Samstag, Mai 23, 2015

Wege des Geistes


 
Lesung aus Apostelgeschichte 2: 1 – 11

1Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.
2Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren.
3Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.
4Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.
5In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.
7Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden?
8Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören:
9Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien,
10von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten,
11Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.

+ Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 20: 19 – 23
19Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
20Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.
21Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
22Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!
23Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.



In den Lesungen des heutigen Pfingstsonntages hören wir von zwei Ereignissen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, obwohl es offensichtlich um denselben Vorgang – die Gabe des Heiligen Geistes an die nachösterlich versammelten Jünger – geht.

Der Pfingstbericht des Lukas in der (1.) Lesung spielt sozusagen „auf großer Bühne“: vor der versammelten Menge der Jerusalemer Juden, in aller Öffentlichkeit. Hinzu kommt, dass es Lukas wichtig ist, dass die Geburtsstunde der Kirche mit einem jüdischen Wallfahrtsfest zusammenfällt, um die Kontinuität im Heilsplan Gottes mit seinem Volk und der Kirche aus Juden und Heiden herauszustellen. Pfingsten entfaltet dann eine ungeheure Dynamik von Jerusalem über Judäa und Samaria bis an die Enden der Erde (Apg 1,8), das Evangelium lässt sich nicht mehr mundtot machen (Apg 4,20) und wird in der Kraft des Geistes in der ganzen Welt verkündigt (Apg 4,31).

Ganz anders im Evangelium: hier fallen sozusagen Ostersonntag und Pfingstfest auf dasselbe Datum! Die Gabe des Heiligen Geistes an die Jünger vollzieht sich am Abend des Ostertages (20,19). Und sie führt keineswegs dazu, dass die Jünger sich auf den Weg machen und die Welt für das Evangelium „erobern“. Eine Woche später (am darauffolgenden Sonntagabend) sitzen sie bereits wieder „hinter verschlossenen Türen“ (20,26).

Die beiden „Pfingstberichte“ widersprechen sich aber nur auf den ersten Blick.
Beide Berichte stellen uns zwei verschiedene Aspekte des Pfingstgeschehens vor Augen, die jedoch zusammengehören, weil das Wirken des Heiligen Geistes diese beiden Aspekte umfasst: einerseits das missionarische Zeugnis „nach außen“, das bereits seit den frühesten Tagen der Kirche einen universalen, grenzüberschreitenden Horizont hatte – wie ja auch das  Pfingstzeugnis der Apostel von allen Menschen zu verstehen war (Apg 2,1-13).
Ergänzend dazu weist die Gabe des Geistes aber auch „nach innen“, in den Bereich der gottesdienstlichen Versammlungen der Kirche „hinter verschlossenen Türen“. Damit ist der altkirchliche Brauch angedeutet, die christlichen Gottesdienste zumindest in ihren zentralen Teilen für Außenstehende, d.h. Nichtgetaufte, nicht zugänglich zu machen.
Die Erfahrbarkeit des Geistes in den österlich geprägten Gottesdiensten und v.a. in den Sakramenten der Kirche einerseits  und die missionarische An-Feuerung durch den Geist zum Zeugnis in der Welt andererseits gehören zusammen und halten sich gegenseitig in der Balance. (vgl. Hans-Ulrich Weidemann in www.perikopen.de/PfingstenamTag)

Diese Zusammengehörigkeit wird auch daraus ersichtlich, dass das stürmische Pfingstereignis in der Lesung ja aus einem Gottesdienst erwachsen ist, nämlich aus dem gemeinsamen, intensiven und andauernden Bittgebet um den Hl. Geist. Zu diesem Gebet haben sich ja die Jünger zusammen mit Maria, der Mutter Jesu, auf Anweisung Jesu versammelt. Das Pfingstereignis ist eine Antwort und eine Erfüllung dieses Gebetes.

