Freitag, Oktober 12, 2012

Der Glaube sieht


 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 10: 46 – 52

46     Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus.
47     Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!
48     Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!
49     Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.
50     Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.
51     Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.
52     Da sagte Jesus zu ihm: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen. Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg.






Es gibt das Phänomen, dass Blinde mehr sehen als die Sehenden. So gewinnen wir auch in der heutigen Heilungsgeschichte aus dem Evangelium den Eindruck, dass der blinde Bartimäus der Sehende ist und die Sehenden um ihn eigentlich die Blinden sind.
Denn von niemandem wird Jesus als der Sohn Davids gesehen und bekannt – außer vom blinden Bartimäus. Das Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Davids bedeutet aber das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias; es bedeutet das Bekenntnis zu dem, der die Verheißung aus der ersten Lesung Wirklichkeit werden lässt. Wir erinnern uns noch an die vorhin gehörten Worte, in denen Gott von sich selber sagt:

„Seht, ich bringe sie heim aus dem Nordland
und sammle sie von den enden der Erde,
darunter Blinde und Lahme,
Schwangere und Wöchnerinnen;
als große Gemeinde kehren sie hierher zurück.

Weinend kommen sie,
und tröstend geleite ich sie.
Ich führe sie an wasserführende Bäche,
auf einen ebenen Weg, wo sie nicht straucheln.“ (Jer 31:8-9a)

Diese Worte drücken die Erwartung aus, die Bartimäus im Hinblick auf Jesus hat, und diese Erwartung lassen ihn an sein Messiasbekenntnis die Bitte anfügen: „Hab Erbarmen mit mir!“ (Mk 10:47b)

Nun ist Bartimäus mit seinem Bekenntnis und seiner Bitte nicht nur allein unter den vielen Menschen um ihn, er stößt damit auch auf Widerstand und Ablehnung bei vielen Leuten um ihn: „Viele wurden ärgerlich
und befahlen ihm zu schweigen.“ (Mk 10:48)

Äußerst entmutigend diese ganze Situation; gerade er, ein Blinder, der besonders auf das Entgegenkommen seiner Mitmenschen angewiesen ist, gerade er erfährt Widerstand und Ablehnung.
Kees de Kort, ein holländischer Künstler, zeichnet sehr anschaulich, wie Bartimäus auf diese ablehnende Front seiner Mitmenschen reagiert: Mit hochrotem Kopf malt er ihn, als er ein zweites mal schreit: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ (Mk 10:48b)

Diese Reaktion des Bartimäus zeigt, wie deutlich er sieht und wie sehr er seine Vision durchsetzen möchte.
Sie zeigt auch, dass es ihm nicht darum geht, von den Menschen gehört zu werden. Jesus soll ihn hören!
Trotz seiner Abhängigkeit von seinen Mitmenschen zeigt Bartimäus eine außerordentliche Selbständigkeit und Eigenwilligkeit, die zweifellos von seiner Ausrichtung auf Jesus herkommt: Seine Hoffnung auf Jesus, sein Vertrauen auf ihn lässt ihn hoffen gegen jede Hoffnung, lässt ihn bitten und rufen gegen jeden Widerstand von Seiten seiner Mitmenschen; das Vertrauen auf Jesus gibt ihm Rückgrat und Festigkeit in seinem Bekenntnis zu Jesus und in seinem Bitten um die erbarmende Hilfe Jesu.

Dieses Rufen hört Jesus.

Und er sagt den Leuten: „Ruft ihn her!“ (Mk10:49a)
Es ist bemerkenswert, dass Jesus nicht auf Bartimäus zugeht; er muss doch bemerkt haben, dass Bartimäus blind ist. Jesus zeigt sich gar nicht zuvorkommend, er benimmt sich irgendwie gedankenlos, wenn nicht gar rücksichtslos, dem Bartimäus gegenüber.
Indem Jesus aber den Leuten sagt, sie sollen ihn zu ihm herrufen, bindet er diese Leute in seinen Dienst an Bartimäus ein; er macht die Leute so zu Mithelfern am Werk der Befreiung des Bartimäus. Das zeigt sich bereits unübersehbar am Gesinnungswandel der Menschen um Bartimäus:
waren sie zuvor noch ärgerlich über ihn und haben sie ihm befohlen zu schweigen so sagen dieselben Leute jetzt zu ihm: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich!“ (Mk 10:49b)
Waren die Leute zuerst eine Mauer so sind sie jetzt eine Brücke; waren sie zuvor ein Hindernis so sind sie jetzt eine Hilfe!
Jesus hat sie dazu gemacht.

