Sonntag, Juli 05, 2015

Der andere Jesus




+ Aus dem hl. Evangelium nach Markus 6:1b – 6

1bJesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn.
2Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!
3Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.
4Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.
5Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
6Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte.



„Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.“ (Lk 6:4)

Warum hat es ein Prophet schwer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie?
Weil er durch heimatliche, verwandtschaftliche und familiäre Beziehung nicht zu fassen ist!
Weil er ein Prophet ist! Und weil Propheten von einem Woher  bestimmt sind, das mit rein menschlicher Bezogenheit nicht zu erklären und nicht in den Griff zu bekommen ist.
Woher hat er das alles? Zur Beantwortung dieser Frage genügt es nicht, Jesus als Dorfbewohner und als Mitglied einer Familie zu kennen.
Was Jesus tut, was er sagt und wie er es sagt, kommt von einem Woher, das in rein menschliche Kategorien nicht einzuordnen ist. Dieses Woher ist etwas Fremdes, das Jesus entfremdet, zu einem Fremden macht. Und Fremdes wird zuerst einmal spontan abgelehnt. Und das widerfährt auch Jesus: Das, was die Leute an ihm nicht mehr begreifen können, entfremdet ihn seinen Angehörigen, dass sie ihn nicht mehr als ihnen zugehörig annehmen können. Er gehört einem unfassbaren, unbegreiflichen Fremden an, das in seiner Fremdheit Bedrohliches an sich hat. 

Damit verbunden ist, dass da in Jesus ein Mann, der dreißig Jahre als normales Mitglied in Familie und Dorf gelebt und sich auch beruflich als Zimmermann etabliert hat, sich ausklinkt – oder sagen wir besser: ausgeklinkt wird von einem unbekannten Woher. Und jetzt Dinge tut und redet in einer Weise, die menschliches Begreifen übersteigt. Jesus fordert seine Angehörigen heraus, sich ihm gegenüber neu zu positionieren. Er hat das schon getan, indem er von jenem Woher lebt, das den Seinen Unbegreiflich ist, das er aber als Gott, seinen Vater im Himmel erfahren durfte. Und das gesamte Evangelium gibt Antwort, woher er das alles hat: Sein gesamtes Denken, Reden und Tun wird vom göttlichen Woher seines Vater im Himmel geprägt und bestimmt. Es ist dieses göttliche Woher, das einen Menschen unwiderstehlich zum Propheten macht. Erinnern wir uns, wie Jesus nach der Taufe am Jordan vom Geist Gottes in die Wüste hinausgeworfen wurde und dort 40 Tage und 40 Nächte mit diesem göttlichen Aufbruch in seinem Leben gerungen hat. Und dann hat er diesen Aufbruch buchstabiert im Evangelium, das er in Wort und Tat verkündet hat sowie in seinem Tod, seiner Auferstehung und der Sendung des Hl. Geistes und der Verheißung bei seinen Jüngern zu bleiben bis ans Ende der Zeit.

Uns stellt das heutige Evangelium vor die Frage nach unserer Vertrautheit mit Jesus oder nach seiner Fremdheit. Es führt uns vor Augen, wie die Beziehung zu Jesus gewachsen ist, wie wir uns an Jesus gewöhnt haben – auch wie Jesus uns zur Gewohnheit geworden ist inklusive jener Haltung, die sich bei seinem Namen oberflächlich nichts mehr denkt und kaum oder nichts mehr empfindet, wenn sie Jesus am Kreuz sieht oder in der hl. Messe seinen Tod und seine Auferstehung feiert.
Jene Haltung also, die ans Jesus nichts Besonderes, nichts Befremdliches, nichts Außerordentliches mehr sieht. Er ist normal wie vieles andere in unserem Leben auch.

Jene Haltung aber auch, die dann verstört und ratlos fragt, wie es denn zu Jesus passt, wenn in unserem Leben etwas geschieht, was uns aus der Bahn wirft und uns fragen lässt, wie der Herr das nur zulassen kann.

Spätestens dann ist es Zeit, aufzubrechen und diesem Jesus gegenüber neu Position zu beziehen, die dem anderen, fremden Jesus möglichst gerecht wird und es ihm erlaubt, in meinem Leben sich von neuem zu behaupten. So dass er Haupt unseres Lebens ist und wir alle als einzelne Glieder seinen Leib bilden.
Diese Neupositionierung vollzieht sich in entschlossener Nachfolge Jesu, in entschiedenem Sich Einlassen auf das göttlich Andere in Jesus, in leidensbereiter Annahme des Kreuzes, das so unbegreiflich in unserem Leben da ist.

Mögen wir dem Herrn Jesus nicht Heimatstadt sein, in der er nur schubladisiert – und das heißt eigentlich gar nicht – existieren kann. Versuchen wir ihm vielmehr Wohnstatt zu sein, in der er mit seiner gottmenschlichen Fülle da sein kann, die wir zwar nicht fassen wohl aber gläubig anbeten und davon leben können in Fülle. 

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