Wir erleben in den heutigen Lesungen den hl. Geist als Geburtshelfer der Kirche und ihm ist es zu verdanken, dass wir uns heute zu diesem Gottesdienst versammelt haben, um den Geburtstag der Kirche – und das heißt auch unseren Geburtstag als christliche Gemeinschaft – zu feiern.
Und hier in unserer kirchlichen Versammlung wollen wir unseren Pfingstgang beginnen. Wir hörten im Evangelium, wie Jesus seine Jünger anhauchte und dabei zu ihnen sagte: „Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20:22c) Das erinnert an den Beginn der Bibel, wie dort bei der Schöpfung Gott dem Menschen den Atem in die Nase geblasen und ihn so zu einem lebendigen Wesen gemacht hat. (vgl. Gen 2:7)
Was Jesus da im Evangelium an seinen Jüngern tut, kommt einer Neuschöpfung gleich! Und das geschieht auch mit uns in der hl. Messe. Dort haucht Jesus uns an, wenn er sein Wort zu uns spricht im Evangelium und wenn er in der Eucharistie im Brot des Lebens sich uns zu essen gibt. Bei beidem teilt er uns auf ganz persönliche Weise seinen Geist mit, damit der sich in uns entfalte und uns nach Jesu Vorbild zu neuen Menschen gestalte, indem sie bereit sind, den alten Menschen mit seinen Gewohnheiten abzulegen.

Diese Gewohnheiten des alten Menschen hilft uns der hl. Geist, wahrzunehmen. Es ist jenes Verhalten, das uns immer wieder belastet in unseren Beziehungen zueinander und zu Gott. Wir haben uns an diesen alten Menschen bereits gewöhnt, haben uns mit ihm abgefunden. Da hat der hl. Geist was dagegen und löst, was in sich erstarrt ist, denn er lässt uns erkennen, dass unser Lebensraum die Freiheit der Kinder Gottes ist und dass wir in seiner Kraft diesen Lebensraum erobern können.

In der Lesung hören wir von dieser Kraft des Hl. Geistes: Die Jünger legen ihre Angst vor den Menschen ab, öffnen die verschlossenen Türen und reden zu den Menschen von dem, was Gott mit ihnen getan hat. Ihre Rede ist so, dass sie von allen verstanden wird und das Herz der Zuhörer erreicht, berührt und bewegt.
Nachdem der Geist Gottes von den Jüngern genommen hat, was sie von Gott getrennt hat, war es unausweichlich, ihnen auch das zu nehmen, was sie von den Menschen getrennt hat.Der Hl. Geist ist die verbindende und einende Kraft zwischen Gott und den Menschen und zwischen den Menschen.

Der Hl. Geist ist nicht eine Kraft, die uns in Begeisterungsstürmen den Boden unter den Füßen verlieren lässt sondern eine Kraft, die uns die Türen zu Gott und den Menschen aufstößt und uns hineinführt zu Gott und zu den Menschen. Ein sicheres Zeichen dafür ist es, dass er uns die Angst nimmt vor Gott und vor den Menschen und uns Begeisterung, Phantasie und Hingabe schenkt, Gott Freude zu bereiten und den Menschen Gutes zu tun.

So entdecken wir zu guter Letzt, dass der Hl. Geist auch die Türe in unser Inneres aufgestoßen hat, um dort zu wohnen. Er macht uns zu seinem Tempel. Das Wissen darum öffnet die Augen dafür, wie reich, wie kostbar, wie würdevoll wir sind – und zwar jeder von uns in einmaliger Einmaligkeit.

Wir – eine Wohnung des Hl. Geistes! Das lässt jenes Lied anklingen, in der Kehrvers heißt: „Atme in uns, Heiliger Geist, brenne in uns, Heiliger Geist, wirke in uns, Heiliger Geist, Atem Gottes, komm!“

Mittwoch, Mai 13, 2015

Gegangen und doch geblieben




+ Aus dem hl. Evangelium nach Markus 16: 15 – 20

15Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!
16Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.
17Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden;
18wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.
19Nachdem Jesus, der Herr, dies zu ihnen gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.
20Sie aber zogen aus und predigten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung durch die Zeichen, die er geschehen ließ.




