliche dieses Weges; kein Gedanke, dass dies Gott zulassen könnte; Petrus überhört auch völlig, dass Jesus ausdrücklich von seiner eigenen Auferstehung am dritten Tag spricht. Auferstehung ist für Petrus kein Thema; sie wird vom angekündigten Leiden und Sterben völlig an den Rand gedrängt und erdrückt.

Es ist in der Tat ein menschlich sehr verständliches Bestreben, wenn Petrus nicht möchte, dass Jesus leidet und stirbt und wenn er Jesus deshalb Vorwürfe macht. Wir würden sagen, Petrus meint es einfach nur gut mit Jesus.
Um so mehr ist die Antwort Jesu auf die Vorwürfe des Petrus nicht nur für diesen sondern auch für uns eine richtige Watschen:
„Jesus wandte sich um, sah seine Jünger an
und wies Petrus mit den Worten zurecht:
Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!
Denn du hast nicht das im Sinn was Gott will,
sondern was die Menschen wollen.“ (Mk 8:33)

Diese Worte sind ein echter Hammer; mit „Satan“ hat Jesus nicht einmal seine Feinde angeredet.
Diese Reaktion Jesu lässt darauf schließen, dass Petrus mit seinem Einwand einen sehr heiklen Punkt bei Jesus berührt hat.
Wenn wir uns daran erinnern, wie Jesus in der Wüste versucht wurde, ein üppig angenehmes und angesehenes Messiasleben zu führen;
wenn wir weiter bedenken, wie Jesus am Ölberg mit der Angst vor dem unmittelbar bevorstehenden Leiden und Sterben zu kämpfen hatte;
und wenn wir zuletzt erwägen, wie sehr von Gott verlassen sich Jesus am Kreuz fühlte - dann können wir die Reaktion Jesu im heutigen Evangelium verstehen.
Jesus hat den Konflikt zwischen seiner Welt und der Welt des Petrus zeitlebens in seinem eigenen Innern erfahren, erlitten und ausgetragen.
Jesus wurde wiederholt versucht, so zu leben, wie die Menschen wollen: möglichst ohne Leiden und ohne Sterben.
Jesus hatte Angst, den Weg des Leidens und des Sterbens zu gehen.
Und wenn sich Jesus im heutigen Evangelium so eindeutig zu diesem seinem Leidens- und Sterbensweg bekennt, dann tut er damit, was er während seines Erdenlebens immer wieder getan hat: nämlich sich bewusst entscheiden für diesen seinen Weg.

Petrus hat Jesus an einer wunden Stelle seines Lebens getroffen. Das macht die Überreaktion Jesu deutlich, wenn Jesus den Petrus einen Satan nennt, der von ihm weichen möge.
Das Ansinnen des Petrus möchte Jesus in seiner Entschiedenheit gefährden und schwächen, darum muss Jesus ihn mit aller nur möglichen Schärfe zurückweisen.
Die Kraft zu dieser entschlossenen Entschlossenheit nimmt Jesus aus dem Wissen, dass es Gottes Wille ist, wenn er sein Leiden und Sterben annimmt und durchträgt. Von diesem Willen Gottes hat sich Jesus durch Begegnung und Verbundenheit mit Gott, seinem Vater, überzeugt. Ja, Jesus musste und konnte sich nur so des Willens seines Vaters vergewissern.

Wir können aus dem Verhalten Jesu und des Petrus deutlich herauslesen, was diese beiden Welten trennt und was ihnen gemeinsam ist: Gemeinsam ist der Wunsch nach einem Leben, das frei ist von Leid und Tot.
Der Unterschied liegt in der Verwirklichung dieses Wunsches:
Petrus will Leiden, Sterben und Tod ausblenden, er will sie umgehen und so diesen Lebenswunsch erfüllen. Seine Devise heißt Ausweichen, Verdrängen, Ignorieren.
Jesus will diesen Lebenswunsch erreichen, indem er nicht ausweicht sondern durch Leiden und Tod hindurch geht. Seine Devise heißt Zur Kenntnis nehmen, Annehmen, Durchleiden.
In diesem Sinn meint Jesus:
Wer sein Leben retten will, wird er verlieren!
Wer sein Leben retten will unter Umgehung von Leiden, Not, Sterben und Tod, der verliert es – weil diese Haltung völlig am Leben vorbeiläuft; denn unser Leben beinhaltet nun einmal auch als wesentlichen Bestandteil alle diese negativ empfundenen Wirklichkeiten; um die kommt niemand herum, da mag er tun und haben, was er will. Unser Leben ist unteilbar; und wer das halbe Leben streicht, der streicht das ganze Leben.