Und dann hörten wir wie Bartimäus seinen Mantel wegwarf, aufsprang und auf Jesus zulief! Ihr habt Euch nicht verhört: Er lief auf Jesus zu! Einen Blinden nun sieht man tasten, man sieht ihn vorsichtig gehen und wenn er es eilig haben sollte, sieht man ihn höchstens stolpern – aber regelrecht laufen werden wir einen Blinden, selbst wenn er es eilig hat, nicht sehen.
Bartimäus aber läuft auf Jesus zu! Nichts bringt deutlicher zum Ausdruck, dass dieser Blinde bereits ein Sehender ist – was seinen Weg auf Jesus zu angeht.

Jesus zeigt sich erneut merkwürdig begriffsstutzig, indem er den Bartimäus fragt: „Was soll ich dir tun?“ (Mk 10:51a)
Mit einigem Hausverstand hätte Jesus doch wohl annehmen können, dass Bartimäus von seiner Blindheit geheilt werden möchte und dass er ihn deswegen um Hilfe gerufen hat.
Durch seine Frage bringt Jesus den Bartimäus jedoch dazu, noch einmal Jesus als Rabbuni, als den Meister, als den Messias zu bekennen und noch einmal klar seine Bitte auszusprechen.
Diesmal jedoch geschehen Bekenntnis und Bitte im direkten, persönlichen Gespräch mit Jesus und nicht mehr wie vorhin inmitten einer unpersönlichen Menschenmenge.
Fern vom Herrn und in der Nähe des Herrn – in beiden Situationen ist sein Vertrauen auf den Herrn und sein Glaube an den Herrn gefordert;

Erst nach diesem Weg konnte er die Worte Jesu vernehmen: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ (Mk 10:52a)
Erst nach diesem Weg durfte er den Augenblick erleben, an dem er wieder sehen konnte.
Nur dieser Weg führt ihn in die Nachfolge Jesu! - Amen!

Bei euch soll es nicht so sein!

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 10: 35 – 45

35        Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sagten: Meister, wir möchten, dass du uns eine Bitte erfüllst.
36        Er antwortete: Was soll ich für euch tun?
37        Sie sagten zu ihm: Lass in deinem Reich einen von uns rechts und den andern links neben dir sitzen.
38        Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde?
39        Sie antworteten: Wir können es. Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und die Taufe empfangen, mit der ich getauft werde.
40        Doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die diese Plätze bestimmt sind.
41        Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über Jakobus und Johannes.
42        Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.
43        Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,
44        und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.
45        Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.





Wir brauchen in unserem Leben nicht lange zu suchen, um das zu finden, was die Jünger Jesu im heutigen Evangelium erleben. Immer nämlich, wenn wir die Poleposition anstreben, wenn wir die Ersten und die Besten sein wollen; wenn wir Karriere machen wollen; wenn wir vor allen anderen geachtet und geehrt sein wollen – immer dann handeln wir wie die beiden Jünger Jakobus und Johannes.
Und wenn wir andere um ihren Vorrang, um ihre Stellung, um ihren Posten beneiden – immer dann ergeht es uns wie den übrigen zehn Jüngern, die sich über die beiden Brüder sehr ärgerten.

Nicht, dass Jesus etwas hätte gegen Strebsamkeit im Beruf und wir dürfen uns auch als Christen dankbar freuen über die Erfolge, die wir in unserem Leben haben. Was Jesus jedoch auch uns heute sagen will, ist, dass er seine Jünger nicht als Karrieretiger im Sinne des aktuellen Zeitgeistes sehen möchte. Diesem Bestreben erteilt er im heutigen Evangelium eine klare Abfuhr:
„Bei euch soll es nicht so sein,
sondern wer bei euch groß sein will,
der soll euer Diener sein,
und wer bei euch der Erste sein will,.
soll der Sklave aller sein.“ (Mk 10:43f.)

In der Gemeinschaft der Jünger Jesu sollen die Uhren wieder einmal anders laufen. Dort soll das Leitwort nicht heißen: „Groß sein“ sondern es soll heißen: Dienen – und nicht der Erste zählt sondern der Sklave aller.