Gegangen und doch geblieben ist Jesus im heutigen Evangelium.
Eine letzte Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen – ein abschließendes Gespräch, das den Jüngern die Zukunft eröffnet durch Auftrag und Verheißung.
Dann die Trennung der Wege: Jesus wird in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes; die Jünger hingegen zogen aus und predigten überall.

Die Aufnahme Jesu in den Himmel bedeutet die Beendigung einer bestimmten Beziehung zu Jesus – um eine neue Beziehung mit ihm zu beginnen.
Beendet wird die Beziehung zu Jesus von Mensch zu Mensch. Begonnen wird die Beziehung zu Jesus von Mensch zu dem, in das er sich hineingegeben hat:
in das Evangelium, das von ihm berichtet;
in den Auftrag zu seiner Verkündigung, den er persönlich ihnen gegeben hat;
beistehend in den Zeichen, die er geschehen ließ zur Bekräftigung ihrer Predigt.
Wohl wurde Jesus in den Himmel aufgenommen – und ist dennoch gegenwärtig geblieben in den Spuren, die er hinterlässt.

Der Sendung durch Jesus konnten sie erst nachkommen, nachdem er die ortsgebundene Verbundenheit zu ihnen durch die Aufnahme in den Himmel gelöst hatte. Das heutige Fest kommt einer gegenseitigen Freigabe gleich: Die Jünger lassen Jesus in den Himmel gehen; Jesus lässt die Jünger in alle Welt gehen. Dennoch gehen sie nicht „unbelastet“ voneinander: Jesus nimmt in den Himmel mit, was er mit seinen Jüngern erlebt hat; sie nehmen mit, was sie mit ihm erlebt haben – was im Evangelium enthalten ist. So nimmt Jesus sie in den Himmel mit und sie nehmen ihn in alle Welt mit.

Beides geschieht zu ihrem Heil: Was Jesus von ihnen mitnimmt, nimmt er mit zu Gott; und wo wären sie besser aufgehoben! Er nimmt aber nicht nur ihre Vergangenheit mit zu Gott sondern auch ihre Zukunft; und das ist großartig, denn da sind auch wir drinnen. Denn wir gehören zu denen, die ihr Evangelium hören, das sie allen Geschöpfen verkündet haben. Und wenn wir es nicht nur hören, um es wieder zu vergessen, sondern auch auf es hören, dass wir also auch danach leben – umso besser für uns.
Und wenn wir schließlich gar noch unsere Berufung entdecken, nicht nur auf das Evangelium zu hören sondern es auch noch zu verkünden – dann bedeutet das gleichsam einen doppelten Segen, weil doppelt deponiert bei Gott.

Es geschieht auch zu ihrem Heil, wenn sie ihn in alle Welt mitnehmen um ihn aller Welt in der Verkündigung zu schenken: denen, die hören und denen die nicht hören; denen, die glauben und denen, die nicht glauben; den Bösen und den Guten; den Kleinen und den Großen. Niemanden nimmt der Herr heute von dem Auftrag aus, den er seinen Jüngern gibt, wenn er sie zu allen Geschöpfen schickt, sein Evangelium zu verkünden. Ja, er schließt dabei sogar die ganze außermenschliche Schöpfung mit ein.
Darum ist es den Jüngern zum Guten, wenn sie den Auftrag des Herrn erfüllen und es ist den Jüngern einen Freude von ihrem Freund Jesus zu erzählen und die Menschen mit den Worten des Evangeliums zu beschenken, zu bereichern, zu beglücken.

Die Aufnahme Jesu in den Himmel fordert die Jünger, flexibel zu sein und sich einzustellen auf die neue Kommunikationsebene mit Jesus. Darauf wurden sie aber vorbereitet in den 40 Tagen seit Jesu Auferstehung.

