Sonntag, Juli 26, 2015

Antonia und die Vergesslichkeit Gottes

 
Lesung aus Jesaja 49:14 – 16a

14 Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen.
15 Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht.
16 Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände.


Wie ich gehört hatte, dass unsere liebe Antonia – übrigens meine letzte Tante – gestorben sei, ist mir eingefallen, wie sie immer wieder einmal auch mir gegenüber geklagt hat, Gott habe auf sie vergessen; deshalb sei sie schon 95 und immer noch am Leben.
Was mag sie wohl zu dieser Klage bewegt haben? Wohl die Sehnsucht nach dem Himmel und nach der Gemeinschaft mit Gott und seinen Heiligen verbunden mit dem Überdruss an den Mühen ihres hohen Alters. Diese Antwort  wird sie im Angesicht Gottes nun bereits gegeben haben.

Uns bleibt die spannende Suche nach der Vergesslichkeit Gottes in ihrem langen Leben. Die beiden Lesungen aus dem Ersten Testament und aus dem Evangelium erzählen uns, dass sie nicht allein auf Gott gewartet hat. Auch bei den 10 Jungfrauen ist der Bräutigam lange nicht gekommen.
Und auch vorher beim Propheten Jesaja hören wir Zion klagen, Gott habe es vergessen. Zion ist hier ein Sammelbegriff für das Volk Israel, das stöhnt unter seinen Feinden.

Am Ende dieser hl. Messe werden wir vor der Verabschiedung einen Überblick über ihr langes Leben machen. Der wird uns zeigen, wie „vergesslich“ Gott in ihrem Leben war.

Eine gute Gesundheit, die Wohltaten der christlichen Religion. Eine für unsere Begriffe eher strenge Kindheit und Jugend. Eine Landwirtschaft, die ihr täglich mehr als genug zum Kochen und Essen beschert hat. Josef, ihr Gatte; sieben prächtige Kinder, 24 Enkel und 22  Urenkel.  Und zuletzt noch eine verlässliche Pflegerin, die sie mit den nächsten Angehörigen aufmerksam und herzlich begleitet haben.

Was sollen wir da sagen? Wir können nur ausrufen: O selige Vergesslichkeit Gottes, die so viel Segen beschert hat.  Möge doch der Herr auch unser vergessen, wie er auf sie vergessen hat.  Dann wird auch unser Leben überreich gesegnet sein!

Wir können zudem noch sehen, dass sie diesen vergesslichen Gott nicht nur selber als überreichen Lebensquell erlebt hat sondern dass sie ihn auch als solchen anderen vermittelt hat – ihrer Familie durch das Zeugnis einer christlichen Mutter, vielen Gästen durch ihre Gastfreundlichkeit – zu denen zählte auch ich in meiner Kindheit und meine Mutter in ihrer Pension. Überhaupt dadurch, dass sie beigetragen hat zu einer Atmosphäre des Willkommenseins allen gegenüber, die zu Besuch gekommen sind. Wie gut und einprägsam sie dieses Zeugnis abgelegt hat, zeigt, dass auch die nächste Generation auf dem Triedlerhof diese Tradition fortführt.
Schließlich begegnet ihr vergesslicher Gott, wenn sie ältere Menschen in der Gemeinde besuchte und in Unterhaltung und Kartenspiel Lebensfreude und Lebensleid mit ihnen teilte.

Was ist uns aus dem Leben unserer lieben Verstorbenen gleichsam als kostbares Erbe mitgegeben? Dass Gott uns seine Vergesslichkeit darin erweist, dass er uns vielfältig segnet und nicht müde wird, aus seinen guten Händen unser Leben zu erhalten und es zu vollenden in der Gemeinschaft mit ihm im Himmel, wie er es bei unserer lieben Verstorbenen getan hat.

Die Vergesslichkeit Gottes im Leben unserer lieben Toni weckt in uns die Erinnerung, dass Gott uns mit den Worten der Lesung gewiss  nicht vergisst, dass er uns vielmehr unvergesslich in seine Hand geschrieben hat. Amen!

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