Es handelt sich bei diesen Worten Jesu nicht allein um eine völlige Umkehrung jener Wertordnung, wie sie in dieser Welt üblich ist; es geht Jesus vielmehr darum, einmal mehr den Mitmenschen in die Mitte zu stellen; und nirgendwo geschieht das deutlicher als im Dienen. Im Dienen sollen die Jünger Jesu Karriere machen; da sollen sie sich gegenseitig übertreffen. Nur so ist jede Unterdrückung auf Grund von Machtmissbrauch ausgeschlossen.

Jesus lässt seine Jünger mit dieser Forderung im Wortkleid nicht allein; er gibt ihnen sein Lebensvorbild mit dazu, wohl wissend, wie schwer dieser Dienstauftrag zu aller Zeit erfüllbar ist. Und wie die Kirchengeschichte in Vergangenheit und Gegenwart zeigt, ist auch die Kirche nicht frei vom Streben nach Machtpositionen im Sinne dieser Welt. Darum der Hinweis auf sein eigenes Leben:

„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen,
um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen
und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. (Mk 10:45)

Diese Worte Jesu legen uns Christen die Frage ans Herz:
Wo und wie und wem gegenüber ist mein Leben durch Dienen ein Lösegeld. Durch mein Dienen soll mein Leben andere lösen – erlösen, loslösen, frei-lösen. Wo ist mein Leben durch Dienen ein Beitrag zu einer Lösung – von Problemen, von Bedrückung, von Verspannung. Jeder von uns kann in seinem Lebensbereich zahlreiche solcher Gelegenheiten finden.

Eine solche Gelegenheit legt uns der kommende Weltmissi­onssonntag nahe, auf den uns ein Hirtenwort unserer Bischöfe hinweist.

Mittwoch, Oktober 10, 2012

Gott ist alles möglich!


 Aus dem hl. Evangelium nach Markus 10:17 – 30

In jener Zeit
17lief ein Mann auf Jesus zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
18Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.
19Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!
20Er erwiderte ihm: Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt.
21Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!
22Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.
23Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!
24Die Jünger waren über seine Worte bestürzt. Jesus aber sagte noch einmal zu ihnen: Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen!
25Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.
26Sie aber erschraken noch mehr und sagten zueinander: Wer kann dann noch gerettet werden?
27Jesus sah sie an und sagte: Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.
28Da sagte Petrus zu ihm: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.
29Jesus antwortete: Amen, ich sage euch: Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat,
30wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.




Wer von uns versteht nicht die Traurigkeit des jungen Mannes, von dem wir eben im Evangelium gehört haben? Er konnte nicht der Aufforderung Jesu nachkommen, zu verkaufen was er hat, das Geld dann den Armen zu geben und Jesus nachzufolgen.
Er konnte nicht, denn er hatte ein großes Vermögen!
Er hatte aber auch eine Sehnsucht, die über sein großes Vermögen hinausging. Mit seinem großen Vermögen allein hatte er zu wenig; das allein reichte ihm nicht. Er machte die Erfahrung: mein Reichtum allein macht mich nicht glücklich! Er wollte das ewige Leben gewinnen.
Darum fragte er Jesus: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
Jesus fragt ihn darauf, ob er denn die Gebote Gottes halte.
Und wir hören von dem jungen Mann, dass er alle diese Gebote von Jugend an befolgt habe!
Dieser Mensch ist nicht nur reich an Vermögen; er ist auch reich an guten Werken! Er hat von Jugend an ein gutes Leben, ein Leben nach den Geboten Gottes, geführt. Was will man da noch mehr!? Was kann denn da noch fehlen!?

Eines fehlt dir noch, antwortete Jesus dem jungen Mann: Verkaufe deinen Besitz, gib das Geld den Armen; dann komm und folge mir nach.
Dieses Eine ist, dass Jesus sein einziger Reichtum werde und dass er für diesen Reichtum sein bisheriges Vermögen hergebe für die Armen.

In vielem ist der junge Mann uns ähnlich:
Auch wir haben ein mehr oder minder großes Vermögen - so wie er;
und haben wir eher ein kleineres Vermögen so hängen wir doch daran - so wie er;
auch wir spüren - so wie er - immer wieder, dass unser Reichtum nicht alles ist, dass es zu unserem wahren Glück noch etwas darüber hinaus gibt.
Aber auch wir sind nicht fähig - so wie er - uns von unserem ganzen Vermögen auf einmal zu trennen, um in Jesus allein unseren Reichtum zu finden.