Das ist auch ein Thema für jeden von uns: Dass wir uns bewusst sind oder es uns machen, dass Jesus uns auf verschiedenen Wegen begegnen möchte und dass wir uns hüten, ihn auf bestimmte Wege zu fixieren. Als Kinder hat Jesus uns anders angesprochen als er es jetzt tut. Zu Jugendlichen hat er einen anderen Draht als zu Senioren.

Aufnahme Jesu in den Himmel kann für mich die Frage bedeuten: Jesus, wie möchtest du mir fortan begegnen? Wo kann ich dich finden, nachdem du in den Himmel aufgenommen wurdest, weg von der bisher vertrauten Nähe zu mir? Wo und wie willst du mir jetzt nahe sein?
Dieses Fragen will mich zu einem neuen Himmel in der Beziehung zu ihm führen. So wird seine Himmelfahrt auch für mich eine – womöglich erst nach einer Nacht- oder Höllenfahrt, in der ich mich schmerzhaft vom bisherigen Himmel mit Jesus getrennt und für einen neuen Himmel mit ihm freigemacht habe.

Die Himmelfahrt Jesu macht es möglich, den Himmel mit Jesus hier auf Erden auf so viele Weisen zu erleben, wie der Herr Möglichkeiten zulässt, ihm zu begegnen. Setzen wir ihm dabei keine Grenzen, kann Jesus uns den Himmel bereiten, der für uns der beste ist. Amen!

Hingabe in der Mutterliebe

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+ Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 15: 9 – 17

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
9Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!
10Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
11Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.
12Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
13Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
14Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.
15Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.
16Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.
17Dies trage ich euch auf: Liebt einander!



Wenn Jesus heute von der Liebe spricht, dann nicht von etwas außer ihm sondern von etwas, das ihn erfüllt bis in die Haarspitzen.
Es ist eine fließende Kraft, die ihren Ursprung hat in Gott. In der (2.) Lesung hörten wir die gewaltige Definition: Gott ist die Liebe! Was da in Gott entspringt, strömt durch Jesus, füllt ihn ganz aus und fließt auf seine Jünger über.
Diese Liebe ist nicht nur eine Flut von Emotionen und Gefühlen.
Sie ergießt sich in ein Verhalten, das geformt ist von den Geboten, die von Gott und von Jesus kommen. Die Gebote sind der Raum, in dem die Liebe sichtbar wird, wenn sie als echte Liebe da ist.
Ja, die Gebote sind selber Ausdruck der Liebe Gottes zu uns; weil er uns liebt, gibt er uns Gebote – als Weg positiver und fruchtbarer Lebensentfaltung hier auf Erden.

Eine besondere Weise solcher Lebensentfaltung bedenken und feiern wir heute am Muttertag: Die Mutterliebe – in ihrer zweifachen Gestalt:
-       In der Liebe, die die Mutter uns schenkt
-       In der Liebe, die wir unserer Mutter schenken.
Dabei ruft auch hier die Liebe der Mutter unsere Liebe zur Mutter hervor; wie das ja auch zwischen Gott und uns der Fall ist: Gott hat uns zuerst geliebt – unsere Liebe ist eine Antwort.

Die wahre, echte Liebe kann nicht anders als dass sie immer wieder Gestalt gewinnt – wie heute in der Mutter und in uns, wenn wir ihr Zeichen liebender Dankbarkeit schenken. Das sagt uns: nur in der Vermenschlichung wird Liebe für uns erfahrbar. Liebe kann nur berühren in menschlicher Verdichtung; anders kann sie nicht weiterleben. Deswegen ist Gott ja auch Mensch geworden in Jesus, damit wir erfahren können, wie sehr ER uns liebt. Wir können Jesus bezeichnen als die Mensch gewordene Liebe Gottes zu uns.
Genauso will auch unser Lieben sinnlich erfahrbar werden und bleiben. Liebe, die in der Emotion, im Gefühl stecken bleibt und dort erschöpft, ist eine leere, unfruchtbare Liebe – eigentlich eine Nichtliebe.
Wahre Liebe ist sie erst dann, wenn sie die Reifeprüfung in der Tat besteht. Die Liebe bewegt zur Hingabe und vollendet sich darin. Hingabe ist Tat gewordene Liebe.
„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15:13) Wie sehr trifft dies auf die Liebe einer Mutter zu. Welche Wertschätzung bringt Jesus dieser Liebe entgegen! Er schätzt sie so sehr, dass er sie selber bis zum Äußersten praktiziert.