Es bleibt also realistischer Weise als einziger Weg zur Lebensfülle nur der, der das Leben in seiner Fülle annimmt und lebt; und zur Fülle, zum Ganzen unseres Lebens gehört nun einmal auch das Unangenehme, das Kreuz, das Sterben und der Tod.
Es bleibt also der Weg, den Jesus geht; den er uns vorausgeht.
Und nur, wenn wir diesen Weg nach- und mitgehen, gehören wir zu Jesus. Wer Jesu Jünger sein will, muss in dieser wesentlichen Frage mit Jesus eines Sinnes ein. Das fordert Jesus ein mit den Worten:
„Wer mein Jünger sein will,
der verleugne sich selbst,
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mk 8:34b)

In der Nachfolge Jesu wird das Unannehmbare an der Nacht unseres Lebens annehmbar und das Unerträgliche wird erträglich.
Und wenn Jesus auch uns im heutigen Evangelium fragt:
Ihr aber, für wen haltet ihr mich?   dann wollen wir ihm antworten:
Du bist der Messias, der Erlöser, indem du uns tragen hilfst, was wir allein nicht tragen können und indem du uns loslöst von allem, wovon wir uns selber nicht lösen können. - Amen!

Freitag, September 07, 2012

Effata - Öffne dich!

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 7: 31 – 37 

In jener Zeit
31verließ Jesus das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.
32Da brachte man einen Taubstummen zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren.
33Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
34danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu dem Taubstummen: Effata!, das heißt: Öffne dich!
35Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit, und er konnte richtig reden.
36Jesus verbot ihnen, jemand davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr machten sie es bekannt.
37Außer sich vor Staunen sagten sie: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.







Es wäre ein grundlegendes Missverständnis, wenn wir das heutige Evangelium nur so hörten, als wären wir nicht taub und nicht stumm. Wir würden den Zugang zur zentralen Botschaft dieses Evangeliums verfehlen, wenn wir glaubten, wir wären Hörende und könnten sprechen.
Natürlich hören wir und natürlich können wir sprechen - was man landläufig eben unter hören und sprechen versteht. Damit meine ich jenes Hören, das hört, was es hören will; und jenes Sprechen meine ich, das sich keine Mühe macht um das, was man nur schwer in Worte kleiden kann, weil man es nicht gerne sagen will.
Es gibt in der Tat vieles, was wir hören sollten - aber wir hören es nicht; und es gibt vieles, was wir sagen sollten - aber wir sagen es nicht!
So ist jeder von uns hörend und taub zugleich,
und jeder kann sprechen und ist dennoch stumm;
Simul iustus et peccator - zugleich Gerechte und Sünder  sind wir - wie Martin Luther unsere Doppelgesichtigkeit ins Wort bringt.

Mit der Heilung des Taubstummen will Jesus uns fragen: Wo seid ihr taub und wo seid ihr stumm? Welche Taubheit und welche Stummheit könnte ich bei Euch heilen?

Auf eine Art von Taubheit macht uns die zweite Lesung aus dem Jakobusbrief aufmerksam: Auf die Taubheit gegenüber der Sprache der Armen, die uns in der Armut - oder wenn es Euch besser gefällt: in einer einfachen Lebensweise - jene Haltung empfiehlt, die uns erst empfänglich macht für das Reich Gottes.
Hat Gott nicht die Armen in der Welt auserwählt,
um sie durch den Glauben reich
und zu Erben des Königreichs zu machen,
das er denen verheißen hat, die ihn lieben?

Und hat diese Sprache der Armen nicht einen bedenkenswerten Gleichklang mit der Sprache der Schöpfung, für die wir ebenfalls taub geworden sind?
Fordert nicht auch diese Sprache der Schöpfung immer deutlicher und immer drängender ebenfalls eine einfache Lebensweise von uns, weil ansonsten wir Menschen schneller als uns lieb ist für diesen Erdball unerträglich werden?