Was bedeutet dies alles im Hinblick auf unser Christenleben?
Dass wir gut sein und brav leben können nach Gottes Willen auch ohne Jesus.
Dass es also ein gutes Leben auch außerhalb der Nachfolge Jesu gibt.
Dass also auch in anderen Religionen die Menschen ein gutes Leben führen können.
Und doch ist in diesem Jesus offensichtlich etwas da, was Sehnsucht zu erwecken vermag über das hinaus, was wir sind und tun und haben.
Die Begegnung mit Jesus kann unruhig machen und unzufrieden mit unserem momentanen Besitzstand.

Es wäre gewiss unrealistisch, wollten wir alle unsere Jesus­nachfolge dadurch zeigen, indem wir unseren gesamten Besitz verkauften und das Geld den Armen gäben. Wie aber können wir dann im Sinne des heutigen Evangeliums unsere Jesusnachfolge verwirklichen?

Ich könnte mir vorstellen, dass sich unsere Zugehörigkeit zu Jesus so zeigt, dass wir mit der Frage in uns hineinlauschen, was denn Jesus in uns eigentlich wachruft: welche Gefühle, welche Empfindungen, welche Sehnsüchte? 
Dass wir wieder besonders aufmerksam werden auf alles, was uns von Jesus trennt, was uns von ihm fernhält; damit meine ich vor allem jene Dinge und auch jene Haltungen, die wir entbehren und ändern könnten: dass wir etwa von unserem Überfluss hergeben oder dass wir Fehlhaltungen in unserem Leben ändern.

Mit diesen Überlegungen soll uns die Fülle oder die Leere unseres christlichen Lebens bewusst werden. So sollen wir Anhaltspunkte und Ermutigung finden dafür, unser Leben nach dem Wort Jesu Christi auszurichten.
Wir erleben dabei am eigenen Herzen, wie die zweite Lesung Wirklichkeit wird. Dort haben wir ja über dieses Wort Gottes gehört:

„Lebendig ist das Wort Gottes,
kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert;
es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist,
von Gelenk und Mark;
es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens;
alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen,
dem wir Rechenschaft schulden.“ (Hebr 4:12f.)

Der Herr stellt uns im heutigen Evangelium erneut an einen Scheideweg und vor die Frage, wie es denn nun weitergehen soll?
Zwei Wege stehen zur Auswahl: der zu ihm hin in seine Nachfolge und der von ihm weg.
Der Herr helfe jedem von uns, dass er sich für den Weg entscheidet, den er dann auch wirklich geht; und dass dieser Weg ihn zum Frieden, zur Freude und zum Leben führt!

Denn es soll uns beim sonntäglichen Gottesdienst ja nicht so ergehen, wie dem jungen Mann im Evangelium: Wir sollen nicht voll Hoffnung auf ewiges Leben zu Jesus kommen und dann traurig von ihm weggehen müssen. Wir wollen wirklich jene Schritte tun, die uns Jesus zur Freude machen.

Das Gebet des Bruder Klaus von der Flüe mag uns helfen, den rechten Weg zu finden:
Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir, was mich hindert zu dir;
mein Herr und mein Gott,
gib alles mir, was mich fördert zu dir;
mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir! - Amen

Samstag, Oktober 06, 2012

Am Ursprung genesen

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 10: 2 – 12

2Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen.
3Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben?
4Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen.
5Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.
6Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen.
7Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen,
8und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins.
9Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.
10Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber.
11Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch.
12Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.





Ehebruch – ein Problem zur Zeit des Mose, zur Zeit Jesus und in unserer Zeit. Jesus wird von seinen Gegnern damit konfrontiert; sie wollen ihm damit eine Falle stellen. Nun erlaubt das jüdische Gesetz aber die Ehescheidung; zur Debatte steht nur, ob man die Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen darf. Die konservative Richtung lehrt, die Frau darf nur im Fall von Unzucht aus der Ehe weggeschickt werden; die liberale hingegen, dass die Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen werden darf.

Die Gegner Jesus wollen mit ihrer Frage nun wissen, welche Linie Jesus einschlägt, ob er also ein Konservativer oder ein Liberaler ist.

Jesus verweist seine Gegner auf Mose, der es erlaubt, die Frau mit einer Scheidungsurkunde zu entlassen. Und er gibt auch gleich den Grund für diese Erlaubnis an: Hartherzigkeit!