Jesus möchte, dass auch wir diese Liebe in der Hingabe an unsere Mitmenschen üben. Das verbindet uns in besonderer Weise mit Jesus – es macht uns zu seinen Freundinnen und Freunden. Wenn  wir diese Liebe in der Hingabe leben, wird Jesus in uns lebendig.
Und wenn wir gerne an Jesus denken wie an unseren besten Freund, wird diese Liebe in uns erwachen. Diese Liebe lässt erkennen, dass wir zu Jesus gehören – dass er bei uns zu Hause ist und wir bei ihm.

Diese Liebe brauchen wir nicht aus uns machen – da wären wir wohl bald am Ende! Diese Liebe ist ein Geschenk – Markenzeichen echter Liebe! Sie ist wie Wasser aus einer Quelle. Wenn wir von ihr trinken, werden wir zu Wasser für unsere Mitmenschen.
Gott ist die Quelle, aus der das Liebeswasser fließt. Jesus hat uns diese göttliche Quelle erschlossen. Wenn wir bei ihm sind, wenn wir seine Worte hören, wenn wir ihn aufnehmen im Brot des Lebens, wenn wir auch nur an seine Gegenwart denken und uns davon im Herzen berühren lassen – dann trinken wir von diesem Wasser. Und die Frische dieses Wasser macht uns wach für Jesu Auftrag, einander zu lieben. Und wir werden sehen, wann, wo und wie diese Liebe unseren Mitmenschen gegenüber erforderlich ist. Amen!

Sonntag, Mai 03, 2015

Florian und der Weinstock




+ Aus dem hl. Evangelium nach Johannes 15:1 – 8

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
1Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer.
2Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.
3Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe.
4Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.
6Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
7Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.
8Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.




Im Bild vom Weinstock und den Rebzweigen zeichnet Jesus in einem anschauliches Bild, wie er die Beziehung zu seinen Jüngern haben möchte.

Zwei markante Begriffe fallen auf: Bleiben und Frucht bringen.

Im Bleiben kommt eine starke Intensität in der Beziehung zum Ausdruck, die von der Weise des Bleibens herkommt: es ist ein Bleiben ineinander: Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch! Da taucht der Gedanke auf, füreinander Wohnraum zu sein.
Dazu kommt dann noch das Verweilen, das Ausharren, das Aushalten ineinander.

Beachtenswert ist, dass Jesus das Bleiben in ihm als Voraussetzung seines Bleibens in den Jüngern sieht. Jesus bietet die Gemeinschaft mit ihm als Möglichkeit an, zu der er einlädt. Wie sehr er an der Gemeinschaft mit den Jüngern interessiert ist, können sie an dem ablesen, was sie bisher von Jesus gehört und erlebt haben. Die Evangelien berichten von der liebenden Gemeinschaftswilligkeit Jesu. So intensiv die auch ist – sie bleibt dennoch Einladung!

Erst indem wir diese Einladung annehmen und in ihm bleiben, öffnen wir uns für ihn, so dass auch er in uns bleiben kann.

In ihm bleiben bedeutet, dass wir uns in dem Raum entfalten, den Jesus uns anbietet. Was ist das für ein Raum? Wo ist er? Wie schaut er aus?

Es ist der Raum seiner Gegenwart, den er seinen Jüngern eröffnet, wenn er zu ihnen sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“ (Mt 28:20b)

So ist Jesus da durch seine Worte. Darum sagt er heute im Evangelium: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben!“ (Joh 15:7) Die Worte Jesu sind die des Evangeliums; wenn wir diese Worte lesen, hören, meditieren treten wir ein in den Wortraum Jesu und begegnen dort ihm.