Es ist schon erstaunlich wie sehr das Reich Gottes Hand in Hand geht mit einem sorgsamen Umgang mit unserer Erde.
So wie Gott sich durch die Menschwerdung seines Sohnes in Jesus an uns, seine Geschöpfe, gebunden hat
genauso bindet er sein Reich an seine Schöpfung;
so daß also unser Umgehen mit der Schöpfung mithilft das Reich Gottes aufzubauen oder es zu verhindern.

Wir sind aber nicht nur taub für die Armen und für die Schöpfung  - wir sind auch taub für uns selber; für jene Stimme in uns, die uns zum Frieden rät, die uns zur wahren Freiheit führt, die das, was dem Leben dient, in uns fördert. Nennen wir sie die Stimme des Gewissens, das uns gemäß dem Naturrecht den Weg der Gebote Gottes führe will.

In dem Maße wir nun für diese drei Stimmen taub sind verstummen diese Stimmen in uns und werden wir selber stumm für die Sprache der Liebe und des Lebens; wir können diese Sprache nicht mehr sprechen; etwa, indem wir uns im alltäglichen Leben nicht mehr unbekümmert zu unserem Glauben bekennen;
oder indem wir uns das nicht mehr zu sagen getrauen, was uns eigentlich am Herzen liegt und was uns bewegt - und daß wir es demjenigen nicht mehr sagen können, den es betrifft; mag dieser "derjenige" nun unser Nächster oder mag es Gott sein.

Woher nun diese Taubheit und diese Stummheit?
Weil wir verschlossen sind; weil wir uns verschließen und versperren. Von diese Verschlossenheit können wir uns nicht selber befreien; jemand anderer muß uns auftun.

Jesus will auch zu uns sagen: Éffata - Öffne dich!

Das Bezeichnende an dieser Heilung ist, daß der Taubstumme nicht selber zu Jesus hingelangt - kann er ja auch nicht, da er die Botschaft Jesu nie gehört und da er selber ja nicht sprechen kann.
Andere aber, die Jesu Worte gehört haben bringen ihn zu Jesus und bitten ihn, er möge ihn berühren und so heilen.
Das bedeutet also, daß wir in unserer Verschlossenheit aufeinander angewiesen sind; daß wir einander zu dem führen sollen, der uns öffnen kann; es heißt dies somit auch, daß wir das Wort Gottes nicht nur für uns sondern auch füreinander hören; wir hören es auch für den neben uns, der es nicht hören kann; auch das Evangelium ist somit ein Gut, das wir füreinander bekommen haben und das wir deshalb auch miteinander teilen sollen.
Wie aber teilen wir dieses Wort Gottes miteinander? Habt Ihr Euch das schon einmal überlegt? Diese Frage läuft ganz gegen die weitverbreitete Meinung, das Evangelium sei nur persönlicher Seelentrost und Religion nur Privatsache. Diese Frage zielt vielmehr darauf ab, daß wir über die gehörte Botschaft sprechen - zu Hause in der Familie, im Kreis von Freunden - wenn ihr wollt auch hier in der Kirche, an Stelle der Predigt. Was wäre das wohl für viele von uns für ein Muntermacher, wenn es jetzt hieße: Was hat das eben gehörte Evangelium für eine Bedeutung für Dich? Wie hat es Dich berührt? Laß uns teilhaben an den Eindrücken, die das Wort Gottes in Dir hinterlassen hat! Was glaubt Ihr wohl, wie in Erwartung solcher Fragen die meisten von uns dem Evangelium lauschen würden! Aber genauso teilen die Basisgemeinden in Südamerika das Evangelium. Und ich wage auf Grund des heutigen Evangeliums die Behauptung: Entweder hat das Evangelium auch bei uns diese eben beschriebene Zukunft oder es hat bei uns gar keine Zukunft mehr!