Für Jesus ist das aber nicht die einzige Möglichkeit, mit diesem Problem umzugehen. Er weitet den Horizont und blickt zurück an den Anfang bei Gott und wie der sich die eheliche Beziehung zwischen Mann und Frau gedacht hat. Und da stellt Jesus klar, dass Gott Mann und Frau zu bleibender Einheit geschaffen hat. Und dass der Mensch diese Einheit nicht trennen darf.

Aus der Not einer bedrohten Ehe heraus bleibt Jesus nicht bei menschlichen Regeln stehen, die eine glatte Lösung ermöglichen. Er geht zurück an den Anfang bei Gott um von dort her die Ehe zu heilen und zu retten.

Wenn Jesus die elementare Ehegemeinschaft von Mann und Frau gleichsam erneut zurückverwurzelt in Gott, dann entzieht er sie damit der Willkür und dem Zugriff der Ehepartner. Vielmehr führt er die Eheleute zurück an die Quelle, aus der ihre Gemeinschaft entsprungen ist und von der her sie auch wieder geheilt, belebt und erneuert werden kann. Er bindet die menschliche Gemeinschaft der Ehe zurück an die Gemeinschaft mit Gott.

In der Argumentation Jesu können wir einen Grundzug seines Wirkens erkennen: Die verwundete, zerrissene, verlorene Menschheit zu Gott zurückzuführen, sie mit Gott zu versöhnen. So wird er dem Auftrag gerecht, mit dem Gott ihn in diese Welt gesandt hat: Diese Welt zu erlösen!

Die Hartherzigkeit, die Jesus anspricht, lässt mich das Erlöserwirken Jesu mit Worten aus dem Propheten Ezechiel umschreiben. Dort spricht Gott zum Propheten: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt.“ (Ez 36:26f)

Jesus möchte mit den Wirten des Apostels Paulus: „         Unverkennbar ein Brief Christi seien, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch.(2Kor 3:3)

Durch diese Schrifttexte werden wir hingeführt dazu, dass die eheliche Gemeinschaft wurzelt in der Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes und dass ihr nur von dorther zukommen kann, was sie am Leben erhält und je und je ihr Leben erneuert.

Mit seinen Worten über die Ehe ist Jesus also alles andere als ein „Hardliner“! Er ist ein „Lifeliner“, denn er ebnet den Weg über die Hartherzigkeit von uns Menschen hinweg hin zum lebendigen Gott. Die katholische Kirche versucht, diesen Weg durch die Zeiten hin offen zu halten.

Erinnern wir uns gerade im Blick auf gefährdete und zerrüttete Ehen an das Tagesgebet von vorhin: Allmächtiger Gott, du gibst uns in deiner Güte mehr, als wir verdienen, und Größeres, als wir erbitten. Nimm weg, was unser Gewissen belastet, und schenke uns jenen Frieden, den nur deine Barmherzigkeit geben kann.
Darum bitten wir durch Jesus Christus, unsern Herrn. Amen!

Dienstag, Oktober 02, 2012

Gelebter Glaube

 
Aus dem hl. Evangelium nach Markus 9: 38 – 48

In jener Zeit
38sagte Johannes, einer der Zwölf, zu Jesus: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt.
39Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden.
40Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.
41Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.
42Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.
43Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer.
44/45Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden.
46/47Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden,
48wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.






Alle drei Lesungen, die wir eben gehört haben, sind eine Einladung aus der Enge in die Weite.
Die Jünger im Evangelium erfahren, dass der Geist Jesu auch außerhalb ihrer Gruppe wirkt.
Ebenso muss Josua in der ersten Lesung zur Kenntnis nehmen, dass sich der Geist Gottes nicht durch menschliche Vereinbarung beschränken lässt. Er weht und wirkt wo er, Gott, es will.