Er ist da in Brot und Wein, von denen Jesus sagt: Das ist mein Leib; das ist mein Blut. Und wir betreten diesen Brot und Wein Raum, wenn wir untertags in der Kirche vorbeischauen, dort in der Bank verweilen und über die Hostie im Tabernakel mit Jesus ins Gespräch kommen über unser Leben.

Er ist da in der Feier der hl. Messe, des Wortgottesdienstes, der Vesper oder sonst eines gemeinsamen Gebetes inner- oder außerhalb eines Kirchenraumes – etwa auf einer Wallfahrt. Denn er hat seinen Jüngern versprochen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18:20)

Des weiteren hat Jesus auch im Nächsten einen Daseinsraum eröffnet, in dem er seinen Jüngern sagt: Was ihr einem Nächsten getan habt, das habt ihr mir getan! (vgl. Mt 25:45)

Und schließlich sagt Jesus: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ (Joh 14:23) Damit eröffnet Jesus auch unser Inneres als Daseinsraum für sich und wir können auch dort in ihm sein und in ihm bleiben.

Welch faszinierender Gedanke: Wenn ich in mich gehe, treffe ich den Herrn und kann in ihm bleiben. Die hl. Teresa von Avila hat diesen Gedanken so entfaltet, dass sie sagt, unsere Seele ist wie eine Burg aus leuchtendem, glasklarem Kristall und mit vielen Wohnungen. In der innersten wohnt der Herr. Im inneren Beten betreten wir diese Seelenburg und begegnen wir dem Herrn.

Wir sehen, die Daseinsräume Jesu sind zahlreich; seine Einladung steht. Wie reagieren wir? Wo stehen wir? Wo bleiben wir? Wie groß ist unsere Faszination für, unser Interesse an und unsere Liebe zu Jesus?

Indem wir Jesu Einladung annehmen und uns in ihm entfalten, hat auch er die Möglichkeit, in uns zu bleiben und sich in uns zu entfalten. Es ist wie das Ineinanderfließen zweier Flüsse.

Und was schließlich in unserem Leben wird aus dieser Gemeinschaft mit Jesus – das nennt Jesus Frucht bringen. Die Früchte, die Jesus erwartet, sind die aus dem Teamwork mit ihm. Es sind die Früchte eines christlichen Lebens, wie sie uns zum Beispiel in der Lesung begegnen in der Art, wie sich Barnabas um Paulus kümmert und ihn in die misstrauische Gemeinde in Jerusalem einführt und dann freilich auch, wie Paulus das Evangelium verkündet. Zusammengefasst wird dieses Frucht bringen zu Ende der Lesung: „Die Kirche in ganz Judäa, Galiläa und Samarien hatte nun Frieden; sie wurde gefestigt und lebte in der Furcht vor dem Herrn. Und sie wuchs durch die Hilfe des Heiligen Geistes.“ (Apg 9:31) Wir hören hier zudem, dass unser Frucht bringen getragen wird vom Heiligen Geist.

Weil wir heute Florianimesse feiern ein abschließendes Bild: Ein Christ, der nicht mit Jesus verbunden lebt ist wie ein Feuerwehrmann beim Löschen, der seinen Schlauch nicht an die Wasserquelle angeschlossen hat.

Gott sei Dank ist unsere Feuerwehr gut ausgerüstet und einsatzbereit, wofür ihr unsere tiefe, andauernde Dankbarkeit gebührt – die sich besonders in fürbittendem Gebet ausdrückt.

Möge uns die christliche Umsetzung ihres Vorbildes immer gründlicher gelingen; dann können wir das Feuer der Not mit den Früchten unseres christlichen Lebens löschen. Dazu verhelfe uns der Herr auf die Fürsprache des hl. Florian. Amen!