Und dann die Art, wie Jesus den Verschlossenen heilt:
Er nahm ihn beiseite,
von der Menge weg,
legte ihm die Finger in die Ohren
und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel!
Jesus holt den Taubstummen von der Menge weg gleichsam in einen eigenen Raum, in ein Separée, in dem nur er und der Kranke sich befinden; dort heilt er ihn, indem er ihn an den Ohren und auf der Zunge berührt. Die Heilung geschieht in einer sehr persönlichen Begegnung, von Angesicht zu Angesicht, in der Abgeschiedenheit von den Leuten. Der Kranke ist so nur mehr und ganz dem ausgesetzt, was Jesus ihm sagt, was er mit ihm tut.

Dieses ganz und nur Jesus ausgesetzt sein, dieses Beisammensein mit Jesus allein, diese Begegnung mit Jesus von Herz zu Herz und von Angesicht zu Angesicht wird auch für uns zur Einladung und zur Herausforderung - zu unserem Heil. Eine starke Herausforderung, weil das, was uns gewöhnlich fesselt, festhält und bestimmt keineswegs gewillt ist, uns widerstandslos den Händen Jesu zu überlassen; da braucht es schon die bestimmten und festen Hände Jesu, die uns beiseite nehmen und von jener vielfältigen Menge wegholen, die uns bestimmt und deren Einfluß wir gewohnt sind.

Und dann das eine Wort, das Jesus spricht: Effata! - Öffne dich!
Es ist für mich immer wieder bezaubernd, wie Jesus da nicht viele Worte redet sondern nur ein einziges Wort spricht: Effata!
Aber dieses eine Wort ist ein wesentliches Wort, ein Wort voll Kraft und voll Leben. Dies erinnert uns an das, worum wir den Herrn unmittelbar vor der Kommunion bitten:

Herr, ich bin nicht würdig,
daß du eingehst unter mein Dach;
aber sprich nur ein Wort,
so wird meine Seele gesund!

Um dieses eine Wort geht es; dieses eine Wort mag der Herr auch zu uns sprechen; und nicht zuletzt auch deshalb, daß der Herr uns heile von jeglicher Vielrederei und uns helfe, Worte zu sprechen, die die Kraft und das Leben unserer persönlichen Überzeugung in sich tragen.

Wir wollen beten:
Gott, unser Vater! Dein Sohn Jesus Christus hat Worte des ewigen Lebens und er macht alles gut. Führe auch uns zur persönlichen und herzlichen Begegnung mit ihm und befreie uns so von aller Verschlossenheit für dich, füreinander und für unsere Schöpfung. Darum bitten wir durch denselben Christus, unseren Herrn! - Amen!

Samstag, September 01, 2012

Leben durch Hören

 
 

Aus dem hl. Evangelium nach Markus 7:1-23

In jener Zeit
1hielten sich die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, bei Jesus auf.
2Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
3Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt.
4Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
5Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
6Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.
7Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
8Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
14Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage:
15Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
21Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,
22Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.
23All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.





Wie viele Worte hören wir nicht Tag für Tag; wie viele Worte haben wir heute nicht schon gehört: Aus dem Radio oder aus dem Fernsehen; aus der Zeitung; von den Menschen, die heute schon mit uns gesprochen haben. Auch beim Gottesdienst hören wir viele Worte:
Worte aus der Werbung, Worte in den Nachrichten, Worte der Unterhaltung;
Worte, die uns berieseln, leere Worte, Worte, die wir überhören, Worte, die uns berühren, Worte, die uns treffen, Worte, die verletzen, Worte, die heilen.

Nehmt euch das Wort zu Herzen,
das in euch eingepflanzt worden ist
und das die Macht hat, euch zu retten (Jak 1:21b) – so ermuntert oder ermahnt uns Jakobus in der zweiten Lesung.

Mit diesem Worten regt Jakobus uns an zu fragen, welche Worte wir gehört haben, welche Worte so bei uns angekommen sind, dass sie uns bewegt haben, dass wir sie nicht vergessen haben und wir sie wiederholen können. Jakobus will uns zu einem bewußteren Umgehen mit dem führen, was wir zu hören bekommen. Diese bewusste Hinhören ist der erste Schritt zu einer Bewältigung dessen, was die gehörten Worte in uns hervorgerufen haben – das Echo dieser Worte kann aufgenommen und verarbeitet werden und die Worte, die ich gehört habe, bringen ihre Frucht in mir und aus mir heraus. Eine der ersten und wichtigsten Früchte dieses Weges zum gehörten Wort ist ein bewußteres und aufmerksameres Zuhören – und das ist eine Bereicherung der zwischenmenschlichen Beziehung zu dem, der zu mir gesprochen hat sowie zu dem, der künftig zu mir sprechen wird.