Der Geist Gottes möchte nicht nur im sakralen Bereich des Bundeszeltes sondern auch im profanen Bereich des Zeltlagers wirken. Wir müssen uns also beim hl. Geist auf einen gefasst machen, der uns nicht nur hier in der Kirche sondern auch außerhalb der Kirche erfüllen und bewegen möchte. Darum sollten wir uns auf etwas einstellen, was für den Hl. Geist normal ist – dass er nämlich überall wirken möchte und wirken kann. Wir sollten also nicht überrascht sein, wenn wir nicht nur hier sondern auch zu Hause und auf dem Arbeitsplatz oder in der Freizeit gute Gedanken haben; dass wir nicht nur hier brav sind sondern auch zu Hause; dass wir nicht nur hier Gutes tun sondern auch zu Hause. Wir sind eingeladen, flexibel zu werden wie der Hl. Geist, der uns nicht nur hier in der Kirche erfüllen möchte sondern in den übrigen Welten auch, in denen wir sonst noch leben. Es ist derselbe Hl. Geist, der uns hier und dort erfüllen und bewegen möchte. Der Wunsch des Hl. Geistesmach Allgegenwart in unserem Leben will uns bewegen, dass wir hier und überall und jederzeit mit ihm rechnen, dass wir hier und überall uns ihm öffnen und um ihn bitten. Auf diese Weise werde wir flexibel wie er und es wird möglich, dass das Leben hier hinausfließt in das Leben dort; und dass das Leben dort zusammenfließt mit dem Leben hier. Wir lassen es zu, dass unser Leben aus der Zerrissenheit in ein religiöses und in ein weltliches Leben zusammengeführt wird in ein geschlossenes christliches Leben, in dem der Alltag einfließt in den Gottesdienst und der Gottesdienst überquillt in den Alltag; beides wird befruchtet: Unser Gottesdienst durch den Alltag und unser Alltag durch den Gottesdienst. Und eines der größten Skandale wird beseitigt, dass nämlich unsere religiöse Praxis wenig oder gar nichts zu tun hat mit unserer alltäglichen Praxis.

Diesen Skandal schildert auf drastische Weise Jakobus in der zweiten Lesung: Die Verfallenheit an den Reichtum auf der einen Seite und die rücksichtslose Ausbeutung der eigenen Arbeiter auf der anderen. Ob nun Jakobus mit den Reichen Mitglieder seiner Gemeinde anspricht oder nicht – heute gibt es das schreckliche Ärgernis, dass auch bei Christen der wirtschaftliche Profit auf dem Elend zahlloser aufruht. Der Weg aus der Enge einer Versklavung an materielle Güter hinaus in die Weite sozialer Verantwortung im Geist des Evangeliums Jesu ist eindeutig vorgegeben.

Der Weg hinaus ins Weite stellt sich im Evangelium noch einmal anders dar. Zum einen erleben die Jünger ein besonderes Phänomen: Nicht nur Jesus selber treibt Dämonen aus sondern auch andere tun es und zwar in Jesu Namen! Dabei ist die Zugehörigkeit zur Jüngerschar nicht relevant; es zählt die Berufung auf den Namen Jesus!

Die Jünger erfahren hier zum ersten mal, was sie später selber tun werden in der Zeit, da Jesus nicht mehr sichtbar bei ihnen ist: Sie wirken in seinem Namen: Sie heilen, treiben Dämonen aus, taufen und rufen den Hl. Geist auf die Menschen herab, die sich der Christengemeinde anschließen wollen.

Jesus beschränkt seine Gegenwart hier auf Erden nicht auf seine Lebenszeit in Israel vor gut 2000 Jahren. Diesen zeitlich räumlichen Rahmen sprengt er dadurch, dass er durch seinen Namen gegenwärtig bleibt. In seinem Namen ist Jesus selber präsent und wirkt wie damals unter seinen Jüngern.

Deswegen kann er auch verheißen, bei uns zu sein alle Tage bis ans Ende der Zeit. Jesus möchte, dass die Zeit, die wir als Christen hier auf Erden verbringen eine vom ihm erfüllte Zeit ist, eine Jesuszeit! Wir müssen seinem Wort nur glauben und ihm vertrauen und seinen Namen anrufen. Und das sollte eigentlich wie ein Lebenselixier für uns Christen sein, die wir doch seinen Namen tragen.

Die Lesungen des heutigen Sonntags geben uns eine Zusammenschau, wie geisterfülltes Leben zugleich ein Leben im Namen Jesus ist und wie solch ein Leben Gottesdienst und Dienst an den Menschen untrennbar miteinander verbindet. Wir wollen darum zu Gott beten:
Dein Geist weht, wo er will. Mach uns empfänglich für diesen Geist und schenke uns Freude über das Gute, das er in uns wirkt im Namen Jesu, unseres Herrn! - Amen!