Josef - Arbeiter und Nährvater




+ Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus 13:54 – 58

In jener Zeit
54kam Jesus in seine Heimatstadt und lehrte die Menschen dort in der Synagoge. Da staunten alle und sagten: Woher hat er diese Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun?
55Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder?
56Leben nicht alle seine Schwestern unter uns? Woher also hat er das alles?
57Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat und in seiner Familie.
58Und wegen ihres Unglaubens tat er dort nur wenige Wunder.



Wir feiern heute den hl. Josef – nicht als Nährvater sondern als Arbeiter. Der Unterschied zwischen diesen beiden Berufen ist, dass der Nährvater nicht ohne Arbeiter sein kann – wohl aber der Arbeiter ohne Nährvater.
Der Arbeiter „nährt“ nämlich den Nährvater; der lebt also vom Arbeiter – sonst hätte der Nährvater nichts, mit dem er ernähren könnte – sich und andere.

Darum ist der Josef, der Arbeiter eine wichtige Ergänzung zum Josef, dem Nährvater. Die Leute sollen nämlich wissen, wie Josef seine Familie durch Arbeit ernährt hat. So hat er ein Heiliges in der Arbeit erkannt in der Sorge für andere. Er hat dadurch nicht nur sich selbst sondern auch Maria und deren Kind Jesus gefördert.

Davon erfahren wir heut im Evangelium nur nebenbei – indem Jesus als der Sohn des Zimmermanns bezeichnet wird.
Josef hat also das Zimmermann gearbeitet; darum sehen wir ihn außer mit seinem Sohn mit einem Beil, einem Winkeleisen oder einer Säge abgebildet.
Arbeit mit Holz erfordert Genauigkeit und Ausdauer im Arbeiten an einer Vorgabe: soll’s ein Haus sein, oder ein Werkzeug, ein Gefäß oder sonst was aus Holz.

Nach den Vorgaben, die Gott ihm in Träumen zum Zimmern gegeben hat und wie er diese Vorgaben ausgeführt hat, muss Josef wohl ein exzellenter Zimmermann und damit auch ein verlässlicher Nährvater gewesen sein.
Er war auch für Expressaufträge zu haben: Denn wir lesen: „Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.“ (Mt 2:14)

Wenn wir Josef, den Arbeiter, zu Beginn des Marienmonats Mai feiern, dann deshalb, weil seine Vorgabe für diesen Monat die ist, dass er seiner Frau Maria eine Wonnemonat bereitet, an dem sie ihre reine Freude hat. Wir dürfen dabei seine Mitarbeiter, seine Gesellen, seine Handlanger sein. Das sind wir, indem wir erneut bewusst unsere Dankbarkeit für und unsere Freude an einer solchen Mutter ausdrücken in Liedern, Gebeten und Bitten. Und genau das wollen wir bei der heutigen Wallfahrt tun. Aber welch größere Freude können wir ihr machen, als wenn wir ihrem Sohn gut sind und für die Kirche im Kleinen und Großen beten: Für unsere verfolgten Geschwister überall in der Welt, für die geplagten Menschen in Nepal, für Papst Franziskus, unseren Bischof Manfred und alle Hirten unserer Kirche, für euch Karmelitinnen und das Generalkapitel unseres Ordens, das morgen beginnt, für alle unseren persönlichen Anliegen.

So erweisen wir uns als Kinder einer solchen Mutter wie Maria und eines solchen Vaters wie Josef. Bei beiden haben wir gelernt, das Handwerkzeug unseres christlichen Lebens möglichst einzusetzen im Loben, Danken und Bitten, im Vertrauen, in entschlossener Hingabe mit Leib und Seele.

Dann wird, was Rilke so unnachahmlich geschrieben hat:
Es gibt im Grunde nur Gebete,
so sind die Hände uns geweiht,
dass sie nichts schufen, was nicht flehte;
ob einer malte oder mähte,
schon aus dem Ringen der Geräte
entfaltete sich Frömmigkeit.“

Und Beten und Tun werden ineins – das eine erfließt aus dem anderen, das eine  wird im anderen – zur größeren Ehre Gottes! Amen!