Jakobus spricht jedoch nicht von mehreren Worten – er spricht nur von einem Wort und dieses Wort nennt er das Wort der Wahrheit; durch dieses Wort hat Gott uns aus freiem Willen geboren; durch dieses Wort hat Gott uns ins Leben gerufen; durch dieses Wort hat Gott uns Leben geschenkt.
Diese Worte des Jakobus lassen an den Beginn des Johannesevangeliums denken:
Im Anfang war das Wort
und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott;
im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden
und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
Und dieses Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt. (Joh 1:1-3.14a)

Jakobus schreibt einer Gemeinde, die Jesus als Mensch nicht mehr so erlebt hat, so wie er und die anderen Jünger. Sie hört von Jesus durch die Erzählung der Jünger Jesu und durch ihre Briefe – sie hören von Jesus durch das Wort, das seine Jünger zuerst verkündet und später dann geschrieben haben.

Dieses Wort hat sie an Jesus, den neuen Menschen, dermaßen gebunden, und sie haben dieser Bindung an Jesus in der Taufe zugestimmt, dass sie selber neue Menschen geworden sind. So wurden sie von Gott durch das Wort der Wahrheit geboren.
In diesem Sinn haben wir auch im Tagesgebet gesprochen:
Binde uns immer mehr an dich,
damit in uns wächst, was gut und heilig ist.
Wache über uns und erhalte, was du gewirkt hast.

Dieses Wort ist nun in uns eingepflanzt worden; es ist in uns drinnen wie eine Pflanze, die uns anvertraut ist; diese Pflanze kann vertrocknen, wenn wir sie nicht gießen; sie kann aber auch wachsen und blühen und Früchte bringen, wenn wir uns um sie kümmern;
das Verderben oder Gedeihen dieser Pflanze hängt also auch von uns selber ab – darum die Aufforderung des Apostels:
Nehmt euch das Wort zu Herzen! (Jak 1:21b)
Was er mit diesem "Zu-Herzen-Nehmen" meint fügt er gleich an:
Hört das Wort nicht nur an,
sondern handelt danach!
Durch unser "Zu-Herzen-Nehmen" geben wir dem Wort die Möglichkeit zu leben; das Leben zu entfalten, das es in sich trägt.
Wir lassen mit den Worten des Jakobus jene Kraft des Wortes wirksam werden, die uns retten kann – und durch uns jene Menschen, mit denen wir zusammenleben.

Dieses Wort soll eine prägende, bestimmende Kraft in unserem Leben sein. Ist es aber oft genug nicht! Warum? Jesus gibt die Antwort:
Von innen, aus dem Herzen der Menschen,
kommen die bösen Gedanken,
Unzucht, Diebstahl, Mord,
Ehebruch, Habgier, Bosheit,
Hinterlist, Ausschweifung,
Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft
All dieses Böse kommt von innen
und macht den Menschen unrein. (Mk 7:21-23)
Ja, wenn das mit dem Herzen von uns Menschen so ist, darf es nicht wundern, wenn auf diesem Erdreich die Pflanze des Wortes Gottes nicht wachsen kann! Vergifteter Boden! Da kann nichts wachsen!

Jesus deckt die Fähigkeit unseres Herzens zum Bösen ungeniert auf und es ist erstaunlich und ernüchternd zu welcher Bosheit wir Menschen doch fähig sind und was für ein Mist sich in unserem Herzen so still und heimlich ansammeln kann.
Jesus bringt uns mit fester Hand und etwas unsanft und direkt dazu, auf unser eigenes Herz zu hören; auf seine Worte, die oft genug eine verzerrte, verstümmelte, verbildete Sprache sprechen.

Das Hören auf unser Herz und das Hören auf das Wort des Herrn gehören zusammen. Beides fördert sich gegenseitig und beides will die Worte der ersten Lesung (Dtn 4:1-2.6-8) Wirklichkeit werden lassen, die Mose zum Volk Israel spricht: Hört und ihr werdet leben!(Dtn 4:1b) - Amen!